Foto von aufgeschlagenen Büchern

Matthäus 5,13-16

Christina Walldorf (ev.)

20.12.2009 in der ev. Kirche in Nieder-Saulheim

4. Advent

4. Advent

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Viele von Ihnen kennen sicher den Satz „Ich bin das Licht der Welt“. Das sagt Jesus von sich selbst im Johannesevangelium. Der Vers ist so eingängig, dass er sogar in zwei unserer Paramente eingewebt ist und so zu vielen Zeiten des Kirchenjahres hier von der Kanzel und vom Altar herabhängt. Dass Jesus Licht in die Welt bringt, ist momentan in der Adventszeit allgegenwärtig und überall sichtbar. Auch hier bei uns in der Kirche, wo heute, am 4. Advent, alle Kerzen des Adventskranzes brennen. Er zeigt an: es dauert nicht mehr lange, das Warten hat bald ein Ende.
Dieser Brauch, in der Vorweihnachtszeit Kerzen auf einem Kranz anzuzünden, stammt von dem Theologen Johann Hinrich Wichern. Im 19. Jahrhundert kümmerte er sich im Rauhen Haus in Hamburg um arme Kinder und Jugendliche. Und weil die ihn in der Adventszeit immer wieder fragten, wann denn nun endlich Weihnachten sei, machte er einen Holzkranz mit 24 Kerzen, damit die Kinder die Tage bis zum Heiligen Abend abzählen konnten. Daraus entwickelte sich dann im Laufe der Zeit unser heutiger Adventskranz mit 4 Kerzen, für jeden Sonntag eine. Aber nicht nur am Adventskranz sieht man, dass bald Weihnachten ist. Wenn man in diesen Tagen durch die Straßen geht, ist es kaum zu übersehen, dass sich die Menschen auf Jesu Geburt vorbereiten, indem sie Lichter anzünden. In vielen Fenstern hängen bunte Lichterketten oder es werden Weihnachtspyramiden aufgestellt. Mit der Geburt unseres Herrn kommt Licht in die Welt.
Jesus ist das Licht der Welt. Das leuchtet mir – im wahrsten Sinne des Wortes – ein. Aber er charakterisiert nicht nur sich selbst so, sondern auch uns, Sie alle und mich auch.
Hören Sie nun den heutigen Predigttext aus dem 5. Kapitel des Matthäusevangeliums:

