Foto von aufgeschlagenen Büchern

Andacht über Johannes 6

Pfarrerin Sylvia Bukowski

in Wuppertal

Predigtpreis 2005 für die beste Predigt

Andacht über Johannes 6

Viele Menschen kehren der Kirche den Rücken. Das ist eine Tatsache, die viele von uns beschäftigt, zumal dafür nicht nur finanzielle Erwägungen ausschlaggebend sind, sondern oft auch enttäuschte Erwartungen. Was bedeutet das für uns in der Gemeinde? Was müssen wir ändern? Mit dieser Frage im Kopf lese ich, dass auch schon Jesus die Menschen in Scharen davongelaufen sind. Wie konnte es dazu kommen? Bei Jesus liegen doch ganz bestimmt nicht die Versäumnisse vor, die man uns - oft zu Recht - nachsagt: Versäumnisse an Achtsamkeit, an Glaubwürdigkeit, an bewegenden Predigten, an Toleranz...

Was also hat so viele Menschen dazu bewogen, Jesus nicht mehr zu folgen, wie im Johannes-Evangelium berichtet wird? Auch Jesus hat Erwartungen enttäuscht. Unmittelbar nach der Speisung der Fünftausend will ihn die Menge zu ihrem König machen. Alle sind tief beeindruckt von dem, was sie gerade erlebt haben: Da ist einer, der kann mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende satt machen! Der kann bestimmt noch mehr! Der kann sicher alle Probleme durch ein Wunder lösen!
Aber Jesus will kein Zauberkönig sein. Seine Wunder sollen Menschen Mut machen, auf Gottes Verheißung zu trauen, und in der Hoffnung darauf selber zu handeln. Jesus will die Menschen nicht passiv machen, er will mit ihnen gemeinsam eine Welt verändern, die an ungestilltem Hunger von Leib uns Seele und an Habgier zugrunde zu gehen droht.
Deshalb entzieht er sich denen, die „seiner habhaft“ werden wollen, wie es heißt, deshalb hält er seinen Anhängern stattdessen eine lange Predigt über Gottvertrauen und Hingabe. „Ich bin das Brot des Lebens“, heißt es darin an zentraler Stelle und statt des von der Menge erhofften Hokuspokus klingt hier schon an, was er beim Abendmahl sagen wird. Hoc est corpus meus: Das ist mein Leib, für euch dahingegeben in den Tod. Das ist die Weise, auf die er die Zerrissenheit der Welt heilen wird.
Aber das ist Vielen zu kompliziert zu verstehen. Das dauert Vielen zu lange. Wo sei eine spektakuläre Machtdemonstration erwartet hatten zur Lösung aller Probleme, predigt Jesus das Wort Gottes, wo sie neue Wunder miterleben wollten, fordert sie Jesus zu gläubiger Verantwortung heraus. „Von da an wandten sich viele seiner Jünger von ihm ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm“ (Joh 6, 66).
Jesus erlebt am eigenen Leib, was Prominente - und nicht nur sie - bis heute erleben: wie leicht Begeisterung umschlagen kann in Gleichgültigkeit, wie schnell man out ist, wenn man Erwartungen enttäuscht, und wie selbst nahe Beziehungen oft Verwertungskriterien unterliegen, so nach dem Motto: So lange ich was davon habe, okay, sonst such’ ich mir eben was anderes.
„Wollt ihr auch weggehen?“ Jesus ist sich nicht einmal mehr seiner engsten Anhänger sicher. Aber Petrus antwortet: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist der Heilige Gottes!“
Nicht beeindruckende Wundertaten nennt Petrus hier als Grund für das Bleiben, sondern die Worte Jesu, die eine nie versiegende Quelle von Leben auftun. Worte, aus denen neue Kraft zuströmt in Mündigkeit, neue Hoffnung im Scheitern, neue Visionen in Resignation. Worte, die die Wirklichkeit verändern, die das Leben neu machen.

Diese Worte sind bis heute der Schatz unserer Kirche. Von ihm leben wir und diesen Schatz müssen wir öffentlich (mit-)teilen und unters Volk bringen.
Das unterstellte oder tatsächlich vorhandene Verlangen nach spektakulären Erlebnissen, nach Sofortlösungen für alle Probleme oder nach irgendwelchem religiösen Zauber sollte uns dagegen nicht unter Druck setzen. Denn wir sind nicht dazu da, alle Erwartungen von Mensch zu erfüllen und sie mit allen Mitteln in der Kirche zu halten.
Wer erkennt und glaubt, dass Jesus der „Heilige Gottes“ ist, der wird bleiben: bei Jesus und vielleicht auch in unserer Kirche.

Amen.


aus: Chrismon plus rheinland, 09/2004