Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ansprache zum Abschluss der „Demonstration gegen Rechts“

Superintendent Dr. Helmut Kirschstein (ev.-luth.)

16.05.2009 Parkplatz am Weiterbildungszentrum Norden

„Die Gemeinsamkeit der Demokraten“
oder: Was wir aus der Vergangenheit gelernt haben


Liebe Freundinnen und Freunde der Demokratie,
der Menschenwürde und des aufrechten Gangs!

Wir feiern heute einen doppelten Erfolg:

Die Rechtsextremisten haben ihre Kundgebung in Norden absagen müssen. Allein das ist schon ein Grund zur Freude!

Und die Demokraten – wir Demokraten haben eine Demonstration auf die Beine gestellt, von der man noch sprechen wird, wenn keiner mehr weiß, was „DVU“ eigentlich bedeutet! Wir setzen heute ein glasklares Zeichen gegen Rechts – und das ist der zweite Grund zur Freude!

Ich freue mich, dass so viele Menschen dem Aufruf gefolgt sind:

Menschen aus allen demokratischen Parteien,
Menschen aus Vereinen und Institutionen,
Menschen aus Arbeitskreisen und Gewerkschaften,
Menschen aus Schulen und aus Kirchengemeinden,
Menschen aus allen Generationen,
Menschen mit deutschstämmigen Eltern und Menschen, die ihre Wurzeln in ganz anderen Ländern unsrer einen Erde haben –
ganz einfach: Menschen!

Besonders freue ich mich über die muntere Beteiligung so vieler Jugendlicher: In Eurer Person verbinden sich Gegenwart und Zukunft, das macht uns allen besonders Mut!

Wie ein bunter Regenbogen, der Frieden und Menschenwürde signalisiert: so schillert unsre farbenprächtige Versammlung – ein bunter Regenbogen, in dem nur eine einzige Farbe fehlt, und die fehlt zu Recht: „braun“.

Wir alle haben uns auf den Weg gemacht, um miteinander ein Zeichen zu setzen: Die menschenverachtende Ideologie in der unsäglichen Tradition brauner Rattenfänger bekommt in unserer Stadt keinen Fuß in die Tür und kein Bein an die Erde!

Wir wollen auf unserem Marktplatz niemanden, der Hetzparolen hinausposaunt und unter dem Deckmantel einer Wahlveranstaltung das Gift der Menschenverachtung auslegt. Auf unseren Marktplatz gehört buntes Gemüse aus aller Welt und eine bunte Menschenmenge aus aller Herren Länder – braune Einheits-Soße wollen wir nicht!

Wir wollen in unserer Stadt niemanden, der Misstrauen streut und Hass sät. Wir wollen in unserem Land niemanden, der Angst vor Fremden schürt und Ausländer zu Menschen zweiter Klasse macht. Denn wer Misstrauen streut, lässt Tragödien wachsen, und wer Hass sät, wird Gewalt ernten. Das wollen wir nicht!

***

Ich behaupte: Wir haben aus der Vergangenheit gelernt! 70 Jahre nach Kriegsbeginn wissen wir, wohin Misstrauen und Hetze, Hass und Gewalt führen. 70 Jahre danach wissen wir, dass man rechtzeitig auf die Straße gehen muss, um jeder Form von Menschenverachtung öffentlich zu widerstehen. 70 Jahre danach gehen wir rechtzeitig auf die Straße.

Schon einmal wurde eine große wirtschaftliche Krise zum Nährboden für kränkende Ausgrenzung und tödliche Unmenschlichkeit. Die wirtschaftliche Krise, in die unser Land – unsere Welt heute zu schlittern droht, ist nicht weniger bedrohlich, wir müssen wachsam sein und wir werden wachsam sein!

Es stimmt: Viele Menschen verlieren auch in dieser Krise ihr Vertrauen in die Demokratie. Viele Menschen verlieren auch heute ihre Hoffnung auf Recht und Gerechtigkeit. Viele Menschen fühlen sich persönlich überfordert und ausgeliefert, viele drohen einfach zu verzweifeln... Ohnmacht, Angst und Verzweiflung breiten sich aus. Das ist gefährlich. Wir sehen das. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass keiner von uns ein Patentrezept gegen die globale Krise hat, keiner! Aber Ehrlichkeit ist unser demokratisches Plus, gebt das nicht auf: nicht im Wahlkampf und nicht an den Stammtischen, bleibt fair, bleibt ehrlich!

