Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt

Pfarrer Werner Beuschel

21.04.2002 in der in der Christuskirche zu Mönchengladbach

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Festgemeinde!

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es. In diesem Fall waren es bloß zehn, und die lauteten: Hoffentlich kannst du bald wieder gesund mitten unter uns sitzen! Das sollte doch auch mit Buchstaben gesagt sein. Um das Bild erst richtig sprechen zu lassen.

Ihr kennt dieses Bild. Für diejenigen aus der lieben Festgemeinde, die das Bild nicht gesehen haben, habe ich es verkleinert fotokopiert und in das Gottesdienstblatt eingelegt. Das Bild gehört in die Frühzeit eures Konfirmandenunterrichtes. Es ist ein Blatt von vielen, jeweils gestaltet von Zweierteams als Schrift- oder Fotocollage oder eben als kolorierte Zeichnung. Die Blätter habe ich zusammengeheftet und als Titel hinzugefügt: Genesungsbüchlein für Linda. Fertig war die Lektüre fürs Krankenhausbett.

Wir erinnern uns: begonnen hatte der Unterricht in Dahlheim, zwei Übernachtungen im Freizeitheim gehörten mit dazu. Und in der Nacht passierte es. Linda stürzte oben aus dem Etagenbett und holte sich mehr als nur ein paar blaue Flecken. Auf den Notarzteinsatz folgte der Aufenthalt im Krankenhaus inklusive Operation. Vielleicht lag es ja auch an dem Genesungsbüchlein: bald saß Linda wieder mit im Stuhlkreis, zeigte später mit ein paar Schrauben und Nägeln ihr vorübergehendes chirurgisches Innenleben, und heute geht es ihr megaprächtig. Was bestimmt auch daran liegt, dass Linda heute nicht nur konfirmiert wird, sondern auch Geburtstag hat. Herzlichen Glückwunsch!

Es ist erst ein paar Wochen her, dass ihr im Unterricht wieder ein Genesungsbüchlein angefertigt habt. Jetzt fehlte Jennifer. Gleich drei Operationen folgten auf einen Blinddarmdurchbruch. Und wieder kam die Vogelperspektive mit dem Buntstift auf die Pappe, frei nach dem Motto: was einem van Gogh mit den Sonnenblumen und einem Manet mit den Seerosen recht ist, das soll uns billig sein, nämlich ein Motiv nicht nur ein Mal auf einen Malgrund zu bannen. Es kam, wie es kommen sollte: Jennifer sitzt heute gesund mitten unter uns. Gott sei Dank.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Für mich unter anderem dies: ihr seid ganz bunte Vögel, keiner sieht aus wie der andere, und doch hockt ihr zusammen. Und wenn's denn mal sein muss, gehen die Blicke in eine Richtung: zu dem, der ein Buch in den Fittichen hält. Vielleicht bin ich ja dieser komische Vogel, das Buch könnte die Bibel sein, aber das volle Gefieder passt nicht so recht zu meinem schwindenden Haupthaar. Sei's drum: es sitzen halt alle beisammen, an dem einen hockt man näher dran als an der anderen, weil man mit der einen vielleicht lieber zwitschert als mit dem anderen. Und wenn einer fehlt, dann ist da einfach eine Lücke. Ja, das seid ihr: meistens lustige Vögel, in jedem Fall Singvögel, denn gemeinsam gesungen haben wir ja oft genug: sei es am Lagerfeuer in Dahlheim oder der Toskana, sei es in den Konfirmandengottesdiensten, die ihr mit der Gemeinde gefeiert habt, sei es in jeder Unterrichtsstunde, die mit dem gesungenen Kehrvers beschlossen wurde: "und bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand". Ach ja, und noch etwas sehe ich in diesem Bild: keiner von euch stand auf der Leitung, denn ihr saßet ja drauf.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das wusste auch Jesus, wenn er über seinen und unsern Vater im Himmel erzählte. Es sind sprachliche Bilder, also Bilder, die mit Worten gemalt sind und die man in der Bibel nachlesen kann. Eins dieser Bilder sieht so aus: Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?

Dieses Bild sagt mehr als tausend Worte. Es predigt gewissermaßen, und das liegt nicht nur an der gewaltigen Menge an Worten. Es predigt, weil es uns etwas über Gott im Himmel und den Menschen auf der Erde sagt. Da ist zum einen der Mensch, also um im Bilde zu bleiben: da gibt es neben der flötenden Nachtigall die Spottdrossel, neben der Friedenstaube hüpft der freche Spatz, und auch der Schmutzfink gehört zu Gottes schöner Schöpfung. Womit wir beim zweiten Teil des Bildes wären: bei Gott im Himmel.

Gott ist nicht nur für sich selber da. Sondern er ist auch für seine Schöpfung da, also für uns. Gott sorgt für uns. Mach doch einfach die Augen auf, sagt Jesus, und schau sie dir an: sei's der Spatz in der Hand, sei's die Taube und erst recht die Amsel auf dem Dach. Betreiben sie Vorratswirtschaft, horten sie Geld und Gut? Was für eine Frage. Natürlich nicht, und doch kommen sie zurecht, machen sogar Musik, pfeifen, tschilpen, trillern wie der Schnabel gewachsen ist. Könnte dir das nicht ein Vor-Bild sein?

Natürlich rechnet auch Jesus mit etwas mehr als einem Spatzenhirn bei uns. Natürlich weiß auch Jesus, dass unsereiner nicht vom Körnerpicken lebt. Wir müssen uns kümmern, wir sollen auch planen und Vorsorge treffen. Das wäre doch ein Witz, wenn man auf eine ordentliche Schulausbildung verzichtet mit dem lässigen Hinweis, dass sich der Himmel schon um einen kümmern wird. Das wäre vielleicht nicht die beste Idee, sämtliche Geldgeschenke gleich morgen bei Schossau und anderen einschlägigen Etablissements zu verjubeln. Das wäre doch grob fahrlässig, den Notgroschen oder -cent und vielleicht auch etwas mehr nicht beiseite zu legen und Gott tatsächlich den guten Mann sein lassen, der irgendwie für einen sorgen wird.

Obwohl - das ist es ja eigentlich, das trifft die Sache: Gott ist gut und irgendwie sorgt er ja tatsächlich für uns. Wie? Zum Beispiel so, dass er seine Leute hat, Helfershelfer für sich einspannt, Mutter und Vater etwa, oft auch Großmutter und Großvater, aber auch Freundinnen und Lehrer, und gelegentlich darf's selbst die Pfarrerin und der Pfarrer sein. Man muss schon ein seelischer Hartschalenkoffer sein, um nicht zu merken, wie viel in meinem Leben auch glücklich gefügt worden ist, was ich nicht unbedingt als eigenen Verdienst auf meine Fahne zu schreiben habe, und wo ich beflügelt und getragen worden bin - vielleicht selbst über Abgründe hinweg.

Seht die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Das sei euch von Jesus gesagt, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, die ihr mit dem heutigen Tag auch zu Zugvögeln werdet. Aber das ist ja das Gute an den Zugvögeln: sie wissen, von wo sie gestartet sind - so kommen sie wieder, über kurz oder lang und immer wieder.

Amen