Foto von aufgeschlagenen Büchern

Ordinationspredigt über 2. Korinther 13,13

Karsten Böhm

09.12.2007 in der Burgkirche / Nieder-Rosbach

Es ist Montag, der 24. September, kurz vor 21.00 Uhr. Kirchenvorstandssitzung hier in Nieder-Rosbach und es soll entschieden werden, ob ich Pfarrvikar in der Burgkirche werden soll.
Nach einer kurzen Vorstellung meinerseits kommt nun die offene Fragerunde.
Herr Meier wendet sich mir zu und fragt: „Herr Böhm. An welchen Gott glauben Sie?“
Ich nach langen Jahren Hochschulstudium geschult antworte: „An den trinitarischen Gott!“
Herr Meier nickt und antwortet: „Und jetzt bitte in aller Kürze für einen Nicht-Theologen!“
„Also, ich glaube an den dreieinigen Gott, d.h. an Gott, den Schöpfer, an Jesus Christus und den Heiligen Geist.“
Herr Meier nickt und erwidert: „Das müssen Sie mir bei Gelegenheit mal genauer erklären!“

Lieber Herr Meier, liebe Gemeinde!

Nun, die Gelegenheit ist jetzt gekommen: Heute will ich in der Kürze einer Predigt versuchen, das komplexe Thema der Trinität aus meiner Sicht  zu erklären. Denn ich halte die Trinität für eines der wichtigsten Themen des Christentums, wenn nicht sogar für das wichtigste Thema unseres Glaubens.

Unser Bekenntnis zu Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist ist das Spezifikum, das das Christentum von allen anderen Religionen dieser Welt unterscheidet.
Jeder unserer Gottesdienste beginnt mit dem trinitarischen Votum und auch das Glaubensbekenntnis, das wir jeden Gottesdienst gemeinsam sprechen ist trinitarisch aufgebaut: Ich glaube an Gott, den Vater… und an Jesus Christus… und an den Heiligen Geist…

Trotzdem ist die Trinität, die Lehre der Dreieinigkeit Gottes, für Viele eine trockene, fremde, langweilige und viel zu theoretische Angelegenheit.
Leider, denn die Trinitätslehre ist ein ausgesprochen praktisches Thema der Theologie. Denn sie beschreibt, wie Menschen praktisch Gott erfahren haben bzw. erfahren oder anders gesagt, wie Gott sich Menschen in verschiedener Weise offenbart.
Die drei klassischen Begriffe dafür heißen „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“.

Diese Dreiheit möchte ich an meinem Taufspruch näher erklären, der im 2. Korintherbrief, im 13. Kapitel, Vers 13 steht. Dort heißt es:
„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!“

Beginnen möchte ich mit dem Vater, der in diesem Vers schlicht Gott genannt wird.
Der Vater, Gott, ist der Schöpfer, von dem wir alle herkommen. Gott, der Schöpfer, rief diese Welt ins Leben und erhält sie. Er schenkte uns das Leben und ihm gegenüber sind wir verantwortlich für die Schöpfung, für unser Leben und das unserer Mitmenschen.
Er ist der große, allmächtige, herrschende und liebende Gott. Er ist der Gott über uns.

Gott schuf das Universum, weil er einen Gegenüber wollte. Aus seinem freien Willen schenkte er uns Menschen das Leben. Wir sind sozusagen das Ergebnis von überquellender Liebe.
Deswegen verbindet der Apostel Paulus in meinem Taufspruch Gott mit der Liebe. Paulus schreibt, die Liebe Gottes.
Treffender als mit „Liebe“ kann Gott nicht beschrieben werden. Gott ist die Liebe. Gleichzeitig liebt Gott, denn die Liebe als Zuwendung ist ein Beziehungsgeschehen, ein dynamisches Wirken.
Gott liebt diese Welt und er liebt uns. Er möchte ein Gegenüber haben und uns gleichzeitig nahe sein, Gemeinschaft mit uns haben.

Und ich bin davon überzeugt, dass auch wir alle uns nach Gemeinschaft mit diesem Gott sehnen. Der Kirchenvater Augustin sagte einmal: „Du Gott hast uns auf dich hin erschaffen und unser Herz ist unruhig bis es Ruhe findet in dir.“

Gleichzeitig sind wir aber diesem Gott total entfremdet. Wir drehen uns um uns, setzen uns selbst in den Mittelpunkt und suchen unseren Vorteil. Wir sind Gott, dem Schöpfer, fremd geworden sowie unserem Nächsten und uns selbst. Für diesen Bruch hat die Bibel einen Namen: diesen Bruch nennt die Bibel Sünde.

