Foto von aufgeschlagenen Büchern

Neujahrspredigt über Josua 1,9

Thomas-Erik Junge

in der Evang. Marktkirche Wiesbaden

Siehe, ich habe dir geboten, dass du unverzagt seiest. Laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst.

Der Predigttext für heute steht im Alten Testament, im Buch Josua. Und ich habe einen Vers daraus ausgewählt, denn eigentlich ist der für heute vorgeschlagene Bibeltext viel länger! Es geht darin um den Auftrag Gottes an Josua, das Volk Israel nach Mose Tod endlich aus der Wüste in das verheißene Gelobte Land zu führen. Und wie eine Ermutig, dieses schwierige und gefährliche Unterfangen anzugehen, diese Worte Gottes, die ich heute ausgewählt habe: Siehe, ich habe dir geboten, dass du unverzagt seiest! Also: Keine Angst, habe Mut bei dem, was du neu beginnst! Und laß dir nicht grauen und entsetze dich nicht - ganz starke Worte -, denn - hier spricht Gott über sich selbst - der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst!

An der Schwelle zu einer neuen Zeit, einer neuen Herausforderung, gewissermaßen an der Schwelle einer neuen Welt, da dürfte Josua angesichts der ihm aufgebürdeten Verantwortung eben nicht nur von Furcht, einer gewissen Angst, sondern geradezu von Grauen und Entsetzen geplagt gewesen sein. Man muss sich vorstellen, so erzählt es diese biblische Geschichte: Er war zu nichts Geringerem berufen worden, als ein ganzes Land zu erobern. Dabei führt er ein Nomadenvolk an, das Jahrzehnte in der Wüste zugebracht hatte, - und das natürlich keine Ahnung von der Kriegskunst jener Stadtbewohner, Stadtbürger, Burgen hatte, die das verheißene Land bevölkerten und die es beherrschten. So war die durch dicke Mauern befestigte Stadt Jericho mit ihren gut bewaffneten Soldaten sozusagen schon in Sichtweite. Wie sollte man an dieser Festung vorbeikommen? Wie soll man da in das Land kommen? Das waren die Fragen, die Josua bewegten.

Nun kann man sich über solche alttestamentlichen Geschichten eine Menge Gedanken machen, - auch kritische Fragen stellen, zum Beispiel: Warum spielt da der Krieg immer so eine wichtige Rolle? Wir wissen ja, was mit Jericho passierte: Die Posaunen bliesen, und dann sind die Leute um die Stadt herumgezogen, und die Mauern stürzten ein: Im Grunde genommen: Krieg, - Gewalt! Oder: Warum muss der Einzug der Israeliten in's verheißene Land Vertreibung und Vernichtung ungezählter anderer Menschen bedeuten? Das sind Fragen, die man sich natürlich stellt, wenn man das Alte Testament liest.

Aber ich will auf diese Fragen heute und hier nicht näher eingehen. Vielleicht nur soviel: Natürlich haben die Schreiber der Bibel sozusagen auch ihr Erleben, ihre Welt, ihre Erfahrung ganz und gar mit in diese Bibel hineingebracht - und das auch mit Gott zusammengebracht, - und so haben sie sich Gott durchaus auch als einen Kriegsherrn gedacht, - aber oft - und das wird bei solchen Geschichten deutlich - ist dieses menschliche Sichtweise auf Gott!

Worum es geht: Das ist die grundsätzliche Frage heute, hier, die sich dem Josua stellt: Was machst Du, wenn Du plötzlich vor einer neuen Zeit stehst, plötzlich vor einer neuen Aufgabe stehst, die Dich vielleicht sogar überwältigen könnte? Was machst Du? Wie feiern wir heute den Neujahrstag, den ersten Tag des Jahres 2000?

