Foto von aufgeschlagenen Büchern

Andacht zum Reformationsempfang

Dr. Pfarrer Martin Fricke (ev)

31.10.2011 in der Johanneskirche Düsseldorf

Andacht zum Reformationsempfang des Ev.Kirchenkreises

Liebe Reformationsfestgemeinde!

Was er über die Freiheit schrieb, war das Fanal für die „Revolution des gemeinen Mannes“. Aus einzelnen lokalen Aufständen entwickelte sich eine in vielen Regionen flächendeckende Erhebung, die zwar blutig niedergeschlagen wurde, die in den Köpfen und Herzen der Menschen aber den Keim einer Idee der Menschenrechte säte. Auf seine Weise war Martin Luther ein Vorläufer jener, deren Blogs auf Facebook und Twitter den „arabischen Frühling“ einleiteten.

Aber bekanntlich ist Luther selbst zutiefst erschrocken gewesen über Wirkung, die seine im Oktober 1520 erschienene Schrift De libertate christiana auf den sog. Deutschen Bauernkrieg hatte. Und hätte es damals schon das Internet gegeben, hätte er wahrscheinlich in Echtzeit nicht nur gegen den Hochmut der Fürsten, sondern eben auch „wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ gebloggt. Denn mit der Freiheit eines Christenmenschen ging es ihm nicht um Freiheit von politischen Mächten und sozialen Bindungen – eher im Gegenteil. Können seine die Reformation prägenden Ideen der „Generation Facebook“ dennoch etwas sagen?

Natürlich gibt es oberflächliche Parallelen: Die Überzeugung, dass es zu dem, was uns unbedingt angeht, einen unmittelbaren, nicht durch Autoritäten vermittelten, heute würden wir sagen: niederschwelligen Zugang geben muss, das Pathos für den offenen und öffentlichen Diskurs über Lebens- und Glaubenswahrheiten, die Unerschrockenheit gegenüber weltbewegenden Veränderungen – für all´ dies steht Martin Luther, und all´ dies kommt derzeit als Markenzeichen der virtuellen Netzwerke daher. An die haben wir uns mittlerweile ebenso gewöhnt wie an die Errungenschaften der Reformation und des Humanismus. Wie wir Heutigen uns beispielsweise kaum vorzustellen vermögen, die Heilige Schrift nicht in (urtextgetreuer) deutscher Übersetzung lesen zu können, kommt es den meisten von uns inzwischen als das Natürlichste der Welt vor, die neuen Kommunikationsmedien zu nutzen. (Wie haben wir es damals nur ausgehalten, auf Briefe zu warten? Was haben wir nur gemacht, als wir noch nicht immerzu erreichbar waren? Wie konnten wir damit leben, nicht jederzeit up to date zu sein?1)

Können Luthers Ideen der „Generation Facebook“ also etwas wirklich Neues sagen? Nur dann macht es ja Sinn, der Reformation nach fast 500 Jahren noch zu gedenken und sie nicht in den virtuellen Welten unserer Zeit aufgehen zu lassen. Die verheißen freie Kommunikation und unbegrenzte Vernetzung. Aber gerade darin liegt ihre Schattenseite.

Kennen Sie die wichtigste Frage auf Facebook? Sie lautet: „Was machst Du gerade?“ Selbst wenn wir unterstellen, dass hinter dieser Frage in den allermeisten Fällen echtes Interesse an dem „Freund“, der „Freundin“ im weltweiten Netz steht – mit ein wenig Distanz zur Sache wird man das Gefühl nicht los, dass sich hier auf ganz neuen Wegen so etwas wie soziale Kontrolle eingespielt hat. Mir geht es gar nicht darum, ob und wie andere Personen oder irgendwelche dunklen Mächte uns durch das Internet kontrollieren und manipulieren. Aber beginnen wir selbst, wenn wir uns im Netz bewegen, nicht damit, unsere eigene Freiheit zu verspielen?

