Foto von aufgeschlagenen Büchern

Karfreitagspredigt mit Bildbetrachtung zum Pressefoto des Jahres 2012

Pastorin Anke Döding (ev.-luth.)

29.03.2013 in der Stephanusgemeinde in Wolfsburg

Karfreitag 2013

Foto: Paul Hansen, Pressefoto des Jahres 2012

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des hl. Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

sie sehen aus wie Puppen. Zwei Kinder. In weiße Tücher gehüllt. Man sieht nur ihre Gesichtchen. Eine Gruppe von Männern tragen die kleinen Kinderkörper – ihre Gesichter sind voller Schmerz, Wut und Ohnmacht.

Suhaib Hijazi, 2 Jahre alt, und Muhammad Hijazi, drei Jahre alt, sind tot.

Sie starben im vergangenen November bei einem israelischen Luftangriff im Gaza-Streifen.

Das Bild des schwedischen Fotografen Paul Hansen wurde zum Pressefoto des Jahres 2012 gekürt.

Mich hat dieses Bild durch die Passionszeit begleitet.

Immer, wenn es mir mit der geballten Passion, den Leidensankündigungen in den Predigttexten zu viel wurde, immer wenn ich gedacht habe: Reden wir in der Kirche nicht zu viel über Leid und Schuld, das ist so negativ? Dann ist mir dieses Bild wieder eingefallen, und ich habe gedacht: Nein, so unbequem und sperrig die Passionszeit ist – so ist das Leben. Nicht immer, aber wenn das Leid, wenn der Tod zuschlagen, dann total.

Für mich ist dieses Bild zum Karfreitagsbild geworden

Die Aufnahme zeigt einen Trauerzug in Gaza City im vergangenen November. Im Bildvordergrund halten Männer die zwei und drei Jahre alten Kinder in den Armen. Im Hintergrund wird der ebenfalls getötete Vater der Kleinen auf einer Bahre getragen. Das Haus der Familie war beim Raketenangriff zerstört worden, die überlebende Mutter war zum Zeitpunkt des Fotos auf der Intensivstation. Die Trauernden sind auf dem Weg zu einer Moschee.

„Die Stärke dieses Bildes liegt in der Art, wie es die Wut und das Leid der Erwachsenen in einen Kontrast mit der Unschuld der Kinder setzt“, sagte Mayu Mohanna, Jurymitglied aus Peru, über die Qualität von Hansens Foto. „Es ist ein Bild, das ich nicht vergessen werde.“

Ich habe überlegt, ob ich Ihnen dieses Bild heute zumuten kann. Aber Sie sind ja hier, heute, an Karfreitag. Wer an Karfreitag zur Kirche geht, der weiß genau: Heute wird mir etwas zugemutet. An Karfreitag hören wir keine aufbauenden Bibeltexte, keine heitere Predigt. An Karfreitag singen wir keine fröhlichen Lieder.

Sie wussten: Heute wird mir das Leiden Jesu vor Augen geführt, auch in unserer bildlosen Kirche ganz bildlich.

O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn

Du edles Angesichte, wie bist du so bespeit?

Wie bist du so erbleichet

Die Farbe deiner Wangen, der roten Lippen Pracht, ist hin und ganz vergangen…

Welches Bild sehen Sie vor Ihrem inneren Auge, wenn Sie an die Kreuzigung Jesu denken?

Vielleicht ein Bild aus der alten Heimatkirche oder eine Kruzifix, das früher im Klassenzimmer hing? Oder eine der Kreuzigungsdarstellungen von weltberühmten Malern? Vielleicht den gemarterten Christus von Matthias Grünewald. Oder den siegreichen von Michelangelo? Oder den segnenden Christus aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche?

Viele Künstler haben Ihre Interpretation des Geschehens gemalt. Wir sind mit diesen Darstellungen großgeworden, haben uns daran gewöhnt. Was wir dabei leicht vergessen:

Christus am Kreuz, das ist ein Skandal.

