Foto von aufgeschlagenen Büchern

Dialogpredigt über Lukas 1,39-56

Pfarrerin Wibke Janssen und Vikar Dr. Jens Kreuter

in der Evangelischen Kreuzkirche, Bonn

Die Orgel spielt einige Takte von "Let it be"

Vikar Dr. Jens Kreuter (steht auf der Kanzel): Das waren doch die Beatles, oder Wibke? Was hat denn "Let it be" mit der Geschichte von Elisabeth und Maria zu tun?

Pfarrerin z.A. Wibke Janssen (steht vor dem Altar): "Let it be" ist ein Marienlied. "Wenn es mir schlecht geht", heißt es darin, "wenn ich schwierige Zeiten durchmache, erscheint Mutter Maria, beruhigt mich mit leisen Worten, kommt mir nahe und tröstet mich.

Jens: Und wie kommen die Beatles dazu, so ein Stück zu schreiben?

Wibke: Sie sind jedenfalls nicht die einzigen, die über Maria singen. Auch "Es kommt ein Schiff geladen" ist ein Marienlied. Der Schiffskörper mit seinem ausladenden Bug ist ein Bild für den runden, schwangeren Bauch der Maria. Die teure Last, die das Schiff trägt, entspricht dem Kind Jesus im Leib seiner Mutter.
Ich kann verstehen, dass Maria die Liederdichter beschäftigt. Es ist etwas besonderes um sie. Nimm nur ihre Reise zu dem Gespräch mit Elisabeth: zu Fuß, allein durchs Gebirge, mit raschen Schritten, bergauf, bergab. Das zeigt Entschlossenheit und Kraft. Und einige Monate später: hochschwanger: wieder unterwegs, von Nazareth nach Bethlehem, gut 100 Kilometer staubige, unebene Straßen. Die Geburt ihres ersten Kindes, eine ganz besondere Geburt, erlebt sie in einem Stall. Aus dem Wochenbett, so wird erzählt, muss sie mit dem Neugeborenen nach Ägypten fliehen, weil der König Herodes ihr Kind verfolgt.
Und schließlich, nach 30 Jahren, verliert sie dieses Kind, ihren Sohn, durch Gewalt, durch eine Hinrichtung. Sie macht wirklich viel mit. Das ist Stoff für Lieder über Lieder.
Maria trägt auf Bildern ihren Sohn, zuerst im Leib und dann in ihren Armen, im Stall nach seiner Geburt und unter dem Kreuz nach seinem Tod. Ich kann nachvollziehen, dass Maria Menschen einlädt, bei ihr Geborgenheit und Zuflucht zu suchen.

Jens: Kein Wunder, dass Maria letztes Jahr wieder der beliebteste Mädchenname in Bonn und insgesamt in Deutschland war. Aber wenn ich an die Mariengeschichten denke, die ich so kenne, oder auch an die Lieder, dann bin ich skeptisch, was für ein Frauenbild dahintersteckt.

Wibke: Klar, da gibt es Anfragen. Zu sehr steht Maria oft für das dienende, schweigende, sich hingebende Weib. Die keusche Jungfrau, die allzeit gütige Mutter, ohne eigene Bedürfnisse, ohne Fehl und Tadel. Darauf möchte ich nicht festgelegt werden. Nun haben wir in der evangelischen Kirche auch nicht viel Übung mit Maria. Sollten wir das ändern, Jens?

Jens: Na ja, es gibt sicher Formen der Marienverehrung, die wir nicht kopieren müssen. Aber dass Maria eine ganz besondere Frau war und vor allem eine ganz besondere Geschichte mit Gott hatte, das steht in der Bibel. Maria ist die Mutter von Jesus. Deswegen haben Christen sie auch schon ganz früh, lange bevor es die Trennung zwischen Evangelischen und Katholischen gab, als "Gottesmutter" oder als "Gottesgebärerin" bezeichnet. Ein Anlass, über Maria nachzudenken, die sicher auch für uns ein Vorbild im Glauben sein kann, ist die ökumenische Marienwallfahrt, die für den August in Bonn geplant ist.
Im Übrigen ist das Evangelium, das wir vorhin gehört haben, ja auch nicht ein Lied über Maria, sondern ein Lied von Maria. Und ein sehr berühmtes noch dazu. Das "Magnificat", das auch alle die Komponisten angeregt hat, deren Werke wir heute im Gottesdienst hören. Was meinst Du, wie kommt das, dass Singen eine so große Rolle in der Bibel spielt?

Wibke: Ich will erst mal darüber nachdenken, warum Menschen überhaupt singen. Am besten würden wir jetzt den Kammerchor interviewen oder die Gemeinde.
Zwei Anlässe fallen mir ein, die vielleicht für viele gelten. Menschen singen gegen die Furcht und Menschen singen aus Freude. Wenn du in den dunklen Keller gehst und dich schaudert, wenn dir die Furcht im Genick sitzt, dann sing laut, und es geht dir besser. Wenn du völlig begeistert bist, weil du verliebt bist, weil deine Mannschaft ein Tor geschossen hat, weil du jemanden feiern willst, dann sing, denn sonst platztst du vielleicht vor Freude.
Furcht und Freude - könnten die auch bei Elisabeth und Maria im Spiel sein, bei ihrem Rufen und Singen?

