Foto von aufgeschlagenen Büchern

Es fehlt: Das letzte Wort. Oder wer sorgt für Gerechtigkeit?

Becci John (ev.)

23.08.2009 in der Gemeinde CVJM e/motion e.v. in Essen gehalten, innerhalb des Themenmonats: "Was fehlt wenn Gott fehlt?"

Wir sitzen in derselben Bank. 11. Klasse. Sie hat 3h Mathehausaufgaben gemacht. Ich 1h. Sie kommt dran. Hat‘s trotzdem nicht ganz verstanden. Bekommt ne 5. Ich komme dran & bekomme ne 2. Ich melde mich. Komme wieder dran & beschwere mich, dass das unfair sei. Die Lehrerin weist mich daraufhin, dass es nicht mein Job ist Noten zu vergeben. Ich melde mich wieder, erkläre ihr dennoch, dass dies aber doch wirklich ungerecht sei & in keinem Verhältnis zueinander stehe - Leistung und Benotung. Sie ignoriert mich. Ich werde lauter, protestiere, energisch, penetrant, schimpfe, ärgere, nerve, halte damit den Unterricht auf und fliege raus. Beim nächsten Mal bekomme ich auch nur noch ne 3. Ob das jetzt gerechter sei, fragt meine Lehrerin und grinst mich blöde an...

 

8 Jahre später.

Ich stehe im Supermarkt. Habe ein bisschen Geld dabei und die Aufgabe damit für 15 Kinder einzukaufen. Die werden, wie immer Mittwoch nachmittags, in das Jugendhaus kommen, in dem ich jobbe, und hungrig sein. Und ich soll mit ihnen dann Snacks zubereiten. Mit Kindern zwischen 6 und 10 Jahren, jeweils in 2er Gruppen. Das ist nicht immer leicht, macht aber eine Menge Spaß. Wenn man z.B. aus Würstchen Gesichter macht oder aus Pfannekuchen Piraten oder aus Schokolade Vulkane. Wir lachen und kleckern viel, es ist anstrengend und lustig, aber dann kommt jede Woche neu der eine besonders spannende Augenblick:

Eins der beiden Kinder bekommt von mir die Aufgabe Ketchup oder Eis oder Schokolade oder was auch immer gerecht zu verteilen. So dass in beiden Schälchen oder auf beiden Tellern am Ende gleich viel ist.

Oh, was für eine schwierige Aufgabe mit großen hungrigen Kinderaugen Leckereien in zwei Portionen zu teilen, statt einfach alles alleine schnell aufzuessen. Manchen Kindern sieht man förmlich an, dass sie statt ans Verteilen an ein Versteck denken, wohin sie am liebsten blitzschnell & ungesehen abhauen würden...

 

Gerechtigkeit ist eine große Angelegenheit!

 

Diese Woche hat Max plötzlich gesagt:

„Ich bin einen ganzen Kopf größer als Nico, das macht einen ganzen Löffelkopf mehr für mich.“

Und Zack, landete ein riesen Löffel Schokopudding in seinem Schälchen.

In der nächsten 2er Gruppe hatte Lilly ein deutlich volleres Schälchen als Denise, woraufhin Lilly erklärt hat, dass sie ja schließlich häufiger & kräftiger beim Kochen umgerührt habe als Denise und darum auch häufiger und kräftiger etwas in ihr Schälchen tun musste, sonst wäre es am Ende nicht gerecht gewesen. - Kluge Kinder!

Was ist eigentlich gerecht?

Wir führen heiße Diskussionen in der Küche und am Ende reicht es meist für beide Kinder zum satt und manchmal sogar auch noch zum zufrieden Sein.

 

Es ist Sonntag Abend, ungefähr 20:05 und ich brauche werde Internet noch die 20h-Nachrichten um festzustellen, dass eine Menge anderer Kinder dieser Welt nicht satt und zufrieden sind.

Um etwas genauer zu sein - dazu brauche ich dann doch wieder das Internet - hungern zu Beginn des 21. Jahrhunderts ca. eine Milliarde Menschen auf dieser Welt. Ungefähr ein Drittel davon verhungerte 2001 in Indien, während im selben Jahr ein Rekord-Lebensmittelüberschuss von 65 Mio. Tonnen erzielt wurde.

