Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt

Pfarrer Jochen Bernhardt

in der evang.-luth. Kirchengemeinde "Zum Guten Hirten" Oberhaching

Ein aufgeblasenes Schlauchboot wird vorher bereit gestellt

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern,
liebe Paten,
liebe Gemeinde,

hoffentlich kommt mit dem Anblick dieses prächtigen Bootes nicht zu viel Urlaubsstimmung auf, so dass ich noch mit meinen Gedanken zu euch und zu Ihnen durchdringen kann. Doch zugegeben: So ein frisch aufgeblasenes Boot weckt schon Vorfreude...

Und tatsächlich nehme ich euch, den Konfikurs, auf eine kurze Reise mit, eine Phantasiereise, eine virtuellen Urlaub. Stellt euch vor, dieses oder ein ähnliches Boot wäre an irgendeinem Hafen dieser Welt vertaut und wäre nun bereit zur Ausfahrt. So genau hat euch niemand gesagt, wo es lang gehen wird, ihr wisst nur: Das Ziel liegt in greifbarer Nähe und ist erreichbar. Ihr dürft euch ein schönes Ziel ruhig in Gedanken ausmalen, vielleicht ein Strand mit feinem Sand und Kokosplamen.
Doch nun kommt die Gretchenfrage: Was würdet ihr mitnehmen auf eure Bootsfahrt. Ihr braucht Lebensmittel, ihr braucht sicherheitshalber trinkbares Wasser, Kleidung, viel Platz bleibt da nicht.

Ihr könnt wieder aus dem Boot aussteigen. Wir fahren leider nicht ab.

Aber die entscheidende Frage, ich will sie trotzdem stellen: Was würdest du auf deine Reise mit unbekanntem Ziel mitnehmen? Du hast nicht unbegrenzt Auswahl, der Platz ist knapp, das zulässige Höchstgewicht darf nicht überschritten werden. Gut, das Handy und ein batteriebetriebener CD-Player sowie weitere lebenswichtige Utensilien wären dabei.
Doch gehen wir jetzt mal einen Schritt weiter, weg von den Gegenständen, die dir wichtig sind, weg von dem Schlauchboot hin zu deinem Lebensboot.
Was ist dir im Leben so wichtig, dass du es immer dabei haben möchtest, dass du darauf nicht verzichten willst, was ist für dich das wichtigste im Leben. Was passt hinein in dein Lebensboot? Was willst du auf der Reise durch dein Leben mitnehmen, was ist unentbehrlich? Es ist die Frage nach den essentials in deinem Leben.

Und während ihr euch die Frage stellt, wird euch vielleicht etwas ganz Überraschendes klar: Das Boot ist ja schon ohne meine Entscheidung beladen, ohne dass ich eine Wahl getroffen hätte, ohne mein Zutun: In meinem Lebensboot ist schon jede Menge drin, ohne dass es eingeladen hätte. Kommt ihr drauf, was sich da alles findet?

Voll ist dieses Boot von der Liebe euer Eltern. Mama und Papa - sie haben euch viel mitgegeben auf euren Lebensweg und sie hören nicht auf, für euch zu sorgen. Und auch wenn es manchmal Streit und Auseinandersetzungen gibt - und die müssen auch sein, das eine wisst ihr ganz genau: Die Liebe meiner Eltern -sie ist nicht zu ersetzen. Ihr werdet mehr und mehr eigene Wege gehen, so direkt werden eure Eltern nicht immer in eurem Lebensboot sitzen, den Kurs eures Bootes werden sie nur noch indirekt beeinflussen. Und irgendwann trennen sich rein örtlich die Wege. Ich beruhige eure Eltern: Das hat noch ein paar Jahre Zeit.
Doch selbst wenn es dann so weit ist: Die Liebe der Eltern ist mit im Boot, sie ist unverzichtbar. Sie ist eine der Grundlagen eures Lebens. Ihr nehmt sie mit in eurem Lebensboot, ob es euch bewusst ist oder nicht.

Es gibt noch mehr zu entdecken, was in eurem Lebensboot so alles zu finden ist: Jetzt kommen die Geschwister, die Freunde, Verwandte, vielleicht auch die Klasse, jedenfalls die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Für ein Leben lang werdet ihr nicht alle in eurem Boot unterbringen. Aber die Stärke, das Selbstvertrauen, die Zuversicht, die mir eine Gemeinschaft gibt, sie bleibt ein Leben lang.

