Foto von aufgeschlagenen Büchern

Liedpredigt über EG 9 " Nun jauchzet all ihr Frommen"

Pfarrerin Dr. Eike Baumann (ev.-luth.)

22.12.2013 in der Ev. Kirche in Häslach und in Walddorf

4. Advent 2013

Zu einer Instrumentalversion des Liedes gelangen Sie hier.

 

Liebe Gemeinde,

„Die Engel tun es – aber wir haben es leider fast völlig vergessen.“ Diese Worte schrieb der reformierte Theologe Karl Barth. „Die Engel tun es – aber auch die geringste göttliche Kreatur tut dasselbe. Sie tut es mit uns und ohne uns. Sie tut es auch gegen uns zu unserer Beschämung und zu unserer Belehrung. Sie tut es, weil sie es nicht lassen kann, weil sie nicht existieren würde und könnte, ohne zuerst und zuletzt und eigentlich das und nichts Anderes zu tun.“[i] Was tun die Engel, was tut jedes Tier und jede Pflanze auf dieser Welt, das wir Menschen fast vergessen haben? Sie jauchzen! Das bedeutet so viel wie: Freudenschreie ausstoßen; laut Juhu rufen; jubilieren; oder auch: vor Freude singen.

Wie gut, dass wir Menschen das nur fast vergessen haben. Ich möchte Sie bitten, Ihr Gesangbuch zur Hand zu nehmen und „Nun jauchzet all ihr Frommen“ (EG 9) aufzuschlagen. Über dieses Lied möchte ich heute in der Predigt mit Ihnen nachdenken. Dazu singen wir gemeinsam die erste Strophe:

1) Nun jauchzet, all ihr Frommen,
zu dieser Gnadenzeit,

weil unser Heil ist kommen,
der Herr der Herrlichkeit,

zwar ohne stolze Pracht,
doch mächtig, zu verheeren

und gänzlich zu zerstören
des Teufels Reich und Macht.

Die Frommen jauchzen. Sie singen vor Freude. „Freude“ ist die Überschrift über den vierten Adventssonntag. Von der Freude frommer Menschen haben wir heute im Gottesdienst schon ein paar Mal gehört. Paulus ruft uns im Wochenspruch auf zur Freude: „Freut Euch dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet Euch!“ Er sagt das, obwohl er im Gefängnis sitzt und nicht weiß, ob er es lebend verlassen wird. In der Schriftlesung haben wir das Loblied der Maria, gehört, einer jungen Frau, die unverheiratet schwanger wurde. Heute katapultiert das zum Glück niemanden mehr an den Rand der Gesellschaft, doch noch vor wenigen Jahren kam es einer kleinen persönlichen Katastrophe gleich. Trotzdem lobt Maria Gott, sie singt vor Freude. Paulus und Maria stecken in der Krise, aber trotzdem freuen sich, sie jauchzen, weil sie wissen, dass Gott kommt.

Der Dichter unseres Liedes, Michael Schirmer, steckte ebenfalls in einer Krise, einer weltpolitischen jedenfalls: Dem Dreißigjährigen Krieg. Schirmer war Zeitgenosse und Freund Paul Gerhardts. Geboren wurde er 1606 in Leipzig, als junger Mann studierte er in seiner Heimatstadt Theologie. Nach Stationen als Lehrer und Pfarrer kam er 1636 als Rektor nach Berlin. Seine Leidenschaft war das Dichten. Mitten im Krieg dichtete Schirmer „Nun jauchzet all ihr Frommen, zu dieser Gnadenzeit“. Dabei gab es wenig zu jubeln, die Zeit war von Gnadenlosigkeit geprägt. Im Dreißigjährigen Krieg erlebten Tausende die Hölle auf Erden, oder wie es Schirmer ausdrückt „des Teufels Reich und Macht“. Krieg, Plünderungen, Hunger und die Seuchen entvölkerten ganze Landstriche.

Michael Schirmer dichtet: Jauchzet all ihr Frommen zu dieser Gnadenzeit! Freut Euch! Der Herr der Herrlichkeit kommt – der, der alles heil machen wird, ist schon ganz nah. Der die bösen Mächte verheeren wird, der sie total auslöscht. Er kommt ganz anders als die kirchlichen und weltlichen Herrscher, die für den Krieg verantwortlich sind – ein Krieg, der schon viele Jahre dauerte und noch viele Jahre dauern würde. ER kommt ohne „stolze Pracht“, schlicht und demütig.

