Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über Epheser 3,14-17

Pfarrer Andreas Brummer

27.05.2001 in der Michaeliskirche, Hildesheim

Liebe Konfirmandinnen!
Liebe Konfirmanden!
Liebe Gemeinde!

Heute werden eine ganze Menge Hände geschüttelt. Als Konfirmandin bzw. als Konfirmand wird man an einem solchen Tag ja so richtig durchgerüttelt und durchgeschüttelt von guten Wünschen. Von einem eher allgemeinen "Alles Gute" bis hin zu "Gottes Segen" wird da alles dabei sein. Und wer nichts sagt, der schreibt's auf eine Karte.

Warum ist das eigentlich so? Warum wünschen wir uns einander etwas an einem solchen Tag?
Weil wir uns mögen, klar, weil wir Interesse haben aneinander, weil wir einander nicht egal sind. Das ist das eine. Schön, daß das so ist. Aber ich denke, da schwingt auch etwas anderes mit und das hat auch etwas sehr Religiöses. Mag da der Wünschende nun selbst überzeugter Christ sein oder Atheist oder was auch immer. Ich denke: Wir wünschen einander "Gutes", weil wir wissen: Es ist nicht selbstverständlich, daß das klappt mit dem eigenen Leben. Daß das klappt: Zurechtkommen auf dieser Welt, seinen Platz finden, seinen Weg gehen, aufrichtig, mit erhobenem Haupt und mit Zuversicht und Freude. Wir wissen ganz genau: Da kann auch etwas dazwischen kommen. Wir können es ja beobachten, und manchmal muß man's sogar ganz schmerzlich miterleben, daß Leben scheitert. Daß jemand mit sich nicht zurechtkommt und mit anderen auch nicht und die nicht mit ihm. Oder daß eine Liebe kaputt geht, eine Ehe. Daß eine Familie auseinanderbricht.
Und so weiß auch keiner von uns, wie es mit euch weitergeht. Wie mag das wohl aussehen im Mai 2026, wenn St. Michael zur silbernen Konfirmation lädt? Oder 2051, wenn dann schon etwas angegraute ältere Herrschaften ihr 50-Jähriges Konfirmationsjubiläum begehen? Wer wird noch dabei sein von euch? Was werdet ihr erreicht, was nicht erreicht haben und wie wird es euch damit gehen?
Natürlich: Das ist Zukunftsmusik. Wir wissen's nicht. Wir wissen nur: Man kann eine ganze Menge selber tun, damit das eigene Leben eine Spur bekommt, aber in der Hand hat man's nicht.

Das weiß der Apostel Paulus oder wer auch immer den Epheserbrief geschrieben hat, übrigens auch. Worte aus diesem Brief haben wir als Lesung gehört. Um Wünsche ging's da auch. Und weil viele diese Worte vielleicht schon wieder vergessen haben - in so einem Gottesdienst rauscht ja manches an einem vorbei - lese ich sie noch einmal. Also Epheser 3,14-17 die zweite.

Der Apostel schreibt: So beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

Das ist sozusagen ein apostolisches Glückwunschtelegramm. Aufgegeben bei der Kleinasiatischen Postgesellschaft irgendwann in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach Christus. Der genaue Poststempel fehlt. Und wie das mit der Post ist. Manchmal bleibt sie liegen. Apostolische Post bleibt meist sogar noch etwas länger liegen. Jetzt ist sie uns sozusagen ins Haus geflattert. Und weil wir gerade Konfirmation feiern, dann nehmen wir's doch einfach einmal als ein Glückwunschtelegramm, das an euch gerichtet ist - und ein kleines bißchen dann auch an uns andere.

"So beuge ich meine Knie", so fängt unser Glückwunschtelegramm an. Mit einem etwas unterwürfigen Satz. Aber klar ist, was gemeint ist: Der, der da die Knie beugt, der betet. In der katholischen Kirche wird das ja noch gemacht, wir Evangelischen stehen meistens. Der Apostel kniet.
Und zwar nicht vor jedermann. Nicht, daß da einer diese Demut falsch versteht! Der knickt vor niemandem so leicht ein. Nur vor Gott, da beugt er seine Knie. Aber das tut er dann auch. Und sagt es.

