Foto von aufgeschlagenen Büchern

Andacht über Psalm 66,5

Karsten Jung

03.02.2003 im Berliner Dom

Wochenspruch:

Kommt her und sehet an die Werke Gottes, der so wunderbar ist in seinem Tun an den Menschenkindern.  Psalm 66,5

Wochenlied: EG 346: Such wer da will ein ander Ziel, 1+4+5

Liebe Gemeinde,

ein antiker Philosoph hat einmal gesagt; "Staunen ist der Anfang der Philosophie". Es gibt auf dieser Welt so viel zum staunen. So viel, um sich darüber Gedanken zu machen.

Staunen und sich über Gottes Schöpfung zu freuen - aus dieser Erfahrung spricht der heutige Psalmvers. Die Erfahrung der Freude an der Schöpfung, an den Werken Gottes kennen die meisten von Ihnen. Vielleicht, wenn Sie im Urlaub sind und die Weite des Meeres betrachten. Oder im Flugzeug, über den Wolken, wo, wie Reinhard Mey sang, die Freiheit grenzenlos und alle Probleme von unten nichtig und klein erscheinen. Vielleicht, wenn Sie ein Naturschauspiel beobachten, so wie die Eisschollen vor Rügen vor gut einer Woche.

Mir selbst geht dieses Staunen auf, wenn ich auf der Fahrt zu meinen Eltern von der Autobahn aus nach dem Flachland Niedersachsens die Bergzüge Nordhessens sehe, in denen ich aufgewachsen bin. Reiche Wälder ziehen sich über die Höhen, Felder dehnen sich in den Tälern aus.

All das sind Erfahrungen, die ähnlich zu der Erfahrung sind, von denen auch der Psalm spricht. Staunen und Freude an den wunderbaren Werken Gottes.
Die Weite der Welt läßt uns etwas von der Weite Gottes spüren und mitunter für einen Moment die Enge, der wir oft ausgesetzt sind, vergessen.

Vielleicht ist aber die übermächtige Enge für manchen ein Hindernis, um die Werke Gottes wahrzunehmen. "Es gibt so viel Leid und Unrecht, so viel Häßlichkeit auf dieser Welt, wie soll man da Gott für seine Werke danken?", so mag man denken.
Das ist eine ganz berechtigte Frage. Es gibt viel Leid und Unrecht in dieser Welt. Und gerade wir als Christen sind nicht dazu berufen, die Augen vor diesem Leid zu verschließen, sondern wachen Auges durch diese Welt zu gehen und zu handeln.

Dennoch, glaube ich, wäre es eine falsche Reaktion, wenn uns das dazu führen würde, Gott nicht mehr wahrzunehmen. Dankbar zu sein, für das Gute, das uns widerfährt. Staunend der Schöpfung begegnen. Uns auch mal in dieses Staunen hinein fallen zu lassen.
In einem solchen Fallenlassen ist eigentlich erst die Religion begründet. Hier können wir Gott ganz unmittelbar wahrnehmen und Kraft und Stärke finden. Vertrauen schöpfen.

An einer anderen Bibelstelle heißt es, daß keiner ins Reich Gottes einkehrt, wenn er nicht wird, wie die Kinder. Kinder haben oft blindes Vertrauen, sie sind arglos - den Argwohn lehren sie erst die Enttäuschungen im Leben.

Diese Arglosigkeit, dieses Vertrauen der Kinder: das ist die Haltung, aus der der Psalm spricht. Daß es manchmal schwer sein kann, diese Haltung wieder zu finden, davon weiß auch die Bibel. Sie spricht aber auch davon, daß darin eine große Chance liegen kann. Die Chance, das Wunderbare als wunderbares Werk Gottes wahrzunehmen. Diese Chance wünsche ich Ihnen.

Amen.

 

Zur Situation:
Im Berliner Dom finden täglich Mittags- und Abendandachten statt, zu denen sich eine ganze Reihe von ehrenamtlichen Helfern bereiterklären.
Die Andachten sollen insgesamt ca. 15-20 min. Länge haben, die Ansprache etwa 5 min. (Liturgie der Andacht: Begrüßung - Orgelspiel - Ansprache - Lied - Vaterunser - Segen - Orgelnachspiel).
Das "Publikum" ist äußerst gemischt, vielfach sind Touristen da, einige Berliner nutzen ihre Mittagspause, es gibt einige wenige "Stammgäste" der Domgemeinde. Die Teilnehmerzahl der Andachten liegt im Regelfall zwischen 20 und 100 Personen, im Sommer können es auch mehr sein (dann allerdings Touristen).