Foto von aufgeschlagenen Büchern

Andacht über 1. Mose 25-32

Pfarrerin Anneli Freund

in Zeichen Nr. 2/2003, S.17 (Zeitschrift Aktion Sühnezeichen)

Sühne und Segen

Eine schwere Geburt war das, als ich zur Welt kam und all das andere passierte, was mein Leben so geprägt hat. Ich, Jakob, Sohn von Itzchak und Rivka, ein Ackerbauer. Mein Bruder Esaw schaffte es, im Mutterleib sich vorzudrängeln und zuerst das Licht der Welt zu erblicken. Wegen dieser paar Minuten war er, dieser rothaarige Jäger, der Erstgeborene und Erbe, Vaters Liebling wegen des "lieblichen Wildbrets", das er ihm auftischte. Mutter Rivka dagegen liebte mich. Später gelang, was bei der Geburt misslang, als ich Esaw an der Ferse festhielt, um vor ihm geboren zu werden: Der hungrige Bruder verkaufte mir sein Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht!

Und dann: Der erblindete Itzchak, der im Sterben lag, ließ nach Esaw schicken, um ihm den Segen zu geben. Rivka hatte anderes vor. Während Esaw auf der Jagd nach dem Lieblingsgericht des Vaters war, staffierte sie mich aus, damit ich als Esaw Vaters Segen erschlich. Es gelang, aber Esaws Wut war so groß, dass mir nur die Flucht zu Rivkas Verwandten blieb. In der Fremde war es der Onkel, der mir meine List heimzahlte und mir in der lang ersehnten Hochzeitsnacht Lea, die ältere Tochter heimlich zuführte, obwohl ich doch als Brautgeld für die geliebte Rachel sieben lange Jahre gedient hatte.

Nach 20 Jahren zu etwas gekommen, ausgestattet mit Frauen und Kindern, Viehherden, packte ich meine Sachen und kehrte zurück. Meinen Bruder wollte ich wieder sehen und Geschenke vor mir herschicken. "Ich will ihn mit dem Geschenk, das vor mit herzieht versöhnen; dann erst will ich sein Angesicht sehen, vielleicht nimmt er mich gnädig auf."

In dieser Nacht war ich allein, die Frauen und alle Habe schon auf der anderen Seite des Jabbok. Ein Mann, der mit mir rang bis zur Morgenröte, ein Schlag auf das Hüftgelenk. Mein Griff, der ihn nicht losließ, mein Geistesblitz, als ich den Anderen aufforderte: "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn." Und er segnete mich. Und ich: Ich habe Gott gesehen, von Angesicht zu Angesicht, und meine Seele ist errettet. Und nannte den Ort Pniel, Angesicht Gottes.

Das war der Augenblick für die Begegnung mit Esaw, jetzt konnte ich ihm entgegengehen, unbewaffnet und ungesichert. Die Frauen und Kinder direkt hinter mir. Sie hatten nichts damit zu tun, aber die Folgen mussten sie doch tragen. Statt Itzchaks Erbe anzutreten, war ich zunächst ein mittelloser, dann schlecht bezahlter und von Laban ausgenutzter Knecht. Musste ihnen vorenthalten alles, was mir lieb war, meine Familie, meine Heimat, den Acker, den ich bearbeitete, das Haus, das ich bewohnte. Musste immer mit dem Geheimnis leben, warum ich weggegangen war und wir dort nicht leben konnten auf eigenem Grund.

Und der lang und bang erwartete Augenblick kam. All die Angst und Unsicherheit, all die Fragen, wie Esaw wohl reagieren mochte, waren in der vergangenen Nacht auf der anderen Seite des Flusses geblieben. Die Nacht, in der ich allein zurückblieb und mit mir, mit meinem Stolz und meiner Rechthaberei kämpfte. Die Nacht, in der ich diese unwirkliche aber folgenreiche Erfahrung machte. Hinkend an der Hüfte ging ich aus dieser Nacht hervor und habe es nie vergessen, welchen Kampf es gekostet hat, auf Esaw zuzugehen. Nie habe ich es vergessen, wie ich zugleich gestärkt aus dieser Nacht hervorging, in der Gewissheit, dass auf meinem Vorhaben Segen lag.

Jetzt konnte ich ihm entgegengehen. Siebenmal verbeugte ich mich vor dem Älteren. Siebenmal erniedrigte ich mich vor ihm, um Gnade zu finden vor seinem Angesicht. Und siehe da! Esaw eilte mir entgegen, umarmte mich, fiel mir um den Hals, küsste mich und dann weinten wir, weinten um zwanzig Jahre der Trennung und Feindschaft, weinten um alles, was wir dadurch nicht gemeinsam hatten genießen können, um gemeinsamer Feste, die wir nicht gefeiert hatten, um Gespräche unter Brüdern, die wir nicht geführt hatten. Weinten vor Schmerz und weinten vor Freude. Esaws Großzügigkeit, mit der er die Geschenke zurückwies mit den Worten: "Ich habe genug, mein Bruder. Behalte, was du hast." Das konnte ich nicht zulassen. "Nicht doch! Habe ich Gnade vor deinem Angesicht gefunden, so nimm das Geschenk von mir an; denn ich habe ja dein Angesicht schauen dürfen, wie man Gottes Angesicht schaut."

Sühne und Segen - ich hab's erfahren und durchlebt.