Und das heißt: Das sind nicht allein Wünsche, die da in eurem Glückwunschtelegramm aus der Vergangenheit stehen, das sind Fürbitten. Das beläßt es einer nicht bei dem: Hoffentlich geht's gut mit dir, sondern er setzt sich auch dafür ein. Da macht sich sozusagen einer krumm. Und zwar bei dem, von dem er erwartet, daß er die Macht hat, durchs Leben zu helfen.
Es mag sein, daß ihr das ja heute auch einmal hört, daß da einer sagt: Du, Stephan, oder du, Viktoria, ich wünsche dir zu deiner Konfirmation alles Gute und übrigens: ich bete auch für dich. Wer weiß? Ich vermute zwar: Selbst die, die es tun, trauen sich vielleicht gar nicht es zu sagen. Es ist ja auch ein komisches Gefühl, wenn man da hört: Ich bete für dich. Irgendwie ist das auch ein bißchen peinlich. Und doch: Meine Erfahrung ist, daß ich aus der Fürbitte anderer lebe. Mehr noch als aus allen guten Wünschen. Aus der Fürbitte lebe ich. Nicht allein daraus, aber eben auch daraus. Und andere leben auch aus meiner Fürbitte, selbst wenn sie das vielleicht gar nicht merken.

Doch weiter: Was steht nun drin in unserem Glückwunschtelegramm aus der Bibel? Ich lese: "Daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist am inwendigen Menschen."

Inwendiger Mensch, das klingt etwas seltsam. So als ob man einen Menschen wenden und drehen kann, wie manche Wendejacken, die es da so gibt, innen blau und außen grün. Und wenn man's anders will, krempelt man's einfach um.

Inwendiger Mensch. Das Problem ist nur: Den krempeln wir in der Regel ja nicht nach außen. Ganz im Gegenteil, der kriegt noch eine Stoffschicht extra drüber gepackt. Weil er nämlich so empfindlich ist. Da kommt dann ein Streifen "Coolness" drüber oder ein Flicken aus "Abgeklärtheit". Der inwendige Mensch in mir, der ist ja unheimlich verletztlich und unsicher. Deshalb muß er nach außen umso cooler sein. Unnahbar sozusagen. Durch nichts aus der Kontrolle zu bringen. Und so basteln wir ja an unserem Outfit, an unserer Außenfassade. Daß die gut ankommt und möglichst wenig aneckt.

Durch Gottes Geist stark werden am inwendigen Menschen.
Der Epheserbrief setzt da auf eine andere Karte. Um innere Stärke geht es da. Und das könnte heißen: Zu seinen Überzeugungen zu stehen. Nicht alles nachzuplappern, was die große Mehrheit vorsagt oder die Clique, in der man gerade ist. Neudeutsch gesagt: standing haben. Durchhaltevermögen. Oder Zivilcourage.

Innere Stärke, das könnte heißen, daß man lernt, auch mit all dem umzugehen, was schiefläuft. Mit den verpatzten Zeugnissen, mit Zurückweisungen, mit den kleinen und großen Katastrophen einen Lebens. Nebenbei gesagt: Ich denke, Leben gelingt erst dann, wo einer das kann, trotz und mit Niederlagen und Enttäuschungen zu leben.

Und innere Stärke, das könnte heißen, im rechten "Maß" zu bleiben. Johannes Rau, unser Bundespräsident, hat davon in seiner Berliner Rede gesprochen. Da ging es um ethische Grundfragen unserer Zeit, um Sterbehilfe und um Genforschung und darum, wie unser Fortschritt "menschlich" bleibt. Aber das rechte Maß zu finden und zu halten, daß gilt nicht nur für unser gesellschaftliches Leben, sondern fängt bei jedem einzelnen an. Auch das ist innere Stärke, daß man nicht alles tun muß, was man tun kann, sondern sich selbst noch "mäßigen" kann.
"Daß Christus durch den Glauben in eurem Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid".

Das ist der andere apostolische Glückwunsch für heute. In der Liebe eingewurzelt. Das ist ein besonderer Schatz. Wer in der Liebe eingewurzelt ist, der kann sich selbst und auch die um sich herum mit Augen der Liebe sehen. Und das bedeutet übrigens nicht: Immer freundlich lächeln, auch wenn einem jemand auf den Kopf haut. Ganz im Gegenteil: Wer immer freundlich lächelt, egal, was die andern tun, der ist nicht in der Liebe eingewurzelt, sondern in der Angst. In der Angst, verlassen zu werden oder ausgegrenzt. Oder - es gibt ja auch eine fast masochistische Kundenfreundlichkeit in manchen Unternehmen - in der Angst, seine Kundschaft zu verlieren.