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke: Dann waren Vorstellungen vom Jahr 2000 mit den wildesten Utopien verbunden! Wenn ich das unseren jungen Leuten heute mal so erzähle, die schon mit Weltraumfahrt und Computern und dem allen aufgewachsen sind, dann komme ich mir oft schon vor wie ein ganz, ganz alter Mensch: Was es so in unserer Zeit noch alles gab! Manchmal so in nostalgischer Anwandlung erzähle ich das dann meinen Kindern: Wie ich noch zum Milchmann gegangen bin, die Milchkanne dann gedreht und geschwenkt habe, - überhaupt: Was ist ein Milchmann, nicht? Unsere Kinder, die gehen in den Supermarkt einkaufen, die wissen das gar nicht mehr! Ja, unsere Vorstellung damals, in meiner Kindheit, Ende 40-, Anfang 50- bis Mitte 50ger Jahre dann, Kindheit, Jugend: Die war verbunden mit so Vorstellungen etwa in der Richtung: Autos werden mit Atomkraft fahren, also man muss niemals an die Zapfsäule; überhaupt: Alle würden ein Auto haben! Und Roboter würden alle unliebsamen und schwierigen Arbeiten übernehmen. Krankheiten gehörten der Vergangenheit an, - die Menschen würden zwei- bis dreimal so alt werden wie früher, und Hunger und Not auf der Welt wären für immer vergessen! Man hätte mit den Energieproblemen und mit neuen wissenschaftlichen Methoden sozusagen fast ein Paradies auf Erden geschaffen. Das waren so unsere Utopien!

Natürlich gab es auch mahnende Stimmen, die Erkenntnis und das Wissen, welche Vernichtungsmacht zum Beispiel in der Atomkraft lag – ich denke an die Anti-Atombewegung, aber – ich höre noch einen meiner Lehrer wörtlich, der sagte zu mir (die Lehrer, die heute hier sind, mögen entschuldigen, dass ich wieder einmal von Lehrern spreche!) – der sagte zu mir: Die Atommacht, friedlich genutzt, wird uns Friede und Wohlstand für alle Zeiten bringen!

Nun wissen wir heute, dass eine Menge der Utopien von damals längst Realität geworden sind: So zum Beispiel die Roboter, die alle unliebsamen Arbeiten übernehmen: Hören Sie nur einmal hinaus! Wahrscheinlich hören auch Sie dieses Rauschen der Kehrmaschinen - das wohlvertraute Scharren des Besens gehört auch schon der Vergangenheit an! Und selbst, wenn heute ein Garten vom Laub befreit wird, dann mit einem lautstarken, pustenden Gerät, so einer Art umgedrehtem Staubsauger! Fabriken, in denen fast alles automatisch läuft, Weltraumfahrt - natürlich, klar! Vieles, vieles von dem ist Realität geworden. Manches hat sogar unsere Träume von damals übertroffen - oder, was dann schlimmer ist - auch in's Negative hin übertroffen: Unsere Träume in Alpträume verwandelt.

Auch die friedlich genutzte Atomkraft hat Hunger und Not nicht beseitigen können, sondern eine Menge Probleme und Gefahren mit sich gebracht und ist, wenn man an Tschernobyl denkt, Ursache von Tod und Bedrohung in gigantischein Ausmaß gewesen. Und überdies: Verglichen mit den Atomwaffenarsenalen - wir denken auch an die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki - verglichen mit den Atomwaffenarsenalen dieser Welt ist die friedlich genutzte Atomkraft ein "Waisenkind"!

Wenn man an Stichworte wie Atomkraft, technischer Fortschritt - Sie sehen, ich schaue so ein bisschen zurück in unserem Jahrhundert, das vergangen ist -, z.B. an elektronische Datenverarbeitung oder an Weltraumfahrt denkt, dann hat ja das 21. Jahrhundert im Grunde genommen schon längst begonnen. Konnte die Schlagerwelt in den 50ger Jahren noch von einer utopischen "Fahrt zum Mond" singen - ich habe es neulich im Bibelkreis erzählt: So ein alberner Schlager: Die Fahrt zum Mond hat sich gelohnt, nun weiß die Wissenschaft, dass die Fahrt zum Mond sich nicht lohnt! - so geistvoll! -, also noch Utopie sozusagen, so war das ja schon wenige Jahrzehnte, Jahre später Wirklichkeit, die Fahrt zum Mond. Und was dann in puncto Informationstechnologie vor wenigen Jahren noch relativ zaghaft begann, ist bald zu einer technischen Revolution geworden, die sich fast von Monat zu Monat selbst überrollt: - So schnell geht das!

