Foto von aufgeschlagenen Büchern

Weihnachtspredigt

Pfarrer Rainer Kaspers (ev)

24.12.2010 in Duisburg-Ungelsheim

Christvesper

Vorbemerkung:

Während des Gottesdienstes trage ich eine von meiner Tochter selbstgebastelte Uhr. Sie zeigt viertel nach fünf an. Vor der Predigt gehe ich durch die Reihen und zeige stolz meine neue Uhr. Ich spreche ein Kind an und lasse mir die Uhrzeit sagen.
Die Grundidee zu dieser Predigt habe ich einem Vorlesebuch für den Religionsunterricht an Grundschulen entnommen. Die Geschichte wurde jedoch von mir verändert, der Ausgang der Geschichte wurde abgewandelt.


Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!

Geht es Ihnen auch so? Die Adventszeit bietet besinnliche Momente. Sie darf auf keinen Fall in meinem Jahresablauf fehlen.
Und doch geht es gerade in diesen Wochen zwischen Ruhe und Besinnlichkeit auf der einen und Hektik und Stress auf der anderen Seite hin und her. Es ist wie das Pendel einer großen Standuhr.
Selbst diejenigen, die nach einem langen Arbeitsleben nun endlich im „Ruhestand“ sind, scheinen davon betroffen zu sein. Diesen Eindruck könnte man zumindest bekommen, wenn man kurz vor den Weihnachtstagen an der Kasse eines Discounters steht.
Uns allen scheint die Zeit wegzulaufen. Wir schwimmen im Strom der Vergänglichkeit und versuchen, schöne Momente so lange wie möglich festzuhalten.

Aber wenn ich dann Heilig Abend in der Kirche bin, dann steht die Zeit für einen Moment still.
Zugegeben:
als Kind war das auch für mich anderes. Da galt: erst in die Kirche und dann die Bescherung. Wer auf Geschenke wartet, für den kann die Zeit nicht schnell genug umgehen.
Aber heute ist es anders. Betrete ich diese Kirche, steht die Welt für einen Moment still. Ebenso, wie auf meiner Uhr, die ich mit Stolz trage.

Ich habe Euch, ich habe Ihnen dazu eine kurze Geschichte mitgebracht:

Es ist Weihnachten bei der Familie Andrees. Gestern war der Heilige Abend. Nach dem Familiengottesdienst hatte Vater die Kerzen am festlich geschmückten Baum im Wohnzimmer entzündet und Mutter hatte Weihnachtsmusik aufgelegt. Die Glocke ertönte und Martin durfte das Jesuskind in die Krippe legen. Dann durften Martin und seine ältere Schwester Viola die Geschenke auspacken.
Martin ist fünf. Sein schönstes Weihnachtsgeschenk ist eine kleine Armbanduhr, die Viola für ihn gemacht hat. Sie besteht aus einer bezifferten Pappscheibe mit aufgemalten Zeigern und aus einem weißen Stoffband. Eigentlich war sie nur als Zugabe gedacht, aber Martin liebt sie über alles. Die sonstigen Geschenke bedeuten ihm so gut wie nichts daneben. Jedem, der zu Besuch kommt, hält er voller Stolz sein Handgelenk mit der Uhr entgegen. Und jeder bewundert sie nach Gebühr.

Am 2. Feiertag kommt Tante Eva mit Cousine Frieda zu Besuch.
„Hm“, sagt Frieda durch die Nase, wie Martin ihr seine Pappuhr zeigt. Dann zieht sie den Ärmel ihrer linken Hand hoch und zeigt neue goldene Uhr mit braunem Lederband. Sie wendet ihren Kopf hin und her:
,,Wie viel Uhr ist es denn bei dir?“
Sie kann den Mund kaum öffnen vor Verachtung. Die Zeiger von Martins Uhr stehen, wie seit drei Tagen, auf 15 Minuten nach fünf.
,,Hm. Bei Leuten mit einer richtigen Uhr ist es jetzt halb sechs.“
Martin sieht sich nach seinem Vater um, der mit Tante Eva am Gabentisch der Kinder steht.
,,Stell doch deine Uhr mal richtig!“, höhnt Frieda.
,,Los stell sie doch mal richtig! Du kannst doch nicht mit einer falsch gehenden Uhr herumlaufen.“
,,Nee, zum Stellen ist meine Uhr nicht...“, sagt Martin leise und sieht sich wieder nach seinem Vater um.
,,Hm, schöne Uhr! Geht ja gar nicht!"
,,Das ist eine ganz schöne Uhr. Hat Viola selbst gemacht."
,,Schöne Uhr... ! Geht ja gar nicht!“

