Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Kurpredigt

Pfarrer Jürgen Benisch

in Bad Steben

Auch die Welt der Arbeit braucht Menschlichkeit

Liebe Frauen!

Wie gebannt starren in diesen Tagen Millionen von Zuschauern auf die Ergebnisse bei den Olympischen spielen in Australien.

Wer ist der Größte bei den verschiedenen sportlichen Wettkämpfen in Sydney? Der Grundgedanke dieses weltweiten Wettstreits ist: schneller - höher - weiter! Bei den vielen Sportarten zählt im Grunde nur die Goldmedaille; selbst der Name des zweiten Siegers fällt uns erst nach einigem Nachdenken ein. Dabei ist solch ein riesiges Sportereignis nur ein genaues Bild von dem, wie unsere Welt sonst denkt und handelt. Nur die Ersten zählen, Schwächere bleiben auf der Strecke - das finden wir doch überall. Die reichen und armen Länder auf dieser Erde, arme und reiche Menschen in unserer Gesellschaft.

Schneller - Höher - Weiter, dieser olympische Gedanke, gilt er nicht auch für Industrie und Arbeitswelt, für Finanzmärkte und Wirtschaftsleben?! Nicht immer geht es „fair“ dabei zu; im Gegenteil! Unliebsame Konkurrenz wird ausgeschaltet, missliebige Mitarbeiter werden aus dem Betrieb hinaus-schikaniert, querstehende Arbeitsplätze werden abgebaut. Schrecklich, denn damit werden Menschen „abgebaut“!

In der Tagesschau nehmen die Nachrichten von der Börse immer mehr Platz ein. Aktien und Geldkurse - die neuen Götter in unserer Gesellschaft! Einher geht damit ein fast unmenschliches Dreigestirn: der eigene Vorteil ist alles. - Erfolg um jeden Preis dem anderen keinesfalls trauen können.

Eigentlich sollte die Wirtschaft eines Landes oder eines Volkes dazu beitragen, diese Gesellschaft etwas menschlicher zu machen.
Was ist heute daraus geworden? Was davon ist geblieben?

Liebe Frauen,
Sie sind für drei Wochen Erholung hier im Hedwigs-Haus, weil Sie mit ihren Kräften so ziemlich am Ende waren. Unser Land kennt eben nicht nur Leistungsstarke, Erfolgreiche, Durchsetzungsfähige. Wer mit den Ellenbogen nicht mehr mithalten kann, dem schlägt's schnell auf Herz, Nieren, Magen oder Nerven. Trotz vielbeschworener Gleichberechtigung in Familie, Partnerschaft oder Beruf sind die Frauen immer noch schlechter dran. Weil sich Frauen dann auch noch für die Kinder und das Familienleben besonders verantwortlich fühlen, liegt die größere Last nach wie vor auf ihnen. Die Frau, die heute eine Kur macht, ist nicht das „ausgemergelte Mütterlein“ von früher. Nein, es sind junge Frauen, aber erschöpft, leer und ausgebrannt. Es sind junge Mütter, nicht mitten im, sondern am Rande des Lebens! An dieser Unmenschlichkeit ist auch die Arbeitswelt beteiligt; denn nur den Belastbarsten gibt sie Raum und Recht.

Liebe Mitchristen!
Gegner eines unmenschlich harten Wirtschaftslebens gab es zu allen Zeiten. Als Pfarrer fallen mir sofort die Propheten im Alten Testament ein. Solch eine scharfe Anklage ungerechter Lebensverhältnisse erhebt der Verfasser des Jakobusbriefes. Es ist die Lesung vom kommenden Sonntag, hören wir diese deutlichen Worte:

„...Ihr Reichen, weint und klagt über das Elend, das euch treffen wird.... Denn der Lohn der Arbeiter ....schreit zum Himmel“ (Jak 5,1 - 6).

Hintergrund dieser Ungerechtigkeit ist: Erntearbeiter wurden um ihren schon geringen Lohn völlig betrogen. Dieses soziale Elend aus der Zeit des Neuen Testamentes - gilt es heute noch genauso?
Ja und Nein zugleich!

Natürlich haben sich in zweitausend Jahren die Arbeits- und Lebensverhältnisse entscheidend verändert. Vieles in Industrie und Wirtschaft ist besser und menschlicher geworden: es gibt Arbeitsverträge und Renten, Gewerkschaften und Betriebsräte, Erziehungsurlaub und soziale Absicherung. Viele Arbeiter oder Angestellte fahren heute mit dem Mittelklasse-Wagen zweimal im Jahr in Urlaub. Wo, bitte schön, gab es das früher?! Dennoch gibt es in unserer Hochleistungs-Gesellschaft noch eine Menge an Not, vor allem an geistigen und seelischen Nöten und Ängsten.

