Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ansprache zum Beichtgottesdienst für Konfirmanden und ihre Familien

Prädikantin Dr. Maria-Jolanda Boselli (ev.-luth.)

28.05.2011 in der Magdalenenkirche

© privat

Liebe Konfis, liebe Eltern und Verwandte,

wann wart Ihr das letzte Mal im Kino? (abfragen) Heute sicher noch nicht?

Gut, kommt alle mit. Ich lade euch jetzt ins Kino ein. Nein, ihr müsst diesen Raum nicht verlassen. Setzt euch bequem hin, Popcorn und Cola stellt ihr euch vor, vielleicht auch ein Eis. Fertig? Gut. Es geht los. 10 Minuten Kopfkino. Der Film heißt: „Die Beichte“.

Musik.

Vorspann (hier werden die Figuren vorgestellt):

Yvonne, 14, lange braune Haare, blaue Augen, liebt ihren Hund Benny, steht auf Rihanna und Hotpants und hat ein Geheimnis.

Patrick, 11, blonde Haare, braune Augen, liebt sein Waveboard und seine X-Box und hat ein Geheimnis.

Die Mutter, Gila, 43, braune kurze Haare, graue Augen, liebt ihre Kinder, ihren Mann und ihre Bücher, steht seit zwei Monaten total auf Yoga und hat ein Geheimnis.

Der Vater, Ralf, 45, graublonde Haare, brauen Augen, liebt seinen Job und seine Familie, steht auf Joggen und Schafkopf und hat ein Geheimnis.

In den Nebenrollen: 1. Dennis, 17, blond gefärbte Haare, liebt Tattoos und hübsche Mädchen, steht auf Windsurfen und hatte bis vor einem Jahr ein Geheimnis.

2. Ein Buntglasfenster in einer kleinen Ostseekirche.

Szene1: (Yvonne und Gila) Ein Sonnenstrahl fällt durch das offene Altbaufenster auf ein großes Bett mit rosa Blümchenbettwäsche. Ein Riesenkoffer steht offen. Eine lila Latzhose fliegt hinein, ein gestreiftes T-Shirt. Von unten ruft eine Frauenstimme: „Den grünen Bikini nicht einpacken, Schatz. Der ist viel zu klein!“ Yvonne wirft den grünen Bikini mit Schwung in den Koffer. „Wenn ich schon in das Sch....-Ostsee-Kaff fahren muss, kommt mein Bikini auch mit.“ Gila erscheint in der Tür. Sie sieht gestresst aus. „Wie weit bist du, Süße? Papa kommt gleich und wir wollen um sechs los. Du weißt, wie er sich aufregt, wenn wir nicht fertig sind.“ „ Wann regt der sich nicht auf, in letzter Zeit?“ fragt Yvonne schnippisch zurück.

Szene2: (Die ganze Familie) Patrick steht vor der Haustür. Seine Baggy ist kaputt, sein T-Shirt mit Blut befleckt. Er klingelt. Gila öffnet, ihre Augen weiten sich erschrocken. „Was ist passiert?“ Und dann, im Nachsatz: „Wo ist Benny?“ „Der blöde Köter hat sich losgerissen, ich bin ihm noch nach, ich schwöre, Mann, mich hat’s sogar hingehau’n, aber ich hab ihn nicht mehr erwischt. Blöder Hund, blöder.“ Ein leicht verbeulter Fiat Multipla bleibt vor dem Haus stehen. Ralf steigt aus. „So, der Leihwagen. Seid ihr alle fertig? Können wir?“ „Alles eingepackt, mein Schatz. Sogar an dein Notebook hab ich gedacht.“ „Spinnst du? Was hast du an meinem Notebook verloren“? Ralf brüllt. „Überhaupt – was is’ jetzt? Ich MUSS nicht in Urlaub fahren. Ich hab auch Besseres zu tun.“ Yvonne kommt die Treppe runter, in der einen Hand den Riesenkoffer, in der anderen ein Handy. „Mama, du hast ne SMS gekriegt.“ Gila reißt ihr das Handy aus der Hand. „Gib her.“ Dann, entschuldigend: „Ehm, danke.“ Yvonne schaut ihre Mutter lange an.

