Foto von aufgeschlagenen Büchern

Osterpredigt 2000

Pfarrer Herbert Jung


Liebe Christen,

Der Tod in Venedig - Novelle von Thomas Mann, Liebes- und Todesgeschichte des Herrn von Aschenbach ...

Der Tod in Venedig - Realität in der Lagunenstadt: jeden Tag - nicht nur, weil man dort Särge über die Schwelle trägt wie an jedem Ort der Welt:

Nein! weil eine ganze Stadt am Schwinden - genauer - am Verschwinden ist: Jedes Jahr verlangt das Meer weitere Zentimeter an Land und Masse, bis der ganze Inselstaat von ihm verschlungen.

Der Tag steht heute schon fest – Unvorhergesehenes n i c h t eingeplant.

Historiker, Architekten, Liebhaber, Künstler und die Venezianer selber wollen retten, was noch zu retten ist!

Streit ist darüber entbrannt, was braucht zuerst den Schutz, was stellt den größten Wert dar: der Palast des Dogen? - Die Seufzerbrücke, über die einst Gefangene seufzend zum Kerker schritten: die letzten Meter ein letztes Mal - Der Markusdom, eher byzantinischer Palast, denn Gotteshaus - Santa Maria della salute: jener Kuppelbau, der den Fremden von Weitem grüßt, ganz in seinen Bann zieht und einlädt, doch in die Gondel zu steigen - geradewegs dorthin zu den Stufen der Kirche ??? Was ist wert - voll ... was ist wert - los?? Bestimmt nicht nur Streit in Venedig - und nicht nur Streit um Steine und Stege.

Auch in hiesiger Gesellschaft ist darüber eine Diskussion vom Zaum gebrochen.....Werteverlust schreien die einen und bedauern, daß schon allerhand über Bord geworfen, was einst heilig und hoch geschätzt ...

Wertewandel setzen die andern dagegen, weil doch neue Sichtweisen entstehen und neue Regeln gefunden, die durchaus nicht schlecht, vielleicht besser zur Gesellschaft passen so daß Heiner Keupp, Sozialpsychologe an der Uni München davon überzeugt ist:

„Selbstentfaltungswerte gewinnen, traditionelle Pflichtwerte verlieren an Bedeutung. Diese Entwicklung wird oft als Tendenz zum Egoismus mißverstanden, aber es ist eine Tendenz zu mehr Eigeninitiative, Eigensinn und Selbstsorge, die eine wichtige Quelle bürgerschaftlichen Engagements darstellt.“ (Pu Fo S. 9 Nr. 7, 2000)

Und wir? - Wir stecken auch mitten drin in diesem Streit , der quer durch Familien und Gemeinden geht. Noch ganz frisch z.B. die heiße Debatte über den Einsatz von Nato und Bundeswehr im Kosovo. Bilder unserer Ausstellung „Menschenleid“ sind ja Ergebnisse davon und Erinnerungen daran.

Es macht nicht viel Sinn, darüber zu reden, sie gut oder schlecht - die Debatte ist einfach da und somit zu akzeptieren. Viel spannender find ich dagegen die Fragestellung: Was ist denn ein Wert, woran erkennbar? Solch' Fragen wird in all dem Durcheinander vergessen - und genau Das ist doch der entscheidende Punkt: herauszufinden, was mir, was dir, was uns wertvoll, gar heilig ist.

Angela Merkel hat - stellvertretend für einen guten Teil der bundesdeutschen Bevölkerung in ihrer Antrittsrede als 1. Frau der CDU - im doppelten Sinn des Wortes - sich für die Tradition ausgesprochen: Gutes bewahren ... ist doch klar! Dafür tritt sie ein. Und ich bin überzeugt davon: viele von uns hier werden der Frau spontan zustimmen, ohne zu fragen: ja, was ist denn das: das Gute oder noch radikaler: was ist denn die Tradition??

Es mag Sie überraschen, aber ich weiß nicht, was das konkret ist. Die Mode vielleicht? Wieder in Trachten? Oder die Gesetze von früher: also von den Griechen, den Germanen, gar von Kaiser Wilhelm oder aus der Zeit vor 45? Oder sind es so Parolen wie: Frauen an den Herd, Mütter zu ihren Kindern, je mehr Kinder desto reicher! Oder ist es die Zeit vor dem Computer, vor der Erfindung von Insulin und Röntgenstrahlen... Was ist damit gemeint?

Solange das nicht feststeht, kann Tradition kein Wert sein - es ist wie ein Festhalten am Wind, der vorüberzieht. Und jetzt?

Haben wir noch den Gehorsam - falsch auch Pflichtgefühl genannt. Der bzw. das darf uns nicht verloren gehen ... höre ich andere sagen ... und erfahre dann, daß es doch wichtig, daß getan wird, was verlangt, daß alle Gesetze eingehalten von jedermann und daß vieles im Staat nicht funktioniert ohne diesen Gehorsam. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will - keine echte Frage, eher Drohung, daß Kultur sterben wird, wenn nicht... daß Rückführung des Kosmos ins Chaos sich ereignet, ganz real! Und das kann wirklich niemand wollen.

Doch! halte ich dagegen ... und viele andere stimmen mit ein: Ungehorsam ist auch ein Wert. Er hätte Kriege verhindert: denn auf Befehl sind sie marschiert - hüben und drüben! Auf Anweisung ist Hiroshima verbrannt, auf Befehl wurden Gashähne geöffnet - nicht nur Juden erschossen - aber auch Deutsche, Russen, Amis und Jesus aufgehängt. Und mit dem Tod wurde nicht nur gedroht - es wurde in grausame Realität umgesetzt - für den, der sich den Luxus des „Nein“ erlaubt. Der Wert Gehorsam ist arg angeschlagen, fragwürdig seit jenen Tagen.