Wenn wir also heute an der Schwelle des 21. Jahrhunderts stehen, sie gerade überschritten haben, dann geht es uns anders als Josua an der Schwelle zum verheißenen Land: Wir leben schon längst in diesem neuen Land, in dieser neuen Zeit, in diesem 21. Jahrhundert. Nur unser Kalender, dieser schöne alte Kalender, der hinkt einfach hinterher.

Ohnehin: Wir befinden uns in einer schnelllebigen Zeit, so hektisch, so wechselhaft die Börsenkurse, die heutzutage zu einem Barometer beinahe aller lebenswichtigen Fragen geworden sind.

Auch wenn wir nicht wissen, was. die Zukunft im einzelnen bringen wird, auch wenn wir in der vergangenen Nacht dem Kalenderwechsel so oder so die Ehre erwiesen haben, mehr still, mehr laut, je nach Temperament - wie gesagt: - Wir leben ja schon mitten der Zukunft; einer Zukunft, die - ich denke, man muss kein Prophet sein – durch ökologische und ökonomische Krisen bestimmt ist, die das Arm-Reich-Gefälle nicht in bekommt, die das Mittel des Krieges wieder zum gängigen Mittel der Politik macht, die durch Völkerwanderungsströme bestimmt ist, die das Arm-Reich-Gefälle nicht den Griff bekommt, die das Mittel des Krieges wieder zum gängigen Mittel der Politik macht, die durch Völkerwanderungsströme bestimmt ist, Armutswanderung, - und die andererseits technisch-wissenschaftlich atemberaubend fortschrittlich ist – im bekannten Doppelschritt von Chancen und Gefährdungen, Gefahren: Welches Bein stolpert über welches?

Wenn ich ehrlich bin – und man soll ja ehrlich sein -, dann geht es mir angesichts meines Lebens im 21. Jahrhundert insofern ähnlich wie Josua an der Schwelle zum Gelobten Land: Entsetzen und Grauen sind nicht fern.

Der Blick nach vorne stimmt mich sorgenvoll, wie gesagt: Krisen, Kriege, Gewalt, - und der Blick zurück offenbart mir auch so viel Erschreckendes: Zwei Weltkriege, Massenvernichtungskriege, Menschenvernichtungen, Zerstörungen, - unfassbares Leiden und Sterben!

Nun weiß ich aus der eigenen Erfahrung und vielen Gesprächen, dass der große Blick in Vergangenheit - so diese großen, allumfassenden Perspektiven sozusagen, dass der große Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft tatsächlich oft so bedrohlich erscheint, dass man manchmal ganz mutlos werden kann. Und Menschen, die das so empfinden, die sich da vielleicht sogar ein Stück hineinsteigern, die lassen sich davon dann auch nicht von jenen abbringen, die sagen: Alles nicht so schlimm! Und es war schon immer so! Es gibt soviel gute Chancen und Möglichkeiten! Und vor allem: Du musst nur positiv denken! Im Gegenteil: Menschen, die sich durch diesen großen Blick entsetzen lassen und in denen sogar das Grauen hochkommt, die reagieren misstrauisch, wenn man mit den optimistischen Parolen daherkommt: Wir kriegen alles in den Griff! Ich meine, ich habe ja auch gedacht, nach dem, was mir meine Eltern und Großeltern über zwei Weltkriege erzählt haben, die Menschheit hat die Nase voll vom Krieg! Von wegen, - von wegen!

Unser Misstrauen wächst. Die optimistischen Sprüche tragen nicht. – Stille?!

Plötzlich eine Stimme, die sagt: Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seiest, - etwas altertümlich. Keine Angst! Sei mutig, nicht verzagt! Laß dich nicht grauen und entsetze dich nicht, denn der Herr, dein Gott, ist mir dir in allem, was du tun wirst.

