Foto von aufgeschlagenen Büchern

Andacht zur Passionszeit aus erlebter Erfahrung

Margret Pröhl (ev.)

07.02.2008 in der Ev. Kirche in Solingen-Wald

Zehn-Minuten-Andacht im Rahmen der "Offenen Kirche"

Seit gestern - mit Aschermittwoch - hat die Passionszeit begonnen. Sie soll uns an das Leiden und Sterben des Herrn Jesus erinnern. In dieser schwermütigen Zeit denke ich oft an Menschen, die in ihrem Leben auch eine Passionszeit durchleben. Sie muss nicht zeitgleich mit der kirchlichen Passionszeit ablaufen. Das ist mir deutlich geworden nach dem Tod meiner Mutter. Ich bin mit ihr zusammen diesen schweren Leidensweg gegangen. So denke ich in dieser Zeit bewusst an die Menschen, die auch so etwas Ähnliches durchleben. Ebenso an ihre Angehörigen, die genauso wie ich machtlos dabei stehen müssen und nicht helfen können und die auf ihre Frage nach dem "Warum?" keine Antwort erhalten.

Wir alle sind dann in der gleichen Situation wie Jesus, der im Garten Gethsemane den Vater im Himmel bittet, der bittere Kelch möge an ihm vorüber gehen und am Kreuz ruft: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Matth. 27,46) Es sind auch unsere Worte, wenn wir das Gefühl haben, dass Gott nichts von uns wissen will oder wir an die Grenzen des Machbaren stoßen.

Viele Male habe ich in dieser Zeit gedacht, unter dieser Last und Verantwortung zusammenzubrechen. Auch habe ich mit Gott gehadert, warum er meine Belastbarkeit und Standfestigkeit so ausreizt. Im Nachhinein habe ich erkannt, Gott gibt einem nur ein Kreuz zu tragen, das man tragen und ertragen kann. Auf Strophe 6 von Lied 325 möchte ich hinweisen:

"So laßt uns denn dem lieben Herrn / mit unserm Kreuz nachgehen / und wohlgemut, getrost und gern / in allen Leiden stehen. / Wer nicht gekämpft, trägt auch die Kron / des ewgen Lebens nicht davon."

Wenn man einen geliebten Menschen auf seinen letzten schweren Weg begleitet hat, gibt es zwei Möglichkeiten, seinen Glauben zu positionieren: 1. man wendet sich von Gott ab - oder aber 2. man kommt Jesus auf seinem Leidensweg nahe.

So paradox es auch klingen mag, aus der Schwachheit kann Stärke im Glauben erwachsen. Dieses kann ich auch für mich in Anspruch nehmen. Aus meiner erlebten Erfahrung heraus komme ich für mich zu der Erkenntnis, in der Passions- oder Fastenzeit Verzicht auf irgend etwas zu üben, nicht allein der Weg sein kann, Gott zu finden oder das Leiden Jesu nachzuempfinden. Denn durch Selbstkasteien werden wir nicht das Himmelreich erben, sondern nur durch die Gnade Gottes.

Wenn man sein Leben bewusst maßvoll lebt, so glaube ich, braucht man auch nicht zu einer bestimmten Zeit enthaltsam zu sein. Trotz aller Traurigkeit, die man in der Passionszeit verspürt, sollen wir voll Hoffnung auf Ostern - auf die Auferstehung - blicken, denn Jesus gibt uns die Verheißung: "Ich lebe und ihr sollt auch leben."

Amen.