Szene3: (Die Familie) Nachts an der Raststätte. Gila steht in der Toilettentür und tippt aufgeregt ins Handy. Hält es dicht an den Mund und flüstert: „Ich bin’s. Bitte ruf mich nicht an, bin mit der Familie in Urlaub. Ich melde mich. Kuss!“ Von draußen ruft Patrick: „Mama, krieg ich ‚n Eis?“ Yvonne keift: „Als Belohnung, weil wir jetzt ohne Benny weg sind?“ Ralf hupt und ruft aus dem Auto: „Weiter! Der Hund taucht schon auf. Oma schaut nach. Wir konnten nicht suchen, wir müssen eh noch die ganze Nacht fahren bis nach Zinnowitz.“ Ertappt macht Gila das Handy aus und steckt es ein.

Szene4: (Am Strand. Yvonne und Dennis) Yvonne hat ihren grünen Bikini an, obwohl ein kalter Wind weht und der Himmel voll dunkler Wolken ist. Der Strand ist fast leer. Nur Familien mit Kleinkindern. Sie tritt gegen eine Sandburg. Dennis geht mit seinem Surfbrett Richtung Meer. Yvonne gefällt ihm ganz offensichtlich, deshalb spricht er sie an. „Schlecht drauf?“„Das kannste laut sagen. Ostseebad Zinnowitz! Normalerweise würde ich jetzt am Strand in Dubai liegen oder in der DomRep. Nicht in diesem Kaff!“ „Och, is eigentlich ganz nett, hier. Was passiert?“ „Keine Ahnung. Mein Vater hat die Sparwut, plötzlich.“

Szene5: (Gila und Ralf) Ralf sitzt in der Hotellounge. Gila stürzt auf ihn zu. „Ralf – meine EC-Karte ist gesperrt. Meine Kreditkarte auch. Was hat das zu bedeuten?“ Ralf tut erstaunt. „Keine Ahnung. Ein Leitungsfehler? Hier hast du Bargeld. Und hör auf, ständig jeden Mist zu kaufen, den du siehst. Wir haben alles!“

Szene6: (Yvonne und Dennis) In der Hoteldisco langweilt sich Yvonne. Ich geh ins Bett, hatte sie den Eltern gesagt. Und war dann abgehauen Richtung Disco. Aber es ist wenig los. Da sieht sie Dennis, den Jungen vom Strand. „Hey, wie geht’s? Miese Stimmung hier in deinem Super-Kaff. Haste mal was, um meine Laune aufzubessern? N bisschen Crystal Meth oder Crack, zum Beispiel?“ „Komm mal mit raus,“ sagt Dennis. Draußen flüstert Yvonne: „Und, wo haste das Zeug? Ich hab aber wenig Kohle dabei..“ Aber Dennis schaut sie lange sehr ernst an, dann sagt er: „Sorry, ich bin seit einem Jahr clean. Und will da auch nie wieder hin. Mach dein Leben nich’ kaputt....“ Dennis lässt Yvonne stehen und verschwindet in die Nacht.

Szene7: (Yvonne und die Eltern) Morgens am Strand. Gila, Ralf und Yvonne suchen Patrick. Er ist nicht zum Frühstück gekommen. „Eigentlich war er schon seit der Abfahrt so komisch. So still und brav. Nicht seine Art.“ Sagt Yvonne. „Und warum hast du nichts gesagt?“ schreit Ralf. „Wir haben uns alle nicht um ihn gekümmert“, blafft Yvonne zurück. Gila streckt die Hand aus. „Da draußen, im Meer. Das ist Patrick!“ Patrick! Alle schreien durcheinander. Da sehen sie einen Surfer auf Patrick zusegeln. Grade, als er in einer Welle verschwindet, hat er ihn erreicht. Kurz darauf später bringt der Surfer Patrick ans Ufer. Es ist Dennis. Er hat durch sein beherztes Eingreifen Patricks Leben gerettet.