Kürzlich erzählte mir eine Frau aus der Kurklinik:
„Ich bin jetzt 54 Jahre alt. Lange Zeit war ich glücklich und zufrieden. Doch nach der Wende kamen in unsere Firma die 'jungen Wilden' aus den alten Bundesländern. Die brachten neuen Schwung in unseren Betrieb, aber auch viel Unmenschlichkeit. Plötzlich hatte ich einen ganz jungen Chef, der alles besser wusste. Und ich war draußen, ganz schnell ging das!“

Eines von vielen ähnlichen beruflichen Schicksalen; wir können uns leicht darin wiedererkennen! In Stellenausschreibungen für Büros und Fabriken heißt es: „Gesucht wird Arbeitnehmer, der 'jung', 'dynamisch', 'belastbar' und 'teamfähig' ist“.

Sicherlich hat jeder gerne Menschen um sich, die vor Lebenskraft und Einfallsreichtum nur so strotzen. Doch ich gebe zu bedenken, dass der eben genannte vierfache Maßstab für eine Arbeitsstelle aus der Maschinenwelt kommt. Wer alles erfüllt, was Personalchefs verlangen, funktioniert nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie eine Maschine.

Liebe Frauen,
viele Christen fragen, wo die Religion in der Industriewelt bleibt.
Hat Gott in Büro und an Werkbank nichts mehr verloren? Weiß das Evangelium eine sinnvolle Antwort darauf?

Immerhin ist immer noch ein Teil derer, die im Wirtschaftsleben tätig sind, getauft, sind Kirchgänger oder haben kirchenferne wenigstens etwas von Gott gehört.

Wo also kann Gottes Wort die Menschen in der Arbeitswelt noch erreichen? Bewusst spreche ich vom Evangelium; von kirchlicher Überzeugungsarbeit in Unternehmen zu reden, erscheint mir schon zu hochgegriffen.

Nun, im Evangelium dieses Gottesdienstes sagt Jesus ein klares Wort: „Verführt mir nicht die Kleinen zum Bösen!“ (Mk 9, 42).

Kleine, einfache Menschen, die an Gott und die Macht des Guten - noch! - glauben. Hier ist der Knackpunkt für christliches Verhalten in der Wirtschaftswelt: die Entscheidung für das Gute, das in jedem Menschen ist - auch im Werkmeister, in der Chefsekretärin, im Wirtschaftsboss. So deute ich dieses vorige Wort Jesu auch für unsere Arbeitsstätten: Entscheidet euch bei allem immer auch für das Gute!

Liebe Frauen,
einen großen Teil der Arbeitsabläufe haben Maschinen und Computer übernommen. Doch auf den Menschen ist noch nicht ganz zu verzichten. Immer noch „dreht sich so manches“ um den Menschen, seinen Sachverstand und sein Können. „Arm an Menschlichkeit“ muss also die Industriewelt gar nicht sein. In unserer Wirtschaft entdecke ich leise Spuren der Hoffnung.

Einige Beispiele dazu:
da zieht sich ein einflussreicher Manager zu Ruhe und Gebet für einige Tage in ein Kloster zurück; da kämpft eine Betriebsrätin für mehr Lebenssinn im Arbeitsablauf; da gründet sich eine kleine Werbefirma mit viel Teamgeist und Schwung unter den jungen Mitarbeitern. Anzeichen des Menschlichen, wenngleich der „Existenzgründer“-Geist nicht mit dem Heiligen Geist zu verwechseln ist.

Liebe Frauen,
Sie sind hier bei einer Erholungskur. Tagtäglich seine Frau stellen im Beruf, beim Partner und bei den Kindern - das alles war wohl etwas zuviel für Sie. Von jetzt an gilt es, Alltag und Berufsleben anders, sprich: menschlicher zu gestalten. Arbeit hat sich stark gewandelt. Die Zukunft verlangt viel mehr gute Zusammenarbeit zwischen Menschen und Firmen.

Und so könnte der menschliche Arbeitsplatz in 5 oder 10 Jahren ausschauen: arbeitende Menschen helfen sich gegenseitig, sie sind beteiligt an Firmenentscheidungen. Nicht mehr der angepasste Befehlsempfänger zählt dann; nein, selbstverantwortliche Arbeit und Mitbestimmung im Team werden sich durchsetzen. Für junge Frauen mit Kindern wird der Arbeitsplatz verstärkt zu Hause sein: mittels Internet und Computer über Entfernungen zusammenarbeiten.

Wie gut, „zu Hause“ ist dann überall, Leben und Arbeit vermischen sich. So etwas hätte auch Jesus von Nazareth sehr gefallen.

Menschlichere Arbeit, das Leben darin entdecken, darum geht es.

In einem Gedicht zur Caritas-Herbstsammlung stehen dazu folgende Worte:

„Leben, das mehr bedeutet als kostendeckend versorgt sein.
Sinn, der weiter reicht als das, wozu ich nützlich bin.
Ebenbild des Lebendigen - mithelfen,
dem Menschen Würde zu geben.“


Lesung vom 26. So. i.J. Jak 5, 1 - 6
„Ihr Reichen, weint nur und klagt über das Elend..
Der Lohn der Arbeiter...den ihr ihnen vorenthalten habt, schreit zum Himmel...“.

Lesung des Evangeliums vom 26. So.i.J. Lesejahr B
Mk 9, 38 – 48: „Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt...".

Das Gedicht ist zitiert nach einem Prospekt zur Caritas-Herbstsammlung vom 24.09. bis 1.10.2000.


 


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