Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über Jesaja 64,7

Pfarrer Thomas Berke

08.04.2001 in der Ev. Kirche Mülheim (Mosel)

© privat

"Aber nun, Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk."

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

solange der Ton noch feucht ist, kann man ihn formen. Sobald er fest ist - getrocknet im Brennofen -, kann an einem Tongefäß in der Form nichts mehr verändert werden. Im Gegenteil: jede Veränderung, jeder Versuch zu formen, zu drücken, zu ziehen, führt zum Bruch - es geht kaputt.

Die Bibel sagt: unser Menschenleben ist wie Ton in der Hand eines Töpfers. Und dieser Töpfer ist Gott.

Die spannende Frage ist: welcher Zustand des Tons ist hier gemeint: Ist unser Leben wie der feuchte Ton, den man noch formen und gestalten kann, oder ist unser Leben wie der gebrannte Ton, der nicht mehr formbar ist, der zerbrechlich geworden ist.

An beidem ist etwas Wahres dran. Unser Leben ist zerbrechlich. Ganz gleich, ob wir jung oder alt sind, ob 14 oder 41 oder 82: Unser Leben ist zerbrechlich. Man denke an Unfälle auf der Straße - mit dem Fahrrad, mit dem Mofa, Motorrad, mit dem Auto. Jeder Verkehrsunfall führt uns die Zerbrechlichkeit unseres Menschenlebens vor Augen. Oder man denke an Krankheiten, die uns auf jeder Lebensstation treffen können. Da ist es gut zu wissen: das zerbrechliche Tongefäß meines Lebens ist in Gottes Hand sicher geborgen, mehr noch als in der Hand eines Töpfers. Aus Gottes Hand wird es nicht herausrutschen und entgleiten. Mein Leben ist ein unschätzbar wertvolles Gefäß, für das Gott sein Bestes hingegeben hat, seinen Sohn Jesus Christus. Diese Gewissheit nimmt uns die Angst. Aber diese Gewissheit lässt uns auch in Gottes Hand bleiben. Wir sind dankbar, einen guten Platz bei Gott haben zu können, und gehen nicht mutwillig daraus weg.

Zumal wir ja diesen Platz in Gottes Hand keineswegs automatisch haben. Denn wir ermangeln alle des Ruhmes, den wir eigentlich bei Gott haben sollten. Wir sind nicht in Gottes Hand, weil wir alle so gut sind und so lieb sind! Schauen wir uns als Erwachsene an, schauen wir die Konfirmanden an, wir sind nicht alle gut und lieb! Wir haben den Platz in Gottes Hand, weil Jesus Christus dafür sein Leben am Kreuz hingegeben hat. Dadurch dürfen wir in Gottes Hand sein. Dafür sind wir im Kern Jesus Christus dankbar. Dort in Gottes Hand erfahren wir Liebe und Geborgenheit, die unser Leben verändern, zum Besseren verändern. Merken wir jetzt, was Glaube bedeutet?

Zurück zum Ton. Unser zerbrechliches Menschenleben wird um Jesu Christi willen in Gottes Hand bewahrt. Aber es ändert sich auch etwas. Unser scheinbar so erstarrtes, festgelegtes, festgefahrenes Menschenleben wird in Gottes Hand wieder formbar. Aus festem Ton wird feuchter Ton. Ein Wunder, das der Glaube bewirkt. Im Glauben steckt eine verändernde Kraft. Wir erfahren Gottes Liebe in seiner Hand, und das formt und prägt unser Leben. D.h. unser Leben wird anders.

Christsein bedeutet: es verändert sich etwas grundlegend in meinem Leben. Es bleibt nicht alles so, wie es war. Wenn ein Mensch Jesus Christus begegnet, wird alles anders. Schon allein, weil die Grundlage, das Fundament meines Lebens ein anderes geworden ist.

Bis dahin habe ich gedacht, ich selbst und das, was ich alles getan habe, wäre die Grundlage von allem. Aber durch den Glauben erkenne ich: Gottes Hand ist die Hand des Töpfers. Gott hat mein Leben geschaffen, geformt. Er wird es erhalten. Das ist das wirkliche Fundament meines Lebens. Ich weiß mich dann getragen, wenn es mir schlecht geht. Und wenn es mir gut geht, nehme ich andere wahr, denen es nicht so gut geht. Ich sehe nicht mehr nur mich selbst, ich sehe auch Gott und meine Mitmenschen. Ich vertraue nicht allein auf meine Kraft, sondern lebe aus der Kraft des Glaubens. Ich poche nicht mehr auf mein Recht, sondern werde zur Versöhnung fähig. Und in allem werde ich dankbar, wo ich doch vorher nur meinen Anspruch auf Dank gekannt habe.

Wenn das keine tiefgreifenden Veränderungen sind, die der Glaube in unserem Leben bewirkt! In dieser Weise ist unser Leben wie feuchter, formbarer Ton. Und da ist es eine Bitte an den Heiligen Geist, dass er Euer Leben, liebe Konfirmanden, aber auch unser Leben, liebe "erwachsene" Gemeinde, jeden Tag neu formt durch den Glauben.

Wir machen im Grunde den Ton unseres Lebens künstlich und gegen Gottes Willen hart und starr. Wo Gott doch mit unserem Leben noch so viel vor hat, noch so viel daran formen will, bis es eines Tages vollendet sein wird.

Spüren wir nicht die Auflehnung gegen Gott, die tief in uns verwurzelt ist und die Gottes verändernde Kraft nicht an unser Leben heranlassen will? Wir machen den Ton unseres Lebens künstlich starr und hart, wo Gott eigentlich von einem feuchten, formbaren Tongefäß ausgeht.

Erstarrter, festgewordener Ton: Das ist der, der nach Gott nicht fragt, der alles selbst entscheiden will. Der immer so weiter machen will wie bisher. Da kommt einem diese schöne Halbwahrheit vielleicht gerade recht, die sagt: "Gott nimmt mich so an, wie ich bin." Das tut er zum Glück. Gott verlangt keine Vorausleistungen. Ich muss nicht erst gut sein, um von ihm angenommen zu werden. Aber ich soll auch nicht der schlechte Egoist bleiben. Gott will uns zum Guten verändern und formen.

Wir wollen so angenommen sein, wie wir sind, aber wir wollen weiterhin alles selbst entscheiden, d.h. nicht nach Gottes Willen fragen. Der Glaube wird aber erst dann spannend und entfaltet seine verändernde Kraft, wenn einer anfängt, nach Gott zu fragen. "Gott, ich will es so, aber was sagst du dazu?" Der Heilige Geist bringt uns dazu, wieder so nach Gott zu fragen. Wir merken, wie das Erstarrte in unserem Leben wieder in Bewegung kommt und Gott etwas in unserem Leben gestalten kann.

Das Wunder des Glaubens: Erstarrtes wird wieder formbar - bei dem, der auf Gott vertraut und nach Gottes Willen fragt. Unser zerbrechliches Leben in Gottes Hand. Aber seine Liebe formt unser Leben und formt es zur Vollendung. Bei dem, der auf ihn vertraut.

"Aber nun, Herr, du bist doch unser Vater! Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind deiner Hände Werk."
D.h.: nicht wir gestalten unser Leben, sondern du gestaltest unser Leben nach deinem Willen.

Nehmen wir in diesem Sinne die Bedeutung des Wortes "Konfirmation" als "Festmachen" auf. Wer im Glauben fest ist, dessen Leben bleibt durch Gottes Wort formbar, aber es bleibt in aller Zerbrechlichkeit doch bewahrt in Gottes Hand.

Amen