Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt

Diakon Andreas Jörs

in Hannover

Liebe Gemeinde,

vor einigen sachlichen Gedanken möchte ich sie und euch zunächst konfrontieren mit den Gedanken und Äußerungen von Tante Amelie.
Kurz bevor ihr Patenkind in diesem Jahr konfirmiert wird möchte Amelie die folgenden Überlegungen einfach mal loswerden. Hier kommt sie nun zu Wort:
Ach, Konfirmationen ... herrlich! Ich könnt ja jeden Monat eine feiern! Feiern habe ich gesagt, nicht ausrichten! Nette Leute, gutes Essen, alle harmonisch beieinander - was gibt's Schöneres, wenn man so langsam alt wird?
Mehrfach ausrichten wäre natürlich ne Katastrophe. Da müsste man dann schon ab und zu mal auf den Günter Jauch seinen Stuhl und ordentlich abkassieren.
In acht Tagen ist mein Patenkind dran, die Anja! Herrlich!
Ich acht Tagen? Oje, ich weiß überhaupt noch nicht, was ich anziehen soll! Wenn man wüsste, wie das Wetter wird ... .

Und ein Geschenk haben wir natürlich auch noch nicht. Mein Mann kümmert sich ja auch um überhaupt nichts. Was schenkt man denn so einem Teenager, heutzutage? Ne flotte Handtasche vielleicht? Schicke Bettwäsche? Oder mehr so modern: So'n Computerspiel, wo se dann brutal von werden? Wahrscheinlich läuft's am Ende dann ja doch wieder auf Bargeld hinaus. Das Dumme an Geldgeschenken ist ja bloß immer: Jeder weiß genau, was sie gekostet haben.

Wie ich gehört habe, will die Anja sich nach ihrer Konfirmation so'n Brandzeichen machen lassen, also so'n Tatü oder wie das heißt. Und dann will se sich auch so'n Eisenstab durch'n Bauchnabel rammen, Piercing oder so ... . Also, mein Fall ist das ja nicht. Ist doch die reinste Selbstverstümmelung! meine Konfirmation war jedenfalls herrlich! Onkel Dieter und Onkel Jürgen waren schon vor dem Kaffeetrinken dermaßen betrunken, dass sie damals den einzigen Apfelbaum in unserem Garten zerlegt haben und anschließend versuchten, auf einem Teil des Stammes den Swimmingpool unseres Nachbarn zu durchkreuzen. Und Onkel Jürgen wäre dabei beinahe ertrunken. Herrlich, diese Erinnerungen ... . Und mein kleiner Bruder, mit der ersten und vermutlich auch letzten Zigarre seines Lebens - nie wieder habe ich später nach einmal einen Menschen mit einer derart blassen Gesichtsfarbe gesehen. Nur Eva, eine meiner Cousinen hat ziemlich genervt. ganze zwei Wochen vor meinem Festtag war sie urplötzlich zur militanten Vegetarierin mutiert und ließ nun auch keine Gelegenheit aus, das ständig und überall zu demonstrieren. Als der Schweinebraten auf den Tisch kam, hat sie im Dreiminutentakt Kommentare wie "Pfui - totes Fleisch!" oder auch "Igitt - lauter Leichenfresser!" von sich gegeben und dann beim Nachtisch dermaßen zugeschlagen, dass die Hälfte der anderen Gäste leer ausging.

Ich glaube, meine Mutter war damals kurz davor, zum ersten Mal in ihrem Leben, ein Kind zu verdreschen ... .
Aber ansonsten war's herrlich, einfach herrlich!
Und - sie werden lachen - auch in Bezug auf das Religiöse ist da bei mir durchaus was hängengeblieben. Wie soll ich ihnen das beschreiben? Ich sag immer: Ich hab da so'ne Art kleinen Jesus im Ohr seit damals.

Ich stell mir ganz oft vor: Was würde der jetzt wohl dazu sagen? Also zu meinen Entscheidungen, zu irgendwelchen Geschehnissen, zu meinen Sichtweisen, Gewohnheiten - wie würde Jesus die wohl beurteilen? Also gewissermaßen: Der Jesus kommentiert mein Leben - wenn sie so wollen. Und ob sie's glaube oder nicht, das ist oft ganz schön hilfreich. Also man hat was, woran man sich orientieren kann, verstehen sie?

Das kann natürlich auch manchmal lästig sein, wenn er mir wieder auf diese kritische Tour kommt, dieses: Denk doch öfter mal an die anderen, hilf denen, denen es schlechter geht - sie verstehen sicher, was ich meine.