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!“

Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist die zweite Selbstoffenbarung Gottes.
Jesus von Nazareth ist nach christlichem Verständnis Gott selbst, der auf diese Welt gekommen ist, um das Problem der Entfremdung zwischen uns und Gott, also das Problem der Sünde, zu beheben, zu lösen. Jesus selbst schuf Frieden und Versöhnung zwischen Gott und Mensch.
Deswegen ist er der Gott unter uns, der Gott neben uns.
Er ist der Gott an unserer Seite, der uns frei macht, indem er am Kreuz starb, um den Tod in Leben zu verwandeln. Er ist es, der uns wieder in Gemeinschaft stellt mit Gott.

Aus diesem Grund hat Paulus in seinem Vers die Gnade Jesus Christus zugeordnet. Durch Jesu Sterben am Kreuz sind wir mit Gott versöhnt. Gott begegnet uns gnädig und rechnet uns unsere Schuld nun nicht mehr an.

Jesus Christus ist die personifizierte und bedingungslose Liebe Gottes und durch ihn, die konkreteste Selbstmitteilung Gottes, durch ihn bekommen wir das ewige Leben geschenkt. Durch Jesus wird unsere Beziehung zu Gott heil und dadurch werden wir Menschen geheilt.

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!“

Die dritte Selbstoffenbarung Gottes ist der Heilige Geist. Und beim Heiligen Geist stellt sich bei den meisten Menschen Ratlosigkeit ein.

Es fällt uns leichter von Gott dem Schöpfer als Ursprung alles Seins und aller Dinge zu reden. Auch Jesus Christus als Mensch gewordener Gott steht uns näher, er unser Bruder, durch den uns Gott vertraut wird. Aber der Heilige Geist!?

Bei Geist dürfen wir nicht so sehr an den menschlichen Geist, also Intellekt oder Nachdenken denken. Sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen  bedeutet das Wort für „Geist“ soviel wie „Wind“, ja sogar „Sturm“. Der Geist hat Kraft, Energie. 
Der Geist Gottes packt uns, begeistert uns, bewegt uns. Der Heilige Geist ist damit der Gott in uns.
Mit dem Heiligen Geist erfüllte Menschen sind Menschen, die mehr haben als nur menschliche Kraft. Sie tragen die Kraft Gottes in sich!

Der Heilige Geist bildet Gemeinde und Gemeinschaft. Durch ihn werden wir alle Schwestern und Brüder. Der Heilige Geist hat die Kraft, Menschen zu verändern. So geschah es beispielsweise an Pfingsten.
Nach Jesu Tod waren die Jünger und Jüngerinnen mutlos, trostlos, sprachlos. Sie hatten Angst und waren verzweifelt.

Doch als der Heilige Geist kam: unvermittelt, kraftvoll, überwältigend, wurde diese geistlose Truppe mit Energie und Kraft versorgt. Nun redeten sie furchtlos von Jesus ihrem Herrn, scheuten nicht mehr den Konflikt mit der Obrigkeit, Kommunikation zwischen fremden Menschen wurde möglich und der Funke sprang über.
Das passiert, wenn Gott in uns wirkt, wenn uns der Heilige Geist erfasst. Gemeinschaft wird gelebt!


Soweit die Beschreibung der drei Personen Gottes.
Was mir dabei wichtig ist, dass wir die Trinität nicht allein für wahr halten, sondern dass wir die Trinität in unser Glaubensleben einbinden.
Provokant gesagt: Wir sollen nicht „an“ die Trinität glauben, sondern wir sollen trinitarisch glauben.

Denn wenn wir nicht trinitarisch glauben, werden wir Gott nicht in seiner Ganzheit und Fülle erleben. Dann kommt – so denke ich – aber unser Glaube zu kurz. Trinitarisch glauben heißt ganzheitlich glauben. Aus diesem Grund sollte jeder von uns versuchen, „trinitarischer“ zu glauben und von den anderen Offenbarungsweisen, die einem selbst vielleicht etwas fremd und befremdlich vorkommen, zu lernen.
Lernen wir von den Menschen, die in ihrem Glaubensleben einen anderen Schwerpunkt als wir haben – dadurch bereichern wir unseren Glauben!

Die meisten von uns, so meine Vermutung, beten am liebsten zu Gott als dem Schöpfer.
Dadurch ist man auch verbunden mit den vielen Religionen dieser Welt. Denn diese Offenbarung, Gott als Schöpfer, ist international, überkonfessionell, interreligiös. Ob ich Jude, Moslem, Buddhist, Atheist oder Christ bin – wenn ich mich der Schöpfung zuwende, begegne ich Spuren des Schöpfers.
Für Menschen, die Gott vor allem als Schöpfer erleben, sind wichtige Themen Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, Frieden. Sie stehen auch meist der Wissenschaft aufgeschlossen gegenüber, lieben Kunst und Liturgie.