Der, der ganz bei Gott war, gefoltert und gedemütigt. Und schließlich hingemeuchelt wie ein Verbrecher.

Der Unschuldige wird zum Opfer.

Nicht nur Jesus von Nazareth.

Auch Sophie und Hans Scholl und ihre Mitstreiter. Auch die vielen Namenlosen, die heute in den Gefängnissen der Diktaturen verrotten. Weil sie sich gegen das Unrecht wehren, für die Freiheit eintreten.

Jeder einzelne Fall ein Skandal.

Die Evangelien erzählen uns, dass Jesus von Nazareth wusste, was er tat. Dass er seinen Tod für den Willen Gottes hielt, sich unter diesen Willen beugte.

Auch das ein Skandal. Was ist das für ein Gott, der seinen Sohn opfert, selbst wenn sein Opfer die Welt retten soll?! Oder war es Gott selbst, der ans Kreuz gegangen ist, um unser Leid zu teilen und unsere Schuld zu tilgen?

Wie kann der Ewige und Allmächtige der Endlichkeit und dem Tod unterworfen sein? Andere Religionen halten das für Gotteslästerung und Menschen, die sich etwas auf ihren Verstand einbilden für Unsinn.

Warum musste Christus sterben?

Musste Christus sterben?

Die Theologen haben viele dicke Bücher zu diesem Thema geschrieben.

Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt.

Ein anderes Bild für den Gekreuzigten: Das Lamm.

Blutjung. Weiß wie die Unschuld. Es wird geopfert, kann sich nicht wehren.

Christe, du Lamm Gottes.

Ich erkenne den unschuldig am Kreuz Ermordeten in Suhaib und Mohammed. Aber im Gegensatz zum erwachsenen Jesus hatten die beiden Kinder nicht einmal die Chance sich zu entscheiden. Sie sind einfach nur zwei von zahllosen Opfern, die zwischen den Fronten zermahlen werden. Genau wie ihr Vater. Zurück bleibt eine schwer verletzte und gebrochene Mutter.

Maria unter dem Kreuz.

Sinnlos. Denn die Gewalt schafft keinen Frieden, sondern neuen Hass. Und morgen stirbt vielleicht ein Kind bei einem Selbstmordattentat in Tel Aviv.

Für mich ist dieses Foto eine Kreuzigungsdarstellung.

Es zeigt uns: Auch heute werden Unschuldige geopfert, immer noch.

Auch heute geht der Engel Gottes nicht dazwischen und ruft: Halt!

Auch heute lassen wir es geschehen, genauso wie die Menschen damals.

Kreuzige ihn!

Oder: Was können wir schon tun?

Nein, Karfreitag ist kein schöner Tag.

Aber es ist gut, dass es ihn gibt.

Diesen Tag, der uns das Leiden Jesu zumutet.

Diesen Tag, an dem wir uns das Bild von zwei getöteten Kindern zumuten.

Es ist gut, dass wir uns an Karfreitag zum Gottesdienst versammeln.

Weil an jedem einzelnen Tag irgendwo auf dieser Welt Karfreitag ist.

Ein Unschuldiger stirbt, ein Kind verhungert.

Wer sollte an sie denken, für sie beten und handeln, wenn nicht wir?

Christe, du Lamm Gottes.

Kein Gott, der mit Flammenschwert dazwischen geht.

Aber ein Gott, der sich an die Seite der Leidenden stellt.

Und uns so zeigt: Das darf nicht alles gewesen sein.

Das soll nicht alles gewesen sein.

Etwas steht noch aus.

Christe, du Lamm Gottes.

Ein Gott, der sich an unsere Seite stellt – aus Liebe.

Nur darin liegt die Hoffnung.

Nicht in der Verdrängung, nicht in der Verharmlosung.

Einer hat es uns gezeigt, für immer:

Der Tod ist nicht das Ende.

Die Ungerechtigkeit behält nicht den Sieg.

Christe, du Lamm Gottes, gib uns deinen Frieden.

Und der Friede Gottes...