Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ein Jahr nach dem 11. September

Ralf Birkner

in Kirche in EINS LIVE (Morgenandachten - 9.9.2002-14. 9.2002)

Montag, 9. September 2002

An dem Tag, der als der 11. September in die Geschichtsbücher eingegangen ist, musste ich viel lernen. Vor fast einem Jahr musste ich Worte kennen lernen, die mir bis dahin eher nicht geläufig waren. Ich habe etwas erfahren müssen über religiös motivierte Terroristen und deren Pläne, die bis dahin unvorstellbar waren.

Ich habe aber auch lernen dürfen, dass ich gläubige Muslime deshalb nicht generell verurteilen darf. Darüber bin ich echt froh!

Ich erinnere mich an die Geschichte von Usip (Sprich: USCHIP). Er ist 15 Jahre alt. Eine Woche nach dem 11. September letzten Jahres hat er seine Klassenkameraden und Freunde zu sich nach Hause eingeladen. Das am Anfang total steif und anstrengend. Das gemeinsame Essen und Trinken ließ aber schnell eine herzliche Atmosphäre aufkommen. Usips Eltern haben unaufdringlich aber verständlich immer wieder kleine Geschichten von Ihrer Tradition und ihrem Glauben erzählt. Usips deutsche Freunde konnten Fragen stellen und haben auch kritische Anmerkungen gemacht zu Dingen, die ihnen total fremd vorkamen. Es gibt Gewohnheiten in der Tradition des Islam, die uns Angst machen. Aber im Gespräch verlor das alles seinen Schrecken und erzeugte bei den christlich erzogenen Jugendlichen viel Respekt, z.B. die ungeheure Disziplin, die der Fastenmonat Ramadan von den Gläubigen verlangt.

Vorurteile und abstruse Schreckensbilder sind bei Usips Freunden seitdem Vergangenheit. Ein Gegenbesuch bei einer deutschen Familie wird für Usip und seine Geschwister eine Ehrensache sein, denn auch sie haben noch viele Fragen an manche Gewohnheiten des Christentums.

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Dienstag, 10. September 2002

Kurz nach dem 11. September letzten Jahres war ich in Berlin zu Besuch. Ich war total überwältigt von dem Blumenmeer vor der Amerikanischen Botschaft. In den Büchern, in die jeder seine Gedanken schreiben konnte las ich immer wieder:

Wir trauern mit euch. Wir denken an euch. Wir sind fassungslos. Einige Jugendliche standen mit mir davor, manche hatten Tränen in den Augen. Tränen als Zeichen des Mitgefühls. Dieses Mitgefühl hat Menschen auf der ganzen Welt zusammenrücken lassen, weil es von Herzen kam. Viele sprechen heute oft von einer abgestumpften Gesellschaft. Bilder des Grauens und Leidens werden täglich massenweise vor unsere Augen gestellt. Manche behaupten, das meiste davon berühre uns gar nicht mehr. Die Attentate des 11. September haben viele Menschen veranlasst, grundlegend über ihr Leben nachzudenken, nicht einfach so zur Tagesordnung überzugehen.. Das gibt dem Terror keinen Sinn und verharmlost ihn auch nicht. Aber es tröstet mich, dass wir anscheinend doch noch nicht so abgebrüht und abgestumpft sind und dass wir ein gemeinsames Gefühl entwickeln und solidarisch sein können. Ich finde es wichtig, sich daran in dieser Woche zu erinnern. Das kann helfen, wenn im eigenen Leben, der 11. September kommt. Plötzlich steht alles still, von jetzt auf gleich kann die Welt zusammenbrechen. Eine zerbrochene Beziehung, die Nachricht über eine bösartige Erkrankung, der Verlust eines Arbeits- oder Ausbildungsplatzes, das alles kann uns wie aus heiterem Himmel treffen, eben so, wie es im wahrsten Sinne des Wortes am 11. September geschah. Dann brauchen wir die Solidarität von Menschen, die uns helfen, die uns trösten, zuhören oder auch einfach nur mit uns weinen.

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Mittwoch, 11. September 2002

Den Begriff "Ground Zero" habe ich genau heute vor einem Jahr kennen gelernt. Er erinnert an einen furchtbaren Terrorakt. Am 11.September letzten Jahres flogen nacheinander zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers, die darauf hin einstürzten und mehr als 2800 Menschen mit in den Tod rissen. Die Bilder, die uns in diesen Tagen wieder gezeigt werden geben mir das Gefühl, alles wäre gestern erst passiert, ich habe sie nicht vergessen können. Es ist richtig und notwendig irgendwann wieder zur Tagesordnung zurück zu kehren. Die Menschen in New York waren die ersten, die damit angefangen haben. Aber, der jährliche Gedenktag und die Erinnerung sind wichtig.

Erinnerung ist das Gegenteil von Gleichgültigkeit.

Ich möchte heute ganz bewusst die Ohnmacht und Angst des 11. September spüren, um wie vor einem Jahr zu fragen, was in meinem Leben wichtig, wertvoll und unzerstörbar ist. Ich möchte die Wut und die Trauer des 11. September spüren, um sensibel zu werden für Unrecht in meinem Leben und um mich herum.