Während die einen schlaflose Nächte haben, weil sie keine geeigneten Lagerkapazitäten für Lebensmittelüberschüsse finden, schlafen die anderen vor Hunger nicht. - Und vielleicht liegt sogar noch jemand Drittes wach, vor Sorge darum, wie man ein klein bisschen mehr Gerechtigkeit in dieser Welt herstellen könnte. Ich selbst z.B. manchmal. Und habe dann keine einzige Idee, wie man Gerechtigkeit üben oder ausüben könnte. Dann stehe ich nicht mehr mit 8-Jährigen in der Küchen und diskutiere über einen Esslöffel mehr oder weniger Eiscreme. Es geht auch nicht mehr um eine etwas kleinere oder größere Zahl zwischen 1 und 6, die auf einem Papier voller Zahlen am Ende eines Schuljahres steht. Dann geht es plötzlich um mehr. Und wenn manchmal schon die kleinen Alltagssituationen entsprechend des Lebensalters für einen eine Herausforderung sind, erlebt man beim Blick in die Welt um einen herum, in die ferne globale Weite, plötzlich totale Überforderung, wenn man sie nicht einfach fern sein lässt:

 

Welthunger?

Den können wir messen. Mit dem Welthungerindex z.B. Aber der Hunger derjenigen, die da gemessen werden, bleibt weiter unermesslich. Nimmt davon kein bisschen ab. Unsere Ratlosigkeit angesichts deutlicher großer Zahlen in langen Tabellen jedoch häufig zu. Wir können den Welthunger messen. Aber nicht stillen.

 

Bildungsarmut?

Darüber können wir viel reden und schreiben. Besonders gut können wir derzeit scheinbar Prüfungen zentralisieren, Studiengänge modularisieren und  PISA-Tests analysieren. Vielleicht können wir sogar von Bildungsarmut betroffene Menschen fördern. Das ist wichtig. Aber wir können nicht die Bedingungen so verändern, dass Bildungsgerechtigkeit herrscht. Und was ist das überhaupt genau? Reicht es nicht, dass es bei uns die Schulpflicht gibt, fragte mich letztens jemand, das schafft doch schon die gleichen Voraussetzungen für alle. Wir könnten sogar für alle Kindern dieser Welt Schulplätze schaffen. Aber wir können dennoch nicht dafür sorgen, dass sie gerechte Chancen für ihr Leben haben.

 

Verbrechen?

Wir haben eine Gesetzgebung entwickelt, die uns dabei hilft damit umzugehen und weiter eine gemeinschaftsfähige Gesellschaft zu bleiben. Wir können einsperren, sogar lebenslänglich, in Obhut nehmen, entmündigen, pfänden und Sozialstunden verordnen, suspendieren, Strafarbeiten aufgeben und Hausverbote an Jugendliche und Väter und Mütter und Kinder aussprechen. Wir können Täter und Täterinnen bestrafen. Aber wir können weder sie, noch Opfer verwandeln.

 

Gerechtigkeit ist eine große Angelegenheit!

Eine zu große Angelegenheit vielleicht sogar.

 

Dieses Leben läuft nicht auf Gerechtigkeit zu. Gerechtigkeit ist nicht das, was am Ende steht. Bevor jemand stirbt, ruft man keinen Richter oder keine Richterin ans Bett, und zudem sämtlich Angeklagte und Kläger. Und dann wird noch einmal Recht gesprochen. Sachen kommen ans Licht und zumind. dem Sterbenden widerfährt Gerechtigkeit. Im Guten, wie im Schlechten. Nein, so sieht das Lebensende nicht aus.

Menschen sterben mit all der Ungerechtigkeit, die sich in ihren Lebzeiten angesammelt haben. Als Opfer und Täter und Täterinnen. Vielleicht als Opfer, die vergeben haben oder Schuldige, denen vergeben wurde.