Vielleicht nehmt ihr auch etwas mit aus unserer gemeinsamen Zeit im Konfirmandenkurs. Ihr wart eine starke Gruppe!
Eine Gemeinschaft, in der die Stärkeren auf die Schwächeren Rücksicht genommen haben, eine Gemeinschaft, in der jede und jeder, so unser Eindruck, offen reden konnte. Stefan Schröter und ich - wir waren gerne mit euch zusammen und lassen euch deshalb auch ungerne ziehen. Gerne würde ich euch zu Konfirmanden auf Lebenszeit ernennen. Doch wir hoffen, dass die Atmosphäre in euer Konfirmandenzeit als unsichtbare Schiffsladung mit in euerm Lebensboot ist.

Und noch jemand ist unsichtbar in eurem Lebensboot: Gott. Er ist da, wenn ihr vor lauter Glück die ganze Welt umarmen könntet, er ist aber auch dann da, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht. Er ist da! In seiner Gegenwart könnt ihr leben. Im Hintergrund eures Lebens ist er für euch tätig.

Nun, Ihr werdet seine Gegenwart in eurem Leben nicht immer unmittelbar spüren, es wird vielleicht Phasen geben, wo er weit weg zu sein scheint. Manche von euch schauen bereits auf ganz ernste Erlebnisse zurück, wo man sich schon fragt: Wo ist denn Gott? Ich denke da an so manches Problem, mit dem ihr fertig werden müsst.

Aber sicher, auch in weltpolitischer Hinsicht war ja seit Beginn eurer Konfirmandenzeit einiges geboten: der 11. September, Djerba, die Amokläufe in Freising und Erfurt und als cantus firmus der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Wo ist Gott?
Das ist eine offene, ehrliche Frage. Etwas salopp ausgedrückt: Sitzt Gott wirklich in unserem Lebensboot oder sind wir alleine auf der Fahrt durch das Leben, ohne Gott, sozusagen gott-los?

Manche Fragen, die den Glauben betreffen, haben wir mit euch intensiver besprochen. Ich hoffe, uns ist dabei eines gelungen: Dass wir euch nicht vorschnelle Antworten präsentiert haben. Dass wir euch nicht einen Glauben vermittelt haben, der sehr schnell für alles eine Erklärung parat hat, der es sich leicht macht. Auf viele Lebensfragen und auch Terror und Katastrophen finden wir keine Antwort. Glauben aber heißt für mich: Seine Fragen, Zweifel behalten, ehrlich zu sich sein, lieber mal eine Frage offen zu lassen und dann dennoch zu glauben, dass Gott dabei ist, dass er bei mir ist, dass er mich liebt und dass er eine Zukunft für diese Welt hat. Glaube ist die Hoffnung, dass es Gott letztlich gut mit mir meint und auch mit dieser Welt.

Ihr kennt die Geschichte im Neuen Testament: Da fahren die Jünger mit Jesus im Boot über den See, ein Sturm kommt auf, das Boot droht zu kentern. Und Jesus schläft. Die Jünger geraten in Panik und sind empört, dass Jesus ausgerechnet jetzt nicht präsent ist. Sie wecken ihn. Und er bekommt die Situation in den Griff.
Glaube ist eigentlich nichts anderes als Gemeinschaft mit Jesus. Darauf vertrauen, dass er da ist, ob das Lebensboot im ruhigen Wasser fährt oder auch ins Schlingern gerät.

Glaube ist die Hoffnung, dass mich nichts von der Liebe Gottes trennen kann, nichts im Leben und auch nicht der Tod. Bewusst spreche ich das ernste Thema Tod und Sterben an - gerade deswegen, weil es in unserer Gesellschaft an den Rand gedrängt und tabuisiert wird. Ich denke zurück daran, wie wir euch einmal in eine Mädchen- und Jungengruppe getrennt haben und mit jeder Teilgruppe diskutiert haben, was Ewiges Leben bedeutet. Es war ein tiefes Gespräch, jeder hat seine Vorstellungen eingebracht. Für mich heißt Ewiges Leben schlicht und einfach: Zu Jesus gehören, was auch geschieht.

Drei wichtige Stichworte sind in der Predigt bereits gefallen und ihr habt sie vorhin schon in der Lesung gehört: Glaube, Liebe, Hoffnung. Der Apostel Paulus sagt: "Diese drei bleiben". Ihr erinnert euch an die Wertepyramide im Unterricht, ihr habt aus zwanzig Werten eine Pyramide gebaut: Den Wert, der euch am wichtigsten erschien, habt ihr an die Spitze gesetzt, darunter kamen die beiden zweitwichtigsten usw. Wisst ihr noch, welcher Wert euch als Gesamtgruppe am wichtigsten war? Richtig, die Liebe. Wie bei Paulus. Denn Paulus sagt ja deutlich: Nun aber bleiben diese drei, Glaube, Liebe, Hoffnung, die Liebe ist aber die wichtigste unter ihnen.

