Foto von aufgeschlagenen Büchern

Beerdigungspredigt über Psalm 113,3+4 und Jesaja 60,19-21

Pastor Thea Bogena (ev.-ref.)

21.11.2014 in Manslagt

Trauerfeier von XY, 87 J., Nov. …

Anklänge:
"Man sieht die Sonne untergehen
und erschrickt doch, wenn es dunkel wird.''
(Satz über Traueranzeige, Herkunft unbekannt);
Psalm 113,3+4 und Jes.60,19-21

Liebe Angehörige der Verstorbenen, liebe Trauergemeinde!

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang…
sehen wir sie dort sitzen.
Es ist ihr Lieblingsplatz.
Wenn das Haus nur ein Zimmer gehabt hätte,
so hätte es dieses sein müssen.
Dabei ist es eigentlich kein Zimmer.
Es ist ein Garten, ein Wintergarten.
Im Hintergrund ist das Wohnzimmer mit dem Klavier.
Seitlich geht es zur Küche.
Durch die geöffnete Tür ist von dort klassische Musik zu hören.

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang…
sitzt sie am liebsten dort.
Am frühen Morgen mit einer Tasse Tee, um den Tag heraufziehen zu sehen.
Den Blick zur aufgehenden Sonne hinter P.
Gemächlich vertreibt die Sonne den Nebel über den Feldern.
Sie gibt den Blick frei bis in weite Ferne.
Neben klassischer Musik dringen immer mehr Vogelstimmen an ihr Ohr.
Ab und zu wendet sie ihren Blick zu den Bäumen und Büschen.
Dort sitzen die Vögel und singen.
Darunter werden im Februar die Schneeglöckchen blühen,
und im März – an ihrem Geburtstag – die Krokusse in satten, bunten Farben.
Ihre Gäste werden das blühende Leben bewundern.
Und sie beneiden um diesen Platz, ihren Lieblingsplatz.
Bald schon werden sich die Osterglocken öffnen, und die Tulpen.
Und dann blüht der Sommer.
Die Blumen am Haus, das Getreide auf den Feldern.
Und im Herbst wird das Laub sich färben
und schließlich fallen.
Die Stoppelfelder werden umgebrochen
und die satte Erde nimmt die neuen Samenkörner auf.

Alles Leben beschreibt diesen Bogen -
vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang,
vom Frühling bis zum Winter,
von der Saat bis zur Ernte,
von der Geburt bis zum Tod.

Und im Hintergrund spielt die Musik,
im Wechsel von Leise und Laut,
von Moll und Dur,
von langsamen und schnellen Sätzen,
von Melancholie und Tanz.

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang…
sitzt sie dort am liebsten.
Bis die Sonne untergeht.
Glühend in weiter Ferne
färbt sie den Himmel rot
und taucht das Land in warme Farben.
Vorboten eines neuen schönen Tages.

Wir sehen sie dort sitzen in dieser Stunde der Dämmerung.
Mit einem Glas Wein lässt sie den Tag ausklingen.
Blickt auf ihn zurück.
Manchmal legt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht,
wenn sie an die kleinen Urenkel denkt.
An ihre strahlenden Augen,
die ungelenken Handbewegungen der ganz Kleinen,
das muntere Krabbeln und
die ersten Gehversuche,
das fröhliche Kinderspiel.
Sie mag diese Besuche,
die Leben in den Wintergarten bringen.
Sie mag die Unterhaltung mit den Kindern,
die sie besuchen.
Aber sie mag auch die Ruhe.
Im Hintergrund immer die geliebte Musik.

Früher hat sie nicht so viel Zeit gehabt, diese Stunden zu genießen.
Daran muss sie nun oft denken.
Wenn sie über die weiten Felder blickt,
gehen ihre Gedanken zurück in der Zeit bis zu ihren Kinderjahren.
Sie denkt an das große Haus in N.,
in dem sie aufgewachsen ist.
An die glückliche Zeit in der Familie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester.

Wie schwer war der Abschied von dort!
Krieg.
Die Flucht vor den Russen. Immer wieder Aufbruch.
Die Ungewissheit, wo Mutter und Töchter einmal bleiben würden.
Wo sie neue Heimat finden würden.

Das war erst einmal H.
Dort lernt sie auch XX kennen und lieben.
In der Landwirtschaftschule in W..
19.. heiraten sie und ziehen hierher nach M.
Sie gründen ihre eigene Familie.
Drei Kinder werden dem Ehepaar geboren.
Zusammen mit den Eltern bewirtschaften sie den Hof im Dorf,
bauen dann den Aussiedlerhof,
der 19.. zur Heimat der Familie wird.

