Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ansprache zum Jahrestag „20 Jahre Grenzöffnung in Schauberg“

Pfarrer Thomas Freytag (ev.)

31.12.2009 an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zwischen Schauberg und Judenbach

Ich kann mich mit Mauern einfach nicht abfinden. Manchmal glaube ich sogar, durch Mauern zu blicken. Bis heute. Ich habe das als Kind gelernt.

Einen Steinwurf von der Mauer entfernt bin ich aufgewachsen. Direkt am „antifaschistischen Schutzwall“. An der „Zonengrenze“. Am Stacheldraht- und später Streckmetallzaun.

Kinderspiel: Federball am Ferien - Sommerabend, wenn die Sonne schon untergegangen war. Flutlicht der bizarren Art. Im Schatten der Grenzanlagen, im Scheinwerferlicht vom Zehn – Meter – Streifen und Beobachtungsturm. Selbst den Ball, ganz hoch geschossen, konnte man mit den Augen gut verfolgen. Man hätte die ganze Nacht durchspielen können.

Später, als Jugendliche, haben wir trotzig erklärt: Wir kommen aus dem „Reservat“ und atmen „gesiebte Luft“. Keiner der Schulkameraden, der nicht selber im Ort lebte, durfte uns je besuchen. Keine gemeinsamen Hausaufgaben. Keine gemeinsame Freizeit mit den Freunden. Seit Anfang der 80iger Jahre war der ganze Ort von Grenzsperranlagen umgeben und nur an einer Stelle, die von Grenzsoldaten streng bewacht wurde, kam man mit Sondergenehmigung heraus und herein.

Es gab noch andere Erlebnisse:
Der 6. Januar in Lauchröden, einem 800 - Einwohner - Dorf bei Eisenach, dem Ort meiner Kindheit. Der Geburtstag meiner Großmutter. Von der gegenüberliegenden Seite hörten wir Kinder freudiges Rufen: „Emma“. Und von unserer Seite rief es zurück: „Martha“! Die beiden Schwestern. Eine auf dieser, die andere auf jener Seite der innerdeutschen Grenze. Keine Chance, sich jemals zum Geburtstag zu besuchen. Zum 50. nicht. Nicht zum 60.

Als Kind waren wir ratlos. Wir haben uns auf die Geburtstagsfeier gefreut. Meiner Großmutter Emma aber standen die Tränen in den Augen. Wir haben das genau gesehen, auch wenn sie es vor uns Geschwistern, ihren drei Enkeln, verbergen wollte.

Am anderen Tag kam der ABV, der Abschnittsbevollmächtigte. S. K., der Dorfsheriff, wie er bei uns Kindern hieß. Grüne Uniform, brauner Gürtel mit Dienstpistole, amtliche Umhängetasche – wahrscheinlich waren da die Handschellen und ein kleiner Gummiknüppel drin, haben wir Kinder gemutmaßt. Und immer dieselbe Ermahnung: „Emma, du weißt doch, über die Grenze darfst du nicht rufen und winken. Das ist eine Verletzung des Grenzregimes. Das ist verboten!“ Dann bekam er eine Tasse Kaffee und ein Stück vom Rest des Geburtstagskuchens, einen Likör, dem man im Dienst eigentlich nicht trinken darf, aber heute machen wir eine Ausnahme -  und war zufrieden. S. K. war ein netter Polizist. Es gab auch A.. Der war anders.

Eine andere Kindheitserinnerung:
Mein Elternhaus in der Uferstraße war Mitte der 60iger Jahre bezugsfertig. Mit den eigenen Händen gebaut, wie meine Eltern oft erzählten. Unter den Bedingungen der DDR – Mangelwirtschaft. Unser Grundstück lag genau an der Grenze.
Meine Eltern hatten bis 1989 Angst, ihr Haus zu verlieren.
Wenn ein neuer Grenzregimentskommandeur das Kommando übernommen hatte und seinen Befehlsbereich inspizierte, wurde die Bebauung der Uferstraße, in der wir lebten, immer zu einem Problem. So jedenfalls haben es sich die Erwachsenen zugeflüstert. Alles war streng geheim. Und gefährlich, wie wir als Kinder fanden: Es hieß immer, das Schussfeld sei in diesem Grenzabschnitt nicht frei. Die Häuser in der Uferstraße müssten weg.

