Foto von aufgeschlagenen Büchern

Einführung und Predigt für die Christmette

Matthias Blaha (rk)

24.12.2001 in Nassenfels

Weihnachten - ein bewegendes Fest

Beginn der Feier
Krippe ist leer; keine Kerzen brennen in der Kirche. Elektrische Beleuchtung ist eingeschaltet. Nach jeder "Unfriedens"-Meldung wird ein Teil der Beleuchtung ausgeschaltet, bis es ganz dunkel ist.

Sprecher
Jerusalem. Als Vergeltung für einen Selbstmordanschlag hat das israelische Militär Teile von Ramallah beschossen. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben.

Kabul. Die Jagd auf Osama bin Laden geht mit unverminderter Härte weiter. Unterdessen steigt die Angst vor erneuten Anschlägen in Ländern, die sich am Krieg gegen den Terror beteiligen.

Neu-Delhi. Der Konflikt zwischen Indien und Pakistan um die Region Kaschmir droht außer Kontrolle zu geraten. Besonders brisant wird die Krise dadurch, dass beide Staaten über Atomwaffen verfügen.

Berlin. Nach Informationen des Kinderhilfswerks UNICEF sterben jeden Tag 30000 Kinder vor ihrem fünften Lebensjahr. Die häufigsten Todesursachen sind mangelnde medizinische Versorgung, Unterernährung und Gewalt in vielen Ländern der Erde.

München. Das bayerische Innenministerium meldet einen Anstieg der Drogentoten im Freistaat. Dies entspricht dem gesamtdeutschen Trend: Bundesweit starben im vergangenen Jahr 1812 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums.

Dunkelheit in der Kirche, Stille

Lesung: Jes 9,1-6
währenddessen wird von einem Kind das Jesuskind von hinten in die Kirche getragen und in die Krippe gelegt, begleitet von einem Kind mit einer Kerze.

Deutende Worte
Jesajas Volk lebte im Dunkel: Angefeindet von den Nachbarvölkern, unterdrückt, verschleppt, bettelarm.

Der Prophet Jesaja hat eine Vision: Er träumt davon, dass Gott selbst auf die Erde kommt. So wie ein strahlendes Licht die Dunkelheit besiegt, wird Gottes Macht aufräumen mit jeder Form von Unrecht.

An Weihnachten wurde Jesajas Traum wahr. Allerdings etwas anders, als er gedacht hatte:
Gott kam auf die Erde, aber nicht als Herrscher, sondern als wehrloses Kind. Denn er wusste: Frieden und Macht vertragen sich nicht.
Gott kam auf die Erde, aber nicht als blendendes Licht, sondern als unscheinbare Flamme. Doch er vertraute darauf: Das kleinste Licht hat mehr Recht als die größte Finsternis.
Gott kam auf die Erde, aber nicht um dreinzuschlagen, sondern um ein Leben der Liebe zu führen. Denn er glaubte an das Gute im Menschen. Er glaubte daran, dass Menschen guten Willens sein Vorbild nachahmen.

Heute ist Weihnachten.
In jedem Menschen, der liebt, wird Christus geboren.
In jedem Menschen, der liebt, leuchtet ein Licht der Hoffnung in die Dunkelheiten unserer Zeit.
In jedem Menschen, der liebt, wird Christus geboren.
Weihnachten ist heute.
Beleuchtung in der Kirche wird wieder angeschaltet.

Lied: 144,1-5
währenddessen Einzug in die Kirche

Predigt

Zu den unvergesslichen Erlebnissen meiner Kinderzeit gehört, wie wir jedes Jahr den Heiligen Abend gefeiert haben. Wir, die vier Kinder, haben musiziert, und Eltern und Oma haben gesungen. Jeder von uns hat dann ein Stück der Weihnachtsgeschichte vorgelesen, und ich weiß noch gut, wie meine Oma manchmal vor lauter Ergriffenheit nicht weiterlesen konnte. Sie hat das, was da im Evangelium beschrieben ist, so richtig spüren können. Denn sie hat selber viel mitgemacht in ihrem Leben; sie hat gewusst, was es heißt, in ärmsten Verhältnissen ein Kind auf die Welt zu bringen oder wegen eines unmenschlichen Herrschers die Heimat verlassen zu müssen.
Nach der Weihnachtsgeschichte sind wir dann ins Wohnzimmer gegangen. Jetzt waren Christbaum und Krippe zum ersten Mal beleuchtet; ansonsten brannte kein Licht in der Wohnung. Dieser weihnachtliche Glanz, dieses Funkeln und Glitzern hat mich jedes Jahr tief beeindruckt.
Und dann die Geschenke auspacken! War das eine Freude, die eine oder andere Überraschung unter dem Christbaum zu finden - und zu sehen, dass die anderen sich über das freuen, was sie von mir gekriegt haben. Wir alle waren dankbar und glücklich.

Weihnachten war und ist für mich ein bewegendes Fest, und wohl auch für viele von Ihnen, liebe Schwestern und Brüder.

