Foto von aufgeschlagenen Büchern

Erwachsenentaufe

Pastor Christoph Busch

31.05.2003 in "Zuspruch am Morgen" (Hessischer Rundfunk)

"Wo ist denn das Baby," flüstert Martina zu ihrer Nachbarin. Die sagt leise: "Weißt du denn nicht? Heute wird der da vorne getauft. Der neben dem Pfarrer." - "Oh!" flüstert Martina, "eine Erwachsenentaufe, hab ich ja noch nie erlebt!" Die Glocken hören auf zu läuten. Alle singen. Der Gottesdienst beginnt.

Es gab eine Zeit, da war es üblich, Erwachsene zu taufen. In der Anfangszeit der Kirche zum Beispiel. Da war nicht selbstverständlich, was einer glaubte. Und wer einChrist war, der musste sich zeigen. So gab es die Taufe nicht anders: getauft wurden Erwachsene. Daran erinnert der Pfarrer und er liest aus der Bibel, die Geschichte einer Erwachsenentaufe aus der Anfangszeit der Kirche. (1)

Dann stellt sich der Pfarrer neben das Taufbecken und hält seine Rede. Er sagt etwa das: "Die Taufe macht Gottes Liebe groß. Darum wurden in der Kirche kleine Babys getauft. Aber heute wird ein Erwachsener getauft." Und der Pfarrer erzählt, wie er den neuen Nachbarn kennen gelernt hat. Und dass sie zusammen geredet haben über die Taufe und darüber, wie das gehen kann - erwachsen zu glauben. Und was es heißt zu hoffen.
Dann singt die Gemeinde das Tauflied. Da recken schon einige den Hals und wollen sehen, was passiert. Alle bilden einen Kreis ums Taufbecken. Erst redet der Täufling. Hier am Ort hat er eine Arbeit gefunden. In seiner neuen Gemeinde möchte er getauft werden. Er will dazu stehen, dass es eine Liebe in der Welt gibt, die erfrischt, wie Wasser. Die Liebe Gottes.
Schließlich führt ihn der Pfarrer zum Taufbecken. Der Pfarrer nimmt vom Wasser und tut es über den Kopf des Mannes, der so getauft wird. Alle schauen hin. Der Pfarrer sagt: "Ich taufe dich." Und er spricht den Segen.
Im Weggehen geben einige dem Neugetauften die Hand und sagen ihm gute Wünsche. Andere schauen den neuen Nachbarn mit großen Augen an.
Es ist heute nicht mehr ungewöhnlich, wie vor Jahren noch, dass Erwachsene getauft werden. Manche sprechen sogar von einem Trend. Deutschland ist kein christliches Land - schon lange nicht mehr. Immer weniger wachsen von klein auf in den Glauben hinein. Die Statistik behauptet: bereits zehn Prozent aller Taufen sind Erwachsenentaufen. (2)
Aber vielleicht ist es nicht die Zahl. Vielleicht ist eher das ungewöhnlich, dass jemand zeigt, wo er steht. Und bleibt nicht die graue Maus, sondern stellt sich hin, und jeder kann sehen, wie er sich entschieden hat.

Die Erwachsenentaufe gehört zu den Entscheidungsgeschichten des Lebens.
Manche sagen: sie entscheiden sich aus dem Bauch heraus und nennen es Intuition. Andere glauben: es ist der Geist Gottes, der sie dazu bringt, sich zu entscheiden.
Eine Erwachsenentaufe verändert nicht nur den einen, sie verändert auch die Umgebung. Denn wenn Erwachsene die Taufe nicht hinnehmen wie Säuglinge, sondern selbst das Wort ergreifen, dann wird manches anders: fromm sein zum Beispiel wird anders, glaubwürdig reden wird anders, oder von seinen Überzeugungen sprechen wird auch anders. Es wird die Kirchen verändern und vielleicht nicht nur sie, wenn Getaufte das Wort ergreifen. Das fordert, die es sehen und hören, heraus, ihrerseits eine Antwort zu suchen: wie kann ich das - vertrauen, und: was wage ich - zu hoffen.

(1) z.B. Apostelgeschichte 8, 26 - 40
(2) www.ekd.de, statistik