Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ein Wink des Himmels

Pastor Christian Berndt

28.01.2002 im NDR 1 Radio Niedersachsen

Manchmal braucht man einen Wink des Himmels. Es ist jetzt fünf Jahre her. Schnittig biegt der weiße Golf um die Kurve. Zwar quietschen die Reifen nicht. Trotzdem gut, dass da jetzt niemand steht.

Am Steuer sitzt eine Diakonisse. Flotte 79 Jahre alt. Als eine unserer Schwestern immer unterwegs im Namen des Herrn. In einem abenteuerlichen Fahrstil.
Sie verschwindet mit dem Auto in der Tiefgarage unter den Seniorenwohnungen.
Fährt eine halbe Runde. Der Parkplatz ist frei. Und schon steht der Wagen.
Zündung aus. Einmal tief durchatmen. Das wäre mal wieder geschafft
Da hört sie, wie sie jemand anspricht:
"Ja, ja, Rosemarie. Jetzt bist Du fast achtzig und immer noch willst Du Autofahren. Du wartest wohl darauf, dass noch mal ein großes Unglück geschieht."
Sie dreht sich zur Seite. "Wer war das?" Der Gurt klickt beim Lösen. Ihr silbernes Einsegnungskreuz, das ihr um den Hals hängt, vertüdelt sich kurz. Dann steigt sie langsam aus dem Auto aus. Niemand zu sehen.

"Schwester Martha?" Es hallt jedoch nur ihre eigene Stimme von den Wänden wider. Sonst ist niemand zu hören, allein das Brummen der Lichtröhren. Ein letzter Blick auf das Auto. Sie schüttelt den Kopf. Tagelang geht sie nicht mehr in die Tiefgarage.
Autogefahren ist sie seit dem nie mehr.
Seit fünf Jahre nicht. Jetzt ginge das auch wirklich nicht mehr.
Inzwischen ist sie durch Krankheit gekrümmt, die Hände aber fest an dem Gehwagen. So steht vor mir und erzählt mir die Geschichte.
Auf dem Gehwagen mehrere BMW-Aufkleber. An dem Griff eine Hupe, die setzt sie auf den Gängen auch immer wieder ein.
Sie schaut mich an - seitlich nach oben. Eine Strähne ihres langen grauen Haares wird nicht von ihrer weißen Haube festgehalten. Sie fällt ihr ins Gesicht. Sie lächelt.

"Und wissen Sie was, Herr Pastor, ich bin mir ganz sicher. Diese Stimme damals in der Tiefgarage, das war ein Engel. Auch wenn das komisch klingen mag."
Ich muss gestehen, es wirkt auf mich überhaupt nicht komisch.
So leidenschaftlich wie sie Auto gefahren ist, konnte das Zureden von Menschen sie nicht davon abhalten.

Da war schon ein Wink des Himmels nötig, um sie zu überzeugen. Der hat es dann ja auch getan. Dabei bin ich mir sicher, Engel reden nicht nur mit Diakonissen. Und wenn wir auf sie hören, dann kann das ein Segen sein.