Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Konfirmationspredigt

Pfarrer Wolfgang Becker

28.04.2002 in Karlsbad

Von der Steinzeit zu Jesus Christus - mach den Kultursprung mit

Der Liederdichter besuchte das liebliche Tal entlang des Flusses Düssel gern und oft.
Später trägt es seinen Namen, den des Joachim Neander. Folgerichtig kann der Urmensch, dessen Knochenreste 1856 dort gefunden wurden, nur "Neander-Taler" heißen.
Ich will heute, der Auftakt macht es deutlich, mit Euch in die Vergangenheit zurück, in jene Welt, die vor 2, 5 Mill. Jahren begann (!) und ca. 6000 vor Christus endete, in jene Kultur, die Steine sprechen ließ - als Werkzeuge und Waffen.
So wie die Trickfilmgestalten Fred und Wilma Feuerstein die Steinzeit abbilden, so lustig war sie wohl nie. Es war kalt, gefährlich und dunkel. Was Feuer ist und vermag, das musste erst langsam entdeckt werden.
Warum an etwas erinnern, das zu unserem Gestern gehört?
Wir gehören doch einer ganz anderen, weit fortgeschrittenen Epoche an.

Jesus Christus, christlich gesprochen, unser Herr, war der neue Mensch, mit dem die ultimative Zeitenwende anbrach und das allein zählt. Durch seine Liebe wurde es merklich wärmer in den Herzen der Menschen und in ihren Beziehungen - nicht nur damals.
Sein wunderbares (Abschieds)geschenk, das Geist-Feuer vom Himmel, verbreitet immer neu eine unheimliche und wunderbare Faszination, macht aus dem "homo sapiens" den Christenmensch, aus der Horde die Gemeinde.
Aber, und jetzt kann nur ein "aber" folgen -
ich habe den Verdacht, dass das Vergangene nicht vollständig entschwunden ist.
Die Magie der Steine ergreift von Herz und Kopf immer wieder Besitz, lässt Menschen versteinern.
Und das in einem Maße, das zur "neuen Zeit" so gar nicht passen will.
Ich will meine Mutmaßung erhärten, und gleichzeitig versuchen, den alten Zauber zu brechen. Dazu sei ein Stein-Zeit-Verfahren herausgegriffen: Das Steinewerfen.

Urmenschen mussten Steine werfen, um das in der Fallgrube gefangene Mammut zu töten und später auf dem Mittagstisch zu servieren.
Die Speisekarte hat sich geändert, geworfen wird noch immer.
Nicht auf Vierbeiner, die sind darüber ausgestorben, sondern auf Zweibeiner.
Aus Wut und Ohnmacht werden Pflastersteine geworfen, gegen "Feinde" jeglicher Art. Wir kennen die entsprechenden Szenen aus unserer bundesdeutschen Geschichte noch gut. Und wir sehen sie wieder und wieder als blutige Wirklichkeit an allen Brennpunkten dieser Erde.
Nichts scheint sich geändert zu haben. Wo Gerechtigkeit nicht in kleinen Schritten bis in den Alltag der Menschen findet, werden die Steine als "erste Hilfe" oder letzte Wahl die Antwort sein.
Ich will Euren Blick, über die manifeste Gewalt, die zur Zeit von uns nicht lösbar scheint (?) hin zu ihren harmlosen Erscheinungsformen wenden.
Wer kennt sie nicht, die aus Zorn gebrüllten hässlichen Worte, die aggressiven Parolen, die zermürbenden Vor-Würfe - sie fliegen wie die Steine hin und her. Es mag einem inneren Bedürfnis des Menschen entsprechen, sich einmal alles von der Seele zu schreien, aber es birgt Gefahren.
Wer derart "wirft", trifft andere, zufällig, absichtlich. Verletzungen entstehen.
Wer seine Zunge nicht zügeln kann, setzt ein folgenschweres Signal:
Es darf "zurückgeworfen" werden.

Erst spät siegt die Vernunft, setzt Bedauern ein. Zu spät manchmal, wird deutlich, dass das "Zielobjekt" unschuldig war, ... dass es eigentlich nicht so gemeint war.
Wo Erbarmen und Besonnenheit aus dem Sprachzentrum ausgesperrt werden, stellt sich die mündliche Steinzeit von selbst ein.
Christus, der neue Mensch, zeigt einen besseren Weg.
Er nimmt dem Werfer den Stein aus der Hand, aus dem Mund. Er sät Misstrauen gegen "handfeste" Argumente.

"Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein."

Wer unbedingt etwas loswerden muss, werfen will, der soll die Aggressionen, die er hat, die ihn haben, seine Enttäuschungen, die ihn quälen - der soll sich und alles auf Gott werfen. Der versteht die Zusammenhänge und kennt die Abgründe. Der hält das aus, der hält jeden aus. Wer sich an Gott losgeworden ist, der wird frei. Frei auf den Nebenmann - die Nebenfrau das zu werfen, was keine schädlichen Nebenwirkungen mehr hat: einen freundlichen Blick, einen Augenblick Geduld, ein kleines Lob, eine offene Frage.

Liebe KonfirmandInnen -
Ich wünsche Euch, dass Ihr es niemals erleben müsst, von anderen "abgeschossen" zu werden. Wo Ihr auf "Steinewerfer" trefft, sollen sie Euch nicht in die Versuchung führen, sie zu imitieren. Lasst die Steine liegen. Denn Ihr gehört nicht mehr zur Steinzeit, Ihr gehört zur Neuzeit des Jesus Christus.

Ich variiere das Gesagte mit dem Gegenspielerpaar Brot und Steine.
Mit Mühen mussten Schülergenerationen es auswendig lernen, jenes Gedicht von Ludwig Uhland, das vom "Kaiser Rotbart Lobesam" zu künden wusste, der die deutschen Ritter ins heilige Land führte, wo sie sich das Trinken abgewöhnten und es "viel Steine gab und wenig Brot." (Uhland: Der wackere Schwabe)
Manchmal verdient noch heute, wie ich eingestehen muss, unsere Kommunikation in der Familie, in der Schule und in der Gemeinde des Dichters Urteil:
Viel Steine gibt's und wenig Brot.

Also:
Richtigkeiten werden ausgetauscht. Standpunkte beharrlich breitgetreten.
Langeweile wird durch Altbekanntes erzeugt - "1000mal gehört, 1000mal ist nichts passiert."
Wo bleibt der überraschende Impuls, wo der Schritt nach vorne, wo die neue Erkenntnis, wo endlich einmal das verstehende Ja ohne jedes Nein?!
"Wir haben Hunger, Hunger," rufen alle. Aufgetischt wird viel, viel aus dem das Leben schon lange sich verabschiedet hat.
Christus, der neue Mensch fehlt an allen Ecken und Enden in unserer "Gemeinschaftsküche". Von IHM sagten die Zeitgenossen: An seinen Taten und in seinen Worten beißen wir uns nicht die Zähne Aus. Zum ersten Mal sind wir richtig satt geworden.
Das "Ich bin für euch das Brot des Lebens" war nicht bloß dahingesagt.
Auf die großen Sehnsüchte mit "hartem Stein" und "leeren Stroh" zu antworten, da hat er nicht mitgemacht.
Christus teilt ein Leben aus, das durch ihn immer wieder erneuert wird. Wir könnten sagen, das jeden Tag neu "gekocht und gebacken" wird. Logisches und Herzliches mit allen Möglichkeiten und Variationen werden kombiniert zu einem Gericht, das schmeckt und bekömmlich ist.

Ich wünsche Euch KonfirmandInnen und Euch Konfirmierten, dass Ihr in jedem Alter ein solches Leben von Christus empfangt, dass Ihr in jeder Hinsicht satt werdet.
Keiner soll mit Altbackenem Vorlieb nehmen müssen, keiner mit Krümeln abgespeist werden.
Die Steine-Zeit ist vorbei, des Kaisers-Zeit ist passé.
Jetzt schlägt die Stunde des Lebensbrotes: Christus mitten unter uns - allezeit für uns.
Mit dem Liederdichter Neander haben wir begonnen, mit einem modernen "Dichter" schließen wir. Er heißt Drafi Deutscher.
Sein berühmtes Lied könnte so etwas sein wie der Siegessang über die "Steinzeit". Für unsere Zwecke ein wenig erweitert klingt es dann so:

Marmor, Stein und Eisen bricht,
aber Jesu Liebe nicht,
alles, alles geht vorbei,
doch er ist uns treu.

Amen


 


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