Jens: Wie Du die Spannung von Furcht und Freude beschreibst, dass erinnert mich an die Zeit, als unser Sohn unterwegs war. Wir haben uns sehr darüber gefreut, dass meine Frau schwanger war, wir haben uns über die Ultraschallbilder gefreut und über die ersten Bewegungen des Kindes im Bauch. Aber gleichzeitig hatten wir auch etwas Furcht. Ob alles gut gehen würde bei der Schwangerschaft und bei der Geburt? Ob wir wohl ein gesundes Kind bekommen würden? Und wie würde sich unser Leben nach der Geburt erst verändern?
Ich kann mir gut vorstellen, dass es Elisabeth und Maria ganz ähnlich ging. Elisabeth war alt geworden, ohne Kinder bekommen zu können. Da kam der Engel Gabriel zu ihrem Mann und kündigte ihm die Schwangerschaft an - worauf dieser neun Monate lang stumm wurde. Für Elisabeth und Zacharias war es eine große Freude, ein Kind zu bekommen, aber die Begleitumstände haben sicher auch Furcht ausgelöst. Für die unverheiratete Maria lag in der Schwangerschaft Furcht und Freude noch näher beieinander. Und auch ihr war der Engel Gabriel erschienen, was sie erst erschreckt und dann gefreut hatte. Vielleicht haben beide auch ein bißchen geahnt, wie schwer es ihre Kinder, Johannes der Täufer und Jesus, haben werden.
Furcht und Freude durch eine Schwangerschaft - wie hast Du das erlebt?

Wibke: Klar, als ich mit Moritz schwanger war, da war beides: sehr viel Freude und auch Ängste. Die Schwangerschaft war - wie wohl auch für Elisabeth und Maria - etwas, das in mein ganzes Leben eingriff, in jede Faser. Nichts war mehr wie vorher. Und wenn dann so ein heranwachsendes Kind sich im Bauch bewegt, wie hier in der Geschichte - ich kann verstehen, dass Elisabeth und Maria in Jubel ausbrechen und Gott loben. Ich finde es beeindruckend, dass die beiden Frauen sich drei Monate miteinander Zeit nehmen, um all das zu bedenken, als Geburtsvorbereitung sozusagen.

Jens: Mir fällt noch auf, dass die meisten der Lieder und Jubelverse, von denen in der Bibel erzählt wird, von Frauen gesungen werden. Mirjam singt ein Lied nach dem Durchzug Israels durch das Schilfmeer, Hanna nach der Geburt ihres Sohnes Samuels, hier singen Elisabeth und Maria. Oft haben die Lieder gleichzeitig mit Freude und mit Furcht zu tun.

Wibke: Die beste Geschichte dazu findet sich im Matthäusevangelium: Nach dem Tod Jesu machen sich zwei Frauen auf, um nach seinem Grab zu sehen. Es geschieht Ungeheuerliches: die Erde bebt, ein Engel, leuchtend wie ein Blitz, erscheint, weist auf die leere Grabstätte und verkündet: Jesus ist auferstanden. - Und hier stehen sie, die zwei Stichworte: mit Furcht und großer Freude verlassen die Frauen das Grab.
Mit Furcht gehen die Frauen: Was tut Gott? Was ist geschehen? Was hat das alles zu bedeuten? Nichts ist mehr wie vorher? Wie sollen wir das verstehen? Was ist jetzt zu tun?
Und mit großer Freude gehen die Frauen auch: Es ist nicht zu fassen: Gott ist stärker als der Tod, die Geschichte Jesu mit uns geht weiter. Wunder geschehen, Rettung ist möglich.
Wenn sich etwas grundlegend ändert, auch zum Guten, löst das doch immer auch Angst vor dem Neuen aus. Und wenn Gott handelt, dessen Wege für uns unverständlich und unerforschlich sind, dann hat das auch immer etwas Unheimliches, Beunruhigendes. Wir haben die Lage nicht in der Hand.

Jens: Ja, auch Maria singt davon, dass Gott handelt, und das löst Furcht und Freude aus. Sie singt davon, dass Gott handelt, indem er die Verhältnisse umkehrt. Die Gewaltigen stößt er vom Thron; die Niedrigen erhebt er; die Hungrigen füllt er mit Gütern; die Reichen lässt er leer ausgehen. Wer hätte davon nicht schon mal geträumt? Einmal im Lotto gewinnen. Einmal selber Chef sein. Mir würden eine Menge Beispiele einfallen, wie ich die Verhältnisse gerne umdrehen würde.

Wibke: Bist Du sicher, dass Du zu den Niedrigen oder zu den Hungrigen gehörst? Im Moment stehst Du oben auf der Kanzel.

Jens: Na und?

Wibke: Was heißt: Na und? Du fandest doch gerade die Umkehr aller Verhältnisse so toll. Aber Du stehst oben und ich hier unten. Lass' uns mal tauschen.

Jens: Puh... Meinetwegen, wenn Du meinst, dass das 'was bringt...

