Foto von aufgeschlagenen Büchern

Abschiedspredigt über 1. Mose 2,7-9.13-18

Pfarrer i. R. Peter Fritz

31.08.2008 in Betzingen

Was ist der Mensch ?

So lautet eine der Urfragen aller Menschen. Darum ist es auch kein Wunder, dass gleich im zweiten Kapitel unserer Bibel Antworten auf diese Frage gegeben werden, Antworten verpackt in eine 3000 Jahre alte Geschichte. Hören wir also jetzt, was uns in Genesis 2, also in 1.Mose 2, in den Versen 7-9 und 13-18 berichtet wird:

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.Und Gott der Herr pflanzte einen Garten gen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten in den Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen.Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach:Du darfst essen von den Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen;denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben.Und Gott der Herr sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei;Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei.

So weit der Predigttext, den ich Ihnen heute in meiner Abschiedspredigt auslegen möchte. Denn heute ist es höchst wahrscheinlich das letzte Mal, dass ich in einer Kirche auf einer Kanzel stehe, da meine Lebenskräfte zusehends abnehmen.

Was ist der Mensch ?

Die erste Antwort, die wir unserem Predigttext entnehmen wollen, lautet : Der Mensch ist nicht das Produkt eines blinden Zufalls. Er ist vielmehr ein von Gott geschaffenes Wesen. Dies ist aber ein überaus tröstlicher Gedanke für jeden, der wie ich unmittelbar vor der Pforte des Todes steht. Denn wäre unser Leben nun tatsächlich, wie manche meinen, nichts als ein Produkt eines blinden Zufalls, dann wäre unser ganzes Leben letztlich sinnlos.

Doch wer glaubt, dass ihn Gott selber geschaffen hat, der wird auch fähig, sich innerlich für die Hoffnung zu öffnen, dass der Tod für uns zu etwas Ähnlichem werden kann, wie einst unsere Geburt, nämlich der Übergang von einer niederen Wirklichkeit in eine ganz andere höhere Wirklichkeit.

Freilich unser Predigttext gibt uns keinerlei Grund zur Überheblichkeit. Denn klar und deutlich lesen wir dort ja die Worte: Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase.  Unser irdischer Leib besteht also ganz zweifellos aus vergänglicher Materie. Und daran werden wir bei jeder Beerdigung erinnert, wenn der Pfarrer, nachdem der Sarg in die Erde versenkt wurde, die Worte spricht : „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.“ Da ich aber in den 3 Jahren, in denen ich an der Reutlinger Auferstehungskirche Parochialvikar war – und später in den 13 Jahren, als ich der geschäftsführende Pfarrer an dieser Kirche war, wohl über 300 Mal droben auf dem Römerschanzfriedhof diese Worte an offenen Gräbern gesprochen habe, möchte ich selber auch dort  mitten unter meinen ehemaligen Gemeindegliedern begraben werden.

Doch wir kleinen Menschen sind mehr als nur vergängliche Materie. Denn Gott selber hat uns den Lebensodem geschenkt, der uns in der Stunde unseres Todes wieder verlässt.

Was ist der Mensch ?

Die zweite Antwort, die wir unserem Predigttext entnehmen wollen, lautet : Der Mensch ist ein Wesen, dem Gott die Aufgabe gegeben hat, den von ihm geschaffenen Garten zu bebauen und zu bewahren. Und ich denke, diese zweite Antwort ist gerade in unserer Zeit von allerhöchster Aktualität. Denn leider sind wir Menschen ja gegenwärtig dabei, die Erde, die uns Gott anvertraut hat, zu zerstören. Denn wie viel Wasser haben wir Menschen schon vergiftet ? Wie viele Abgase haben wir schon in die Luft geblasen ? Wie viel Rohstoffe haben wir schon oft recht sinnlos vergeudet ? Zu solchem Tun hat uns Gott aber durchaus nicht geschaffen. Er will vielmehr, dass wir sorgsam mit dieser Erde umgehen, dass wir sie als gute Gärtner bebauen und bewahren. Und es ist gut, dass diese Erkenntnis in unserer Kirche in den letzten Jahren immer mehr den Menschen bewusst geworden ist.

Wie ich aber unlängst in einer Radiosendung hörte, hat in den letzten Jahren hier in Deutschland die Zahl der Menschen deutlich zugenommen, die sich wieder ganz liebevoll um ihre Gärten kümmern.

Dabei muss ich zugeben, dass ich in den 72 Jahren meines Lebens nie ein richtiger Gärtner gewesen bin.. Aber ich denke, meine Acker, auf dem ich gearbeitet habe, waren die Gemeinden, die mir anvertraut waren, die Gemeinde in Stuttgart-Stammheim, die Haigstgemeinde in Stuttgart-Degerloch und die Auferstehungsgemeinde hier in Reutlingen.  Denn auch dort ging es für mich um den göttlichen Auftrag, zu bauen und zu bewahren.

Was ist der Mensch ?

Die dritte Antwort, die wir unserem Predigttext entnehmen wollen, lautet : Der Mensch ist ein Wesen, mit dem Gott redet, ein Wesen, dass ihm leider auch ungehorsam sein kann.