Aber wer kann die Schuld vergeben, dass ein Teil der Welt den anderen Teil der Welt verhungern lässt? Oder wer kann Opfern von brutaler Herrschaft, Gewalt, Ungerechtigkeit Gerechtigkeit widerfahren lassen?

 

Seit Jahrtausenden sehnen sich Menschen aller Kontinente dieser Erde nach einer letzten Größe, die über alles Menschliche, alle Beziehungen und Abhängigkeiten, alle Zusammenhänge und Konflikte, Verletzungen und Ungerechtigkeiten, über das Leben im Hier und Jetzt und allem, was es leisten kann, hinausgeht.

 

Manche nennen diese letzte Größe Gott. Andere Allah. Oder Adonaj. Wieder andere haben keinen konkreten Namen für die letzte Macht, die über das gelebte Leben entscheidet, glauben aber, dass alles was getan und gelassen wurde Einfluss hat auf das was kommt. Dass es ein letztes Maß gibt, an dem alles gemessen wird. Dass Taten und Untaten nicht in Vergessenheit geraten, gleichgültig werden und sich mit dem Tod auflösen.

Sondern das jedes Tun und angetan Bekommen aufgehoben ist bei einer letzten Macht, die für Gerechtigkeit sorgt.

Menschen aller Weltreligionen glauben daran, dass das was ist, nicht alles ist. Sondern glauben, dass hier auf der Erde, das letzte Wort noch nicht gesprochen wurde. Weil es nicht egal und auch nicht zufällig oder gleichgültig ist, wer das letzte Wort hat.

 

 

Der christliche Gott, den wir am Anfang dieses SONdays in unserem Eingangswort erwähnt haben, den wir feiern, wenn wir uns Sonntag Abends hier bei e/motion treffen, sagt von sich selbst, dass er ein Richter ist. Dass er nach dem Tod die Menschen richten wird. Und über die Jahrhunderte hinweg haben Christinnen und Christen es geschafft, dieses Bild des richtenden Gottes so schrecklich und drohend darzustellen.

Doch geben uns einmal Mühe das, was uns als Christen und Christinnen oder vielleicht auch als Nichtchristen und Nichtchristinnen bisher diesbzgl. geprägt hat, beiseite zu legen und fragen wir danach, was es heißt, wenn Gott ein richtender Gott ist. Wie erzählt die Bibel vom Richten Gottes, was versteht die jüdische Kultur, aus der unser christlicher Gottglaube entstanden ist, unter Gericht?

 

Statt des über Jahrhunderte hochgehaltene Drohbild des so genannten jüngsten oder letzten Gerichts, bedeutet Gericht im biblischen sowie jüdischen Kontext zu allererst Gespräch. Das zeigt sich schon direkt zu Beginn der Bibel, in der Erzählung von dem Baum und der verbotenen Frucht, die der Mensch dennoch isst. Da kommt kein Richtergott daher, der den Menschen brutal verurteilt. Sondern ein Gott, der den Menschen ruft und fragt: „Wo bist du?“

Und als er den Menschen findet, fragt er ihn:

„Hast du von diesem Baum gegessen, wovon es dir verboten war zu essen?“

Und so wird dem Mensch die Möglichkeit eröffnet selbst zu erzählen wie es gewesen ist. Aus seiner Perspektive! Und der Mann, der sich als erstes angesprochen fühlt, antwortet schnell und sagt: „Die Frau war Schuld.“ Und so wendet sich Gott an die Frau und fragt auch die Frau: „Was hast du getan?“ Und die Frau kann selbst antworten, erzählen wie es war.

Es ist ein Gespräch mit einem Frage-Antwort-Prinzip.

Jemand muss sich vor dem Gericht verantworten, indem er Antworten gibt.

 

Gericht ist Gespräch mit einem Frage-Antwort-Prinzip.

Wenn Gott die Menschen nach dem Tod richtet, bedeutet dies, dass er jede und jeden zur Verantwortung zieht. Jede und jeder wird um eine Antwort gebeten. Zur Verantwortung gezogen zu werden, bedeutet also auch, die Chance und das Recht einer Antwort zu bekommen. Gott stellt Fragen, durchaus auch infrage.