Wer in der Liebe eingewurzelt ist, der muß nicht zu allem "Ja" und "Amen" sagen. Jesus hat das übrigens auch nicht gemacht. Darauf kommt es auch nicht an. Zur Liebe gehört nämlich auch ein Nein. Und zur Liebe gehört auch die Auseinandersetzung. Wichtig ist nur, daß in allem Nein und in aller Auseinandersetzung ein Blick füreinander bleibt. Und zwar nicht nur der Blick darauf, was einer nicht kann und wo er sich gerade wieder danebenbenommen hat, sondern auch darauf, was an Fähigkeiten in diesem Menschen steckt. Und nicht nur der Blick darauf, was an ihm ärgerlich ist, sondern auch, was an ihm gut ist und liebenswert. Auf die Perspektive kommt es an und auf das, was aus einem Menschen werden kann. Darin liegt die Zukunft für unser Miteinander, ob nun in der Familie oder in Betrieben oder wo auch immer.

Soweit das Glückwunschtelegramm aus dem 1. Jahrhundert.
Ich schließe mich diesen Wünschen an. Dafür will ich meine Knie auch beugen: Daß ihr durch Gottes Geist stark werdet innerlich und nicht zum Spielball von anderen werdet, sondern selbst das Spiel eures Lebens gestaltet. Und daß ihr im Geist Jesu in der Liebe Wurzeln schlagt. In einer Liebe, die auch Nein sagen kann und Auseinandersetzungen wagt und gerade so ein neues Miteinander möglich macht.

Zwei Wünsche. Viele gute Wünsche von Menschen, die euch mögen, werden heute noch folgen. Übermorgen wird dann wieder der Alltag da sein. Und die Konfirmation wird in den Hintergrund rücken. Was wird dann sein? Wie geht es weiter?
Dran zu bleiben am Glauben ist ja dann eure Aufgabe. Das versprecht ihr nachher.
Nur: Wie soll man es machen?

Es gibt da einen Pfarrerswitz: Treffen sich 3 Pastoren. Klagt der eine: Also, wir haben eine Fledermausplage in unserer Kirche. Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Alle Kirchenvorsteher habe ich zusammengerufen zu einem Aktionstag. Da haben wir die Biester eingefangen und im Nachbarort in einer Scheune wieder ausgesetzt. Hat nichts gebracht. Am nächsten Tag waren Sie wieder da.
Sagt der zweite: Na ja, ich hab's so gemacht. Ich habe unseren Organisten geholt. Der hat die ganze Nacht durch georgelt und dabei alle Register gezogen. Dann sind sie weggeflogen. Aber nach drei Tagen kamen sie zurück.
Sagt der Dritte. Also macht's doch einfach wie ich. Ich habe meinen Talar angezogen und habe sie konfirmiert. Seitdem sind sie nicht mehr aufgetaucht.

Nach der Konfirmation waren sie nicht mehr gesehen. So geht's häufig. Und vermutlich gar nicht, weil alles doof war. Eher weil man erst einmal gesättigt ist, wie nach einen langen Essen. 1 1/2 Jahre Konfirmandenunterricht, das muß jetzt eine Weile reichen. Genug Katechismus gekaut. Jetzt braucht man erst einmal eine Verdauungspause. Außerdem ist der Terminkalender voll. Alles geht nicht. Schließlich kann man auch mit sechzig noch in die Kirche gehen.
Das ist natürlich richtig. Dennoch hoffe ich für euch, daß ihr dranbleibt. Am Glauben und an der Kirche. Denn mit der Konfirmation geht's im Grunde erst los. Und das Spannende ist, wohin euch euer Glaubensweg nun überall hinführen wird.

Deshalb ein kleiner Vorschlag - er ist übrigens für alle gedacht, die es bisher eher wie die konfirmierten Fledermäuse gehalten haben. So sehr da auch der Eindruck sein mag: Ich bin eigentlich gut kirchengesättigt - nehmt euch zumindest einmal im Jahr Zeit für einen ganz normalen Gottesdienst. Also ohne daß das zufällig auch die Konfirmation irgendeiner Cousine ist, zu der sowieso die ganz Familie geht, oder Weihnachten oder ein Schulgottesdienst. Geht in diesen Gottesdienst frei und offen für das, was kommt. Und versucht in allem, was euch da dann auch ärgern mag oder antiquiert klingt, herauszufinden: Was mag Gott mir sagen wollen? Mir, für mein Leben, für das, was ich gerade erlebe? Auf was will er mich stoßen? Wie will er mich weiter bringen? Ganz abgesehen davon, daß das jeden Pastor sehr freuen wird, eine ehemalige Konfirmandin oder einen ehemaligen Konfirmanden in der Kirche zu sehen - da ist dann für den gleich der ganze Sonntag gerettet - ganz abgesehen davon: Ich bin mir sicher, ihr werdet auf neue Spuren gebracht werden, und auf Wege mitten im Dickicht des Lebens, die ihr vorher gar nicht gesehen habt.

So beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, daß er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, daß Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

Amen