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.
15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.
16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Liebe Gemeinde, das sind starke Worte, die Jesus hier an uns richtet. Das, was er von sich selbst sagt, nämlich das Licht der Welt zu sein, sagt er an dieser Stelle in der Bergpredigt auch zu uns. Er stellt uns mit sich selbst auf eine Stufe. Er drückt dadurch aus, dass wir alle wichtig sind, ohne wenn und aber. Denn er stellt keine Bedingungen oder sagt, dass wir uns erst beweisen müssen. Er spricht uns an als das Salz der Erde und das Licht der Welt.
Beides sind elementare Dinge, ohne die das Leben gar nicht möglich wäre. Denn um funktionieren zu können, braucht unser Körper Salz; es ist eine Grundvoraussetzung für unser Leben. Statistisch gesehen verzehrt jeder und jede von uns etwa 6 Gramm pro Tag, das macht über 2 Kilo im Jahr. Eine ganze Menge! Zur Zeit Jesu war Salz eine wahre Kostbarkeit und nicht wie heute in jedem Supermarkt erhältlich. Es ist eigentlich ein unscheinbares, schlichtes Gewürz, und doch unentbehrlich. Es fällt sofort auf, wenn an einer Speise das Salz fehlt, denn sie wird fad und schmeckt nicht. Nicht umsonst sagt man zu interessanten Dingen oder wichtigen Bestandteilen einer Sache: sie sind das „Salz in der Suppe“, gehören also unbedingt dazu. Die weißen Körnchen sind sehr vielseitig und aus unserem Alltagsleben nicht mehr wegzudenken. Was würden wir zum Beispiel ohne Salz machen, wenn es im Winter friert? Salz hat Kraft, obwohl die Körnchen so winzig und unscheinbar zu sein scheinen. In der kalten Jahreszeit hilft es, Gefahren abzuwenden und sorgt dafür, dass wir bei Eisglätte festen Boden unter den Füßen bekommen. Aber damit es wirken kann, muss es ausgestreut werden. Es nützt nichts, wenn man es im Keller liegen lässt.  
Mit dem Licht verhält es sich ähnlich; auch ohne Licht wäre Leben auf der Erde undenkbar. Licht lässt wachsen, es sorgt für die Photosynthese der Pflanzen und ist dadurch absolut lebensnotwendig. Gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit, ist die Bedeutung des Lichts unübersehbar. Es erhellt die Dunkelheit, gibt Sicherheit und Orientierung. In Form von Ampeln und Straßenlaternen strukturiert es unseren Alltag. Wenn das Licht fehlt, sind wir praktisch blind und orientierungslos, wie ein Schiff in der Dunkelheit, dem nicht ein Leuchtturm den Weg weist.
Wenn Jesus also sagt, dass wir Salz und Licht sind, weist er uns eine bedeutsame Rolle in der Welt zu. Er meint damit: Du bist wichtig, ich brauche dich.
Aber, liebe Gemeinde, wofür denn eigentlich? Kann es tatsächlich sein, dass Gott Sie alle und mich auch, jeden einzelnen von uns braucht? Im Predigttext heißt es ganz klar: ja! So wie ein einzelnes Salzkorn nicht richtig würzen und ein einzelner Lichtstrahl die Dunkelheit nicht richtig erhellen kann, ist es auch mit uns Menschen. Erst gemeinsam sind wir wirklich stark und können etwas bewegen. Denn erst eine gewisse Menge Salz aus vielen einzelnen Körnchen macht eine Speise würzig und erst viele einzelne Lichtstrahlen erhellen die Dunkelheit. Das soll natürlich nicht heißen, dass nicht auch ein Einzelkämpfer, eine Einzelkämpferin etwas erreichen kann, aber gemeinsam geht vieles leichter. Jesus sagt, dass Salz unnütz ist, wenn es nicht mehr salzt und man es dann genauso gut wegschütten kann. Normalerweise verliert Salz seine Würzkraft nicht, es sei denn, es wird zu stark verdünnt. Man braucht eben eine gewisse Menge, sonst schmeckt man nichts.
Mit dem Licht ist es ähnlich; was nützt mir ein Licht, wenn es unter einem Scheffel steht? Es brennt dann zwar, aber es leuchtet nicht. Es bringt mir also gar nichts. Aber was heißt das jetzt für uns? Jesus weist uns eine wichtige Rolle zu, mit der wir verantwortungsbewusst umgehen sollen. Wie genau soll diese Rolle denn nun aussehen? Was sollen wir tun, um ihr gerecht zu werden? Im Predigttext macht Jesus dazu keine konkreten Angaben, aber er weist uns dazu an, unser Licht leuchten zu lassen, damit die Menschen unsere guten Werke sehen. Das klingt nach einer großen Aufgabe, die fast ein bisschen Angst macht. Aber Gott erwartet gar nicht, dass wir die Welt aus den Angeln heben. Es bedeutet nicht, dass wir ein besonders vorbildliches Leben führen oder uns um jeden Preis sozial engagieren müssen. Obwohl das natürlich wünschenswert ist, wenn es sich im Rahmen der eigenen Möglichkeiten bewegt. Es genügt, wenn wir im Kleinen anfangen. Und dazu gehört ganz elementar, dass wir uns als Christen zu erkennen geben.
