Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt

Diakon Andreas Jörs

06.05.2001 in Hannover

Stationen aus der kirchlichen Karriere des Arne G.

Liebe Gemeinde,

stellen wir uns einmal vor, einer von den heutigen Konfirmanden würde Tagebuch schreiben. Und er würde dies auch noch in den kommenden Jahren und Jahrzehnten tun. Und er würde sozusagen auch seine kirchliche Karriere immer wieder mal erwähnen - dann würde das unter Umständen vielleicht folgendermaßen klingen:

6. Mai 2001
Heute steht endlich mal jemand im Mittelpunkt, der es verdient hat: Nämlich ich! Ich werde heute konfirmiert. Endlich! Ich bin der Star des Tages. Das muss ich unbedingt auskosten. Mich als Mittelpunkt einer Familienfeier, das wird's so bald nicht wieder geben. Schließlich bin ich überzeugter Junggeselle und wild entschlossen, es zu bleiben. Vielleicht lass ich sie zu meinem Fünfzigsten Geburtstag mal wieder antanzen. Aber bis dahin ist voraussichtlich Ruhe im Schacht. Eine Familienfeier alle 35 Jahre - ich finde, das klingt nach einem guten Schnitt.
Meine Mutter meinte, ich solle "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln" als Konfirmationsspruch nehmen. Sie fände den ausgesprochen schön und ausdrucksvoll. Ein Grund mehr, sich für einen anderen zu entscheiden. Schließlich bin ich in der Pubertät, oder wie das heißt, und damit grundsätzlich gegen solcherlei Einmischungen in meine Entscheidungen. Außerdem habe ich selbstverständlich auch inhaltliche Vorbehalte gegen solcherlei kühne Behauptungen wie "Mir wird nichts mangeln!" Natürlich wird's mir mangeln, mindestens an guten Mathezensuren und ausreichenden Bareinnahmen wird's mir noch jahrelang mangeln! Wetten dass ... .
Ich habe mich dann für den ersten Satz des ersten Psalms entschieden: "Wohl dem Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht." Warum ich mich für diese Stelle entschieden habe? Naja, der Pastor hat gesagt, wir sollen auch mal bei den Psalmen nachschauen, und das war halt der erste. Sollte ich mir vielleicht alle 150 durchlesen??

Außerdem beschreibt mich dieser doch irgendwie vollkommen: Ich bin ein Mann und ich sinne bei Tag und Nacht nach, worüber auch immer. Manchmal vielleicht auch über die Weisung des Herrn. Was immer das nun auch wieder sein soll.

Ich meine, das wäre ja sicher irgendwie positiv, wenn man ab und zu mal eine Weisung des Herrn deutlich vernehmen könnte. Wenn man endlich mal eine konkrete Vorstellung davon bekommen würde, was das nun eigentlich ist : Gottes Wille.

Im Konfirmandenunterricht hörte sich das in aller Kürze in etwa so an: Wir sollen uns alle lieb haben, gerecht und friedlich miteinander umgehen und aufpassen, dass wir der Schöpfung nicht allzu bald den letzten Rest geben. Wir sollen uns lieben und den Nächsten lieben und so weiter und so weiter ...

Sich selbst lieben is ja okay, aber der Rest?!
Ich meine, wer setzt das hier durch?? Wer bitteschön ist Gottes Bodenpersonal?
Hier haben sich doch alle selber so doll lieb, dass für den Nächsten und die Schöpfung nicht mehr allzu viel Liebe über bleibt, so sieht's doch wohl aus.
Okay, das reicht für heute. Ich glaube der Braten ruft!
Und außerdem muss ich mich jetzt unbedingt feiern lassen ... .

7. Mai 2001
Ich bin jetzt ein mündiger Christ, juchhu! Und ich bin reich, mindestens eine Woche lang! Dann wird der Media-Markt leergekauft oder Brinkmann, mal sehen.
Einen Teil meiner Einnahmen habe ich gestern bereits einem wohltätigen Zweck zugeführt: Ich hab meinen kleinen Bruder zu einem Eis eingeladen. Immerhin drei Kugeln.
Ansonsten warte ich mal ab, ob die von der Kirche sich noch mal melden. Oder ich schau mal irgendwann vorbei - überprüfen, ob die ohne mich überhaupt klarkommen ... .

16. Mai 2001
Ich brauche dringend eine zweite Konfirmation! Ich bin total pleite und taschengeldmäßig um ein halbes Jahrzehnt im voraus verschuldet. Soweit nochmals zum Thema: "Mir wird nichts mangeln ...".

