Foto von aufgeschlagenen Büchern

Geh hinaus aus Deinem Versteck – oder: Wider die Angst vor der Angst

Pfarrer Dr. Martin Fricke (ev)

14.06.2015 in der Johanneskirche in Düsseldorf

Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis

I.

„Ach, Sie haben keine Angst vor dem Sterben?“, fragt der bekannte WDR2-Moderator Uwe Schulz seine Gesprächspartnerin, die 90jährige Schwester Agnella im Kloster Mariendonk. Schwester Agnella, klein, zerbrechlich und sterbenskrank, antwortet: „Nein, obwohl ich mit der Todesangst auf die Welt gekommen bin. Ich war klein, rothaarig, überaus zart und sensibel und fast ständig in Angst. Ich versteckte mich vor Besuchern, die zu uns kamen. Ich hatte einfach Angst vor allem, das nicht zu meiner unmittelbaren Umgebung gehörte. Und selbst beim Spiel `Räuber und Gendarm´ stand ich in meinem Versteck wahre Todesängste aus – am ganzen Leibe zitternd. Ich war vielleicht zehn, wir hatten Verwandte auf dem Eichsfeld in Thüringen, wo wir in der Sommerfrische immer hinfuhren, und ich vermute, dass es da passiert ist.“ „… dass sich das Mädchen, das Sie damals waren, von seiner Angst befreien konnte?“ „Eines Tages trat die Vernunft auf den Plan: `Warum gehst du nicht einfach hinaus aus deinem Versteck und lässt dich fangen? Das wäre doch nicht halb so schlimm wie diese Angst.´ Gedacht – getan! Ich bin rausgegangen, und von dem Augenblick an hatte ich eine unglaubliche Freiheit. In der Rückschau kann ich sagen: Ich war danach an nichts mehr gebunden. Ich liebte das Leben, aber ich hing an nichts mehr. Das ist die Grundhaltung meines Lebens.“[1]

II.

Wovor haben Sie Angst, liebe Gemeinde? Haben Sie Angst vor Einbrechern oder vor der Dunkelheit, Angst, nicht pünktlich zu sein, Prüfungsangst,  Angst, dass das Urlaubshotel nicht hält, was der Prospekt verspricht, Angst, etwas Falsches zu sagen, Angst vor Spinnen, vor dem Zahnarzt, vor Krieg … ?

Die Angst in der Welt hat viele Gesichter, die uns das Fürchten lehren:

·        Im täglichen Miteinander werden Missverständnisse und kommunikative Unfälle zu Konflikten zumeist aufgrund der Angst, die wir alle haben und nur so schwer in den Griff kriegen: der Angst zu kurz zu kommen, als Person nicht wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden; der Angst, dass sich die Waage des zwischenmenschlichen Gleichgewichts zu unseren Ungunsten neigt.

·        Menschen, die aus anderen Ländern und Kulturen zu uns fliehen, wecken leider in einigen die Angst vor dem Fremden: vor der Lebensweise, vor den Geschichten der anderen; die widersinnige Angst, dass uns die Fremden in ihrer Not etwas nehmen, unsere Identität gefährden könnten.

·        Manchmal überfällt jeden von uns eine existentielle Angst: Wenn der Chef uns eröffnet, dass er nicht weiter mit einem plant; wenn ich eine Veränderung an meinem Körper bemerke, die mir verdächtig vorkommt; wenn der Partner einem eröffnet, künftig eigenen Wege gehen zu wollen.

·        Wenn ein lieber Mensch stirbt, begegnet sie uns: die Angst als Angst vor dem eigenen Tod; die Angst vor den Schmerzen des Sterbens, davor, nicht mehr zu sein, vor der Leere und der Vergeblichkeit.

·        Und dann ist da noch die Angst vor der Angst, die sog. Erwartungsangst: schon der Gedanke, wir könnten in Lebensumstände und Situationen geraten, die uns möglicherweise ängstigen, treibt uns den Angstschweiß auf die Stirn – und fesselt uns in unserem eigenen Leben.