Liebe Gemeinde, wenn ich anderen davon erzähle, dass ich Theologie studiere, habe ich schon oft gehört: „Echt, so siehst du gar nicht aus.“ Ich werde belächelt, weil mir Gott und der Glaube nicht egal sind. Vielleicht kennen manche von Ihnen solche Reaktionen ja auch, z.B.
wenn Sie erzählen, dass Sie in den Gottesdienst gehen,
wenn Sie erzählen, dass Sie im Kirchenvorstand mitarbeiten,
wenn Sie erzählen, dass Sie in einer unserer Gruppen und Kreise dabei sind,
wenn Sie erzählen, dass Sie sich für Glaubensthemen interessieren,
wenn Sie erzählen, dass Sie sich mit der Kirchengemeinde verbunden fühlen
und natürlich auch unsere Konfis, wenn ihr erzählt, dass ihr euch konfirmieren lassen wollt.
Wenn Jesus sagt, dass wir Salz und Licht sind, erwartet er von uns keine heldenhaften Taten oder aufopferungsvolles Engagement für andere. Er möchte, dass wir Flagge zeigen, dass wir uns als Christen in der Welt zu erkennen geben, dass wir uns nicht schämen, wenn wir auf unseren Glauben oder unser Interesse daran angesprochen werden.
Wir sollen selbstbewusst damit umgehen und zeigen, dass wir zu unseren Überzeugungen stehen. Wir sollen uns trauen, unsere Meinung zu sagen und mit anderen – im wahrsten Sinne des Wortes – über Gott und die Welt diskutieren.
Wenn wir so handeln, dass wir in unserem Glauben authentisch sind, kommt alles andere von ganz allein. Dann lassen sich vielleicht auch andere davon anstecken oder werden zumindest neugierig. Und wenn nicht, haben wir es zumindest versucht. Denn es geht nicht darum, andere zu bedrängen oder ihnen etwas aufzuzwingen, was sie nicht möchten, wie es beispielsweise bei den Kreuzzügen im Mittelalter passiert ist. Damals wurde der christliche Glaube gewaltsam unter Andersgläubigen verbreitet.
Denn bei allem Nutzen, den uns Licht und Salz auch bringen, zu viel des Guten schadet eher, als dass es nutzt. So schrieb schon Goethe im Götz von Berlichingen: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.“ Denken Sie nur einmal an die zerstörerische Kraft von zu viel Licht, z.B. in Form von Blitzen oder Sonnenbrand. Oder daran, jemandem die Suppe zu versalzen, ihm also sprichwörtlich etwas zu verderben und madig zu machen. Aber was heißt das jetzt für uns? Sollen wir doch lieber unser Licht unter den Scheffel stellen und uns zurückhalten? Ich glaube nicht.
Es kommt wie bei vielem auf das richtige Maß an. So wie zu wenig oder zu viel Salz bzw. Licht ihre Wirkung verfehlen, ist es auch mit uns. Eine Kirche ohne Profil, ohne klare Standpunkte, auf die man sich verlassen kann, wird in der Fülle von Glaubensangeboten genauso untergehen wie eine Kirche, die andere nicht zu Wort kommen lässt, sie nicht ernst nimmt und förmlich überrennt. Das heißt für uns, dass wir zwar zu unserem Glauben stehen und andere dazu einladen sollen, das Gemeindeleben kennen zu lernen. Es heißt aber auch, dass wir die Grenzen anderer akzeptieren müssen. Glaube ist ein Geschenk, das allein von Gott kommen kann, wir Menschen können nur die Neugierde dafür wecken und unsere Gemeinde attraktiv gestalten. Wir brauchen also eine Kirche, die sich tolerant und offen zeigt, aber dennoch ein unverwechselbar evangelisches Profil hat. Eine Kirche, die es aushält, auch einmal kritisch hinterfragt zu werden, ohne dabei einzubrechen und eine Kirche, die uns eine Heimat ist oder noch werden kann. Dazu können wir alle, Sie und ich, mit unserem jeweils eigenen Salzkörnchen und unserem eigenen Lichtstrahl beitragen.
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne, in Christus Jesus. Amen.