20. Juli 2005
Geil! Ich verdiene Geld! Ich habe mit einer Ausbildung bei einer Versicherung begonnen und verdiene richtiges Geld! Und was sehe ich da auf meiner Gehaltsabrechnung? Kirchensteuer!! Wie lange ich das wohl mitmache? Ich meine, man könnte das Geld doch auch für andere Zwecke spenden: Für Greenpeace oder hungernde Kinder - außerdem brauche ich dringend einen neuen PC!

26. Oktober 2006
Es reicht! Ich trete aus. Habe heute den Pastor getroffen, der mich damals konfirmiert hat, und er hat nicht mal gegrüßt. Außerdem ist mein Gehalt erhöht worden und ich müsste acht Mark mehr an Kirchensteuer zahlen. Was hab ich davon? Gut, ich frag mich auch nicht, was ich von den anderen Steuern habe, die ich zahle, aber gegen die kann ich mich ja auch nicht wehren. Vielleicht ist die Kirchensteuer sogar die sinnvollste von allen - aber trotzdem: Ich bin entschlossen: Ich trete aus!

20. April 2007
Mist! Ich soll Pate werden für den Sohn meiner Schwester. Das würd ich natürlich sehr gerne, aber dazu muss ich Kirchenmitglied sein. Wenn ich das richtig erinnere, wäre ich als Pate sozusagen hauptverantwortlich für die religiöse Erziehung meines Patenkindes. Aber das würde mich nicht stören. Im Gegenteil: Eigentlich fand ich manche Bibelgeschichten ganz spannend. Außerdem ist man als Pate etwas Besonderes für so'n Kind - und das gefällt mir
irgendwie ... also auf zur Marktbuchhandlung, da ist 'ne Wiedereintrittsstelle!
Sollen ja auch im Trend liegen, diese Wiedereintritte ... .

14. März 2017
Mittlerweile verdien ich richtig gut. Da bietet es sich doch an, ein kleines Häuschen zu bauen. Da braucht man natürlich jeden Euro, das ist klar. Und diesmal hab ich mich genau informiert: Ich muss nicht in der Kirche sein, um kirchlich zu heiraten, es reicht aus, wenn meine Frau drin ist, und ich muss auch nicht in der Kirche sein, wenn meine Kinder konfirmiert werden sollen. Diesmal kann also nichts danebengehen. Ich trete wieder aus ... .

17. Juli 2019
Mist! Mich will tatsächlich jemand heiraten! Eine katholische Frau, die doch tatsächlich darauf besteht, dass ich wieder eintrete. Was bleibt mir übrig.

18. Mai 2024
Ich bin immer noch drin, also in der Kirche. Und irgendwie find ich's richtig gut. Im Urlaub zum Beispiel habe ich eine volle Stunde in einer leeren Kirche verbracht. Ich habe einfach nur dagesessen, die Stille genossen und mich geborgen gefühlt, wie lange nicht mehr. Muss ich mir Sorgen machen? Ist das vielleicht der Beginn der sog. Midlife-crisis??

Ich gewinne mittlerweile auch völlig neue Sichtweisen von einzelnen Bibelstellen, die mir noch in Erinnerung sind. Neulich zum Beispiel stand ich wieder mal, wie schon tausendfach vorher, in der Straßenbahn einem Jugendlichen gegenüber, der seinen Walkman viel zu laut aufgedreht hatte. Die stupiden Bässe dröhnten durchs Abteil und ich dachte spontan an das Gebot "Du sollst nicht töten." Nicht etwa, das ich die Absicht gehabt hätte, ihm was anzutun .. obwohl, naja ... aber das meine ich nicht. Ich dachte nur, eigentlich fängt es damit schon an, das Töten meine ich, im alltäglichen Umgang miteinander. Mich nervte diese Rücksichtslosigkeit dieses Jugendlichen, aber mir war auch klar, dass er das wohl nicht begreifen würde., bzw. dass mir bei meiner nächsten Fahrt der Nächste seiner Art gegenüberstehen würde. Ich fühlte eine gewisse Ohnmacht und erschrak darüber, dass plötzlich so scheinbar banale Kleinigkeiten eine derartige Macht über mein Wohlbefinden zu bekommen schienen.

Wir töten mit Worten, mit Blicken, mit schlechtem Benehmen, mit Grobheiten, mit Gleichgültigkeit - Stück für Stück machen wir uns gegenseitig krank und treiben uns gegenseitig den Blutdruck in die Höhe ... .

Eigentlich spannend wie man solch en scheinbar so simples und eindeutiges Gebot auch betrachten kann ... .

