Foto von aufgeschlagenen Büchern

Fastenpredigt über Psalm 131

Petra Fietzek (rk)

10.04.2011 im Kloster Vinnenberg, Warendorf

Fastenzeit 2011

Psalm 131

Mein Gott, meine Seele setzt nicht mich an erste Stelle, sondern dich,/

und meine Augen spiegeln die Demut meines Herzens.

Geheimnisse des Lebens singen in mir.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still,/

wie ein getröstetes Kind bei der Mutter.

Israel, gib nicht auf, dein Vertrauen in Gott zu setzen,

heute und in Ewigkeit.

Guten Tag, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer!

Im Oktober 1988 war Italien das Schwerpunktthema der Frankfurter Buchmesse. Für einige Tage versammelten sich dort Schriftstellerinnen und Schriftsteller der italienischen Literaturszene. Unter ihnen auch die 1916 in Palermo geborene und 1991 in Rom verstorbene Schriftstellerin Natalia Ginzburg. An einem Abend hielt sie eine Autorenlesung, bei der sie unter anderem aus ihrem Essay Über das Glauben oder Nicht-Glauben an Gott vortrug.

In diesem Essay heißt es: Die Tatsache, dass manchen Menschen die Welt ohne Gott entsetzlich erscheint, ist für mich in manchen Augenblicken ein Beweis, dass es Gott gibt.

Würde Ihnen die Welt ohne Gott entsetzlich erscheinen? Könnte man nicht sagen, dass es doch viel Schönes auf dieser Erde gibt, das das Leben lebenswert macht? Die Musik, das Erblühen der Bäume, die Liebe? Und könnte man nicht hinzufügen, dass Kriege, Krankheiten und Tod eben zu diesem schönen, schweren Leben dazugehören und als naturgegeben hingenommen werden müssen? Ja, so kann man denken, und so denken manche Menschen. Sie reduzieren ihr Leben auf einen Schrebergarten mit Giersch und Hortensien. Sie vermissen Gott nicht.

Anderen Menschen ist Gott abhanden gekommen. Ungewiss erinnern sie sich an ein süßes Gefühl der Geborgenheit aus Kindertagen, doch ist dieses Gefühl längst in der Spielzeugkiste verschwunden. Stoisch ertragen sie diese Welt ohne Gott, weil Gott ihnen nicht mehr einfällt, und wenn er ihnen einfällt, dann erschrecken sie in heimlicher Ahnung, doch können sie mit dieser Ahnung nichts anfangen.

Andere Menschen wollen gar nicht, dass Gott ihnen einfällt. Sie fliehen vor ihm, denn das

Bild von Gott, das ihnen vermittelt wurde, ist bedrohlich. Gott wurde ihnen vergiftet.

Wieder andere lehnen den Glauben an Gott als Zeichen von Dummheit und Schwäche ab.

Sie fühlen sich mutig, selbstbewusst und jenen überlegen, die eingestehen, Hoffnung über die Angebote dieser Welt hinaus zu brauchen.

Für mich persönlich wäre die Welt ohne Gott entsetzlich.

Nicht, weil ich die Welt nicht schön fände oder nicht Musik, das Blühen der Bäume oder Liebe wahrnehmen könnte. Auch nicht, weil ich resignierte unter der Last von Krisen in mir, um mich herum, auf dieser Erde. Nein, die Welt wäre ohne Gott für mich entsetzlich, weil sie für mich keinen Sinn hätte, der meiner Sehnsucht nach Sinn genügt.

Seit ich mich erinnern kann, hat Gott mich in seiner unbegreiflichen Größe und Liebe interessiert und fasziniert. In meiner Kindheit erfuhr ich ihn als schützende Hand in den Abendgebeten meiner Mutter; später als Studentin nach Glaubenskrisen in solch

umfassender Vielseitigkeit, die mich bis heute nicht loslässt. Gott ist mir in meinem Leben immer wieder neu aufgegangen: in der Arbeit mit pflegebedürftigen Menschen, mit Kindern und Jugendlichen, im Umgang mit Kunst, in der Musik, in der Natur, in Gesprächen, in meinem eigenen Schreiben. Manchmal spüre ich, dass Gott mich zu Worten und Taten herausfordert und auf meine Antwort wartet.

X

was

traust du mir zu

gott

was

kennst du in mir

was soll ich können

von dem ich

nichts weiß

ich warte

dornenzerkratzt

ohnruh

nur haut und haar

Dabei ist mein Bezug zu Gott nie gleichförmig. Zuweilen erschrecke ich, wenn ich merke, Gott im Alltagsgewimmel verloren zu haben, oder ich will ihn verdrängen, wenn meine Pläne nicht seine Pläne sind. Ich hadere mit Gott angesichts des Leids in dieser Welt. Ich liebe ihn aus für mich kostbaren Gründen.