Es ist, so sagt die Bibel, die Stimme Gottes, die hier in diesem Text laut wird! Gott, der seinen Engel bei der Geburt Jesu den Hirten sagen lässt in dieser dunklen Nacht: Fürchtet euch nicht, - keine Angst, - denn ich verkündige euch eine große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren.... – Und die Menge der himmlischen Heerscharen singt: ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohngefallens!

Zwischen den einzelnen Menschen und seinem großen Blick in die düstere Nacht dieser Welt und des Weltgeschehens tritt plötzlich jemand, etwas, - ganz anders! Dazwischen tritt Gott. Eine ganz eigene Erfahrung, etwas ganz Einzigartiges: Dazwischen tritt Gott! "Fürchte Dich nicht!" sagt er, ich, ich bin bei Dir, ich bin mit Dir, ich bin um Dich, ich bin in Dir."

Nun weiß ich natürlich auch, dass Gott selbst von den Mächten und Mächtigen der Geschichte so sehr zu einem Teil der großen Bedrohung gemacht werden sollte, dass viele Menschen von Mißtrauen erfüllt sind, wenn von Gott die Rede ist.

Hat man nicht im Namen Gottes Kreuzzüge veranstaltet? War die christliche Mission nicht oft Deckmantel für jene ausbeuterische und zerstörerische Globalisierung – das gab es ja damals schon -, bei der Europa die halbe Welt kolonialisierte? Hat man nicht im Namen Christi Hexen verbrannt? Sind nicht Soldaten unter dem Motto "Für Gott und Vaterland!" in einem mörderischen Krieg gegen andere sogenannte christliche Völker gezogen? Gott wurde und wird schnell zu einem Teil dies großen Dunkels gemacht.

Aber je drängender solche Fragen gestellt werden, je drängender ich sie mir auch stelle, dass man Gott selbst zur Nacht gemacht hat, umso mehr offenbart sich für mich darin wieder eine andere Stimme! Gott der Kriege, - Gott der Hexenverbrennungen, der Kreuzzüge, der ausbeuterischen Globalisierung?!

Plötzlich höre ich eine Stimme! Nein, nein, ich bin nicht abgehoben oder verrückt, ich habe sie gelesen - und plötzlich ist sie in mir, und sie sagt: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnützlich führen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht!" - Diese Stimme höre ich, das Zweite Gebot. Gott redet anders: Du sollst meinen Namen nicht missbrauchen für Kriege, - für Kreuzzüge, - für ausbeuterische Globalisierung, für Nacht und Finsternis! Du sollst meinen Namen nicht missbrauchen!

Gott ist so sehr als ein religiös-ideologischer Begriff, als ein wohlklingender Name, als vertrauensbildendes Alibi in die Machenschaften und Machtgeschäfte dieser Welt eingebunden worden, dass sich viele Menschen mit Mißtrauen und Entsetzen und Grauen abgewandt haben: Was ist das für ein Gott, der so viel Unrecht zulässt?

Da steht der einzelne Mensch, - Sie, - ich - oder wer auch immer, vor einer großen Welt, vor einer Vergangenheit, eurer Gegenwart, einer Zukunft, die auch und in großem Umfang Grauen und Entsetzen schüren. Und Gott soll nur Verkleidung gewesen sein, Alibi, pathetische Phrase, die irgendwann für tot und erledigt oder für völlig ohne Belang erklärt wurde, als es wirkungsvollere Phrasen und Alibis gab?

Im Grunde eine Situation, wie sie vor .zweitausend Jahren auch bestand: Die Welt war grausam, Religionen waren ein Popanz, es ging um Geld und Macht und Krieg und um Kaiser, die sich für Götter erklärten. Da stand der einzelne Mensch - Sie - und ich - und damals der oder die, - wieder vor dieser großen Weltgeschichte wie vor einer gigantischen Wand voll Unheil, einer Nebelwand, die sich vor ihm auftat.