Aber er verurteilt nicht einfach blindlings, sondern ist interessiert und reagiert.

 

Was wäre, wenn keiner mehr den Täter oder die Täterin fragt.

Kein warum? Kein wieso? Keine Chance einer eigenen Erklärung.

Was wäre, wenn am Ende niemand mehr nach den Opfern fragen würde?

Wenn sie einfach beschämt vergessen werden würden.

Wenn niemand sie fragt. Wenn sie nicht wenigstens Rede-Recht bekommen.

 

Doch so eifrig einige nun innerlich nicken werden und denken, oh unbedingt braucht es diese Art des Gerichtes. So ein Gespräch muss einfach am Ende des Lebens stehen, dass ist ja ganz anders als ich immer dachte so von wegen Gericht, Himmel oder Hölle... - führt diese Vorstellung eines letzten Gerichts als Aufklärungsgespräch gleichzeitig auch zu der Frage nach der Hölle. Was ist eigentlich die Hölle? Ewiges Schweigen, Dinge, die in ewige Vergessenheit geraten, oder dieser Aufdeckungsprozess, der zur Hölle der Selbsterkenntnis werden kann, eine Art Back Up des Gewesenen in der Perspektive Gottes. Ganz schön wohltuend? Ganz schön unangenehm?

Will man nicht einfach vergessen können?

Oder will man, dass Bestimmtes wenigstens im letzten, im allerletzten Moment nicht auch wieder übersehen, vergessen, drüber hinweggegangen wird. - Was ist eigentlich die Hölle?

Und schon werden so Vorstellungen von einem bösen Gott der Menschen richtet und in eine wie auch immer geartete oder vorgestellte Hölle wirft, durcheinander gebracht. Weil es vielleicht gar kein Gott ist, der in die Hölle wirft. Weil das vielleicht eine ganz abstruse Vorstellung ist. Mit der man endlich aufhören sollte Menschen Angst zu machen. Vor dem bösen, großen Richtergott. - Aber auch, weil vielleicht genau dieses letzte Gespräch etwas von dem hat, was wir „die Hölle“ nennen würden:

Aufdeckung. Erkenntnis. Selbsterkenntnis.

Für Schuldige, wie für Opfer durchaus schmerzhaft. Und - durchaus wichtig.

Wir brauchen diesen Prozess, ein aufklärendes Gespräch mit Opfern und Täterinnen oder Tätern vor einer über alle Macht der Menschen hinausgehenden Größe, wenn wir an all das angetane Unrecht dieser Welt denken. Ewiges Vergessen ist angesichts dem, was in dieser Welt offen oder auch verdeckt - weil unbewiesen (!) - bleibt die Hölle!

Wir brauchen ein Maß, eine Größe, eine Instanz, etwas das über uns hinausgeht und im Letzten einwirken kann auf das, was im Leben im Hier und Jetzt offen bzw. verdeckt geblieben ist. Dass in dieser Welt nie zu seinem Recht gekommen ist. Das nie zur Gerechtigkeit umgewandelt wurde. Wir brauchen eine letzte Größe, die aufdecken kann, was wir nicht sehen und beenden können, was wir offen gelassen haben.

 

Und da schließe ich alle Menschen mit ein.

Hinduistische und buddhistische, areligiöse, muslimische, atheistische, jüdische, christliche und anderweitig orientierte Menschen. Wenn wir uns nach Gerechtigkeit sehnen, brauchen wir eine Größe die über uns hinausgeht und einwirkt auf all das, was offen geblieben ist.

 

Christen und Christinnen würden nun sagen, diese letzte Größe ist für uns Gott.

Wenn Gott fehlt, fehlt dieses Letzte, was Gerechtigkeit schaffen kann.

Und was sie zudem noch glauben ist, dass es in diesem letzten Gericht nicht nur Gott, den Richter, den Fragensteller gibt, sondern auch Jesus, den Stellvertreter der Menschen, den Rechtsanwalt der Menschen. Der die Perspektive des Opfers kennt. Der keine Beweise braucht, sondern der weiß! Der Menschlichkeit kennt, der Mensch ist. Und der sich in dieses letzte Gespräch kräftig einmischen wird, seine Perspektive, sein Menschsein und Menscherleben einbringen wird.