Szene8: (Yvonne und Dennis am Strand) Yvonne geht neben Dennis durch den Sand. „Mensch, du wirst ja sowas wie unser Schutzengel“ grinst sie. „Warum?“ Dennis stochert mit der Fußspitze im Sand. Dann bleibt er stehen, nimmt Yvonnes Hand und erzählt: „Mir ging’s letztes Jahr ziemlich mies. War total auf Drogen. Dann ging alles ganz schnell. Falsche Freunde, Freundin weg, Eltern weg, verurteilt. Statt Knast Sozialstunden in der einzigen Kirche hier. Eine Woche lang Butzenfenster putzen! Jesus am Kreuz, Mann, ich hatte das Gefühl, mir ging’s genau wie ihm. Hängen gelassen, eben. Dann hab ich gelesen, was ich da scheuern musste: Stand unter dem Bild. Kommt zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Du, weißt du was? Das war’s. Plötzlich hab ich mich auf die Stufen gehockt und gebetet, hatte eh nix mehr zu verlieren. Hab ihm meine ganze Lebensgeschichte erzählt, so unterm Kreuz, mit dem Putzlumpen in der Hand. Und ich sag’s dir: es hat geholfen. Als wär’ ich um Tonnen leichter. Seitdem klappt’s wieder mit meinem Leben...

Szene9: (Die ganze Familie) „Schönes Kirchlein! Tolle Idee, Yvonne. Aber passt irgendwie gar nicht zu dir, so’n Kulturprogramm. Warum mussten wir alle hier her?“ Gila beäugt ihre Tochter argwöhnisch. Yvonne setzt sich auf die Steinstufen zum Altar. Schaut ihre Familie schweigend an. Dann sagt sie: „Bei uns läuft was total schief. Jeder von uns trägt ein Geheimnis mit sich rum wie einen schweren Stein, und das macht uns alle ganz krank. Ich war gestern hier und hab diesem Jesus alles erzählt“ – sie deutet auf das Buntglasfenster hinter sich. „Jetzt geht’s mir besser. Und ich will, dass ihr alles wisst. Ich nehm seit ‚nem halben Jahr immer mal wieder Drogen. Crack, Crystal Meth oder was ich so kriegen kann. Ich hab’s nicht mehr ausgehalten, in der Schule, daheim. So ne miese Stimmung.“ Die anderen schweigen betreten. „Daran bin ich Schuld“, sagt Ralf plötzlich. Er steht auf, geht zu Yvonne, setzt sich neben sie. „Leute, wir sind pleite. Ich hab mich verspekuliert. Meine Firma muss Konkurs anmelden. Das hier ist unser letzter Urlaub für ganz lange Zeit. Sorry. Ich wollte euch nicht alles verderben....“ „Mensch, Ralf! Warum hast du nix gesagt?“ Gila schluckt. Da schreit Patrick: „Benny ist tot! Ich hab nicht auf ihn aufgepasst, er ist vor ein Auto gelaufen! Ich wollte es nicht!“ Er bricht in Tränen aus. Gila nimmt ihn in den Arm. Da klingelt ihr Handy. Sie zögert kurz, dann nimmt sie das Gespräch an und sagt laut und ruhig: „Hi Marc. Es ist vorbei. Ich liebe meine Familie, ich habe mich entschieden.“ Dann macht sie das Handy aus, nimmt die Sim-Karte raus und zerbricht sie.

Nachspann: Abenddämmerung am Meer. Vier Menschen gehen am Strand entlang, halten sich an den Händen. Man sieht ihre Spuren im nassen Sand, eine Welle verwischt sie wieder. Patrick’s Stimme klingt aus dem Off: „Und das ist echt wahr? Oma hat Benny vor der Haustür gefunden? Er ist nur verletzt?“ Gila: „Ja. Das ist echt wahr. Gott sei Dank.“