10. Dezember 2032
Es ist soweit. Ich habe mich in den Kirchenvorstand meiner Gemeinde wählen lassen. Die Kirche ist so gut wie ihre Mitglieder, habe ich mir gesagt, und da kann ich ihr einen wie mich eigentlich nicht guten Gewissens vorenthalten.

Ich glaube, dass wir eine starke Kirche gut gebrauchen können, denn wo sonst wird noch gefragt nach der Würde des Lebens, wer sonst sollte uns noch Mut machen, Hoffnung geben, wo sich die Medien überschlagen mit Katastrophenmeldungen und Untergangsvisionen? Wer sonst macht das eigentlich noch ernsthaft zum Thema, die Frage wie Leben gelingen kann zum Beispiel? Wer liefert noch Bilder und eine Sprache für die großen Wünsche und Träume, für die vielen Sehnsüchte nach einem erfüllten Dasein?

Ja, ich glaube, man sollte dringend etwas dafür tun, dass die Kirche erhalten bleibt. Mir - und ich glaube auch vielen anderen - die sich das heute vielleicht gar nicht so richtig vorstellen können, würde etwas Wesentliches fehlen, wenn es sie nicht mehr geben würde.

Für mich beginnt das schon mit der bloßen Existenz der Gebäude. Ein Stadtbild ohne Kirchtürme, ein Sonntag ohne Glockengeläut - ich mag mir das nicht vorstellen.

Natürliche ist mir auch heute noch manche Predigt zu lang und manchen Pastor, den ich mittlerweile kennengelernt habe, würde ich vielleicht auch lieber in irgendein abgelegenes Kloster schicken, wie manchen anderen Zeitgenossen auch, aber ich habe gelernt: Die Kirche sind wir! Jeder einzelne von uns. Und je nachdem wie bemerkbar wir uns machen, haben wir eine lebendige oder eine weniger lebendige Gemeinde.

Tja, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, liebe Angehörige, liebe Gemeinde!
Wir wissen nicht, wie es Herrn G. weiter ergangen ist in seinem Leben, weitere Tagebuchauszüge liegen nicht vor. Vielleicht hat er bereits nach wenigen Monaten ernüchtert seinen Rückzug aus der Kirchenvorstandsarbeit angetreten, vielleicht hat er erneut der Kirche den Rücken zugewandt und ist erst als schlechterverdienender Rentner wieder eingetreten - wer weiß. An dieser Stelle seines Lebens jedenfalls sieht es eher aus, als hätte er in seiner Gemeinde eine Heimat gefunden für viele der Fragen, die ihn bewegen.

Ob das vielleicht erst gelingen kann, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat? Ist Kirche doch nur etwas für ältere Menschen? Also - aus eurer Sicht betrachtet - für Menschen ab 30?

Ich glaube das nicht. Ich glaube, auch wenn nicht jede Unterrichtsstunde allzu deutlich darauf hingewiesen hat, dass ihr längst die wichtigen Fragen zum Leben und über das Leben in euren Köpfen habt. Vielleicht sogar deutlicher als mancher Erwachsene hier.

Die Fragen: Wozu sind wir eigentlich hier? Was machen wir aus unserem Leben? Wie kann es gelingen? sind auch Kinderfragen. Und wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht verlieren, wenn uns der sog. Ernst des Lebens einholt.

Dabei ist es gut, wenn wir uns immer wieder deutliche machen, dass wir weder der Beginn noch die Vollender einer Entwicklung sind, sondern Glieder einer Kette ... vom Gestern zum Morgen. Wir sind Gäste auf Zeit. Wir können von den Vorfahren lernen und für die Nachfahren bewahren.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
es widerspricht unter Umständen dem Stolz der Jugend, sich ab und zu klar zu machen, dass wir auch bedürftige, angewiesene Kreaturen sind. Wir können uns nicht selber erschaffen, wir sind angewiesen auf Dialog und Austausch, gerade auch mit denen, die uns irritieren und in Frage stellen.

Genau das haben wir nun in vielen Unterrichtsstunden versucht: Uns gegenseitig zu irritieren und in Frage zu stellen. Viele Antworten sind wir uns dabei schuldig geblieben, aber wenn uns einige der Fragen aus unserer gemeinsamen Zeit weiter begleiten, dann, meine ich, ist schon viel gewonnen. In diesem Sinne möchte ich euch ermuntern und wünschen, Fragende zu bleiben, und weiter zu suchen nach Antworten, die uns das Leben verständlicher machen.

Auch junge Menschen können in der Kirche eine Heimat finden. Sie brauchen nur ein bisschen Neugier dazu ... .

Amen