Sie seufzt, wenn sie daran zurückdenkt.
An all die Stationen ihres Lebens,
bis sie auf dem Hof angekommen sind,
auf dem sie blieben bis sie aufs Altenteil zogen.
Sie seufzt, wenn sie an die viele Arbeit denkt,
die sie dort Tag für Tag verrichten mussten.
Wie gefordert sie war.
Wie müde sie am Abend war,
um dann am frühen Morgen wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Sie seufzt, wenn sie daran denkt,
wie viel Kinder zeitweilig auf dem Hof waren.
Manchmal waren es 12 Kinder zusätzlich zu den eigenen,
die dort ihre Ferien verbrachten und mit am Tisch saßen.
Wenn später ihre 5 Enkelkinder zu Besuch kamen oder nun ihre 4 Urenkel,
dann muss sie manchmal auch an diese Zeit
mit den vielen Kindern auf dem Hof zurückdenken,
für die sie eine Mutter auf Zeit war.

Sie seufzt, wenn sie zurückdenkt.
Einfach war sie nicht gewesen, diese Zeit.
Sie hatte sie gefordert.
Manchmal hatte sie sich ein anderes Leben gewünscht.
Hätte gern mehr von der Welt gesehen,
hätte auch gern studiert.
Dann gingen ihre Gedanken zu ihrer Schwester nach England
oder wo in der Weltgeschichte sie gerade war.
Und oft hätte sie gern einfach mehr Zeit gehabt für all die schönen Dinge,
die sie liebte:
Zeit für Konzert- und Theaterbesuche,
Zeit für's Klavierspielen,
für Yoga und Schwimmen,
für Kegelabende,
für das Zusammensein mit den Landfrauen,
für das Singen im Chor.

Wir sehen sie dort sitzen auf ihrem Lieblingsplatz.
Im Hintergrund hören wir die Musik.
Der ruhige zweite Satz in Moll verklingt
und wechselt zum beschwingten Menuett des dritten Satzes.
Sie atmet auf.
Auf ihre Mundwinkel legt sich ein zufriedenes Lächeln.
Dankbar denkt sie an die letzten Jahrzehnte.
Dankbar, dass sie da mehr Zeit hatte für all die schönen Dinge,
die sie so liebt.
An manche schöne Stunde im Kreis der Familie oder mit Freunden
denkt sie zurück.
An die Reise nach England zu ihrer Schwester.
An manches schöne Konzert,
an diesen oder jenen Theaterbesuch.
An die Chorabende.

Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang…
Zufrieden lehnt sie sich auf ihrem Lieblingsplatz zurück.
Im Hintergrund erklingt der vierte Satz,
das Finale der Sonate.
Sie sieht die Sonne langsam untergehen.
Die Dämmerung zieht hinauf.
Ihr Blick geht über die Felder,
weiter als bis P.
Weiter als bis zum Horizont.
Sie ist dankbar, dass sie ihren Platz gefunden hat.
Sie ist dankbar für ihr Leben.

Die Dämmerung weicht.
Dunkelheit legt sich über das Land.
Der Mond zieht herauf.
Die Sterne leuchten am Himmel.
Der letzte Ton des Finales klingt aus.
Es ist still.

Wir erschrecken.
'Man sieht die Sonne untergehen
und erschrickt doch, wenn es dunkel wird.''

Wir sehen sie dort sitzen.
Dort hinter dem Horizont,
wo die Sonne nicht mehr untergeht.
Wo es keine Dunkelheit mehr gibt.
Auch kein Leid und keinen Tod und keine Tränen.
Dort wo es ganz anders sein wird.
Ohne Tag und Nacht.

"Deine Sonne wird nicht mehr untergehen
und dein Mond nicht den Schein verlieren,
denn Gott wird dein ewiges Licht sein,
und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben."
Ganz anders wird es sein. Sagt Jesaja.
Ganz anders.
Ohne Abschied und ohne Schmerz.

Wir werden wachsen und blühen als Pflanzen im göttlichen Garten,
dass Gott sich dran freut.
Sagt Jesaja.

Die Knospen des Weihnachskaktus' öffnen sich schon.
Und dann werden wieder die Schneeglöckchen hervorkommen.

Ein neues Stück wird angesagt.
Der Dirigent hebt die Hände.
Im Hintergrund erklingen die ersten Takte. Amen.