Weihnachten bewegt aber nicht nur das Gemüt, sondern auch die Füße. Ist Ihnen beim Evangelium aufgefallen, was das für ein Gelaufe war damals, als Jesus zur Welt kam?
Hunderte von Menschen waren unterwegs - Kaiser Augustus hatte eine Volkszählung angeordnet, und alle mussten in die Stadt, aus der sie stammten.
Die hochschwangere Maria und ihr Mann Josef gehen von Nazareth nach Bethlehem - ein Weg von mehr als 150 km!
In Bethlehem ziehen sie von Herberge zu Herberge und landen schließlich in einem Stall.
Dort bewegt sich Gott auf die Menschen zu; er wird selber Mensch. Jesus kommt zur Welt.
Die Hirten machen sich auf den Weg, um den neugeborenen Jesus zu besuchen, ebenso die Sterndeuter.
Das erste Weihnachten - Gott bewegt sich zu den Menschen, die Menschen bewegen sich zu Gott und auch aufeinander zu. Wirklich ein bewegendes Fest im wahrsten Sinn des Wortes!

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Niemand will Weihnachten alleine feiern, und so besuchen sich Verwandte und Freunde, schenken sich was, reden und essen miteinander. Viele machen sich - wie Sie, liebe Schwestern und Brüder - spät abends auf den Weg in die Kirche, auch solche, die ansonsten nicht viel am Gottesdienst finden. Und Gott bewegt sich zu den Menschen hin: Er redet uns an mit dem Wort der Bibel, er besucht uns in der Kommunion, er begleitet jede und jeden von uns ganz persönlich mit seinem Interesse.
Wie damals in Bethlehem, so ist Weihnachten auch heute ein bewegendes Fest: Das Jesuskind bewegt die Menschen zu Gott und zueinander.

Wenn Menschen sich aufeinander zu bewegen, begegnen sie sich.
Liebe Schwestern und Brüder, haben Sie schon mal bemerkt, wie ein kleines Kind die Atmosphäre zwischen Erwachsenen verändert, selbst wenn diese sich gar nicht kennen? Im Bus oder im Zug ist ein kleines Kind oft der Anlass, dass andere Mitfahrer mit Vater oder Mutter ins Gespräch kommen. Laute Töne hört man selten in der Umgebung eines kleinen Kindes, und grantige Gesichter hellen sich auf, manche lächeln sogar.
So nehme ich an, das Jesuskind hat bei allen, die sich an der Krippe getroffen haben, eine freundliche Atmosphäre geschaffen, auch wenn es ganz unterschiedliche Leute waren: Die bettelarmen Hirten, die belesenen und betuchten Sterndeuter, die ortsfremde heilige Familie und vielleicht noch der eine oder die andere aus Bethlehem. Das Kind hat bewirkt, dass Friede war am Treffpunkt Krippe.

Das war einmal. Heute, am Weihnachtsfest 2001, sehnen sich viele Menschen nach Frieden. Sie sehnen sich danach, dass sich unterschiedliche Kulturen und Religionen, unterschiedliche Hautfarben, unterschiedliche Ansichten friedlich begegnen können.

Kann Weihnachten jemals wieder ein Fest des Friedens werden? Ich glaube daran; denn heute wie damals ist Weihnachten ein bewegendes Fest.

Heute wie damals bewegt sich Gott auf die Menschen zu. Er will sie bewegen, dass sie zu ihm kommen. Gott will die Menschen bewegen, dass sie zueinander finden, sich begegnen. Gott will die Menschen verändern, damit ihre Begegnungen in einer Atmosphäre des Friedens stattfinden.

Und heute wie damals lassen sich Menschen von Gott bewegen: Viele suchen gerade in diesen Tagen den Kontakt zu Gott; sie beichten, beten und besuchen die Gottesdienste.
Viele besuchen über Weihnachten Verwandte und Freunde; sie beschenken sich, sind nett zueinander und haben füreinander Zeit. Manche nehmen Weihnachten zum Anlass, sich nach langer Zeit mal wieder bei einem alten Bekannten zu melden, einen Streit zu beenden, sich bei jemandem zu entschuldigen oder jemandem zu verzeihen.

Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir uns auf diese Weise von Weihnachten bewegen lassen, ist der Anfang zum Frieden gemacht. Und wenn wir uns nicht nur an den Feiertagen, sondern auch im Alltag auf Gott und die Mitmenschen hinbewegen, dann hören wir vielleicht schon bald die Engel von Bethlehem wieder singen:
"Verherrlicht ist Gott in der Höhe
und auf der Erde ist Friede
bei allen Menschen guten Willens."

Gedanken nach der Kommunion:
Weihnachten ist nicht vorbei.

Jedes Mal, wenn zwei Menschen einander verzeihen,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn Eltern und Kinder füreinander Verständnis zeigen,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr einem Menschen helft,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn jemand beschließt, ehrlich zu leben,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn du versuchst,
deinem Leben einen neuen Inhalt zu geben,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn zwei Menschen sich lieben
in tiefer und ehrlicher Liebe,
ist Weihnachten.

Jedes Mal, wenn ihr einander anseht mit den Augen des Herzens, mit einem Lächeln auf den Lippen,
ist Weihnachten.

Denn es ist geboren die Liebe
Denn es ist geboren der Friede
Denn es ist geboren die Gerechtigkeit
Denn es ist geboren die Hoffnung
Denn es ist geboren die Freude
Denn es ist geboren Christus, der Herr!

Amen