Wenn Sie vor dem Computer sitzen, müssen Sie Befehle geben – ob Sie wollen oder nicht; letztlich ist es die Maschine, die Sie regiert. Machen wir es etwas konkreter: Denken Sie daran, wie es war, als Sie Ihr Profil auf Facebook anlegten. Ihre virtuelle „Person“ ist das, was Sie auf eine bestimmte, vorgegebene Weise in eine standardisierte Erfassungsmaske angeben mussten2; für Ihre Individualität bleibt wenig Spielraum. Und auch wir realen Personen, die wir hier aus Fleisch und Blut sitzen, verändern uns: Wir alle wissen darum, wie uns Computer die Arbeit abnehmen; das „Navi“ zum Beispiel führt uns im Straßenverkehr zuverlässig zum Ziel – wie könnten wir noch ohne es leben? Wer von uns kann noch eine Straßenkarte lesen? Es gibt nicht wenige, die meinen, dass unsere Fixierung auf virtuelle Datenwelten in Kombination mit den durch die Computer ermöglichten Leerläufen im Gehirn zu massiven Veränderungen unserer Persönlichkeit führen. Deshalb boomt die Gehirnjogging-Industrie (eine interessante Parallele dazu, dass Menschen in ihrer Freizeit Sport machen, seit die meisten von uns keiner anstrengenden körperlichen Berufsarbeit mehr nachgehen3). Damit wir uns nicht missverstehen: Es ist wunderbar, dass die Computer uns dazu befreien, Sudokus zu lösen und noch sinnvollere Dinge zu tun. Ich möchte diese Freiheit nicht missen! Die entscheidende Frage aber ist: Haben wir uns selbst noch unter Kontrolle? Sind wir selbst noch frei? Oder reduziert unser Leben in Facebook, mit Google und mit Twitter unser Gefühl für die Freiheit, weil es uns in eine Abhängigkeit zwingt, die uns, ohne dass wir es richtig merken, selbst verändert?

Martin Luther wusste, dass die Frage nach der Freiheit unseres inneren Selbst die entscheidende Frage ist. Er wusste, dass, wo das Gefühl für die Freiheit schwindet, Sozialität und humanes Zusammenleben auf dem Spiel steht. Darum hielt er in Von der Freiheit eines Christenmenschen fest: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ In der größten Suchmaschine für Lebensfragen war Luther auf folgenden Satz des Paulus gestoßen: Wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet. (Römer 10,10) Die Freiheit, so Luther, folgt aus dem Glauben. Sie ist der Kern der geistlichen Natur des Menschen.

In dieser Einsicht, dass Freiheit in erster Linie eine innere Haltung ist, liegt die bleibende Bedeutung von Luthers Ideen für die „Generation Facebook“. Wo die Grenze zwischen Mensch und Maschine, zwischen Freiheit und Programmierung zu verschwinden droht, erinnert uns die Reformation an das extra nos: daran nämlich, dass wir darauf vertrauen und danach leben dürfen, dass Freiheit etwas Zugesprochenes, Unverfügbares, damit aber auch Unverlierbares ist. Mit der Freiheit eines Christenmenschen schenkt uns Luther eine stets neue Perspektive auf die Welt, in der wir leben. Eine Perspektive, die freilich nicht ganz leicht zu haben und zu halten ist. Denn die Welt ist ja nicht immer so, wie wir es gerne hätten; der Allmächtige versucht uns auch. Aber gerade dann bewährt sich unser Glaube, gerade dann bewährt sich unsere Freiheit.

„Was machst Du gerade?“ fragt uns der Ewige im Himmel, auch heute. Aber er fragt uns das nicht, um uns zu kontrollieren, sondern um uns zu ermutigen, unsere unverlierbare Freiheit zu nutzen. Er fragt nach unseren Geschichten, nicht nach unseren Daten. Er macht uns aufmerksam auf die, die mit uns leben. Und er will, dass wir die Welt kreativ, phantasievoll und geistesgegenwärtig gestalten – die reale ebenso wie die virtuelle. Zum Beispiel durch Segensflieger. Achten Sie ´mal darauf: heute, 15.17 (Uhr). Eine Aktion der Jugendkirche Düsseldorf. Jugendliche werden sich auf Facebook verabreden und irgendwo in unserer Stadt Papierflieger mit der Aufschrift starten: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort Deine Hand mich führen und Deine Rechte mich halten. Reformationstag 2011“.

Amen.

1 Vgl. Oliver Leistert / Theo Röhle, Identifizieren, Verbinden, Verkaufen. Einleitendes zur Maschine Facebook, ihren Konsequenzen und den Beiträgen in diesem Band, in: dies. (Hg.), Generation Facebook. Über das Leben im Social Net, Bielefeld 2011, S.7-30; hier: S.7.

2 Vgl. Carolin Wiedemann, Facebook: Das Assessment-Center der alltäglichen Lebensführung, in: ebd., S.161-181.

3 Vgl. Frank Schirrmacher, Payback. Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen, München 2011