Jesus kommt nicht auf einem Schlachtross; er kommt auf einem kleinen Esel. Er kommt nicht, um anderer Menschen seinen Zielen zu opfern – seien es Soldaten als „Kanonenfutter“ oder Zivilisten als „Kollateralschäden“; dieser König kommt, um sich selbst zu opfern. Er kommt nicht, um sich über alle Menschen zu stellen; er kommt, um mitten unter uns zu sein. Er kommt nicht, um mehr Macht, mehr Reichtümer für sich selbst anzuhäufen; er kommt, um uns etwas zu schenken, das kostbarer ist und dauerhafter als alle Schätze der Welt: Das ewige Leben.

Wir singen die zweite und die dritte Strophe:

2) Er kommt zu uns geritten auf einem Eselein
und stellt sich in die Mitten für uns zum Opfer ein.
Er bringt kein zeitlich Gut, er will allein erwerben
durch seinen Tod und Sterben, was ewig währen tut.

3) Kein Zepter, keine Krone
sucht er auf dieser Welt;

im hohen Himmelsthrone
ist ihm sein Reich bestellt.

Er will hier seine Macht
und Majestät verhüllen,

bis er des Vaters Willen
im Leiden hat vollbracht.

Die Herrlichkeit von Jesus Christus entfaltet sich im Verborgenen. Der König der Könige, der Herr der Heerscharen, wird als kleines Kind in einem Stall geboren. Er ist kein Königssohn, sondern das Kind einer einfachen, einer ganz normalen Familie. Seine Majestät verhüllt der Sohn Gottes so konsequent, dass er als verurteilter Verbrecher am Kreuz stirbt.

Wirklich gut versteckt, die Herrlichkeit Gottes, möchte man da meinen. Vielen ist diese Herrlichkeit zu gut versteckt. „Wo ist Gott?“ fragen wir, wenn uns menschliches Leid persönlich berührt. Wo ist Er, wenn mein Freund, mein Liebstes, mein Nächster leidet? Wo ist Er, wenn Naturkatastrophen oder Kriege Tausende in den Tod stürzen? Wo, wenn Kinder missbraucht, Menschen versklavt werden? Ein Gott, der Menschen derart quält oder zumindest zulässt, dass sie derart gequält werden, der kann nicht sein – das ist für viele Menschen die logische Schlussfolgerung.

Die Theologin Dorothee Sölle hat dazu notiert: „Christus ist unbekannt: Der Leidmacher und der Leidaufheber werden als Gott bekannt gemacht, nicht der Leidende.“[ii] Heute erwartet beim Stichwort „Gott kommt“ niemand mehr einen König mit Krone, Szepter und einer starken Armee; erwartet wird ein Gott, der Leiden beseitigt. Aber Christus. Anders als es die Menschen zu seinen Lebzeiten erwarteten; anders als es sich die Menschen im Dreißigjährigen Krieg ausmalten; anders, als wir uns das heute vorstellen. Er erfüllt den Willen des Vaters nicht durch die Beseitigung des Leidens, sondern im Leiden. Sölle schreibt, er sei kein stoischer Held, der mit „verschränkten Armen“ abwarte und „in Unerschütterlichkeit Distanz bewahrt“. Jesus ist da. Er ist da, wo Menschen leiden. Er leidet mit. Das hebt das Leiden nicht auf, aber das kann das Leiden verändern.[iii] Keine Qual ist so groß, dass ein Mensch darin von Gott vergessen wäre.

Jesus ist ein König, der seine Macht und Majestät auf der Erde verhüllt – damals wie heute. Diesen König empfiehlt Schirmer den Mächtigen auf Erden als Vorbild, wenn auch sie eine Chance haben wollen. Wir singen die vierte und die fünfte Strophe:

4) Ihr Mächtigen auf Erden,
nehmt diesen König an,

wollt ihr beraten werden
und gehn die rechte Bahn,

die zu dem Himmel führt;
sonst, wo ihr ihn verachtet

und nur nach Hoheit trachtet,
des Höchsten Zorn euch rührt.



5) Ihr Armen und Elenden
zu dieser bösen Zeit,

die ihr an allen Enden
müsst haben Angst und Leid,

seid dennoch wohlgemut,
lasst eure Lieder klingen,

dem König Lob zu singen,
der ist eur höchstes Gut.

Den Mächtigen, die für so viel Leid verantwortlich sind, empfiehlt Schirmer Jesus als Ratgeber. Auf ihn zu hören ist die einzige Chance, das ewige Leben zu erhalten und nicht für immer vom Zorn Gottes vernichtet zu werden. Denn es ist nicht egal, was Menschen einander in ihrem Stolz, ihrem Machtstreben, ihrer vermeintlichen „Hoheit“ antun. Es ist nicht egal, ob einer Jesus Christus verachtet oder ob er sich an ihm orientiert. Denn das letzte Wort haben eben nicht die Mächtigen auf Erden, sondern Gott, der Höchste.