III.

In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden, sagt Jesus (Johannes 16,33). Und auch er hat ein Beispiel für die Angst parat: die Angst einer Frau vor den Schmerzen bei der Geburt. Wird das Kind die Geburt gut überstehen? Wird es gesund sein? Wie werde ich mit den Schmerzen zurechtkommen? Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. (Johannes 16,21)

Ich finde interessant, dass der Gegenbegriff zur Angst bei Jesus nicht der Mut, sondern die Freude ist. Im Nachhinein ist es die Freude, die alle Schmerzen überwiegt, die die Frau die Angst vergessen und sie sich selbst wie neugeboren fühlen lässt. Mutig ist, wer seine Angst überwindet; aber die Angst ist immer noch da. Wer vom Glück reiner Freude erfüllt ist, ist frei von Angst.

Es geht also, liebe Gemeinde, nicht darum, besonders mutig zu sein. Jesus weiß, dass wir daran zerbrechen würden, wenn wir tagaus, tagein damit beschäftigt wären, heroisch gegen unsere Angst anzugehen. Er erwartet von uns Christenmenschen keine Heldentaten. Aber er fragt uns, warum wir nicht mehr aus der größten Freude leben, die uns geschenkt ist: der Freude, dass in Jesu Auferstehung der Tod und alle existentielle Angst endgültig, ein für allemal besiegt sind.

Freilich – wir leben in Ängsten, und es gibt wahrhaftig viel, was uns in dieser Welt Angst machen kann. Aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden, sagt Jesus: Ich bin auferstanden und habe den Tod besiegt. Denkt daran und glaubt daran. Und in der Freude, die Ihr darüber empfinden könnt, ist nichts mehr zum Fürchten. Ihr könnt leben wie die Neugeborenen, die den Schmerz und die Angst hinter sich haben. Schon jetzt. Im Glück reiner Freude.

Wo aber können wir diese Freude erleben? – Jede Feier des Gottesdienstes ist ein Ausdruck dieser Freude. Im Gebet können wir sie erfahren. In der Zuwendung zueinander, die sich aus der Liebe zu Gott und zu unseren Nächsten speist; auch zu den fernen Nächsten übrigens und zu denen, die als Fremde zu uns kommen. Im Betrachten von Gottes wunderbarer Schöpfung können wir diese Freude erleben. Und in der Kunst, die das Leben preist. In all´ dem ruft Jesus uns zu: In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!

Die Angst hat also nicht das letzte Wort. Und wir können angstfrei miteinander umgehen. Wir dürfen in Veränderungen die Chancen zu neuen Lebenswegen sehen. Nicht einmal den Tod müssen wir mehr fürchten, denn wir werden dereinst bei Gott und seinem Sohn sein, der uns den Weg zu ihm bereitet hat. Und wenn wir schon unseren Ängsten nicht dauerhaft entgehen können, dann doch wenigstens Schluss mit der Angst vor der Angst! Leben wir! Denn der Herr will, dass wir leben. Selbst in der größten Angst, im Sterben, in der Verzweiflung, in tiefster Dunkelheit ist er bei uns. Und er ruft uns zu: In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!

Niemand hat das schöner gesagt als Hanns Dieter Hüsch mit einem Psalm:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich.
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.

Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen.
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsal hält,

weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

IV.

„Und was möchten Sie denen, die nach Ihnen sind und kommen werden, hinterlassen: eine Botschaft, einen Hinweis, ein Beispiel?“, fragt Uwe Schulz Schwester Agnella zum Abschied. „Das, was ich auch mir selber sage“, entgegnet sie: „`Furchtsame Seele, hab keine Angst. Geh hinaus aus deinem Versteck – und lass dich fangen!´ Das ist die innere Freiheit der Liebe.“[2]

Amen.

 


[1] Uwe Schulz, Nur noch eine Tür. Letzte Gespräche an der Schwelle des Todes, Basel 2014, S. 102f.

[2] Uwe Schulz, Nur noch eine Tür, a.a.O., S. 110.