Aber plötzlich, zunächst fast unmerklich, trat jemand aus dieser Wand heraus, stellte sich jemand zwischen diese Wand und die bedrohten Menschen: Jesus Christus, - Gott selbst: Ich bin nicht der Popanz, zu dem die Priester mich klärt haben! Gott selbst, der keine Priester und keine Propheten mehr brauchte, sondern der direkt Menschen anspricht: "Es gibt in Dir und neben Dir so viel gutes Leben, so viel Liebenswertes, so viel Göttliches, dass Du Dich nicht schrecken lassen musst! Selbst wenn Du Dein Leben lang gebeugt durch diese Welt gegangen bist, ich sage Dir: Wenn Du glaubst, richte Dich auf, - und Du wirst geheilt! Glaubst Du das?" "Herr, wenn Du meinem Kind helfen kannst - kannst Du ihm helfen?" – "Wenn Du glaubst ....-.... Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!" Es gibt in Dir so viel Gutes!

Es ist diese direkte Ansprache Gottes an uns einzelne Menschen, die uns - die uns aufrichten kann, die uns stark machen kann! Es gibt nicht nur die Welt, die große Geschichte! Es gibt nicht mich, den kleinen einzelnen Menschen! Es gibt Gott, der uns immer wieder begegnet: Du sollst den Namen des Herrn, Deines Gottes, nicht unnützlich führen - Du sollst den Feiertag heiligen - fürchte Dich nicht: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! - Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, der wird nicht in der Finsternis bleiben!

Es ist diese direkte Ansprache Gottes an uns einzelne Menschen, die uns aufrichten, die uns stark machen kann, die uns die dunkle Wand zumindest in Teilen durchbrechen lässt, die im Dunkeln – ich sagte es eingangs im Gebet - Sterne aufleuchten lässt, Barrieren niederreißt, Grauen und Entsetzen mit Hoffnung, Glaube und Liebe heilt. Und in einem Meer von Finsternis weiß ich mich geborgen! Allein wenn ein Mensch da ist, der zu mir sagt: "Ich liebe Dich!" - Allein wenn ein Gott da ist, der zu mir sagt: "Ich liebe Dich, ich halte Dich fest in guten und in bösen Tagen!": Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarte ich getrost, was kommen mag; Gott ist bei mir am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag - das Bonhoeffer-Lied, wir haben es zu singen begonnen.

In der Jahreslosung heißt es: Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen (Jeremia 29, 13-14). Und ich sage Ihnen: Jesus geht sogar noch weiter: Er lässt den guten Hirten sogar dem verlorenen Schaf nachgehen, damit es gefunden wird: Das Schaf, das ihn nicht von ganzem Herzen sucht, wird gefunden! Gott lässt sich nicht nur finden, wenn man mit ganzem Drängen und mit ganzem Herzen nach ihm sucht, - sondern er - er findet uns!

Im Grunde genommen geht es immer wieder um diese Frage: Erkennen wir außer uns selbst sind der Welt, die uns umgibt, auch Gott? Nicht als Teil der Welt - Gott, der uns begegnet, anredet, ermutigt, - oder halten wir Gott nur für einen Teil der Welt, oder einen Teil unseres Ichs, für unsere Träume, unsere Phantasien, eine Ideologie, irgendein Alibi: W a s ist Gott? W e r ist Gott? I c h habe ihn immer wieder selbst reden hören in meinem Leben!

Mich hat gerade vor kurzem ein junger Mann gefragt, mit dem ich so in ein Gespräch gekommen war, wieso ein Mensch wie ich - mich hat er angesprochen! - eigentlich glaubt? Er hat mich wohl irgendwie eher als einen weltlichen Menschen empfunden - das bin ich auch, was ist das für ein Unterschied; für eine Unterscheidung in einen "weltlichen" und einen "geistlichen" Menschen - das ist doch auch ein Popanz! Entweder, man glaubt, und dann ist man in der Welt oder in der Kirche oder sonst wo der Mensch, der glaubt, oder man glaubt nicht! Und er hat mich gefragt danach: Wie kommt es eigentlich, dass Sie, gerade Sie glauben?

