Foto von aufgeschlagenen Büchern

Andacht über Lukas 15,1-3.11b-32

Pfarrer Edgar L. Born (ev.), Aussiedlerbeauftragter

19.04.2010 zur Pfarrkonferenz in Borken

(Text aus Lukas 15 wird von Teilnehmenden in verteilten Rollen gelesen)

 

 

Der Friede des Herrn sei mit Euch allen! Amen.

 

Johann Warkentin ist ein bekannter russlanddeutscher Schriftsteller.

Heimkehr des verlorenen Sohnes heißt eines seiner Sonette.

 

Denk ich an Deutschland in der Nacht, bedrängen

mich Fragen, manches möchte ich bemängeln:

Unfertigkeit, Entfremdung, Sichtkreis-Enge,

aus Dünkel und aus Demut das Gemenge...

 

Doch während ich so krittele und quengele,

durchzuckt die Einsicht mich mit Messerschärfe:

Wie wagst du es, ein Heimatglück-Empfänger,

dich hier zum Sittenrichter aufzuwerfen?!

 

Als Hoffnungen und Träume dort zerbrachen

und auch dein Lebensziel – mit diesem Stachel

im Herzen, sag, wo wärst du denn geblieben? ...

 

Das Land der Väter, das uns Weitversprengten

die Muttersprache gütig wiederschenkte

und Sohnesrecht – wie sollte ich’s nicht lieben!

 

Ein verlorener Sohn kehrt zurück ins Land seiner Väter. Drüben zerbrachen ihm Hoffnungen und Träume und auch sein Lebensziel. Und hier?

Vielleicht gibt es etwas zu entdecken, wenn wir dies einmal  nebeneinander legen: die Geschichte der Russlands-Deutschen und das Gleichnis Jesu.

 

1.

Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land…

Da sind Menschen vor langer Zeit von Zuhause weg gegangen. Voller Hoffnung irgendwo anders ihr Lebensglück zu finden, kehrten sie der alten Heimat den Rücken. Nahmen ihre Erbschaft in die Hände und gingen in die Fremde. Das geschah im 18. und 19. Jahrhundert. Die deutschen Landen waren Auswanderungsländer, aus denen Menschen zu Tausenden nach Westen - nach Amerika - und eben auch nach Osten - nach Russland - aussiedelten.

In Russland - an der Wolga, in Wolhynien, in Bessarabien, am Dnjepr oder auf dem Kaukasus - fanden sie erst mit der Zeit, was sie suchten. Sie konnten sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeiten. „Die erste Generation findet den Tod, die zweite die Not, die dritte das Brot“, sagt man unter den Russlanddeutschen.

 

2.

Sie kennen aber auch die andere Erfahrung: da kam eine große Hungernot über jenes Land und er fing an zu darben.  Das geschah immer wieder im Laufe der Jahrzehnte. Vor allem nach der Revolution und besonders hart während des zweiten Weltkrieges. Innerhalb kurzer Zeit wurden im Spätsommer 1941 knapp eine Millionen Russlands-Deutschen in die Unwirtlichkeit Sibiriens und Kasachstans verschleppt.  Sie verloren dabei alles, Haus und Hof und viele auch das Leben. In der Verbannung fassten sie erst nach Jahren wieder Fuß.

Dann kam es ganz Dicke und ganz krass: die große Sowjetunion zerbrach vor den Augen der ganzen Welt.

Viele standen wieder von heute auf Morgen vor dem Nichts. Der wirtschaftliche Zusammenbruch nahm ihnen die Arbeit, die Inflation die Ersparnisse. Der politische Zusammenbruch spülte Nationalisten nach vorne: Kasachstan den Kasachen. Russland den Russen.

Die Deutschen drüben fragten: Will uns hier denn endgültig keiner mehr?

Die anstammte Heimat z.B. an der Wolga gab man ihnen nicht zurück. Da blickten viele voller Hoffnung auf die Urheimat ihrer Vorfahren. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen…

 

3.

Vater, ich bin vielleicht nicht wert, dass ich dein Sohn heiße, mache mich doch wenigstens zu einem deiner Tagelöhner.

 „Auch wenn wir dort nicht unbedingt herzlich willkommen sein werden, so können wir dort vielleicht Arbeit finden und Zukunft für unsere Kinder“, sagten sich viele.

Unser Staat behandelt die Aussiedler wie die Vertriebenen und Flüchtlinge nach dem zweiten Weltkrieg – auf der gleichen Gesetzesgrundlage. Er bürgert sie sogar ein.

Ein Fest wurde zwar nicht gefeiert, kein Kalb geschlachtet, kein Ring an den Finger gesteckt und auch das beste Gewand wird nicht hervorgeholt.

