Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über 1.Korinther 7,15

Pfarrerin Christiane Borchers

in der Ev.-ref. Kirchengemeinde Groß Midlum

Palmarum 2003

Christus ist unser Friede, zum Frieden hat euch Gott berufen. Amen

1 Kor 7,15

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern und Verwandte,
liebe Gemeinde !

Heute ist ein besonderer Tag, heute ist Konfirmation. Auf diesen Tag haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden zugelebt, auf diesen Tag haben die Eltern hin geplant. Schon lange im Voraus wurde im Restaurant für diesen Festtag reserviert, das Gemeindehaus vorgemerkt, oder es wurden für Zuhause die nötigen Vorbereitungen getroffen. Die Konfirmation ist ein wichtiger Tag im Leben der Jugendlichen. Er soll schön werden, hohe Erwartungen werden an ihn geknüpft. Wir wünschen uns einen harmonischen Tag in der Familie, einen schönen Gottesdienst. Wir möchten uns heute freuen. Wir haben ja auch allen Grund dazu. Ein Stück ist wieder geschafft. Das gilt für die Jugendlichen, die heute als mündige Glieder in der Gemeinde anerkannt werden, und für die Eltern, die ihre Kinder bis zu diesem Tag begleitet haben. Freude ist angesagt.

Die Konfirmation ist zum einen ein Abschluss, zum anderen ein neuer Anfang. Mit der Konfirmation werden die Jugendlichen nicht aus der Kirche hinauskonfirmiert, sondern in die Gemeinde hinein. Die Kirchengemeinde wartet auf junge Menschen, die sich engagieren. Das mag für die Älteren manchmal etwas unbequem sein, denn jede Generation hat ihre eigenen Vorstellungen, aber grundsätzlich ist es gut, wenn frischer Wind verstaubte Strukturen und Denkweisen aufwirbelt.

Konfirmation ist ein Schritt hin zum Erwachsenwerden. Es wird deutlich, dass die Konfirmandinnen und Konfirmanden keine Kinder mehr sind. Sie sind aber auch noch nicht ganz erwachsen, sie sind in einem Übergangsstadium, sie sind auf der Schwelle. Schritt für Schritt werden sie ihren Weg gehen. Schritt für Schritt verlassen sie die Kindheit in ein erwachsenes Leben.

Mit Stolz dürfen die Eltern auf ihre Kinder blicken. Sie haben ihre Tochter, ihren Sohn großgezogen. Die Großeltern haben ihnen dabei geholfen. Mit viel Liebe und Ausdauer haben sie es getan, es hat vielleicht auch manches Mal Mühe und Kraft gekostet. Sie haben ihr Kind geprägt, gemeinsam mit anderen
Menschen - auch den Samen für den Glauben an Gott gelegt.

Mehr und mehr werden die Jugendlichen eigenständig und selbstverantwortlich. Sie nabeln sich von den Eltern ab, orientieren sich neu, schlagen eigene Wege ein, betreten unbekanntes Land. Sie werden sich entfalten mit ihren Kräften und Begabungen, sie werden die Welt entdecken, die vor ihnen liegt. Das ist mit Freuden verbunden. Es ist schön, mehr Freiheiten zu gewinnen; neue Möglichkeiten tun sich auf, neue Erfahrungen werden gemacht. Erwachsenwerden ist gleichzeitig ein schmerzlicher Prozess. Neue Erfahrungen werden auch Erfahrungen sein, wo die Jugendlichen an Grenzen stoßen, wo nicht alles so läuft, wie sie es sich erhofft haben. Sie werden lernen, dass ihnen nicht die ganze Welt zu Füßen liegt, in der sie selbst die Größten sind. Sie werden aber auch lernen, dass sich Türen auftun, von denen sie glaubten, dass sie ihnen verschlossen sind.

Was haben wir als Erwachsene, als christliche Gemeinde, den Jugendlichen anzubieten bei der Suche nach Lebensentwürfen, im Grunde bei der Suche nach sich selbst?

Wir als Gemeinde haben zuallererst auf denjenigen zu verweisen, der die Gemeinde trägt und erhält, auf Gott, der sich in Jesus Christus bekannt gemacht hat. Gott ist der Pfeiler, auf den sich unser aller Leben gründet. In jedem Gottesdienst, den wir feiern, in jedem Glaubensbekenntnis, in jedem Gebet, das wir sprechen, vergewissern wir uns, dass Gott unser Gott ist, dem wir vertrauen dürfen, der sich selbst verschenkt, der das Leben will. Wer ihn von ganzem Herzen sucht, von dem wird er sich finden lassen.