Ich habe ihm zwei Dinge geantwortet: Einmal, dass ich schon als Kind immer geglaubt habe, dass es etwas Größeres geben muss als Menschen sich ausdenken können. Wenn aber schon von Menschen sich so viel denken und fühlen lässt, dann muss dieses Größere auch im Denken und Fühlen größer sein, ja, dann muss mein Denken und Fühlen von diesem Größeren kommen – und nicht umgekehrt: Nicht Er durch mich, - sondern ich durch Ihn: Gott

Und zum zweiten: Es gibt in unserer Bibel so viele Gedanken, die so hochaktuell sind, dass dieses Buch, dieses Buch von Gott wirklich alle Zeiten, Moden, Strömungen und Erkenntnisse überdauert: Das ist doch faszinierend! Dass man diesen alten Josua plötzlich geradezu vor Augen sieht, natürlich: Wir haben keine Schlachten jetzt zu kämpfen, keine Länder zu erobern, aber wir gehen in eine Zukunft hinein, die im Grunde genommen schon begonnen hat, - aber wir können genau nachempfinden, was dieser Mensch fühlt! Was dieses Buch über unser Denken, über unser Fühlen aussagt, das ist so hochaktuell, auch nach Jahrtausenden, dass es für mich immer wieder wie ein Wunder ist. Nein, dass es ein Wunder ist! Gott spricht mich an: Was machst denn Du da eigentlich? Heiligst Du den Feiertag? Tötest Du? E r spricht m i c h an, e r fragt m i c h! N i c h t die Kirche, nicht die Synagoge, nicht die Moschee, nicht den Tempel: - Gott selbst, Gott fragt mich! Gott sagt Josua und mir und Ihnen: Du sollst getrost und unverzagt sein! Las ich nicht grauen, entsetze dich nicht! Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst – das sagt er jetzt, zu jedem und jeder von uns.

Und von Josua wird berichtet, dass er sich ansprechen und ermutigen ließ! Er war kein Held, nein, keineswegs, er war weiterhin der Mensch, der er immer war! Aber er hat plötzlich diese Kraft in sich gespürt, die das Volk damals schon spürte, als es auf Gottes Verheißung hin sozusagen aus der Sklaverei ausbrach. Und wenn Sie das nur psychologisch deuten: Menschen vor einer bedrohlichen Zukunft, an sich selbst zweifelnd, an der Vernunft dieser Welt zweifelnd, plötzlich – in der Bewegung mit Gott: Sei getrost und unverzagt! – machen sie sich auf, etwas Neues zu tun, einen neuen Weg zu gehen!

Nun, angesichts des neuen Jahrtausends: Wie stehe ich zu Gott, der sich zu mir stellt als ein Weg der Wahrheit und des Lebens, der vielleicht auch aus mir einen Stern in der Dunkelheit machen kann, der sich zwischen die Bedrohung und andere stellt?!

Glaube ist kein Kraftakt. Oft genug genügt es schon, sich auf ein Bibelwort einzulassen, so einzulassen, dass man es bedenkt, dass man es schmeckt, dass man es empfindet, dass man es nachfühlt, dass man es bewegt, dass man es mit ganz konkreten Lebensfragen zusammenbringt: Das kann man natürlich nur, wenn man es kennt! Und darum sollte man diese Bibel auch anhören, darum sollte man sie auch lesen, selbst wenn sie einem manchmal unverständlich ist. Manchmal sind es Jahre später, in denen einem plötzlich wie aus der Tiefe der Erinnerung ein Wort, das man vor vielen Jahren gelesen hat, auftaucht und sagt: Mache das, - gehe diesen Weg! Kein Kraftakt, - ein Wort, das man bedenkt, empfindet, nachfühlt, das man mit ganz konkreten Lebensfragen zusammenbringt: Und plötzlich entzündet sich der Funke, der den Glauben in Bewegung setzt.

So wünsche ich uns allen ein gesegnetes Neues Jahr, ein Jahr des Herrn: Anno domini - ein Jahr der Begegnung mit Gott!

Aus dem Buch: Erwartungen. Gebete, Ansprachen und die Predigten aus den Jahren 1999/ 2000 des Wiesbadener Marktkirchenpfarrers, Thomas-Erik Junge Hrsg.: Evangelische Marktkirchengemeinde, Pfarramt Mitte, Schlossplatz 4, 65189 Wiesbaden Verantwortlich i.S.d.P.: Dr. Margot Klee, Wiesbaden