Ich möchte die Solidarität und spontane Gemeinschaft mit bekannten und unbekannten Menschen erfahren, die mich ermutigt und mich unabsehbare Krisen meistern lässt. Ich möchte auch die Gebetsgemeinschaft erleben, wie am 11. September und danach, in der überall auf der Welt Menschen Trost und Halt bei Gott gesucht haben. Die Erinnerung an Schreckliches ist unbequem und anstrengend, aber lebens- not-wendig. Deshalb gehe ich heute ganz bewusst mit meinen Gefühlen und Gedanken zurück zum Punkt Null, zum Ground Zero.

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Donnerstag, 12. September 2002

Mehr als 2800 Menschen sind am 11 September unter den Trümmern des World Trade Centers gestorben. Das ist schrecklich und schlimm. Es hätten aber noch ein paar Hundert oder sogar Tausend mehr sein können, wenn nicht einzelne Menschen ihr Leben riskiert hätten, um andere zu retten.

Ich denke an die vielen Feuerwehrleute und Polizisten. Ich denke an viele Lehrerinnen und Lehrer in angrenzenden Schulen. Ich werde nie den Bericht über einen Mann vergessen, der eine behinderte Frau auf seinen Schultern dreißig Stockwerke hinuntergetragen hat. Keiner von denen kannte das Ausmaß der Gefahr wirklich, alle haben ihr eigenes Leben riskiert und viele haben es im Dienst für andere verloren. Zivilcourage nennt man das mit einem schon fast abgegriffenen Wort.

Manche behaupten, wenn jeder für sich selber sorgen würde, wären ja alle versorgt. Sie übersehen dabei aber, dass nicht alle Menschen für sich selber sorgen können. Couragiert leben kann man nur mit einer Überzeugung. Wer davon überzeugt ist, dass alle Menschen wertvoll und wichtig sind, wird sich einsetzen und Unrecht bekämpfen wollen. Wer davon überzeugt ist, dass jede Form des Lebens schützenswert ist, wird sich auch dann engagieren, wenn er nichts dafür bekommt, oder sogar selbst in Schwierigkeiten gerät. Christen nennen die Grundhaltung, die dahinter steckt die goldene Regel. Die geht so: Tu für andere das, was du auch von ihnen erwarten würdest.

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Freitag, 13. September 2002

Der heutige Freitag der 13. ist für abergläubige Menschen ein Horrortag. Der 11. September letzten Jahres hat den Aberglauben als Irrglauben entlarvt. Es kann immer und zu jeder Zeit etwas passieren. Permanente Angst und kalendarische Unsicherheiten lähmen und machen lebens-untüchtig. Jeder Tag hat eine eigene Chance. Vieles liegt an uns. Menschen sind nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert.

Natürlich geschehen Dinge, denen man hilflos ausgeliefert ist. Ständig damit zu rechnen und alles eventuell mögliche zu berücksichtigen ist unmenschlich und macht das Leben zur Hölle. Die Menschen in Amerika haben bewundernswert auf die nationale Katastrophe reagiert. Viele haben in ihrem Nationalstolz die Kraft gefunden, weiter zu leben, anderen zu helfen und das private und gesellschaftliche Leben neu zu gestalten. Sie sind als Einzelne und als ganze Nation Opfer geworden. Das Erlebte war nicht im Traum vorhersehbar. Aber es hat den Menschen den Mut zum Leben nicht genommen. Erst recht darf keine Form von Aberglauben Menschen unfrei machen und entmutigen, weil irgendein Datum oder eine Sternenkonstellation angeblich etwas Schlimmes erahnen lassen. In Amerika ist das Allerschlimmste passiert, was niemand vorhersehen konnte. Menschen haben sich dazu entschieden, es geplant und es durchgeführt, nicht am Freitag, den 13., sondern am Dienstag, den 11. September 2001.

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Samstag, 14. September 2002

Der hat aber ein schweres Kreuz zu tragen. So spricht man von jemandem, der besonders leidet oder mit seinem Leben große Schwierigkeiten hat. Das Kreuz erscheint als Symbol für Leiden und Schmerz, Trauer und Ohnmacht. Nicht jedem, der einen Modeschmuckartikel in Kreuzform trägt, ist das bewusst.

In der Kirche wird das Kreuz besonders verehrt. Viele Christen erinnern sich beim Anblick des Kreuzes daran, dass für Jesus der Tod nicht das Ende war. Das Kreuz erinnert sie auch an die Zusage Jesu, ganz besonders in den schweren Zeiten des Lebens bei ihnen zu sein. Viele Menschen haben am Ground Zero, dem Ort des Grauens mitten in New York Kreuze aufgestellt. Stumme Botschafter eines Glaubens, der sich gegen das Leiden und den Tod stemmen will. Stumme Mahner an alle Menschen, ihre Konflikte und Probleme gewaltfrei auszutragen. Stumme Zeugen der vielen Menschen, die Ground Zero im vergangenen Jahr besucht haben. Millionenfach haben sie geschwiegen, getrauert, gebetet.

Viele werden mit dem festen Vorsatz dort weggegangen sein, sich für Versöhnung und Frieden einzusetzen. Mancher wird über eigenen Konflikte und die Suche nach Lösungen nachgedacht haben. Sicher werden neben den Toten des World Trade Centers auch die eigenen verstorbene Freunde und Verwandten die Schweigeminuten beherrscht haben. Unser Leben wird oft durchkreuzt durch unerwartete Ereignisse, die uns aus dem Rhythmus bringen. Als Zeichen des Glaubens hilft das Kreuz, trotzdem weiterzuleben und die Hoffnung nicht zu verlieren.