Die gemeinsame Ehrlichkeit macht uns stark: In einer fairen Auseinandersetzung um Arbeit für alle zu ringen, das macht uns stark. Mit demokratischen Mitteln um Gerechtigkeit für alle zu kämpfen: das verbindet uns! In der Krise muss sich zeigen, was uns die demokratische Auseinandersetzung wert ist – wir sind gemeinsam in die Krise geschlittert, und nur gemeinsam kommen wir wieder heraus, auch den Willen zu dieser Gemeinsamkeit demonstrieren wir heute, auch darum ist es so wichtig, dass wir uns heute miteinander auf den Weg gemacht haben: als Demokraten, die sich bei aller Verschiedenheit schätzen!


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Wo Ohnmacht, Angst und Verzweiflung sich ausbreiten, steigt die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, nach Geborgenheit und Heimat, die Sehnsucht danach, endlich wieder „stolz“ sein zu können. Wir werden die Worte „Heimat“ und „Stolz“ - wir werden die Werte „Heimat“ und „Stolz“ nicht den Rechtsradikalen überlassen!

2009 feiern wir ja auch den 60. Geburtstag unsrer demokratischen Verfassung, unseres Grundgesetzes. Ja, in diesen 60 Jahren gab es manches Auf und Ab. In dieser Zeit gab es auch Fehlentwicklungen und Irrwege. Und doch ist es die beste Verfassung, die es je auf deutschem Boden gegeben hat. Wir dürfen stolz sein auf dieses Grundgesetz, das die Menschenwürde garantiert: für Männer und Frauen, für Christen und Juden und Muslime und für Atheisten, für Einheimische und für Fremde. Auf dieses deutsche Grundgesetz bin ich stolz!

Stolz? Ja, wir dürfen stolz sein auf unsere Stadt, in der Gäste willkommen sind: Touristen aus aller Welt, aber auch Flüchtlinge und Vertriebene, Migranten und Gastarbeiter, Spätaussiedler und Boat- People – ich bin stolz und dankbar dafür, in einer so welt-offenen und gastfreien Stadt leben zu dürfen und ich werde alles daran setzen, mit Euch gemeinsam diese Gastfreiheit zu verteidigen!

Diese Stadt Norden, dieses wunderbare Stück Ostfriesland, dieses demokratische Deutschland ist unsere Heimat, wie es die Heimat für alle Menschen ist, die zum kunterbunten Regenbogen unter Gottes weitem Himmel gehören. Dies ist die Heimat der Mitmenschlichkeit und der Menschenwürde, das ist so und das soll so bleiben, dafür stehen wir gemeinsam ein, dankbar und mit demokratischem Stolz!

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Und noch ein denkwürdiges Jubiläum: 2009 feiern wir den 20. Jahrestag der ersten wirklich erfolgreichen Revolution auf deutschem Boden – der ersten gewaltfreien Revolution. Auch aus dieser Vergangenheit haben wir gelernt. Wir haben gelernt, der Wahrheit zu vertrauen: Die Wahrheit setzt sich schließlich durch, sie ist stärker als alle Mauern der Ideologie und der Verblendung. Ja, wir haben gelernt, der Gewaltlosigkeit zu vertrauen: Die Kraft der Kerzen und Gebete ist stärker als alle Gewalt. In dieser christlich-humanistisch geprägten Tradition werden wir als Demokraten niemals zur Gewalt greifen, aber wir werden es auch nicht zulassen, dass rechte oder linke Chaoten ihre Gewaltphantasien auf unseren Straßen ausleben, da gilt von vornherein: null Toleranz!

1939 – 1949 – 1989: Wir haben aus der Vergangenheit gelernt. Offensiv und selbstbewusst treten wir als Demokraten ein – nicht nur gegen jede Form von rechtsradikalem Schwachsinn, sondern für unsere Verfassung, für unser demokratisch geprägtes Land, für die Wahrheit der Menschenwürde. Mit dem bunten Regenbogen des Friedens setzen wir ein Zeichen für eine Menschenfreundlichkeit, die immer und überall gilt.

Auf Autos, die nicht mehr dem Stand der Gegenwart entsprechen, gibt es bekanntlich eine Abwrackprämie. Heute fordern wir für alle Ideologien, die dem Stand der Gegenwart nicht mehr entsprechen: Sofort abwracken – aber ohne jede Prämie!

- Ich danke Euch allen, dass Ihr gekommen seid! Gott segne Euch!