Aber so im Großen und Ganzen isser wirklich schwer in Ordnung. Ich sag immer: Einen besseren Lehrer als den Jesus finden sie im Leben nicht. Der kümmert sich immer nur ums Wesentliche, ist kritisch, aber nicht kleinlich, großherzig, zuverlässig, mahnend, aber immer auch motivierend - herrlich! Und auch so ganz anders als mein Mann zum Beispiel! Mit dem könnte ich ja über manche Dinge gar nicht reden, der ist ja manchmal wie weggetreten ... . Aber der Jesus - immer vor Ort, immer ein offenes Ohr ... herrlich!

Was mich betrifft - ich glaube gern! Und ehrlich gesagt: Ich kann mir überhaupt niemanden vorstellen, der nicht gerne glaubt. Oder kennen sie vielleicht jemanden, der behauptet: "Ich WILL nicht glauben!" "Ich KANN das alles nicht glauben" - okay, das hör ich öfter. Oder auch "Ist mir doch egal, das ganze mit der Religion," das auch. Aber: Ich WILL nicht glauben" - sowas sagt doch keiner, oder?!

Ich meine, auch mit so'nem Jesus im Ohr weiß man natürlich nicht automatisch wie Leben funktioniert - es bleibt schon noch abenteuerlich und irgendwie auch rätselhaft - aber: Dieser Jesus - wie soll ich sagen - er gibt mir halt An-halts-punkte! Hin-weise!

Dabei weiß ich gar nicht: Hab ich mir nun ihn oder hat er sich mich ausgesucht? Is ja auch eigentlich egal ... .

Ich denk mir ha immer: Was die Kinder so in der Schule lernen is ja schön und gut. Kann ich vielleicht auch gar nicht beurteilen, ist zu lange her, aber ... so'n Unterrichtsfach "Leben" - das wär doch auch nicht verkehrt, oder?! Wer bereitet die denn mal vor auf die "Wüsten" in ihrem Leben, und wer bitteschön bringt ihnen bei, dass Oasen nicht käuflich sind - wenn ich jetzt mal so bildlich zu ihnen sprechen darf. Die Eltern? Ach was! Wenn ich da so an die Eltern von de Anja denke - die sind doch selber ne Wüste! An denen hat die Anja ja nun wirklich keinen Halt fürs Leben. Ich sag nur: Mit so einem Jesus im Ohr, kommst du dir gleich viel stärker vor! - Herrlich!

Ja, liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden, Eltern und Verwandte, liebe Gemeinde,
doch nicht schlecht, so ein kleiner Jesus im Ohr, oder?!
Wer hätte ihn nicht gern, solch einen allgegenwärtigen Berater, solch kritischen, aber nicht kleinlichen Lebens-Kommentator, solche einen im besten Sinne des Wortes beunruhigenden Begleiter durch gute und schlechte Zeiten? Einen, der einen nie allein lässt und der zu alledem auch noch die Hoffnung nährt, dass jedem Ende auch ein Anfang innewohnt?
Wer würde nicht gern glauben an eine Macht, die uns auch der tiefsten aller Einsamkeiten entreißen kann, an etwas Höheres als unsere doch mitunter recht armselige sog. Realität, an eine Chance für all unsere tiefen Sehnsüchte nach Liebe, Frieden und Gerechtigkeit?
Wer hätte nicht gern einen kleinen Jesus im Ohr, einen zuverlässigen freundschaftlich verbundenen Partner, manchmal mahnend, aber stets auch motivierend und aufbauend? Einen, der uns durch unser Leben begleitet, es immer gut mit uns meint, der uns bedingungslos liebt?
Ein traumhafter Begleiter eigentlich. Aber: Haben wir ihn eigentlich nötig? Und falls ja: Wo bekommt man ihn her?

Paul McCartney, Mitglied der legendären Beatles, Dollarmillionär, soll gesagt haben: "Eigentlich ist für mich jeder Mensch, der so halbwegs das Leben besteht, ein Held, bzw. eine Heldin." Warum äußert ein so reicher und erfolgsverwöhnter Mensch so etwas? Nun, ich könnte mir denken, aus demselben Grund, aus dem auch wir, Eltern, Großeltern, Unterrichtende mitunter versuchen, euch mit sog. guten Ratschlägen zu versorgen, aus dem Grund nämlich, dass wir euch Jugendlichen ein paar Jahre voraus sind und meinen erkannt zu haben, dass so ein Leben durchaus Härten bereithält, die einen aus der Bahn werfen können und vor denen niemand sicher ist.
Es gibt Krankheiten, Unfälle, Konflikte, Gewalt, menschliches Versagen, Anfälligkeiten und Verluste. Und es wird auch in euren Leben Situationen geben, die es zu überstehen, zu bewältigen gilt und an denen man vielleicht auch scheitern kann, bzw. scheitert.
Kann man sich auf solche Situationen nicht vorbereiten? Muss es wirklich zu Not und Elend kommen in meinem Leben? Wie entstehen eigentlich Lebensläufe?
Eine Art Gedicht, das ich vor kurzem in einer Zeitung fand, beschreibt das recht simpel und anschaulich folgendermaßen:
Denk dran:
Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten.
Achte auf deine Worte, denn sie werden zu Taten.
Achte auf deine Taten, denn sie werden zur Gewohnheit.
Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden zu deinem Schicksal.

