Foto von aufgeschlagenen Büchern

Konfirmationspredigt über Psalm 91

Pfarrer Eckehard Fröhmelt

19.04.2008 in Dönberg

Ein Vertrauenspsalm

Liebe Gemeinde,

was stimmt nun: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser ?
Oder: Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser?
Oder was Kurt Tucholsky rät: „Willst du einem Menschen vertrauen, musst du dich auf ihn setzen.“
Ich bitte Sie zu Beginn eine spontane Meinungsumfrage mitzumachen. Bitte geben Sie durch Handzeichen bekannt, welcher Vertrauensmeinung Sie bzw. Ihr Kinder und Jugendlichen im Gottesdienst, zuneigen. Auch Ihr Lieben Konfirmandinnen und Konfirmanden könnt natürlich mitmachen. Also:
Wer ist für „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?“ Hände hoch, bitte… Wer ist für „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser?“ Hände hoch, bitte:… Und wer ist für Tucholskys Ansicht „Willst du einem Menschen vertrauen, musst du dich auf ihn setzen?“ Hände hoch, bitte:…
Mal sehen, vielleicht frage ich am Schluss der Predigt noch einmal, ob sich Ihre/Eure Meinung gehalten oder verändert hat.

In Psalm 91, liebe Konfirmationsgemeinde, ist die Entscheidung gefallen: Vertrauen ist besser.
Da bekennt ein Mensch: „Du bist meine Zuflucht Gott, bei dir bin ich sicher wie in einer Burg. Mein Gott, ich vertraue dir.“
Leider reißen wir Menschen gerne etwas auseinander, was zusammengehört.
Das ist nicht nur in der großen Politik so, wo 1949 nacheinander die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, DDR, gegründet wurden , beides kam , Gott sei Dank, 1989 wieder zusammen, getreu dem Spruch von Willy Brandt: „Was zusammengehört, muss auch zusammenwachsen.“
Auch in unserem persönlichen Leben kann Selbstvertrauen und Gottesvertrauen zusammengehören. Damit zusammen sind wir stärker. Wie schnell unser Selbstvertrauen zusammenbrechen kann, sieht man im Großen an den Bankenskandalen und im Kleinen, wenn zwei Menschen auseinander gehen, die sich einst lebenslange Treue schworen.
Als Seelsorger erlebe ich, wie stark ein sechsjähriges Kind sein kann und wie zugleich ein Professor weinend vor seinem persönlichen Problem steht. Wir sind alle nur Menschen. Titel sind wie Firmenschilder, sie sagen wenig aus über das, was hinter verschlossenen Türen vorgeht. Das sollte uns alle eigentlich zu Bescheidenheit, Menschenfreundlichkeit und Gottesvertrauen führen. Jeder Mensch ist heute stark und morgen schwach, heute kauft er die Welt und morgen braucht er seinen übersehenen Nachbarn.
Was ist schöner für ein sinnerfülltes Leben, zu sagen: „Ich bin mir selbst genug“ oder wie es der Psalmbeter tut: „Gott breitet seine Flügel über mich aus.“
Gott im Bild einer Glucke, die ihre Küken unter ihren Federn wärmt und schützt. Wunderbar. Zu schlapp für Männer? Dann empfehle ich das Bild vom Adler, der seine Schwingen ausbreitet. Gott hat mütterliche und väterliche, frauliche und männliche Seiten.
Vor allem aber möchte er von uns ein kindliches Vertrauen, denn das ist das stärkste. Das lese ich an Jesus ab, wie er mit Menschen umgegangen ist, wie er Gott, seinem himmlischen Vater, vertraute. Mit dieser Liebe und Kraft sah er selbst seinem Kreuzestod ins Auge. Wer in sich ruht und Gott zum Partner hat, kann Berge versetzen und auch anderen neben sich Raum zum Atmen lassen.
Warum auseinander reißen, was zusammen gehört ?
Warum aus Selbstbestimmtsein und Gottesvertrauen einen Gegensatz konstruieren, wenn sie gemeinsam viel stärker, auch viel menschlicher und sinnerfüllter sind?
Das in etwa ist auch der Sinn von Konfirmandenunterricht.
Junge Menschen zwischen 12 und 14 Jahren sind in einem besonders kritischen Alter. Es ist das Alter, in dem aus der Sicht der Eltern die Kinder schwierig werden. Aus der Sicht der Kinder aber werden die Eltern schwierig. Sollte man sich da nicht in der Mitte treffen?
Doch, wo ist die Mitte in unserem komplexen, komplizierten Leben?

Eine gekürzte Geschichte von Franz Kafka mag weiterhelfen: Da nimmt einer sein Pferd aus dem Stall und reitet los. Am Stadttor entwickelt sich ein Frage-Antwortspiel:
„Wohin reitest du?“ „Ich weiß es nicht…immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen? „Du kennst also dein Ziel?“ Ja, ich sage doch, weg von hier, das ist mein Ziel.“ „Du hast keinen Essensvorrat?“ „ Ich brauche keinen, die Reise ist so lang, dass ich verhungern muss, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme.“
Für uns Heutige, liebe Gemeinde, die wir ein nie da gewesenes Sicherheitsbedürfnis haben, und damit auch immer neue Ängste produzieren, - ist Kafka aus einer anderen Welt. Aber wir sollten dennoch spüren: Leben ist mehr als auf Sicherheit bauen.
Wer leben will, wer seine Kräfte und Talente kennen lernen möchte, muss sie ausprobieren. Nur so entwickeln wir uns zum ungekrümmten Menschsein, zu Menschen mit klarem Urteil, zu Menschen, die das Leben lieben und verantwortlich handeln.

Sein Pferd aus dem Stall holen und los reiten, nicht an den Essensvorrat denken und hoffen, dass man unterwegs was bekommt – das könnte schon so ein Bild für die Lebenssituation unserer Konfirmandinnen und Konfirmanden sein. Greifen wir Erwachsene den Jugendlichen nicht zu hart in die Zügel. Lassen wir sie auch nicht einfach schleifen. Finden wir die Mitte.
Wo ist sie? Ich glaube, sie liegt im Vertrauen.
Ohne Vertrauen geht auch sonst nichts unter uns.
Ein Betrieb kann noch so viele Hightech-Maschinen haben – wenn kein Vertrauen, kein Verlass auf die Mitarbeiterschaft wäre, ginge der Betrieb bald den Bach runter.
Gott sei Dank, liebe Gemeinde, können wir untereinander auf die unbezahlbaren Werte nicht verzichten: Liebe, Treue, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Zuverlässigkeit, verantwortliches Denken und Handeln.
Das alles kann niemand einkaufen – darum geht ja auch einerseits so viel skandalös schief – darum geht auch so viel wunderbar gut, wenn die unkäuflichen Werte gelebt werden.
„Vertrauen ist gut? Kontrolle ist besser?“
„Oder Kontrolle ist gut und Vertrauen ist besser?
Oder „sich auf einen Menschen setzten, wenn man auf sein Vertrauen angewiesen ist“?
Auch hier gilt : nicht auseinander reißen, was zusammen gehört.
Ich bin aber überzeugt, dass das Vertrauen überwiegen muss, wenn zwischen Menschen, die zusammenleben und zusammenarbeiten, auf Dauer etwas klappen soll.
Ich denke, ich sollte jetzt nicht noch einmal eine Meinungsumfrage machen. Vielleicht tun Sie’s in der häuslichen Feier nach dem Gottesdienst. Aber bitte: keinen Familienkrach deswegen heute!

Als Pastor werbe ich natürlich um dieses Gottesvertrauen:
„Du kannst dich darauf verlassen, der Herr wird dich retten vor den Fallen, die man dir stellt, vor Verrat und Verleumdung…Wie Schild und Schutzwall deckt dich seine Treue…Er ( der Mensch) ruft mich (seinen Gott) an; darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not, ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. Ich will den Menschen sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.“

Amen.