Foto von aufgeschlagenen Büchern

Begräbnisansprache über 1. Korinther 15,55

Diakon Dr. theol. Emmerich Beneder (rk)

22.04.2010

„Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein  Stachel?“(1 Kor 15,55)  

Meine liebe Trauergemeinde! Lieber Viktor! Liebe Brigitte und Birgit! Lieber Gerhard!

Als am Samstag Dr. Korber und ich unserem Viktor, dem Mann von unserer lieben Christa die Todesnachricht überbrachten, waren wir traurig. Wir saßen ein zeitlang beisammen. Dann fragten wir uns: Was ist das Leben? Nichts?

Es ist alles nur geliehen, aller Reichtum, alles Geld. Und muss ich eines Tages gehen, lasse ich alles hier zurück. Alle Güter dieser Erde sind nur auf Zeit gegeben und auf Dauer gar nichts wert. Der Tod bereitet uns die größte Niederlage, aber wie sollen wir damit umgehen? Wir haben es nie gelernt.

Vor ein paar Monaten hat Christa unseren Pfarrer Franz und mich gebeten die Sterbebegleitung zu machen. In so einer Situation braucht wirklich einer den anderen. Ich bin dafür, dass ein Kranker die Wahrheit erfahren soll. Er soll sich ja auf den Tod vorbereiten. Doch der Wahrheit des Todes soll die Bitterkeit genommen werden. Aber wie?

Ich weiß, dass es lange dauert bis ein Mensch den Tod nicht als Feind sondern als Freund, als Bruder und Erlöser betrachtet. In der Zeit des Sterbens macht der Mensch eine stürmische Erntwicklung durch, die er sonst in Jahrzehnten nicht schaffen würde.

Zunächst will kein Mensch den Tod wahrhaben. Er will sich nicht trennen von seinen Geliebten und seinen Gütern. Das Loslassen ist schwer. Da gibt es viele innere Kämpfe. Ich muss fertig werden mit meiner Schuld, ich muss mich mit meiner Lebensgeschichte versöhnen, mit Gott und den Menschen.

Christa hat alles geschafft. Sie interessierte sich nicht mehr für die Zeitung. Sie betete lieber aus dem „Magnificat“ das Morgen- und Abendgebet der Kirche. Sie betrachtete den Tod, das Werden und Vergehen, nicht als Ende, sondern als Verwandlung. In der Präfation der Totenmesse heißt es so schön: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, steht uns eine ewige Wohnung im Himmel bereit“.

Ich fand es rührend, dass Kinder des Hauses Karl-Innerebnerstrasse 103, wo Christa wohnte, vor ihrer Wohnungstür Himmelschlüssel hinlegten. Außerdem brannte vor der Tür immer ein Licht. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass der Tod für uns Christen nicht eine Niederlage, sondern ein Gang ins Licht bedeutet.

Ich muss im Namen von Christa allen herzlichen Dank sagen, die ihr in letzter Zeit beigestanden sind und für sie gebetet haben. Auch ich bedanke mich für das Vertrauen und für die Offenheit. Christa ist mir zur Schwester geworden. Sie war eine bescheidene, sehr dankbare und herzensgute Frau.

Ich habe viel von ihr gelernt. Sie hat mir gezeigt, dass man auf den Tod hinschauen muss, nicht wegschauen. Wenn ein Mensch im Sterben liegt, befindet er sich in einer ständigen Krise. Da gibt es Auf - und - Ab. Am Ende konnte Christa den Tod voll und ganz bejahen. Denn er schließt die Tür der Vergänglichkeit und macht das Tor zum ewigen Leben auf. Öfters sagte ich zu Christa: „Der Herr lässt dich nicht aus der Hand fallen. Denn er vergisst nicht den Bund, den er auf ewig mit dir geschlossen hat“. Sie hat dem Lamm Gottes ihre Schuld übergeben. Sie hat dem Herrn ihre Ohnmacht übergeben, damit er sie in Stärke wandle. Die Kommunion war für sie eine Kraftquelle, ein Arznei für die Unsterblichkeit.

Es war ihr bewusst: Gott will sich ihr ganz schenken. Daher konnte sie auf alles andere verzichten. Sterben hieß für sie: die Hände frei haben für die ewige Umarmung Gottes.

Bei meinem letzten Besuch, am Mittwoch, dem 14. April, strahlte sie über das ganze Gesicht. Sie war so glücklich, weil sie für alle Wohltaten Gottes und der Menschen so dankbar war. Aus Schuld wurde Gnade. Im Tod sah sie keinen Stachel mehr, weil er neues Leben schenkt. Und ihre Liebe zu Christus hat sie von aller Furcht befreit.

Ich habe gespürt wie innig Tod und Auferstehung verbunden sind. Christa war bereits in Gott auferstanden und neu geworden. Von ihrem Gesicht ging ein Leuchten aus. In solchen Situationen trösten Sterbende die Hinterbliebenen.

Ich habe bemerkt, jetzt fällt das Sterben leicht. Christa fühlte sich in Gott geborgen.
Ich habe bemerkt: der Kreuzweg hat sie näher zu Gott gebracht hat. So wurde für
sie aus dem Kreuz ein Heilszeichen. Sie sagte: „Vergiss nie, dass das Leben nichts anderes ist als ein Wachsen in der Liebe und ein Vorbereiten auf die Ewigkeit“. Ich bin dankbar, dass ich so einen christlichen Übergang vom Diesseits ins Jenseits erleben durfte.

Am Samstag ist Christa gestorben. Ihre letzten Worte zu den anwesenden Kindern waren: „Pfiat enk, danke für alles“.

Jetzt frage ich mich, frage ich euch: „Wo ist, o Tod, dein Sieg? Wo ist, o Tod, dein  Stachel?“(1 Kor 15,55)  

Wir setzen die heilige Messe fort, feiern weiter das Geheimnis von Tod und Auferstehung.