Ein kleiner Exkurs an dieser Stelle: Wir erleben nach dem Amoklauf in Erfurt eine aufgeregte politische Diskussion um Verschärfung der Waffengesetze und Verbot von gewaltverherrlichenden Videos. Über all dies kann man ja nachdenken, das ist ja gut und wichtig, aber damit ist man nicht bei der Ursache für solche Katastrophen. Als ich in dieser Woche im Religionsunterricht mit meinen 11.Klässlern über das furchtbare Geschehen diskutierte, haben einige Schülerinnen und Schüler kritisiert, dass man sich nur an die Symptome heranwagt, nicht aber an die Ursachen. Eine Schülerin sagte: "Dass so etwas möglich ist wie in Erfurt, liegt daran, dass in unserer Gesellschaft keine Werte mehr gelten."

Drei Werte nennt der Apostel Paulus, die zeitlos sind, die unsere Gesellschaft bitternötig hat und die auch wir in unserem Lebensboot dabei haben sollten: Glaube, Liebe, Hoffnung.
Glaube: Wer den starken Rückhalt im Glauben spürt, der geht gelassener mit den Herausforderungen des Lebens um.
Liebe: Wer erkennt, dass Gottes Liebe auch dem anderen gilt, dem Nächsten, der geht mit ihm anders um, barmherziger und fürsorglicher.
Hoffnung: Wer sich gegen vermeintliche Aussichtslosigkeiten wehrt und dabei bleibt, dass Gott eine Zukunft für diese Welt hat, der hat ein kräftige Motivation, die Zukunft unserer Gesellschaft mit zu gestalten.

Bundespräsident Rau hat in seiner Trauerrede am Freitag in Erfurt eine neue Kultur der Mitmenschlichkeit in unserer Gesellschaft gefordert. Glaube, Liebe, Hoffnung - die alten und so modernen christlichen Werte und Tugenden könnten hier Entscheidendes beitragen. Eine Neuausrichtung der deutschen oder auch europäischen Gesellschaft ohne das Christentum und seine kulturelle Prägekraft wird nicht gelingen.

Ihr merkt: Glaube, Liebe, Hoffnung, all das ist schon in eurem Lebensboot. Nun kommt es aber darauf an, was ihr daraus macht. Dass ihr die Liebe in die Tat umsetzt. Es ist auch eure Entscheidung, wie ihr mit euren Eltern, Geschwistern, Mitschülern umgeht. Dass ihr euch an der Hoffnung aufrichtet, das hat auch mit eurem Willen zu tun. Dass ihr euch immer wieder auf den Glauben einlasst, dazu braucht es auch euren Mut.

Ihr werdet nachher die Konfirmandenfrage gestellt bekommen. Ihr habt euch mit dieser Frage auseinander gesetzt und gute Antworten gefunden. Ja, ihr wollt unter Jesus Christus leben, Ja, ihr wollt in seiner Gegenwart sein, mit Jesus im Boot die Reise durchs Leben antreten.

So knapp die Konfirmandenfrage auch ist, sie weist aber gleichzeitig darauf hin, dass ihr nicht alleine auf euer Bootsfahrt seid: Wollt ihr als evangelische Christen in seiner Gemeinde leben, heißt es weiter in der Konfirmandenfrage.

Ihr seid nicht alleine auf eurer Bootsfahrt. Eine ganze Armada von Booten ist unterwegs. Viele andere sind mit euch unterwegs, andere, die Kraft und Rückhalt im Glauben erfahren, die Liebe in die Tat umsetzen wollen und Hoffnung statt Resignation auf ihre Fahnen geschrieben haben.
Haltet Kontakt zur Gemeinde Jesu Christi, diese lebendige Gemeinschaft stärkt euch auf eurem Weg. Bei allen Fehlern, die unsere Evang. Kirche hat, gebe ich auch gerne zu, gibt es doch genug Grund, gerne und mit Freude evangelisch zu sein.

Viele Christinnen und Christen sind gemeinsam unterwegs, ihr seid dabei, wir sitzen alle im selben Boot, im Schiff, das sich Gemeinde nennt. Und wir lernen gemeinsam, immer wieder neu, wie Glaube, Liebe, Hoffnung Gestalt in unserem Leben gewinnt.

Amen