Foto von aufgeschlagenen Büchern

Das Geheimnis des Karfreitags – eine Suche

Pfarrer Florian Barth (ev)

18.04.2014 in der Kapelle in Heidelberg

Abendveranstaltung am Karfreitag

Ja, ich gebe es zu: eigentlich lausche ich am Karfreitag lieber auf der Kirchenbank der Predigt eines Kollegen oder einer Kollegin, als selbst auf die Kanzel zu steigen. Durchaus kenne ich die protestantische Lehre der Kreuzestheologie nach Paulus und Martin Luther. Das Problem dabei: Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir damit ein Rätsel lösen. Sie kennen vielleicht den Unterschied zwischen einem Rätsel und einem Geheimnis: Ein Rätsel kann gelöst und dann beiseite gelegt werden, bei einem Geheimnis geht das nicht. Aber an ein Geheimnis tastet man sich heran und dringt immer tiefer, am besten durch Fragen. Nun werde ich meine Fragen an die Kreuzestheologie stellen, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe. Meine Fragen stelle Ihnen zur Verfügung und bedanke mich bei Ihnen für Ihr Interesse.

Warum mache ich das? Wenn wir den Karfreitag als Geheimnis nehmen, stellt uns das auch vor eine Aufgabe: Dass wir uns mit Antworten nicht zufrieden geben, sondern weiter fragen. Es kann sein, dass die eine oder andere meiner Fragen Sie irritieren wird und das sollen Sie auch. Wenn Ihnen aber die eine oder andere Frage gar nicht gefällt, hören Sie bitte weg und ärgern Sie sich nicht – oder nur ein bisschen. Ich lese unsere Bibel so, dass wir einen Gott haben, der sich über ehrliche Fragen nicht ärgert, sondern der immer auch bereit ist, Antworten zu geben. Vielleicht nicht heute, aber irgendwann. Gott wünscht sich den Dialog mit uns, insofern bitte ich Sie, meine Fragen auch als Gebet zu verstehen.

Wir werden heute Abend wohl nicht das Geheimnis des Karfreitags ergründen. Um den Karfreitag zu ergründen, braucht es ein mystisches Erlebnis, wie es Paulus hatte oder auch Martin Luther. Ich glaube aber, indem wir das Feld des Karfreitags ernsthaft beackern, bereiten wir uns auf die Antworten von Gott vor, die letztlich nur er selbst geben kann – und irgendwann auch geben wird.

1) Warum wählte Gott die Kreuzigung Jesu zu unserer Versöhnung?

2) Warum wählte Gott diese Schöpfungsordnung?

3) Wer starb am Kreuz? Jesus Christus – wahrer Mensch oder wahrer Gott?

4) Fragen an mich selbst: Drücke ich mich mit meinen Fragen vor der Opfertheologie?

  1. Warum wählte Gott die Kreuzigung?

Warum wählte Gott für die Sünden-Vergebung des Alten Volks Israels das Ritual des Sündebocks, der dann Jahr für Jahr in die Wüste geschickt wurde, um dort zu verrecken? Hätte Gott nicht auch eine andere Methode wählen können, dem Volk seine Übertretungen zu vergeben?

Und warum wählte Gott in Folge dieses Rituals das Kreuz für seinen Sohn Jesus Christus, um uns ein für alle Mal die Sünden zu vergeben? Hätte man das Sündenbock-Ritual nicht einfach fortsetzen und auf alle Völker übertragen können? Dann wäre Jesus dieser schreckliche Tod erspart geblieben?

Warum opferte er seinen Sohn? Hätte er nicht auch ein Ritual oder ein Ereignis finden können – ohne diesen schrecklichen Kreuzestod?

Im Kreuz gibt es eine Neuordnung von Freiheit, Sünde und Vergebung: Die Sünde wird uns im Kreuz vergeben, die Freiheit bleibt uns erhalten. Luther nannte das den „fröhlichen Wechsel“ nannte. Warum hat Gott für diese neue Zuordnung die Kreuzigung gewählt? Hätte er nicht auch einen fröhlichen Wechsel ohne Kreuzigung schenken können? Hätte er uns nicht auch die Freiheit erhalten und die Sünden anders vergeben können? Warum wählte er dafür die Kreuzigung auf Golgatha?

Nun könnte man sagen, man erst im Tode Christi die Schwere unserer Sünde erkennen kann und dass „der Tod der Sünde Sold ist.“ Hätte Gott uns das nicht auf eine andere Art und Weise zeigen können?

Ich möchte diese Frage noch verschärfen: in unserer zivilisierten Gesellschaft machen wir unsere „kleinen“ Sünden, sind aber ansonsten ganz o.k. Dafür braucht es aber niemanden, der stirbt. In uns schlummern aber noch andere dunklen Seiten, die unter best Umständen auch hervortreten können. Bei den Balkankriegen vor ein paar Jahren fuhren beispielsweise Briefträger aus Belgrad, Familienväter, übers Wochenende nach Bosnien, um dort Menschen zu massakrieren, und um dann am Montag wieder ihrem Dienst als Briefträger nachzugehen. In uns schlummern Abgründe. Ruanda, Pol Pot, Stalin oder Hitler undsoweiter. Wie gehen wir damit um? Welche Sühne ist groß genug dafür? Aber auch hier möchte ich fragen: gelingt Sühne für diese Sünden - im Tode Jesu Christi am Kreuz?

Ich möchte zu meinem zweiten Kapitel kommen: unsere Schöpfungsordnung, für die doch unser Schöpfer verantwortlich ist.