Im Konfirmandenalter war Martin Luther für mich eine Entdeckung. In Eisenach, von meinem Heimatort nur 15 km entfernt, besonders auf der Wartburg, erinnert vieles an ihn: Hier steh ich, ich kann nicht anders, soll er gesagt haben.

Wer die Wartburg besucht, wird durch die Lutherstube geführt. Die Übersetzung der Bibel wird vorstellbar. Vom Temperament Martin Luthers zeugt der berühmte Tintenfleck an der Mauer.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit."

Das war einer der Bibelverse, die mir damals wichtig wurden.
Was für ein Hoffnungszeichen. Was für eine Ermutigung.

„Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ, wo er ist, stets sich lassen schauen.“ So wollte ich leben. In meiner Heimat, der DDR.

Weil ich mich mit Mauern einfach nicht abfinden kann,
habe ich Theologie studiert und bin Pfarrer geworden. Gerade hatte ich 20. Dienstjubiläum. Ordiniert am 12. November 1989. Am ersten grenzoffenen Sonntag.

Ich bin froh und stolz, als Pfarrer in einer Gemeinde gelandet zu sein, die ebenso wie ich bis heute Mauern nicht akzeptiert. Viele haben im ehemaligen Grenzgebiet auch zu DDR - Zeiten fest zu ihrer Kirche gestanden. Mancher hat wegen seiner Kirchenzugehörigkeit Bespitzelung und Bedrohung ertragen müssen.

Hier im thüringisch – fränkischen Grenzgebiet - in Schauberg, Tettau, Neuenbau und Judenbach - haben viele gehofft. Das Grenzgebiet mit Kolonnenweg, Zehn – Meter - Streifen, Scheinwerfer und Schießbefehl - das kann doch nicht für ewig sein.
Ein Staat, der es nötig hat, seine eigenen Bürger einzusperren und ihnen Angst macht, der kann doch nicht auf Dauer existieren. Ein Regime, das Bürger aus dem Grenzgebiet zwangsaussiedelt, ihnen die Wurzeln und die Heimat nimmt. Ein System, das ganze Ortschaften platt macht – wie die Räppoldsburg, wie Rottenbach. Die beiden Orte, die einst hier gegenüber standen. Unmittelbar an der ehemaligen Grenze. Am 4. Juni 1952 „zwangsevakuiert“ und anschließend dem Erdboden gleichgemacht. Ein solches System hat keine Legitimation.

Es wird viel darüber gerätselt, wer denn den Gedanken der Deutschen Einheit wach gehalten hat. Waren es die Politiker von CDU und CSU, die sich immer weigerten, die DDR als Staat völkerrechtlich anzuerkennen? War es Willy Brand mit seiner Ostpolitik, für die er später den Friedensnobelpreis bekam? Waren es Gorbatschow, Kohl und Clinton?

Ich glaube, es waren auch die vielen Briefe, Grüße und Besuche über die Grenze hinweg. Diese Gesten der Liebe und der Zusammengehörigkeit haben die Sehnsucht lebendig erhalten, dass diese Grenze einmal fallen wird.

Dafür möchte ich heute danken, dass ihr Westpäckchen gepackt habt und euch auf den Wege gemacht habt durch die Grenzkontrollen – mit Zwangsumtausch, Personenkontrolle, Leibesvisitation – um uns zu besuchen. Das ihr, wie wir, diese Mauer nicht akzeptiert habt.

Der Fall der Mauer - zwischen Judenbach und Schauberg am 31.12.1989  -  kam vielen wie ein Wunder vor.
Wer keine Wunder kennen will, für den mag das banal klingen.
Aber dieses Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein Zeugnis dafür, dass hier viele an Wunder glauben, ist ein Zeugnis für die Liebe, die hinter jedem Wunder steckt.
 
Was hilft das Wunder, wenn die Menschen nicht wachsam sind? Was nützt das Wunder, ohne daran zu glauben? Was bringt das Wunder, wenn man es zwar vor Augen hat, aber nicht den Mut es zu ergreifen? Vor lauter Angst, es könnte schief gehen, es könnte nicht gelingen, es könnte jemand zu kurz kommen.

Ich habe bis heute nicht aufgehört um diesen Geist zu beten: Den Geist der Freiheit und der Wahrheit, voller Kraft, Liebe und Besonnenheit. Diesen Geist, der an Wunder glaubt. Der die Hoffnung niemals aufgibt. Der sich mit Mauern einfach nicht abfindet. Amen.