Den Armen und Elenden, die unter den bösen Zeiten so entsetzlich litten, empfiehlt Schirmer: seid dennoch wohlgemut. Singt Gott ein Loblied. – Hm. – Ist das nicht eigentlich billiger Trost? Macht es sich Schirmer nicht zu leicht in seiner gesicherten Existenz als Rektor, noch nicht allzu direkt betroffen von persönlichen Schicksalsschlägen? (Die sollten erst ein paar Jahre später folgen, als seine Frau und seine beiden Kinder starben und Schirmer an diesem Unglück seelisch fast zugrunde ging.) Vielleicht. Aber andererseits macht er es den Armen und Elenden auch nicht unnötig schwer. Wer an allen Enden das eigene Leid, die eigene Angst haben muss – und das sicherlich zu Recht – der ändert trotzdem nichts. Er bleibt stecken. Schirmer empfiehlt zu singen, und mit dieser Empfehlung ist er nicht alleine.

Ganz ähnlich schrieb das Martin Luther an einen Kirchenmusiker, der immer wieder an tiefer Traurigkeit und Glaubenszweifeln litt: „Ihr sollt fröhlich sein in Christus (…). Lasst ihn für Euch sorgen, er sorgt auch für Euch (…). Darum wenn ihr traurig seid und es will überhand nahmen, so sprecht: ‚Auf! Ich muss meinem Herrn Christus ein Lied machen auf der Orgel, denn aus der Schrift weiß ich, er hört gern fröhlichen Gesang und Saitenspiel.’ Und greift frisch in die Tasten und singt drein, bis die Gedanken vergehen, wie es David und Elisa taten. Kommt der Teufel und gibt Euch Eure Sorgen und Gedanken ein, so wehrt Euch frisch und sprecht: ‚Aus Teufel, ich muss jetzt meinem Herrn Christus singen und spielen.’ So müsst Ihr Euch wahrlich ihm widersetzen lernen und nicht gestatten, dass er Euch Gedanken macht. Denn wenn ihr einen (Teufel) einlasst und ihm zuhört, so treibt er Euch wohl zehn Gedanken hintennach, bis er Euch übermannt hat. Darum ist nichts besser, als ihm flugs im ersten Augenblick eins auf die Schnauze zu schlagen.“ [iv]

Dem Teufel eins auf die Schnauze schlagen – das sollte man unbedingt immer wieder ausprobieren. Dem Teufel eins auf die Schnauze schlagen, indem man Gott ein Lied singt, ihm zujubelt, jauchzt über das, was er geschaffen hat. So, wie es die Engel tun und auch die kleinste Kreatur auf Erden. Das haben wir in der Tat fast vergessen. Oft fällt uns das Singen schwer vor lauter Nachdenken über eigenes und fremdes Leid. Aber Gott kommt. Übermorgen ist Weihnachten. Gott wird sein Versprechen wahr machen. Er will mitten unter uns wohnen. Wir werden sein Volk sein, und er wird unser Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offb 21,3–5a)

Gott kommt mitten in der Krise, Gott ist da im Leiden; die grausamen Mächte der Welt haben nicht das letzte Wort, sondern Gott; ER selbst wird uns über alles Leid und alle Ungerechtigkeit hinweg trösten. Angesichts dieser Verheißung darf man, sollte man trotz allem unbedingt jauchzen, Freudenschreie ausstoßen, laut Juchu rufen, Jubilieren und vor Freude singen – z.B. die letzte Strophe unseres Liedes. Amen

6) Er wird nun bald erscheinen
in seiner Herrlichkeit

und all eur Klag und Weinen
verwandeln ganz in Freud.

Er ists, der helfen kann;
halt eure Lampen fertig

und seid stets sein gewärtig,
er ist schon auf der Bahn.


[i] E. Busch, Karl Barths Lebenslauf. Nach seinen Briefen und autobiographischen Texten, 41986, 515. Die Auswahl der zitierten Texte orientiert sich an: “Nun jauchzet all ihr Frommen” Singgottesdienst zum 4. Advent, hg. vom Gottesdienstinstitut der Evang..Luth. Kirche in Bayern, Bestellnr. 1290.

[ii] D. Sölle, Leiden, Stuttgart 1971,161.

[iii] Vgl. ebd., 161ff.

[iv] WA 7,104–106.