Sich auf die Suche begeben, sich für Gott öffnen, sich von ihm geleitet und geführt zu fühlen, ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Bevor wir die Erfahrung machen, dass der Glaube trägt und das Gebet hilft, gehen möglicherweise Anfechtung und Zweifel, gar innerlicher Kampf voraus. Bis wir Vertrauen entwickeln, bedarf es zuallererst der Bereitschaft, sich für Gott zu öffnen, ihn an sich wirken zu lassen. Glaube und Vertrauen sind nicht von vornherein einfach da, sie müssen geweckt und gefördert, gar erkämpft werden.

Mit dem Glauben und Vertrauen ist es so wie mit einer Pflanze oder wie mit einer Freundschaft. Sie müssen gehegt und gepflegt werden will. Bevor aus Samen Frucht wird, bevor eine Blume blüht, eine Freundschaft stark wird, bedarf es der kontinuierlichen hingebungsvollen Pflege, der nötigen Zeit und Geduld. Der Glaube an Gott verheißt ein Leben in Gnade und Fülle.

Jesus lädt heute besonders die Jugendlichen ein, das Leben in seinem ganzen Reichtum zu entdecken. Dazu gehört eine gewisse Neugier und Abenteuerlust, denn das Leben gibt keine Garantie, ob das, was wir anfangen, auch gelingt. Eins ist sicher, wenn wir von vornherein den Kopf in den Sand stecken und denken, das wird sowieso nichts, was ich mir vorgenommen habe oder was ich mir wünsche, dann wird ganz bestimmt nichts daraus.
Die jungen Leute brechen auf in die Zukunft, frei wie ein Vogel im Wind möchten sie sein, abheben in die Lüfte oder reiten auf dem Pferd, das ein Gefühl von Freiheit und Freude aufkommen lässt.
Gott hat den jungen Menschen, die heute konfirmiert werden, bereits in der Taufe seine Gnade und Barmherzigkeit zugesagt. Er hat ihnen versprochen, dass sie zu ihm gehören. Nie sind sie allein, er ist an ihrer Seite, ob sie es spüren oder nicht. Gott ist da. Die Konfirmation bekräftigt noch einmal, was Gott in der Taufe verheißen hat. - Ist Leben mit Gott langweilig? Das ganz bestimmt nicht. Ein Leben mit Gott bedeutet Leben in seinem ganzen Reichtum.

Manchmal möchten wir jubeln vor Glück und überschwänglicher Freude, wenn uns etwas gelingt, wenn wir etwas geschafft haben.
Manchmal aber ist das Glück unscheinbar, kaum zu sehen, verborgen im Unscheinbaren des Alltags, verborgen zwischen den Stunden des Tages, versteckt im Gewöhnlichen und wartet darauf, dass wir es entdecken. Wenn wir es gefunden haben, wächst es mit uns über sich selbst hinaus, entpuppt sich als ein schöner Schmetterling, fliegt mit durchsichtig schimmernden Flügeln von Blume zu Blume, ergötzt sich am köstlichen Nektar.

Wir sollen das Zarte nicht erschrecken, die Flügel nicht stutzen, das Wünschen nicht verlieren, das Träumen nicht verlernen, das Wachsen fördern, die Frucht genießen.

Wachsen im Glauben an Gott, der uns liebt, braucht Raum,
Wachsen im Vertrauen, dass wir getragen sind, braucht guten Boden, um sich zu nähren.
Glaube braucht Raum,
damit wir blühen wie eine schöne Blume,
damit Gottes Möglichkeiten durch uns sichtbar werden.
Wachsen im Vertrauen braucht Raum
in unseren Beziehungen zu Gott,
den Segen von oben.

Wir sind auf der Suche nach Leben und Sinn. Wir haben eine Sehnsucht im Herzen nach Erfüllung. Wir wünschen uns Liebe und Geborgenheit, Annahme und Verständnis. Wir möchten Vertrauen haben und sind schon so oft enttäuscht worden. Das macht uns misstrauisch, vielleicht auch verbittert. Je älter wir werden, um so mehr machen wir die Erfahrung, dass sich unsere Sehnsucht nicht erfüllt, dass Hoffnungen sich zerschlagen, dass wir uns bescheiden müssen. Dass wir nicht alles bekommen, was wir uns wünschen, ist ja nicht verkehrt. Wir haben keinen Überblick, was für uns selbst gut ist. Wir kennen den Plan nicht, den Gott für uns hat.