Endlich dreht sich Martins Vater um.
,,Kleinen Moment, Eva, aber ich muss hier was zu retten versuchen.
Weißt du, Martin, es gibt zwei Arten von Uhren. Die einen sind die wunderbaren und die anderen die schrecklichen. Deine Uhr gehört glücklicherweise zu den wunderbaren. Auf ihr ist es immer viertel nach fünf. Wenn ich mir wünschen dürfte, wie viel Uhr es immer sein sollte, wüsste ich keine bessere Zeit als viertel nach fünf. Dann ist mein Dienst zu ende. Ich habe frei und kann nach Hause. Im Sommer ist es dann noch hell.
Viertel nach fünf – das ist die Zeit, wenn wir Heilig Abend im Gottesdienst sind. Dann fängt für mich Weihnachten an.
Viertel nach fünf – das ist die beste Zeit des Tages. Der Nachmittag liegt noch vor einem mit viel Zeit zum Spielen. Auch du musst noch nicht an das Zubettgehen denken. Das Leben ist so schön wie niemals sonst am Tag. Es ist die Zeit der Freiheit. Und gerade diese Stunde zeigt deine Uhr an. Was willst du mehr?“
,,Ja, aber Frieda sagt, meine Uhr geht nicht....“
,,Aber Martin, das ist ja gerade das Allerbeste an deiner Uhr. Die Uhren, die gehen, das sind die schrecklichsten Uhren, die es gibt. Weißt du, was ein Tyrann ist?"
,,Irgend so ein Böser....“
,,Ein Tyrann ist ein Mann, der allen anderen Menschen seinen Willen aufzwingt. Sie dürfen nicht mehr tun, was sie wollen, sondern müssen sich immer nach den Wünschen des Tyrannen richten. Siehst du, so ein Tyrann ist eine Uhr, die geht.
,Was', sagt sie, ,du möchtest noch ein bisschen schlafen?
Das gibt es nicht. Aufstehen! Es ist sieben Uhr!
Was, du möchtest gern noch ein bisschen spielen?
Das gibt es nicht. Du musst in die Schule.
Was, du möchtest gern noch ein bisschen Fernsehen?
Das gibt es nicht. Es gibt Abendbrot. Du musst ins Bett.'
Und so reiht sich eins ans andere den ganzen Tag, bis zum Abend.
Mit den Erwachsenen springt die Uhr noch erbarmungsloser um. Jede Arbeit und jedes Vergnügen hat sich genauestens bis auf die Minute, ja manchmal sogar bis auf die Sekunde nach der Uhr zu richten. Seit die Uhr erfunden worden ist, die richtig gehende Uhr, gibt es keine freien Menschen mehr, sondern nur noch Sklaven. Vielleicht verstehst du meine Worte noch nicht. Aber ich bin mir sicher, lange wird es nicht mehr dauern, bist du es verstehen wirst. Hör zu, Martin! Die Uhr hat alle unter ihre Gewalt gezwungen, die Armen wie die Reichen, die Arbeiter wie die Könige, alle, alle. Sie blicken von hohen Häusern, Kirchtürmen und Bahnhofshallen auf uns herunter. Sie stehen an den großen Plätzen der Städte Wache. Sie haben ihren Platz im Wohnzimmer und in der Küche. Selbst im Schlafzimmer sind sie zu finden. Sie haben sich um unsere Handgelenke geschlungen, um uns ständig zu sagen, wie spät es ist und wie wenig Zeit wir noch haben.
Was hätte ich gerne eine Uhr, die immer 15 Minuten nach fünf anzeigt. Sei froh, dass Du nicht eine von diesen schrecklichen Uhren hast. Und sei froh, dass du eine Schwester hast, die dich so lieb hat, das sie dir eine wunderbare Uhr geschenkt hat!“
„Meinst Du?“ – Martin strahlt.
„Ich glaube, ich nehme sie nur zum Baden ab. Oder ist sie auch wasserdicht?“

Und so war und blieb die Uhr, die immer 15 Minuten nach fünf anzeigte, für Martin das schönste Geschenk dieses Weihnachtsfestes.