Immerhin aber waren die Kleiderkammern der Wohlfahrtsverbände geöffnet und auch die Gebrauchtmöbellager.

Weit über 2 Millionen sind bisher gekommen. Und viele von ihnen sind auch dankbar dafür. Manche sind allerdings in den ersten Jahren kaum über eine Existenz als Tagelöhner hinauskommen. Lehrerinnen arbeiteten als Putzfrauen. Ärzte als Lagerarbeiter. Schauspieler als Erzieher. Manche verdingten sich bei Leihfirmen oder fanden keine Arbeit.

 

4.

Allerdings: in Deutschland regte sich alsbald auch Unmut und Ablehnung – nicht selten aus sozialem Neid geboren.

Ganz so, wie es der zweite Sohn empfindet. Er kann die Großzügigkeit seines Vaters weder verstehen noch nicht teilen.

Manche sagen es ganz offen: „Die kommen jetzt wieder nach Jahrhunderten, wollen Deutsche sein und sprechen nicht mal perfekt unsere Sprache. Drängen auf den Arbeitsmarkt, obwohl unserer Gesellschaft die Arbeit ausgeht. Und auch in die Sozialsysteme, in die sie nichts eingezahlt haben.“

Ich finde die Antwort des Vaters im Gleichnis bemerkenswert und hilfreich. Er sagt dem älteren Sohn: Du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Vielleicht heißt das: „Dein heimgekehrter Bruder nimmt dir doch nichts weg. Du behältst alles, was dir schon immer gehörte. Dir wird es nicht schlechter gehen als bisher. Er trägt auch jetzt zum gemeinsamen Wohlstand bei.

Es ist dein Bruder, deine Schwester, die heimkehren. Überwinde deinen Neid, lass deine Eifersucht sein. Sie zerstört dich nur.

Schau doch einmal deinem alten und neuen Bruder, deiner alten und neuen Schwester ins Angesicht: siehst so ein Feind oder eine Konkurrentin aus? Wende dich ihnen zu.“

Vielleicht vor allem dies: Miteinander ins Gespräch kommen. Sich gegenseitig Lebensgeschichten erzählen. Was wir hier und was sie drüben erlebt haben. Ärmer wird man davon nicht. Und sich gegenseitig Gastfreundschaft gewähren.

 

5.

Miteinander neu anfangen. Sicher hat es auch Schwierigkeiten und Missverständnisse gegeben und wird es weiter geben. Wir sind uns fremd geworden. Wir sprechen nicht mehr die gleiche Sprache. Das aber muss nicht so bleiben. Mit Geduld und Verständnis dürfen wir aufeinander zugehen.

‚Geschwisterlichkeit im Geiste Jesu in einer Kultur des Gönnens’ wird unser Leben weiten.

Das Zuwanderungsland Deutschland muss erst noch lernen, Zuwanderung als Bereicherung zu erleben.

In den Kirchen profitieren wir heute schon davon: 10% unserer Kirchenmitglieder sind Spätausgesiedelte. Manche nehmen am Gemeindeleben teil. Einige arbeiten mit als Küster oder Küsterin, Hausmeister oder Hausmeisterin, Erzieher und Erzieherinnen, Presbyter oder Presbyterin, in der Kirchenmusik oder in der Altenpflege.

 

6.

Am Ende schweigt der Heimkehrer - gerade gegenüber seinem motzenden Bruder. Dafür hat er jetzt einen einfühlsamen und verständnisvollen Fürsprecher. Vielleicht braucht es auch das: dass wir Fürsprecher der Zugewanderten werden in den Kirchen und Verbänden, Parteien und Vereinen – jedenfalls so lange, bis sie selbst für sich sprechen können.

Eins können wir auf alle Fälle miteinander tun - gerade mit denen, die 70 Jahre Atheismus in den Knochen haben - neu den Glauben zu entdecken an Gott, der uns wie ein Vater liebt. Der uns annimmt, so wie wir sind. Der in seiner Liebe keinen Unterschied macht zwischen dem Daheimgebliebenen und dem Heimkehrer, dem Russlands-Deutschen und dem Deutschland- Deutschen. Der auf beide zugeht.

Für die Aussiedlerarbeit im Allgemeinen und im Kirchenkreis Steinfurt-Coesfeld-Borken im Besonderen ein schönes Motto:

Freu dich mit mir, wir haben unseren Bruder, unsere Schwester wiedergefunden. Von denen wir geglaubt haben, sie wären irgendwo in den Weiten Russlands verloren. Sie sind heimgekehrt.

Amen.