Was mich jedoch auf Gott zutiefst vertrauen und hoffen lässt, ist seine in der Bibel verankerte,

feste Zusage, für uns Menschen immer und in jeder Lebenssituation da zu sein. Dieses Versprechen ist ein Angebot, dessen Qualität und Tragweite wir kaum begreifen können. Unsere Erfahrungen im menschlichen Miteinander sprechen eine andere Sprache: Auf der Bühne unseres Lebens kommen und gehen Menschen, wir werden geliebt und abgelehnt und nennen dauerhafte Freundschaft großes Glück. Gottes Dasein für uns ist jedoch unvorstellbar größer als all das, was wir Menschen einander geben können. Seine Liebe ist eine

immerwährende Liebe, die unsere zaghaften Liebesversuche weit übersteigt und uns in ihrer absichtslosen Reinheit sprachlos macht. Das bezeugen Mystikerinnen und Mystiker, denen nur ein Ringen nach Worten bleibt, wenn sie von Gottes lebendiger Gegenwart sprechen.

Viele Jahre lang war das Thema Gott in weiten Bereichen der deutschen Kulturlandschaft

absolutes Tabuthema. Seit einigen Jahren ist Spiritualität z.B. in Prosa und Lyrik wieder „gesellschaftsfähig“ geworden. Autorinnen und Autoren lassen in ihren Werken mehr und mehr metaphysische Themen anklingen, oft auf erfrischend unkonventionelle Weise und in einer Sprache, die die traditionelle Kirchensprache vitalisiert.

Eine Meisterin im Erfassen tief greifender Lebenseindrücke ist die österreichische Autorin Friedericke Mayröcker. Sie wurde 1924 in Wien geboren wurde, wo sie heute noch lebt.

Viele ihrer Texte sind durchschimmert von der Suche nach Gott. So auch ihr Gedicht

Todes- und Liebeslied. Darin finden sich folgende Zeilen:

Komm ich führe dich ich geleite dich ich nehme dich mit

in den Lerchenschlag in das beschattete Auge von Siena

in den gemähten Tulpenwald in die sinkenden Katakomben

...

komm ich führe dich ich geleite dich ich nehme dich mit

an meine Schmerzlippe in den Schlaf in das Innere meines Herzens

komm ich führe dich wir gehen verschlungene Wege

ich geleite dich du wirst viel weinen

ich nehme dich mit die dunklen Bäume verstellen das Licht

fürchte dich nicht ich werde bei dir sein

Eindringlich greift die Autorin in ihrem Gedicht Gottes Zusage auf, jeden Menschen auf seinem Lebensweg begleiten zu wollen. Diese Zusage ist tröstlich, denn in unserem Inneren lauern Unsicherheit und Furcht. Sie entstanden, als wir auf die Welt kamen, den schützenden Leib unserer Mutter verlassen mussten, und flackern immer dann unruhig auf, wenn wir uns bedroht, verlassen und verraten fühlen.

In ihrem Gedicht zitiert Mayröcker aus der Bibel und lässt Gott dem Menschen zusprechen: Fürchte dich nicht ich werde bei dir sein, behutsam, wie der Verkündigungsengel zu Maria sprach. Zugleich durchzieht den Text ein realistischer Grundton: Gottes Begleitung wandelt unsere salzigen Tränen nicht in Zuckerperlen. Unsere Lebenswege bleiben verschlungen und von dunklen Bäumen umsäumt. Doch: Gott weiß darum. Er weiß unendlich mehr als wir von unserem Leben, führt und begleitet uns in immer neue Lebensphasen hinein.

Seine feste Zusage Ich bin für euch Menschen da durchzieht sämtliche Texte der Bibel,

vornehmlich das Buch der Psalmen im Alten Testament. Die Psalmen breiten menschliches Leben in seiner Buntheit wie einen kostbar gewebten, randzerfransten Teppich aus und vertrauen es als Fragment seinem Schöpfer an. Dabei sind die Verfasser der Psalmen lebenserfahren. Sie kennen Zeiten, in denen kraftvolle Energie in uns Menschen pulsiert.

Sie kennen aber auch Zeiten, in denen wir Menschen in uns selbst erstarren, da uns Ereignisse lähmen, die das arglose Gesicht unseres Lebens zu einer hässlichen Fratze entstellen.

Fremdbestimmt und anonymen Mächten des Weltgeschehens ausgeliefert fühlen wir uns immer wieder. Wir sind mit einem Ausmaß an Terrorismen und politischen Zerreißproben konfrontiert, das uns erschüttert nach den Friedensbezeugungen der Völker im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg. Wir müssen eingestehen, dass die Welt niemals so friedlich sein wird, wie wir sie gerne hätten, und müssen ertragen, dass unsere Einflussmöglichkeiten minimal sind. So leben wir hin- und hergeworfen zwischen Banalitäten des Alltags und Zukunftsvisionen von apokalyptischem Ausmaß. Wie ist diese Spannung zu bewältigen?

Als Kontrastprogramm zur breiten Gefühlspalette von Wut, Unsicherheit, Angst oder Resignation kann die Zeile aus dem kurzen, eher unscheinbaren Psalm 131 anklingen,

der mir in seiner Schlichtheit wichtig ist.