Ein wichtiger Teil dieser letzten Instanz ist im christlichen Glauben also ein Mensch. Diese letzte Macht, die richtet, ist eine Verbindung aus Gott und Mensch. Das letzte Wort hat keine überhöhte, weltfremde Größe, die blindlings die Menschen verurteilt. Sondern eine Verbindung aus tiefster Menschlichkeit und alles weit überbietender Göttlichkeit.

Eine Komponente die keine andere Weltreligion vertritt.

 

 

Aber nun möchte man, doch eigentlich wirklich gerne wissen, wie diese letzte Größe das denn macht?

Wie richtet Gott? Wie schafft er Gerechtigkeit? Was sind seine Kriterien? Und was die Auswirkungen?

 

Und auf diese Frage kann ich nur als Christin antworten. Darüber sprechen, was ich glaube, was ich in der Bibel lese und was ich lerne, wie Gott richtet.

 

Wenn Gott richtet, geht es um Beziehungen.

Beziehungen zwischen Mensch und Mensch. Zwischen Gott und Mensch.

Mit seinem Richten schafft er Gerechtigkeit.  Aber Gerechtigkeit bedeutet nicht ein satzungsgemäßes Verhalten, sondern Gerechtigkeit bezieht sich auf das Verhältnis selbst.

Gerechtigkeit ist, wenn man sich einer Beziehung entsprechend verhält.

Gott bringt in seinem Richten Beziehungen zurecht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er stellt nicht einfach alle Beziehungen wieder her oder lässt sie, so wie sie sind, sondern er bringt sie zurecht.

Gebrochene und zerstörte Beziehungen, angeknackste, belastete. Beziehungen zwischen Freunden und Partnerinnen, zwischen Feinden und Konkurentinnen, zwischen Opfern und Täterinnen. Zwischen Gewinnern und Verliererinnen, zwischen Ausgebeuteten und Ausbeuterinnen. Zwischen Mächtigen und Schwachen, zwischen Verletzten und Groben.

Zwischen Gott und Mensch.

 

Ein bestimmtes Zeitalter am Ende des Mittelalters, also so ungefähr das 16. Jh., hat sich sehr auf dieses Letzte konzentriert. Darauf, dass es im letzten Gericht vor allem um die Beziehung zwischen Gott und Mensch gehen wird. Und ich glaube, dass dies auch eine sehr entscheidende Beziehung ist, weil in dieser Beziehung zwischen Gott und Mensch alle anderen Beziehungsgefüge aufgehoben sind.

Doch ich finde es wichtig, das Gericht, dieses letzte Geschehen, nicht nur auf ein Geschehen zwischen Gott und Mensch und deren Beziehung zu begrenzen!

Es stimmt, die Bibel erzählt davon, dass es in diesem Gericht um genau diese Beziehung gehen wird. Dass Gott den Menschen ernst nehmen wird. Wenn der Mensch mit Gott in Verbindung leben will, auch wenn es ihm eine Millionen Mal absolut nicht gelungen ist und er sich nicht an Gottes weise Vorschläge und Ideen für das Leben in dieser Welt gehalten hat, wenn er Gott immer wieder vergessen, in die hinterste Ecke geschoben hat, wenn er nur mal ganz selten gebetet hat, aber wenn dieser Mensch, unabhängig von dem was er getan oder gelassen hat mit Gott in Verbindung leben will, dann kennt die Bibel Hoffnungstexte, die davon sprechen, dass Gott diesen Wunsch des Menschen ernst nehmen wird und diese ewige Verbindung herstellen wird.

Und zugleich gibt es Texte die davon erzählen, dass Gott auch diejenigen ernst nehmen wird, die auf keinen Fall mit Gott in Verbindung sein wollen. Er wird sie dann nicht nach dem Tod einfach einer Bewusstseinsveränderung oder Gehirnwäsche unterziehen und sagen, ach komm schon, das willst du doch. Nein, es gibt Texte, die davon erzählen, dass Gott auch das ernst nehmen wird. Weil er den Menschen, sein Gegenüber, von Grund auf Ernst nimmt. Und darum erzählen diese Texte auch davon, dass es Menschen gibt, die in einem ewigen Abseits von Gott sein werden.