Wir leiden darunter, wenn Leben offensichtlich nicht gelingt, weder das eigene noch das fremde. Wir leiden darunter, wenn Streit und Unfrieden herrschen, wenn Zerstörung und Wahn die Menschen treiben. Es ist schlimm, wenn Menschen ihre Fäuste einsetzen, wenn sie gar mit Waffengewalt unschuldige Menschen bekämpfen. Ein Krieg treibt die Unversöhnlichkeit und den eigenen Anspruch auf die Spitze. Je mehr Unfriede herrscht, um so größer ist die Sehnsucht nach Frieden. Der Krieg im Irak wird, Gott sei Dank, bald vorbei sein. Es ist schrecklich, was die Menschen dort in den letzten Wochen erlebt haben, was sie zur Zeit erleben. Unwürdig und unmenschlich war es in der Zeit der Diktatur.

Wir wollen keinen Krieg, weil Menschen gewaltsam sterben, weil alles voller Blut ist, Häuser und ganze Städte zerstört werden. Auch die Tiere und die Natur sind von den Zerstörungen des Krieges betroffen. Wir wollen keinen Krieg, weil Menschen den Frieden brauchen. Alle Menschen brauchen Orte, in denen sie sich sicher fühlen. Orte, in denen man in Frieden und ohne Angst leben kann, sind Voraussetzungen für alles Weitere. Daran zu arbeiten, dass Frieden herrscht im Großen wie im Kleinen, ist eine große Herausforderung. Wer im Glauben Wurzeln schlägt, der bekommt die Kraft dazu. Wer sich auf Christus gründet, tritt für Gerechtigkeit und Frieden ein. Wer Jesus in sein Leben hineinlässt, hat ein sicheres Fundament. Zum Frieden hat uns Gott berufen.
Christus gibt uns Kraft, wenn der Mut sinkt und wir zweifeln, ob sich unser Einsatz lohnt.

Jesus hat uns vorgelebt, wie ein Leben im Glauben aussehen kann. Er hat den Frieden Wirklichkeit werden lassen. Er hat sich den Menschen freundlich zugewendet, er hat sie geachtet und angenommen, er hat mit Sündern und Zöllnern, den damals Verachteten, gegessen und Gemeinschaft gehalten. Jesus hat sein Vertrauen in Gott gesetzt, hat sich ganz auf ihn verlassen, ist durch alle Tiefen hindurchgegangen. Er trägt die Schrecken wie die Freuden unseres Lebens in sich.

Wir dürfen das Leben wagen, unabhängig von dem, was uns und den Jugendlichen begegnen wird. Wir werden nicht nur Glück und Sonnenschein zu erwarten haben, weder die Jugendlichen noch wir Erwachsenen. Jeder Mensch muss Trauriges durchmachen. Wichtig ist, dass wir uns daran erinnern, dass Gott da ist. Ohne die Verbindung mit Gott stürzen wir ab. Unser Leben ist kostbar und schön. Wir sollen es genießen und uns daran erfreuen, die Höhen dankbar durchleben, in den Tiefen nicht resignieren. Wenn Gott der Anker unseres Lebens ist, was kann uns passieren?! Wenn wir auf Christus gegründet sind, wer sollte uns ernstlich in Gefahr bringen?!

Gott sei mit uns auf allen Wegen.
Mögen Freunde uns zur Seite sein und uns stützen,
wenn Sorgen und Ängste die Füße schwer machen
und der Weg uneben wird.

Gott sei mit uns und führe uns an der Hand.
Mögen gute Gedanken um uns her sein,
um uns zu unterstützen,
wenn Schatten sich über uns legen.

Gott sei mit uns und zeige uns das Licht.
Mögen wir barmherzig mit uns selber sein,
wenn die Wege mühsam werden
und uns die Leichtigkeit fehlt.

Möge Gott euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, reichlich beschenken mit seiner Gnade und Barmherzigkeit. Seid gewiss, er ist euer Gott, ein starker Helfer in der Not.

Amen.