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!
Ich trage meine Uhr auch mit Stolz! Sie können sich kaum vorstellen, wie sehr ich es mir wünsche, die Uhr öfter zu tragen – eine Uhr, auf der die Zeit stehen bleibt.
Und tatsächlich – viertel nach fünf – das ist die Zeit, an der für mich der Heilige Abend beginnt. Für einen Moment bleibt die Zeit stehen. Sie verliert an Bedeutung. Die Ewigkeit berührt das Zeitliche. Gott wird Mensch in einem Kind im Stall von Bethlehem.
Wer bereits selbst einmal Mutter oder Vater geworden ist, der weiß, dass für die Eltern in den Stunden nach der Geburt wirklich die Zeit stehen bleibt. Da sind nur Liebe und Glück. Für Maria und Josef wird es nicht anders gewesen sein.
Aber ich bin mir sicher, das auch für die Hirten auf den Feldern vor Bethlehem für einen Moment die Zeit stehen blieb. Es waren Männer, die ein schweres Leben gewohnt waren. Tag- und Nachtschichten gehörten zu ihrem Leben dazu.
Die, die wenige Meter von uns entfernt im Schichtbetrieb am Hochofen arbeiten – auch in diesem Augenblick –, wissen, was das bedeutet. Viel verdient haben die Hirten nicht. Ihre Sorge galt ihrer Herde. Gefahren gab es reichlich.
Und dann, mitten in der dunklen Nacht, wird es in ihrem Leben hell. Sie hören die Botschaft, das ein König geboren wurde, der so ganz anders sein soll als die Mächtigen unserer Welt. Das Kindbett dieses Königs ist eine Futterkrippe, sein Palast ein Stall.
Tatsächlich finden sie dieses Kind. Und für einen Moment verblassen alle Sorgen, die Zeit bleibt stehen und sie erahnen etwas von Gottes Gegenwart unter uns Menschen. Sie spüren die Ewigkeit, die in diesem Moment liegt. Dieses Kind wird die Welt für alle Zeiten verändern.
Die Hirten sind nicht die einzigen, die den Weg zum Stall finden. Viele kommen, das neu geborene Gotteskind in unserer Welt zu begrüßen. Unter ihnen auch drei Sternendeuter. Sie alle staunen und ahnen, dass mit diesem Kind eine neue Zeit beginnt.

Liebe Gemeinde!
Das ist für mich das Wunder der Weihnacht. Gottes Ewigkeit berührt unsere zeitlich begrenzte Welt. Er begegnet uns in einem Kind. Und für einen Moment bleibt die Zeit stehen.
Indem wir in diese Kirche gekommen sind, haben auch wir uns zu diesem Kind von Bethlehem aufgemacht. Ich wünsche uns allen, dass wir wie Maria und Josef, wie die Hirten, die Sterndeuter und die Menschen, die vor über 2000 Jahren zum Stall gekommen sind, etwas von dem Wunder begreifen, das dort geschehen ist. Ich wünsche uns, dass wir das Staunen nicht verlernen. Ich wünsche uns, dass wir uns immer wieder die Zeit nehmen, der Ewigkeit zu begegnen. Halten Sie mindestens einmal in der Woche die Zeit an und kommen sie – wenn sie wollen – einmal in diese Kirche. Jeden Sonntag halten wir für sie die Zeit an und nehmen uns Raum, Gott zu begegnen.
Natürlich können Sie auch außerhalb dieser Mauern Gott begegnen. Aber auch dafür muss man nicht selten die Zeit anhalten und sich Zeit nehmen – für die eigenen Kinder, die Familie, für Freunde und Nachbarn, für Menschen in Not, für die Wunder der Natur. Versuchen Sie es.
Sollte es auf Anhieb nicht klappen, dann lassen Sie sich doch so eine wunderbare Uhr basteln. Sie wird Sie an das Geschenk erinnern, das Gott uns Menschen in dieser Nacht gemacht hat.
Amen.

Vier Wochen nach Weihnachten erreichte mich eine Karte von Gemeindemitgliedern, die Urlaub auf Fuerteventura machten: „... Hier ist den ganzen Tag viertel nach fünf ...“