Manche Theologen nennen das die Hölle.

 

Es gibt solche Texte und noch viele viele mehr, die davon sprechen wie Gott mit der Beziehung zwischen Gott und Mensch umgehen wird, inwiefern diese Beziehung die Ewigkeit, das Leben nach dem Tod, beeinflusst.

Aber es gibt in der Bibel ebenso Texte, die davon erzählen, inwiefern sich Gott um die Beziehungen der Menschen untereinander, um schräge Machtverhältnisse und Opfer-Täter-Gefüge kümmern wird, und es ist wichtig dies ebenso anzuschauen. Viel zu oft, werden diese Texte einfach vergessen.

Texte, die davon schwärmen, dass keiner mehr ein Haus bauen wird, um nicht selbst darin zu wohnen. Dass keiner mehr den anderen versklavt, bauen, aber nicht besitzen lässt. Dass keiner mehr pflanzen wird, ohne zu ernten. Ohne für sich selbst genug zu haben. Keine einzige Banane mehr, keinen Kaffee, keinen Tee, ohne selbst davon leben zu können.[1]

Texte die davon erzählen, dass alle Menschen dieser Welt Kleidung haben werden im Himmel. Saubere Kleidung.[2] Alle, alle Menschen. Keiner näht mehr Jeans. Keiner kauft mehr Jeans. Keiner klaut mehr Jeans. Keiner ist mehr nackt und bloß, oder dreckig & stinkig.

Texte, die von denjenigen sprechen, die immer übersehen wurden, die irgendwie immer ziemlich abseits saßen, oder nie zu Wort kamen, die immer das Gefühl hatten andere sitzen am Kopf des Tisches oder im Mittelpunkt. Und davon, dass es dann anders sein wird. Sie werden nicht mehr abseits sitzen. Nicht mehr unbeachtet. Nicht mehr allein oder gedemütigt.

 

Es gibt viele Texte in der Bibel. Manche leicht verständlich, manche kompliziert.

Aber keinen einzigen Text, der sagt: Genau so wird Gott genau diesen Menschen richten und im Leben von XY genau das tun, damit es gerecht für XY ist.

Solche Texte gibt es nicht!

Sie würden uns wohl letztlich auch dazu verleiten in unserer Begrenztheit über jede und jeden Einzelnen mit einem Letztanspruch zu richten. Ohne dabei Opfer- und Täter-Verhältnisse wirklich verwandeln zu können, ohne wirklich zu wissen, wie Wunden nicht nur vernarben, sondern vollends heilen können.

 

Wenn Gott fehlt, würde das letzte Wort wohl ein Mensch haben.

Gottes letztes Wort sagt: Siehe ich mache alles neu.

Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben.[3]

Er sagt nicht: Es wird Himmel und Hölle geben.

Er sagt nicht: Alles bleibt wie es ist.

Er sagt: Ich mache alles neu, es wird alles verwandelt werden.

Und doch wird es weiterhin Menschen und Himmel und Erde geben.

 

Ich bin gespannt, wie Gott alles neu machen wird.

Ich bin gespannt, wie Gerechtigkeit, aussieht, sich anfühlt, wie sie klingt und riecht. Ich bin gespannt.

Und auch entspannt. Wenn ich mal wieder nachts wach liege, weil ich mich frage, ob der Konsum fairer Klamotten und Jugendarbeit wirklich einen Beitrag zur Gerechtigkeit in dieser Welt leisten. Weil ich weiß, ich werde alles geben. Aber gleichzeitig, muss mein Können, Wissen und Tun, nicht für alles letztendlich reichen. Ich bin gespannt. Entspannt. Und manchmal etwas aufgeregt.


[1] Jesaja 65,21f.

 

[2] Offenbarung 7,13ff

 

[3] Offenbarung 21