Toleranz und  Nächstenliebe können wir hier lernen. Das sind Stärken dieser Menschen. Gleichzeitig sollten diejenigen, die Gott in erster Linie als Vater und Schöpfer sehen, aufpassen, dass sie nicht vor lauter Toleranz profillos werden. Die Religionen glauben eben nicht alle an den gleichen Gott.

Diejenigen, die Jesus in das Zentrum ihres Glaubens stellen, werden meist als Evangelikale bezeichnet. Sie betonen die Notwendigkeit der persönlichen Beziehung zu Jesus. Sie treten ein für den Absolutheitsanspruch Jesu. Für sie ist das Thema Evangelisation wichtig. Menschen, die ohne Christus verloren sind, sollen gerettet werden.
Gleichzeitig zeichnen sich diese Christen durch ihr persönliches Glaubensleben, Stichwort Nachfolge, aus: regelmäßiges Beten, Bibellesen, Austausch in Hauskreisen, Freunde in die Gemeinde einladen ist für sie selbstverständlich. Sie verankern ihren Glauben im Alltag.

Diese selbstverständliche Verankerung des Glaubens in den Alltag, können diejenigen unter uns, die das kaum oder gar nicht tun, lernen.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die, die Jesus im Zentrum haben, manchmal mehr Gelassenheit an den Tag legen. So urteilt beispielsweise Gott, nicht wir, über Unglauben und Glauben.

Diejenigen Christen, die vor allem vom Gott in uns, vom Heiligen Geist sprechen, betonen die Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Sie wollen nicht nur „Kirche des Wortes“ sein, sondern Kirche aus der unbändigen Kraft Gottes heraus. Dazu gehört für sie das Entdecken, Fördern und Einsetzen der Gaben und Talente, die uns Gott gegeben hat, die starke Betonung von Lobpreis und Segnungen.

Am meisten, so mein Eindruck, können wir von ihnen lernen. Nicht weil sie „richtiger“ glauben. Das nicht. Nein, wir können am meisten von diesen sogenannten Charismatikern lernen, weil sie in unseren traditionellen Kirchen, sowohl den reformierten, lutherischen als auch in der katholischen Kirche ein Randdasein führen.
Dagegen „boomt“ der Heilige Geist in den neuen, schnell wachsenden Kirchen, den „charismatischen“ Kirchen.

Diese neue Bewegung, egal wie problematisch sie auch sein mag, zeigt den etablierten Kirchen, wo ihre Defizite liegen. Deshalb ist es nicht hilfreich, sich hochmütig von ihnen zu distanzieren, sondern wir sollten vielmehr fragen:
Was kommt bei uns zu kurz? Inwieweit können wir von diesen neuen Strömungen lernen und dadurch unser eigenes kirchliches Leben bereichern?

Es wundert mich nicht, dass gerade wir Deutsche unsere Probleme mit dem Heiligen Geist haben. Der Heilige Geist stand und steht für impulsives, charismatisches, auch unkontrolliertes und unkontrollierbares Christentum – und das ist uns nüchternen, ordentlichen Zeitgenossen immer ein wenig verdächtig.
Wir wollen Kontrolle, feste Regeln, Vernunft… aber so wird unser Glaube und unser Leben auch ein wenig blutleer und arm an Emotionen. Wir sind nicht mehr so recht begeisterungsfähig und damit auch nicht gerade attraktiv für Menschen, die auf der Suche sind.

Mehr Emotionen würden unsere Gottesdienste bereichern und es würde uns großen Kirchen auch gut stehen, manchmal etwas unkonventioneller, wilder und verrückter daherzukommen. Denn wo der Geist weht, kann man nur begeistert sein.
Gleichzeitig warne ich die Charismatiker davor, nicht nur auf Emotionen und Gefühle zu setzen, sondern daneben stärker auf das biblische Fundament und die Vernunft zu bauen.


Lieber Herr Meier, liebe Gemeinde,
ich glaube an den trinitarischen Gott und bin damit aber wie jeder von uns nach wie vor auf dem Weg und noch lange nicht fertig und am Ende meines Weges. Das werde ich wahrscheinlich niemals sein.

Aber ich habe in meinem bisherigen Glaubensleben viel von den anderen „Glaubenslagern“ lernen können und dadurch meinen eigenen, persönlichen Glauben ungemein bereichern können.

In diesem Sinne sei die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes mit uns allen.

Amen.