Damit ist der Mensch etwas ganz anderes als etwa die von Gott geschaffenen Sterne. Denn diese können Gott nicht ungehorsam sein. Sie müssen vielmehr Ewigkeiten lang auf den Bahnen laufen, die Gott ihnen vorgegeben hat. Anders der Mensch. Mit ihm redet Gott. Und das erste, was Gott in unserem Predigttext dem Menschen sagt, ist keine Forderung, sondern ein großzügiges Angebot, das da lautet : Du darfst essen von den Bäumen im Garten.

Und so ist es ja bis heute geblieben. Zuerst lernen wir Gott immer neu als den kennen, der uns reich beschenkt. Dann freilich geschieht es auch immer wieder, dass Gott durch sein Wort unserem Tun Grenzen setzt, so wie in unserer Geschichte, wo er den Menschen auffordert, nicht von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen. Im dritten Kapitel unserer Bibel können wir dann freilich lesen, dass der Mensch leider immer neu seine Freiheit missbraucht und Gott ungehorsam wird. Und da ist leider keiner, der von sich sagen könnte, aber ich bin hier völlig unschuldig. Eine Folge von diesem Tun ist aber, wie unser Predigttext sagt, dass keinem von uns der Tod erspart wird.

Was ist der Mensch ?

Unsere vierte Antwort lautet : Der Mensch ist ein Wesen, für das es nicht gut ist, allein zu sein. Das bedeutet nicht, dass es für uns nicht immer wieder einmal auch sehr heilsam sein kann, wenn es in unserem Leben Stunden – ja auch Tage gibt, in denen wir die Einsamkeit aufsuchen. So wissen wir ja etwa von Jesus, dass er vor dem Beginn seiner Predigttätigkeit sich für 40 Tage in die Wüste zurückgezogen hat. Aber auf die Dauer ist das Alleinsein nichts Gutes für uns Menschen. Und wenn wir zu den Menschen gehören, denen Gott auf ihrem Lebensweg einen guten Ehepartner an die Seite gegeben hat, dann haben wir einen besonderen Grund, dafür dankbar zu sein. Und noch größer sollte unsere Dankbarkeit sein, wenn uns Gott auch noch Kinder und Enkel geschenkt gestellt hat. Ich auf alle Fälle bin am Ende meines Erdenlebens von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt, weil Gott mir eine liebe Frau an die Seite gab, mit der ich 45 Jahre verheiratet sein durfte – und auch dafür, dass ich mich über 4 Kinder und 5 Enkelkinder freuen durfte. Vielleicht darf ich ja auch noch miterleben, dass im Januar uns ein sechstes Enkelkind geschenkt wird.

In unseren Tagen leben aber hier in Deutschland viele Menschen, die ganz alleine sind. Das sind vor allem alte Menschen, die sehr darauf angewiesen sind, dass sich jemand um sie kümmert. Es gehört jedoch zu den erfreulichen Erscheinungen unserer Tage, dass in nicht wenigen christlichen Gemeinden es Menschen gibt, die damit angefangen haben, sich um solche einsamen Menschen zu kümmern. Wer dies aber tut, der darf in der Regel erleben, dass er dadurch auch selber bereichert wird.

Was ist der Mensch ?

Am Ende dieser Predigt möchte ich auf diese Frage noch eine moderne Antwort geben: Der Mensch ist ein winziger Zwerg, wenn er hinaus ins Weltall schaut -  doch er ist ein Riese, wenn er hineinschaut in die Welt der Atome und der Elementarteilchen. Ja winzig klein sind wir Menschen, verglichen mit den Sternen und den Spiralnebeln, die wir mit Hilfe moderner Teleskope und Satelliten erforschen können. Und die 70 oder 80 Jahre unseres Erdenlebens sind ein Nichts verglichen mit den 13.,5 Milliarden Jahren seit dem Beginn der Schöpfung.

Doch dieser winzige Zwerg Mensch ist ein Riese, wenn er mit der Hilfe von Elektronenmikroskopen in die Welt der Atome und der Elementarteilchen hineinschaut.

 Der Mensch ist also ein Wesen, das in der Mitte steht zwischen der riesigen Schöpfung des Weltalls und der winzigen Welt allerkleinster Teile. Ganz offensichtlich hat aber der Schöpfergott uns Menschen einen Verstand geschenkt, der je länger je tiefer eindringen kann in die Wunder der sichtbaren Schöpfung unseres Gottes. So will Gott in uns die Ehrfurcht vor unserem Schöpfer aufwecken.

Freilich dies alles sagt noch nichts über das Wesen des Gottes, den wir im Glaubensbekenntnis den Schöpfer Himmels und der Erde nennen. Doch auf der Suche nach dem Wesen Gottes kommt uns unser Heiland Jesus Christus zur Hilfe. Denn er hat uns offenbart, dass wir kleinen Menschen dem Schöpfergott nicht egal sind, dass er vielmehr unser liebender Vater sein will, so dass wir mit Johannes sagen können.

Seht, welch eine Liebe hat und der Vater erzeigt, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch. (1.Johannes 3 Vers 1 )

Wenn wir aber mit Jesu Hilfe durchdringen zu dem Glauben, dass wir jetzt schon Gottes Kinder sind, dann verliert selbst der Tod für uns viel von seinem Schrecken. Denn als Gottes Kinder werden wir ganz sicher nicht gefangen bleiben im dunklen Nichts des Todes. 

Wir werden dann vielmehr auch angesichts des Todes fröhlich mit einstimmen können in die Worte unseres Wochenspruchs :

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. ( 1.Petrus 5 Vers 7 )

 

Amen