(Platzwechsel)

Jens: Und - ist jetzt alles anders?

Wibke: Ich finde schon, dass sich etwas verändert hat.

Jens: Na ja gut, jetzt stehst Du halt oben, aber vielleicht kehren sich die Verhältnisse ja noch 'mal um und dann darf ich wieder. Aber das ist ja wohl nicht gemeint im Lied der Maria, dass es ein ständiges Rotationsprinzip gibt. Maria singt nicht davon, dass es irgendjemandem schlecht gehen wird, sondern sie beschreibt, wie Gott die, die unten sind, nach oben erhebt und die, die oben waren, erniedrigt. Sie sagt aber nicht, dass es zu einem Wechsel der Plätze kommt, sondern beschreibt nur die Richtung, in die die Veränderung geht. Wer weiß, vielleicht meint sie, dass es zu einer Angleichung kommt. Oder sie singt von einer Ordnung, die alle unsere Vorstellungen sprengt.

Wibke: Trotzdem möchte ich noch mal das Wort Umkehr aufgreifen. Wir sind in der Adventszeit. Nach dem Kirchenjahr ist das Bußzeit, Umkehrzeit. Meistens sehen wir das so: Wir Menschen sollen umkehren zu Gott und entsprechend unser Leben ändern. Hier im Gesang der Maria läuft es andersherum: Gott ändert die Vorzeichen, Gott kehrt die Verhältnisse um, von ungerecht zu gerecht.
Das ist Grund zur Freude und gleichzeitig könnten wir auch bange fragen: Was bedeutet das für uns? Werden wir leer ausgehen? Müssen wir gar etwas abgeben? Wo werden wir uns wiederfinden in den umgekehrten Verhältnissen?

Jens: Mir ist aufgefallen, dass ein Wort zweimal vorkommt in dem Magnificat: Barmherzigkeit. Gott ist barmherzig, wenn er handelt. Oft weiß ich nicht, ob es Gott ist, der handelt und oft verstehe ich nicht, was um mich herum geschieht, aber ich finde es ganz wichtig, dass Gott ein barmherziger Gott ist. Ihm ist nicht egal, wie es um uns bestellt ist, sondern wir Menschen liegen ihm am Herz. Und das heißt für Maria auch, dass Gott treu ist. Er hält seine Versprechen, verläßt uns nicht. Eine alte Beschreibung fällt mir ein: Wir haben einen Gott, der Bund und Treue hält ewiglich und nicht fahren lässt das Werk seiner Hände. In der Epistel, die wir vorhin gehört habe und in der es ja auch darum geht, dass Gott handelt, schreibt Paulus so schön: In Christus war das Ja. In Christus war das Ja zu den alten Verheißungen, in Christus ist aber auch Gottes barmherziges Ja zu uns Menschen. Treue und Barmherzigkeit sind die Maßstäbe, nach denen Gott handelt. Davon singt Maria gegen unsere Furcht.

Wibke: Bleibt festzustellen, bei allem Jubel der Maria: So ist es nicht. Die Welt ist, wie sie ist. Ungerecht und unbarmherzig, oft. Es gibt Reiche und Arme, es gibt oben und unten. Hier irrte Maria mit ihren zuversichtlichen Tönen, oder?

Jens: Vielleicht können uns Maria und Elisabeth auch helfen, das zu verstehen. Vielleicht ist Gottes Handeln manchmal so wie eine Schwangerschaft: Von Anfang an ist alles angelegt. Das Baby ist da. Aber in den ersten Tagen weiß davon kein Mensch, nicht einmal die Mutter. Dann gibt es viele Wochen, in denen niemand etwas sieht und erst zum Schluss ist der runde Bauch der Mutter Anzeichen dafür, dass das Baby existiert. Wir wissen noch nicht einmal, ob Maria überhaupt schwanger ist, als sie Elisabeth besucht, aber für beide Frauen sind ihre Kinder schon ganz da, sind sie Realität, die ihr Leben ganz bestimmt.

Wibke: Ich spinne den Faden mal weiter. Wenn ich in Deinem Bild bleibe, Jens, sind wir im übertragenen Sinne - alle schwanger. Jesus Christus ist schon da, ist uns gegenwärtig; wir spüren, wie er etwas in uns bewegt. Und gleichzeitig warten wir darauf, dass er wieder auf die Welt kommt und dass dann endgültig alles anders wird.
Es ist Advent, wir gehen schwanger mit dem Gedanken, dass unser Retter geboren wird. Wir warten auf Gottes Niederkunft zu uns Menschen. Wir sind guter Hoffnung, dass Jesus Christus zur Welt kommt.

Jens: Das Abendmahl ist dafür ein gutes Beispiel: Es ist Gott, der im Abendmahl handelt, er ist verborgen, aber er ist doch schon da. In dem Abendmahlslied, das wir gleich singen, wird das ganz deutlich, wie Gott anfängt, unter uns zu wirken: Wenn das Brot, das wir teilen als Rose blüht, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut. Wir sind froher Erwartung, und vielleicht sollten wir einstimmen in den Lobgesang der Maria: Meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes.