Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Konfirmationspredigt zu Markus 10,17-22

Pfarrerin Christiane Berthold-Scholz

28.04.2002 in der Evangelische Kirchengemeinde Niedervellmar

"Der reiche Jüngling"

Liebe Jungen und Mädchen, liebe Gemeinde!

Heute ist euer Tag. An fast keinem anderen Fest steht ihr als einzelne, besondere Menschen so im Mittelpunkt des Interesses wie am Tag der Konfirmation. Von der Taufe haben die meisten von euch wenig erlebt. Da ward ihr Babies oder Kleinkinder. Daran denken heute vielleicht die Eltern, Großeltern und Paten und staunen, wie schnell die Kleinen von damals aufgewachsen sind. Geburtstage wiederholen sich. Aber die Konfirmation, die gibt's nur einmal im Leben. Zwischen Kindheit und Erwachsensein, mitten im Jugendlichenalter, da liegt die Konfirmation als besonderer festlicher Höhepunkt, der euch den Übergang erleichtern soll, euch ermutigen und stärken soll für den Weg, der vor euch liegt, der spannend ist und ungewiss, hoffnungsvoll und gefahrvoll zugleich.
Wenn man Jugendliche fragt, warum lasst ihr euch eigentlich konfirmieren, dann sagen viele spontan und sehr ehrlich: Geld! Zum erstenmal im Leben richtig viel Geld haben und selber entscheiden dürfen, wofür man's ausgibt: Für eine Musikanlage oder ein tolles Fahrrad, für einen Rollerführerschein oder ein neues Zimmer, für eine große Reise oder einfach fürs Sparbuch auf später. Geld, ein Haufen eigenes Geld, das ist das Tollste an der Konfirmation.

Ehrlich gesagt: ich verstehe das. Eigenes Geld haben, das ist ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit von den Erwachsenen. Viel Geld haben, das eröffnet doch fast unendliche Möglichkeiten für's Genießen, Erleben, Wunscherfüllung. Einmal abends Werbefernsehen geguckt, und ich weiß, was ich zum Erfolg, zum Glücklichsein brauche. Und das Konfirmationsgeld macht's möglich. Jedenfalls mal ein Stück weit. Ist doch so!
Und niemand von uns Erwachsenen soll sich darüber beschweren oder es unmöglich finden, wenn die Jugendlichen so denken. In unserer Gesellschaft gilt ja tatsächlich nur der etwas, der Arbeit und Geld hat. Wer mit wenig auskommen muss, wer seine Arbeit verliert oder gar nicht erst eine findet, wer lernen muss, den Pfennig umzudrehen, der sinkt in der sozialen Anerkennung ganz schnell ab, wird als Pechvogel, oder noch schlimmer, als Versager, als "loser" beschimpft. So ist das. Geld haben, viel Geld, das ist toll. Das ist Bedingung fürs Glück.

Denen allerdings, die solche Glückspilze sind, dass sie viel kriegen und alles haben können, denen kann es so gehen wie Jennie. Jennie, kein Mädchen, sondern ein kleiner Hund aus einem inzwischen schon klassischen Kinderbuch von Maurice Sendak.

Jennies Geschichte geht so:
Einst hatte Jennie alles. Sie schlief auf einem runden Kissen im oberen und auf einem viereckigen Kissen im unteren Stockwerk. Sie hatte einen eigenen Kamm, eine Bürste, zwei verschiedene Pillenfläschchen, Augentropfen, Ohrentropfen, ein Thermometer und einen roten Wollpullover für kaltes Wetter. Sie hatte zwei Fenster zum Hinausschauen und zwei Schüsseln für ihr Futter. Und sie hatte einen Herrn, der sie liebte. Doch das kümmerte Jennie wenig. Um Mitternacht packte sie alles, was sie besaß, in eine schwarze Ledertasche mit einer goldenen Schnalle und blickte zum letzten Mal zu ihrem Lieblingsfenster hinaus. "Du hast alles", sagte die Topfpflanze, die zum selben Fenster hinaussah. Jennie knabberte an einem Blatt. "Du hast zwei Fenster", sagte die Pflanze, "ich habe nur eins."
Jennie seufzte und biss ein weiteres Blatt ab. Die Pflanze fuhr fort: "Zwei Kissen, zwei Schüsseln, einen roten Wollpullover, Augentropfen, Ohrentropfen, zwei verschiedene Fläschchen mit Pillen und ein Thermometer. Vor allem aber liebt er dich." "Das ist wahr", sagte Jennie und kaute noch mehr Blätter. "Du hast alles", sagte die Pflanze. Jennie nickte nur, die Schnauze voller Blätter. "Warum gehst du dann fort?" "Weil ich unzufrieden bin", sagte Jennie und biss den Stengel mit der Blüte ab. "Ich wünsche mir etwas, was ich nicht habe. Es muss im Leben noch mehr als alles geben!" Die Pflanze sagte nichts mehr. Es war ihr kein Blatt geblieben, mit dem sie etwas hätte sagen können.

Wer viel kriegt und alles hat, was man sich nur wünschen kann, dessen Lebensgefühl kann eines Tages umkippen. Und dann ist da plötzlich nur noch Überdruss oder sogar Wut. Jennie beißt der Topfblume den Kopf ab, weil sie deren Vorhaltungen nicht hören mag. Und wer von uns Erwachsenen hätte sich nicht schon gewundert oder geärgert über die schlechte Laune, die Muffligkeit, die frechen Reden und aggressives Gehabe von Jugendlichen, denen es doch eigentlich bestens geht, weil sie niemals Mangel an etwas gelitten haben, weil sie immer alles im Überfluss hatten: Essen, Wohnung, Spielzeug, Sportzeug, Hobbys, Taschengeld und sogar Zuwendung und Liebe. Und trotzdem Langeweile, Überdruss, Wut? Kann das sein? Das kann sein.
"Es muss im Leben noch mehr als alles geben" - so bringt Jennie ihr Missbehagen auf den Punkt. Und ein ganz ähnliches Gefühl mag auch jenen jungen Mann bewegt haben, von dem im NT berichtet wird. Der Evangelist Markus erzählt so von ihm:

Und als Jesus sich auf den Weg machte, lief einer herbei, kniete vor ihm nieder und fragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?
Aber Jesus sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: "Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst niemanden berauben; ehre Vater und Mutter." Er aber sprach zu ihm: Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf. Und Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eines fehlt dir. Geh hin, und verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach. Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

Ein junger Mann, der alles hat: Äußere und innere Werte, viele Güter und eine anständige Lebensführung. Und trotzdem reicht es ihm nicht. Er wünscht sich etwas, was er noch nicht hat, er wünscht sich "mehr als alles", und er hat dafür sogar einen Namen, und der heißt "ewiges Leben", "ewiges Leben", damit meint er nicht: Leben nach dem Tod. Wenn die Bibel vom "ewigen Leben" spricht, dann heißt das: Leben, das gültig ist, das Bestand hat. Leben, das gut, glücklich, heil und so rundherum erfüllt ist, dass nicht einmal der Tod eine wirkliche Bedrohung dafür ist, Leben, das in den Augen der Menschen und in den Augen Gottes sehr gut ist, so wie am Anfang der Schöpfung. Das meint: "ewiges Leben", und das wünscht der junge Mann sich, und er fragt Jesus danach.

Warum gerade ihn? Ich denke, Jesus ist nicht unbedingt der erste, den er fragt. Aber die bisherigen Antworten haben ihn nicht zufriedengestellt. Eltern und Lehrer, Verwandte und Freunde haben ihn sicher besten Wissens und in bester Absicht beraten mit Hinweis auf die 10 Gebote, die alten guten Lebensregeln seines Volkes. Mit Hinweis sicher auch auf sein Vermögen, die vielen Güter, um die zu kümmern, die zu vermehren sich doch lohnt, undsoweiter. Von Jesus, dem Rabbi aus Nazareth, erwartet der Junge sich etwas anderes, etwas Neues. Er hat erstaunliche Dinge über Jesus gehört, und er denkt sich: Wenn einer mir noch mal etwas sagen kann, was ich noch nicht in- und auswendig weiß, dann er! Um so enttäuschender, dass auch Jesus zunächst nur sagt: Du kennst doch die Gebote. Und da kann der Junge nur erwidern: Klar, alles selbstverständlich von klein auf. Und trotzdem nicht das.

Jesus spürt die Enttäuschung. Er merkt, die Unzufriedenheit des andern ist echt. Nicht bloß eine Laune, verwöhnte Überdrüssigkeit eines Reiche-Leute-Kindes, sondern eine ehrliche Suche nach dem, was letztlich gültig ist und zählt.

Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb - erzählt die Geschichte. Als Jesus merkt, wie ernst es dem jungen Mann ist, da fängt er an, ihn gern zu haben, da sieht er ihn erst richtig an und merkt, was mit ihm los ist, was ihm wirklich fehlt. (Immer ist das so, dass erst ein liebevoller Blick sehen und wahrnehmen kann, was in einem anderen vorgeht, was mit ihm los ist.)
Und Jesus sieht: Der junge Mann ist nicht frei. Er klebt am Erbe seiner Väter, an den Geboten ebenso wie am Geld. Das Herz und die Hände sind ihm gebunden durch das Viele, das er hat. In seinem Leben ist gar kein Platz für etwas Neues, anderes, das er sich doch eigentlich sehnlichst wünscht. Und deshalb, nicht, weil Jesus Wohlstand und Besitz grundsätzlich verurteilt, sondern weil er sieht, dass das Viele, innerer und äußerer Reichtum, einen Menschen einsperren können und hindern, seinen Weg zu finden, deshalb sagt er zu dem Jungen: Eins fehlt dir. Verkaufe alles. Und dann komm mit mir.
Eins fehlt dir, sagt Jesus. Das Nichthaben fehlt dir. Nicht mehr haben oder mehr tun ist das "Mehr als alles", was du suchst. Für dich wäre weniger mehr. Die vielen Dinge machen dich arm. Schaff sie dir vom Hals, mach dich los von deinen Reichtümern, dann erst bist du frei für etwas Neues, etwas Überraschendes, für eine andere Art von Glück als du dir bisher vorstellen konntest. Für einen "himmlischen" Schatz.

Als der junge Mann das hört, geht er traurig fort. Nicht aufgeregt oder empört über eine unmögliche Zumutung. Nein: traurig.

Traurig deshalb, weil er wohl spürt, dass Jesus Recht hat. Er spürt deutlich: Das wäre der richtige Weg für mich und ist doch nicht imstande, die Konsequenz zu ziehen. Seine Reichtümer halten ihn fest. Er findet nicht die Kraft, Nein zu sagen zu dem, was bisher wichtig war, Abschied zu nehmen vom Alten, um frei zu werden für etwas Neues. So entgeht ihm der "Schatz im Himmel", der Reichtum eines Lebens, das Jesus ihm anzubieten hätte, der Reichtum eines Lebens in der Nähe zu Gott und zu anderen Menschen, wie Jesus selbst es für sich gewählt und uns vorgelebt hat.

Seht, liebe Freunde, die Geschichte von dem reichen jungen Mann ist ein Spiegel für uns. Jede und jeder von uns mag ihn sich vorhalten und selber schaun, ob sie, ob er sich wiedererkennt: in seinem Fragen nach erfülltem Leben, in seiner Bindung an das Erbe der Väter und Mütter oder selbst erworbenen Besitz. Wir haben alle unsere Reichtümer, an denen wir hängen und die uns hindern können, das Leben und den Weg zu wählen, der eigentlich richtig wäre, wenn klar wird, dass etwas geändert werden müsste, Altes zu verlassen, Neues zu beginnen wäre.

Euch liebe Jungen und Mädchen, gebe ich heute gerade diese Geschichte mit auf den Weg, weil ich euch wünsche, dass eure Geschichte anders ausgeht als die des jungen Mannes in der Markuserzählung. Viele Güter, viel Gutes werdet ihr erreichen und finden, geschenkt bekommen oder euch selbst erarbeiten. Ihr werdet hoffentlich eure Talente entfalten und nutzen, werdet Pläne schmieden, werdet lernen, Verantwortung zu tragen und werdet euch Vertrauen verdienen, sei es in Sachen Geld, sei es in anderen guten und lebenswichtigen Dingen: Liebe, Freundschaft, Ausbildung, Sport. Über das alles sollt ihr euch freuen, und genießen sollt ihr es auch. Nur: Lasst euch nicht einsperren davon. Legt euch nicht auf eure selbstgemachten Lebenspläne fest oder auf den guten Rat von anderen. Das Leben birgt viel mehr an Möglichkeiten, viel mehr an Überraschungen, viel mehr an Perspektiven als mit Geld und Anständigkeit allein zu erringen wäre.

Ich könnte auch sagen: Gott hat seinen eigenen Plan mit einem jeden von euch. Und dem auf die Spur zu kommen, dafür eine Wahrnehmung zu entwickeln, das ist vielleicht das größte Lebensabenteuer. Das kann spannender und aussichtsreicher sein, als jede Zukunftsperspektive, die man selbst entwirft.

Was dem traurigen jungen Mann nicht gelingt, das wünsche ich euch! Habt keine Angst vor Risiko und Unsicherheit. Spürt der Unzufriedenheit nach, wenn sie euch befällt. Werdet nicht müde zu fragen, zu suchen, auszuprobieren, welches der richtige Weg für euch sein kann. Schmerzfrei und reibungslos wird das nicht sein.
Aber ihr seid nicht allein. Menschen werden da sein, die euch stärken. Gott ist da, der keinen jemals vergisst. Darauf verlasst euch.

Amen

 

Der Text von Maurice Sendak stammt aus: Higgelti Piggelti Pop! oder Es muß im Leben mehr als alles geben. Diogenes Verlag Zürich 1969
Der Bibeltext ist zitiert nach der Übersetzung M. Luthers, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 1992


 


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