Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ansprache über Psalm 150

Professor Dr. Okko Herlyn (ev.)

25.09.2009 in Düsseldorf, Basilika St. Lambertus

Eröffnung des 4. Internationalen Orgelfestivals Düsseldorf

Eröffnung des 4. Internationalen Orgelfestivals Düsseldorf

EHER EIN PANIKORCHESTER



Liebe Gäste des 4. Internationalen Orgelfestivals!

Ein biblisches Wort zu Beginn eines Orgelfestivals? Das erscheint erklärungsbedürftig. Kommt doch die Orgel in der Bibel an keiner einzigen Stelle vor. Andere Instrumente gerne und reichlich. Aber die Orgel? Fehlanzeige. Der Grund: Es gab sie seinerzeit einfach noch nicht.

Das heißt aber noch lange nicht, dass die Bibel uns zu Beginn des 4. Internationalen Orgelfestivals nichts zu sagen hätte. Dazu müssen wir allerdings einen kleinen Umweg machen. Hören wir auf Worte des 150. Psalms:

„Halleluja!
Lobet Gott in seinem Heiligtum, lobet ihn in der Feste seiner Macht!
Lobet ihn für seine Taten, lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
Lobet ihn mit Hörnerschall, lobet ihn mit Harfe und Leier!
Lobet ihn mit Trommel und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeife!
Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit schallenden Zimbeln!
Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!
Halleluja!“


In ganzen sechs Versen werden wir sage und schreibe elfmal aufgefordert, Gott zu loben. „Lobet, lobet, lobet …“ Halleluja nicht mit eingerechnet. Es scheint fast so, als würde ein großes Orchester aufgeboten, um in das Lob Gottes einzuladen: Hörner und Harfe, Trommel und Pfeife, Zimbel und Reigen … ja, es darf sogar getanzt werden. „Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!“

Doch schon höre ich Einwände: Ich würde ja gerne mal Gott loben, aber ich weiß beim besten Willen nicht, wie. Mir fehlen oft die Worte, ich fühle mich unbeholfen, brumme mehr, als ich singe. Und außerdem kann ich keine Posaune spielen. Von Harfe und Zimbel ganz zu schweigen. Und wenn ich mir zudem das bombastische Programm des Orgelfestivals ansehe, dann komme ich mir doch ziemlich mickerig vor.

Ein berechtigter Einwand? Hören wir noch einmal genau hin. „Lobet Gott mit Hörnerschall“, heißt es, „lobet ihn mit Harfe und Leier! Lobet ihn mit Trommel und Reigen, lobet ihn mit Saiten und Pfeife! Lobet ihn mit hellen Zimbeln, lobet ihn mit schallenden Zimbeln!“

Bei Lichte besehen wahrlich kein Symphonie-, sondern eher ein Panikorchester: Horn und Harfe, Trommel und Pfeife, Zimbel und Reigen. Man hat fast den Eindruck: Hier kann eigentlich jeder mitmachen. Und doch höre ich wieder den Einwand: Ich bin aber gar nicht musikalisch – Panikorchester hin oder her.

Und unser Psalm scheint zurückzufragen: Muss es denn unbedingt ein Musikinstrument sein? Womöglich gibt es ja noch ganz andere Instrumente zum Lobe Gottes. Immerhin habe ich bereits den Reigen erwähnt. Sieh auf dein Leben, was der Schöpfer dir an Möglichkeiten mit auf den Weg gegeben hat.

Vielleicht kannst ja du mit einem guten Wort Gott loben. Vielleicht mit deinen Händen oder deinen Füßen. Vielleicht mit deinen freundlichen Augen und deinen aufmerksamen Ohren. Vielleicht mit deinem Verstand oder deinem Gefühl. Vielleicht mit deiner Logik oder deiner Fantasie. Vielleicht mit deiner Sachlichkeit oder deiner Zärtlichkeit. Vielleicht mit deiner Fachkompetenz oder deinem Einfühlungsvermögen. Instrument zum Lobe Gottes kann alles sein, was geeignet ist, von uns weg auf einen anderen, auf ihn, den Schöpfer Himmels und der Erden hinzuweisen: „Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!“

Alles! Ja wer kann nicht alles atmen? Jeder lebendige Mensch kann es, egal ob klein oder groß, jung oder alt, gesund oder krank, dumm oder schlau, reich oder arm, schwarz oder weiß.