 

  1. Warum wählte Gott diese Schöpfungsordnung?

Wieso leben wir in einer Welt, in der es Kreuzigungen gibt und andere Foltermethoden? Den Tieren gab Gott diese grausamen Möglichkeiten nicht. Tiere können anders grausam sein. Wäre es nicht besser gewesen, er hätte unsere menschliche Freiheit in diesem Bereich von vorneweg eingeschränkt? Warum ließ er uns Messer erfinden, mit denen Menschen erstochen werden? Wieso ließ er uns die Freiheit zum Bösen – um uns dann anschließend wieder zu versöhnen?

Brauchen wir vielleicht von Gott etwas anderes als Freiheit – brauchen wir die Gnade der Unfreiheit?

Warum wählte Gott in dieser Welt eine Schöpfung mit Schmerz und Tod, in der die „Schöpfung ächzt und seufzt“, wie es Paulus einmal formulierte. Hätten wir nicht gleich eine Schöpfung haben können, in der es gar keine Schmerzzentren braucht – so wie uns die neue Schöpfung verheißen ist?

Aus dem Johannesprolog („Im Anfang war das Wort“) können wir entnehmen, dass Christus der Schöpfungsmittler ist. Welchen Anteil hat Christus an dieser Schöpfung?

 

  1. Wer starb damals am Kreuz?

Wer starb damals am Kreuz? Jesus Christus – als wahrer Mensch oder als wahrer Gott? Starb Christus dort als Mensch, der deshalb auch rufen konnte: „mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ und: „In deine Hände befehle ich meinen Geist?“

Starb Christus dort auch als Gott? Sie erinnern sich: beim Tode Jesu kam eine Sonnenfinsternis – ein Symbol dafür, dass das „es werde Licht“ vom Anfang der Schöpfungsgeschichte zurückgenommen wurde. Christus, der Schöpfungsmittler wird hier angesprochen. Starb Christus auch als Gott, als Sohn am Kreuz?

Starb dann dort auf Golgatha wirklich Gott? Aber das ist doch undenkbar! Eine Welt ohne ihren Schöpfer, ohne ihren Gott?

Oder starb dort von unserem dreieinigen Gott nur der Sohn – und der dreieinige Gott starb dort also nur zu einem Drittel und hielt als Vater und Geist weiter die Welt in seiner Hand? Starb Gott also auf Golgatha nur „ein bisschen“? Das wäre doch absurd!

Nach unseren Glaubensbekenntnissen ist das Gott – Mensch – Geheimnis von Jesus nicht aufteilbar nach menschlichen und göttlichen Anteilen. Jesus Christus war immer zugleich Gott und Mensch.

  • Versuche ich, in dem ich Gott und Mensch bei Jesus unterscheide, mit meinem kleinen menschlichen Verstand Gott zu bemessen und begehe ich so mit meiner Frage eine Gotteslästerung?

  • Versuche ich mit meiner Frage nach dem Verhältnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist auf Golgatha das Verhältnis der Dreieinigkeit zu entschlüsseln und dabei Gott in mein kleines, menschliches Raum-Zeitliches Denken zu fixieren?

  • Aber dann noch eine Anschlussfrage: warum öffnet Gott dann nicht meinen Geist – so dass ich Golgatha verstehe?

  • Oder wehre ich mich dagegen, dass der Karfreitag ein Geheimnis ist und möchte ich ihn lieber als ein Rätsel – das dann auch irgendwie zu lösen ist?

Sie merken, mit meinen letzten Fragen hinterfrage ich auch meine eigenen Möglichkeiten des Fragens. Ich komme nun zu meinem letzten Fragenzyklus, in dem ich mich und meine Fragerei in Frage stellen möchte.

 

  1. Drücke ich mich vor der Opfertheologie?

Ich habe mir überlegt: vielleicht stelle ich auch all die Fragen nur, um mich von einer Opfertheologie zu distanzieren? Vielleicht will ich nicht akzeptieren, dass jemand sich für mich geopfert hat? Dass mein Gott Jesus Christus sich für mich opfern musste – damit ich leben kann?

Das ist ja nicht schön, in einer solchen Abhängigkeit zu stehen.

In unserer Gesellschaft geht es darum, selbstständig zu sein, unabhängig. Und ich bin ein Kind dieser Gesellschaft. Vielleicht besteht meine Sünde darin, dass ich mich mit meinen Fragen weigere, zu akzeptieren, dass ich das Sühneopfer dieses Jesus Christus brauche, um leben zu können.

Es gibt bei uns sogenannte weiße Flecken: Dinge, die wir in uns nicht sehen wollen, die wir verdrängen. Martin Luther kannte sie auch, deshalb beichtete er in seinen jungen Jahren jeden Tag stundenlang, weil er sich die Mühe machen wollte, auch seine dunklen Seiten in den hintersten Winkeln seiner Seele anzuerkennen und vor Gott zu bringen. Vielleicht bin ich, Florian Barth, nicht so mutig wie Martin Luther und schaue lieber über diese weißen Flecken hinweg und mache es mir einfach, indem ich mir einrede, dass ich mich ganz okay finde und dass Gott mich dann eben auch ganz okay finden soll und ich kein Opfer von ihm brauche. Aber vielleicht bin ich es gar nicht? Sondern sündig? Bedürftig nach Versöhnung?

Schließen möchte ich mit einer Frage von Dietrich Bonhoeffer, sie stammt aus seinem Gedicht „Wer bin ich?“

„Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich o Gott!“ (D. Bonhoeffer)