So einfach ist das: Gedanken werden zu Worten, Worte zu Taten, Taten zu Gewohnheiten und Gewohnheiten zu dem, was wir dann irgendwann unser bisheriges Leben nennen. Was aber bedeutet es, auf meine Gedanken, Worte, Taten und Gewohnheiten zu achten? Es bedeutet zunächst einmal Arbeit!

Es bedeutet: Mich und mein Verhalten zu beobachten, es in Frage zu stellen und in Frage stellen zu lassen. Es bedeutet: Auseinandersetzung! Mit Traditionen, anderen Meinungen, anderen Kulturen. Und es bedeutet auch : Bildung, in einem sehr umfassenden Sinn! Wissen lässt sich aneignen, Erfahrungen summieren, aber zur Erkenntnis ist es immer noch ein weiter Schritt.

Wer nicht zum Opfer seiner Gewohnheiten werden will, muss selber denken, statt denken zu lassen. Und wer sein Leben selber gestalten möchte, braucht Vorgaben und Entwürfe, an denen er sich orientieren und reiben kann.

Gar nicht schlecht also, so ein Jesus im Ohr, der ab und zu seine Kommentare gibt, der kritisiert und Mut macht und einen vielleicht auch manche Zusammenhänge besser erkennen, der einen das Leben manchmal besser verstehen lässt.

Durch den Glauben wird nicht alles einfacher. Aber gerade im Umgang mit leidvollen Erfahrungen, mit den Härten des Lebens, bleibt einem manchmal kein anderer Adressat für Beschwerden, für die Suche nach Trost, als dieser Gott, auf den wir hoffen dürfen.

Ja, dieser rätselhafte Gott, dem zu vertrauen wir immer wieder üben können.
Der Glaube ist nicht etwas für Feiertage, sondern für jeden Tag. Und den kleinen Jesus im Ohr brauchen wir z.B. seltener für die Frage, ob Töten zu rechtfertigen ist oder nicht, als für die Frage, wo Töten beginnt. Wir brauchen ihn im alltäglichen Miteinander. Wie gehen Menschen miteinander um, in der Schule, bei der Arbeit, in der Familie?
Wie behandeln sie sich und wie werden sie behandelt in Talkshows, Krankenhäusern, Straßenbahnen oder sonstwo.

Viel ist in diesen Tagen von einer Ächtung der Gewalt die Rede. Auf dem Hintergrund der Ereignisse vom 26. April wird vor allem auch deutlich, dass es darum gehen muss, die Anfänge der Gewalt zu bekämpfen. Ein gerechtes und friedvolles Leben für möglichst viele Menschen wird es nur dann geben, wenn auch möglichst viele die Bereitschaft entwickeln, in Klein- und Kleinstarbeit ihre alltäglichen Umgangsformen zu hinterfragen und jeweils zu korrigieren. Jede Analyse von Katastrophen wie der in Erfurt bleibt unvollständig ohne den Blick auf die im Alltag zugefügten Verletzungen und Demütigungen, auf die sogenannte Normalität der Verhältnisse.
In den Medien sind die Kirchen zur Zeit immer wieder als Orte zur Verarbeitung des Schreckens in den Schlagzeilen. Und das ist sicher auch gut so.

Aber : Kirche, Religion, Glaube - der kleine Jesus im Ohr - sie können Schrecken nicht nur verarbeiten helfen, sie können manchen Schrecken auch verhindern.
Der Glaube, im Alltag angewandt, soll nicht nur auf eine ferne Zukunft vertrösten, sondern auch unser aller Gegenwart positiv beeinflussen - Tag für Tag, Stunde für Stunde.
Jesus steht für jeden Dialog zur Verfügung und ist mit Sicherheit ein qualifizierter Lehrer in den Disziplinen eines humanen Miteinanders.
Denken und nicht denken lassen, liebe Konfirmanden und Konfirmandinnen, das bedeutet auch, dass ihr von nun an auch im Hinblick auf euren Glauben oder Unglauben verstärkt selber die Verantwortung zu übernehmen habt.

Am Ende der Konfirmandenzeit wird bei vielen von euch allenfalls ein Keim vorhanden sein. Ob ihr ihn pflegen werdet oder verkommen lasst, liegt bei euch.
Ein Anfang ist gemacht - ob sich eines Tages ein kleiner Jesus in euren Ohren melden wird, bleibt abzuwarten.
Ich jedenfalls wünsche es euch sehr!

Amen