Alles! Vielleicht sogar die Tiere, Vieh und Gewürm, die Pflanzen, Blumen und Bäume, Wasser und Luft, Sonne und Regen, Hagel, Holz und Stein, ich weiß es nicht. Die Bibel jedenfalls fordert nicht selten die ganze Schöpfung auf, jedes einzelne Geschöpf auf seine Weise, Gott zu loben, also ein vernehmbarer Hinweis auf „seine große Herrlichkeit“ zu sein.

Alles! Horn und Harfe, Zimbel und Leier, Trommel und Reigen. Gitarre und Keyboard, Schifferklavier und Dudelsack, Rockband und Symphonieorchester.
Kantate und Gospel, Bachtrompete und Lagerfeuergeklampfe, vollmundiger Gesang und stilles Seufzen – was uns als Panikorchester erscheinen mag, in Gottes Ohr ist es vielleicht längst ein lieblicher Wohlklang.

Alles! Kind oder Greis, Frau oder Mann, Verkäuferin oder Schalterbeamter, Deutscher oder Afrikanerin – was uns manchmal als wirres Farbengemisch vorkommt, in Gottes Auge ist es vielleicht längst ein fein durchkomponiertes Bild.

Alles! Beten und Arbeiten, Glaube und Zweifel, Nachdenken und Ärmelaufkrempeln, Kontemplation und Kampf für eine gerechtere Welt – was auf uns oft wie ein kirchliches oder manchmal auch weniger kirchliches Sammelsurium, gar wie ein unversöhnlicher Widerspruch wirkt, bei Gott gehört es vielleicht längst zusammen, ist dort vielleicht längst versöhnt und zu verborgener Harmonie gebracht: „Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!“

Und so sind wir denn, liebe Gäste, geradewegs wieder bei unserem Orgelfestival angelangt. Ein einziger flüchtiger Blick in das Programm lässt bereits jetzt ahnen: Da wird es in den nächsten Wochen in vielen Düsseldorfer Kirchen brausen und brummen, dröhnen und brodeln, klingen und klagen, knistern und flüstern, singen und summen, tönen und toben.

Denn was erwartet uns nicht alles: Orgel und Flöte. Orgel und Gesang. Orgel, Violine und Gitarre. Orgel, Klarinette und Trompete. Orgel, Kantorei und Kammerchor. Orgel und Jazz. Orgel und Perkussion, Dudelsack und Bombarde – was auch immer das sein mag. Orgel, Tin Whistle und Keltische Harfe. Orgel und Big Band. Orgel und Lyrik. Orgel und Pantomime. Orgel und Stummfilm. Orgel für Kinder. Orgel und Düsseldorfer Symphoniker. Und und und …

In ihrer ungeheuren symphonischen Vielfalt, Ausstrahlungskraft und Kommunikationsfähigkeit könnte die Orgel uns hier ein mächtiges Zeichen setzen. Könnte sie uns eine geradezu königliche Stellvertreterin für die Vielfalt und den verborgenen Zusammenhalt der Schöpfung sein. Einer Schöpfung, in der wir das Anderssein des anderen nicht als Bedrohung ansehen müssen, sondern schlicht als Bereicherung erfahren dürfen.

4. Internationales Orgelfestival Düsseldorf. Heute beginnt es. Und ich freu mich drauf. Und vielleicht gelingt es diesem überaus reichhaltigen Programm, uns ein wenig empfänglicher zu machen für einen noch ganz anderen Reichtum, den Reichtum Gottes und seiner vielfältigen und bunten Schöpfung. Zu der gehören – Musikalität hin, Unmusikalität her – auch wir. Vor allem darüber freue ich mich.