Er steht in einer Reihe von fünfzehn Psalmen (Psalm 120- 134), die als Wallfahrtslieder gekennzeichnet sind. Sie wurden im 4. Jahrhundert vor Christi Geburt von der Priesterschaft in Jerusalem zusammengestellt. Von geringem Umfang, passten sie auf eine Papyrusrolle und konnten so auf Pilgerfahrten zum Berg Zion mitgenommen werden. Diese Psalmen entstanden in politisch schwieriger Zeit: Zahlreiche israelische Familien waren von der Ausbeutung durch Großgrundbesitzer oder durch die persische Zentralregierung in ihrer Existenz bedroht. Diesem Lebensgefühl setzen die Wallfahrtslieder die feste Überzeugung entgegen, dass menschliches Leben allen Bedrohungen zum Trotz gelingt, wenn es in Solidarität mit Gott gelebt wird.

Auf diese persönliche Solidarität mit Gott kommt es in unserem Leben an, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer. Sie kann auf unterschiedliche Weise gesucht, gefunden und

gelebt werden. Psalm 131 zeigt dafür eine wichtige Spur. Dort heißt es:

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.

Ist das nicht Luxus?

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.

Ist das nicht Introvertiertheit, die wir uns gar nicht leisten dürfen angesichts der Not dieser Welt? Sollten wir nicht eher immer wieder lautstark öffentlich protestieren, um auf globale Missstände aufmerksam zu machen und auf ethische Werte hinzuweisen?

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.

Sollten wir uns nicht eher zusammentun und gemeinsam über Kirchenpolitik nachdenken, gemeinsam in Texten der Bibel lesen, über unseren Glauben sprechen?

Natürlich sollten wir das alles auch tun, aber es führt kein Weg daran vorbei, dass wir uns persönlich und alleine mit Gott beschäftigen müssen, wenn wir ihn ernst nehmen, mit ihm

und aus ihm leben wollen.

XI

in mein schweigen

dein wort

dein name

für mich

zärtlich und sanft

für mich

dein name

dein wort

in mein schweigen

Dieser Weg ist oftmals nicht mehr als ein scheuer Versuch und bleibt immer ein Wagnis.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.

Ich bin überzeugt, dass es gerade in unserer so lauten, so zerrissenen Zeit notwendig ist,

dass wir uns auf ein Innehalten und Stillwerden einlassen.

Dieser Weg ist ein Übungsweg. Er erfordert Zeit und Geduld. Tag für Tag und manchmal Nacht für Nacht. Aber wozu?

Zunächst, um uns selbst wahrzunehmen und uns nicht im Alltagslärm zu verlieren.

Dann, um unseren Standort im Leben klären zu können, um unsere eigenen Bedürfnisse lebendig zu wissen, die Nahrung erhalten wollen.

Der wichtigste Grund für mich persönlich ist jedoch die Chance, im Schweigen und in der Stille einen inneren „Thronwechsel“ vornehmen zu können:

XVII

nicht mein wille

sondern dein wille

nicht mein können

sondern dein können

nicht mein weinen

sondern dein weinen

nicht mein lachen

sondern dein lachen

so herum

gott

so ganz anders

herum

gott

als sonst

Diese gläubige Haltung lässt uns in Gott Ruhe finden, führt uns zu einem achtsameren Leben, das frei ist von überzogenen Ansprüchen, und erzieht uns zu gegenseitigem Respekt über alles nationale Denken hinaus.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.

In der Stille kommen wir vielleicht zu persönlichem Gebet. Diese Erfahrung machte auch Mahathma Gandhi, indischer Staatsmann und Pazifist, der in den politischen Turbulenzen seines Landes Gewaltlosigkeit predigte und lebte. Er bekannte in seinen Aufzeichnungen: Ohne Gebet wäre ich verrückt geworden. Solch persönliches Gebet verbindet uns mit Gott, den wir in der Stille am tiefsten Grund unserer Seele finden können.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still.

Wenn wir diesen Zustand auch nur ab und zu in unserem Alltag erreichen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, können wir daraus Kraft schöpfen und die Ungereimtheiten unseres schönen, schweren Lebens, die Schwierigkeiten der Weltsituation vor Gott ausbreiten, nicht um sie zu verdrängen, sondern um sie mit dem anzusehen und zu besprechen, der um den tiefsten Sinn dieser Welt weiß, uns leiten und begleiten will.

Psalm 131

Mein Gott, meine Seele setzt nicht mich an erste Stelle, sondern dich,/

und meine Augen spiegeln die Demut meines Herzens.

Geheimnisse des Lebens singen in mir.

Ich ließ meine Seele ruhig werden und still,/

wie ein getröstetes Kind bei der Mutter.

Israel, gib nicht auf, dein Vertrauen in Gott zu setzen,

heute und in Ewigkeit.

(Gedichte X, XI, XVII aus dem Gedichtzyklus:

Rosenfeld Kapelle, eine Tagelöhnerin auf der Suche nach Gott

aus: Petra Fietzek, Es kommt ein Tag, da deine Grenzen sich weiten,

Vorwort: Elisabeth Moltmann-Wendel, Matthias-Grünewald-Verlag 2006)