Bleibt zu guter Letzt: die gute alte Mutter Kirche - jene Institution, die alles und alle überdauert: den Zerfall des römischen Reiches, die Invasion der Türken, die Spaltung in O und W, die Reformation, das Zeitalter der Revolutionen, den Kommunismus gar. Das muß doch wertvoll sein, was so lange währt!!

Oder? ... Ich höre schon die Bitten vieler: die Kirche, die lassen Sie uns aber. Da wird nicht dran gerüttelt, sonst ist die Osterstimmung hin. - Ich verstehe ... aber ich muß und will redlich bleiben. Ihr, der Kirche, ist nur Zwischenzeit gewährt. Am Ende - heißt es in der Schrift - wird diese nicht mehr sein ... aufgelöst wie Wasser in Dampf; an ihrer Stelle: neuer Himmel und neue Erde. Es geht der Kirche wie dem Diamanten: fällt der wertvoll geheißene ins Feuer, ist er dahin ... ohne Wert, der doch so teuer!

Und doch gibt es keinen Grund zur Trauer, weil wir noch einen Wert haben, der bleibt, von dem ich denke: Das ist er!! Und der wird vielerorts übersehen, mit Füßen getreten zuweilen, als unwert von manchen deklariert ... wenig geachtet und doch so kostbar in den Augen dessen, der ihn geschaffen. Es ist das Leben! und das „am Leben bleiben“.

Letzteres ist mehr als nicht sterben, mehr als atmen, essen und trinken.

Am Leben bleiben d.h. wahrnehmen und vor allem spüren, was da alles los in meinem Innern und in der Welt: die Gefühle von Schmerz und Trauer, von Ekstase und Hoffnung zulassen, mehr noch ihnen den Raum geben, den sie zum Leben brauchen.........

Am Leben bleiben d.h. auch in die Konflikte vor Ort einsteigen, sich die Finger schmutzig machen am Dreck der Welt, Kultur auf Brauchbarkeit hinterfragen, unsicher werden, experimentieren, Irrtümer kennen und Fehler machen, schuldig werden, die weiße Weste an den Nägel hängen, besser: sie Gott hinhalten und um Reinigung bitten ... versucht sein und getrieben werden vom Hin und Her bewegter Schöpfung.

Leben heißt: aus den Gräbern heraustreten, die jetzt schon da, nicht erst, wenn Augen geschlossen, Puls Stillstand zeigt. Es bedeutet: immer wieder den Mutterleib verlassen und in eine neue Weit eintreten ... nicht nur diesen leiblichen Schoß einer Frau - das ist nur der Anfang, dem weiter Geburten folgen, auch immer wieder mit Wehen und Schreien für den Betroffenen und für die neue Mutter, die uns einverleibt nicht mehr Mama genannt sondern: Namen trägt wie: Familie, Heimat, Beruf, Kirche, vielleicht sogar meinen eigenen. Unter Umständen muß ich aus mir selber herausgehen. Denn es ist dem Menschen aufgegeben wie der Schlange, sich stets zu häuten, bis er der geworden, der frei von Fassade, von Konvention, von äußerem gelebt werden und stattdessen in nackter Schönheit - unverwechselbar im Sosein. Rein nennt das die Bibel.

Goethe, der vornehme Herr aus Frankfurt weiß darum, wenn er zu diesem Tag in seinem Osterspaziergang erzählt: Sie feiern die Auferstehung des Herrn, denn sie sind selber auferstanden: aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern, aus Handwerks- und Gewerbesbanden, aus dem Druck von Giebeln und Dächern, aus der Straßen quetschender Enge, aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht ... sind sie alle ans Licht gebracht...

Letzteres ist wohl noch Wunsch, aber doch Ziel, zu dem der Auferstandene einlädt. Er bleibt am Leben ... am Leben dran....es war ihm schon vorher wichtiger als Gesetz und Ordnung, als heilige Orte und jüdische Tradition.

Deshalb ist Ostern so eine gefährliche Botschaft, weil sie bestehendes auf den Kopf stellt - Steine aus dem Weg räumt... weil sie uns erhellt - Thema der Nacht - schon vor dem Tod sitzen viele im Grab... Goldener Käfig nennen es die Mutigen ...Zwänge die Pflichtbewußten grauer Alltag die „Normalen“ und verlieren alle die Lust am Leben.

Keine Lust, sie wiederzugewinnen? zu spüren, wie der Wind in die Ohren saust, das Herz schneller schlägt, weil neu verliebt, die Füße barfuß laufen wollen über grüne Wiese mit Löwenzahngelb betupft?

Keine Lust zu spüren, wie es unsicher macht, den Fremden anzusprechen, das neue Land zu betreten, sich mit Hand und Fuß zu verständigen, dem Partner zu sagen. Nein und die Angst wahrnehmen, was dann passiert?

Das Halleluja nicht zu summen, sondern zu schreien und den Altar zu umtanzen wie David, der dem Wunsch seiner Beine nachgegeben und so am Leben ganz nah‘ dran war??? - So gesehen besteht nur Gefahr für die Wächter am Grab, von denen es Tausende gibt in unserer Kirche - vielleicht ist zum größten Grab verkommen, das Ihn festhält und mehr noch das Leben. Denn Institution und leben schließen meistens einander aus. Doch der Lebendige - er ist auf und davon! - Hinein in das Leben!!

Amen.

Gedicht

Immer wieder der aufbruch
verlassen der höhle
durch den engen gang
in die ungeborgenheit des lichts

Im licht leben müssen
stehen im unausweichlichen
zurückgeworfen auf dich selbst
hineingestossen in die kälte
aber doch gehalten und beschattet
in der lichthölle welt

W. Bruners/ Schattenhymnus/ Seite 36