Foto von aufgeschlagenen Büchern

Passionsandacht mit Bildbetrachtung zum Buch Hiob

Pfarrer Hartmut Birkelbach

23.03.2001 in der Christuskirche Minden

© Sabine Wenig, Künstlerin aus Bielefeld www.sabine-wenig.com

'Hiobs Revolte' - so ist das Bild der Künstlerin Sabine Wenig überschrieben, das wir heute betrachten und bedenken wollen. Es zeigt uns Hiob mit verzerrtem, entstelltem Gesicht - den Arm zum Himmel erhoben - zu dem Himmel, der sich über ihm verfinstert hat, als sein schönes und gutes Leben Stück für Stück auseinanderbrach - als ihn eine 'Hiobsbotschaft' nach der anderen erreichte und er erleben mußte, daß er beinahe alles verlor, was ihm auf dieser Erde lieb und wert war. Die Krone, ein Symbol seines früheren Lebens, als der gottesfürchtige und menschenfreundliche Hiob wie ein König leben konnte, liegt am Boden - ein verzehrendes Feuer hat nicht nur die Lebenswelt des Hiob, sondern ihn selbst erfaßt - und die furchtbaren Geschwüre an seinem Körper sind da geradezu noch das kleinere Übel, obwohl sie ihn, als er sich auf einmal in den Trümmern seines Lebens wiederfindet, so sehr quälen, dass er sich mit den Scherben seines früheren Glücks die Haut aufschabt, um nicht verrückt zu werden. Und doch ist die andere Qual noch größer, der Verlust von Lebensinhalt und Lebenssinn - die Erfahrung, daß alles aus den Händen gleitet, was man mal gedacht und geglaubt, geliebt und gehofft hat - die Erfahrung, daß eigenes oder fremdes Leid wirklich alles in Frage stellt, was man gemeinhin 'über Gott und die Welt' sagt und was man selbst bislang dazu gesagt hat. Leiden, das irgendeinen Sinn macht, das läßt sich ja noch ertragen - aber sinnloses, unsinniges, widersinniges Leiden - das setzt die ganze Existenz einem verzehrenden Feuer aus.

Vor Hiob seine drei Freunde. Sieben Tage und Nächte - so heißt es - haben sie sich zu ihm in die Asche gesetzt und geschwiegen - wirklich kein Wort gesagt, weil sie wohl ahnten und ernstnahmen, was bis heute gilt: 'Wo alle Worte zu wenig wären, da ist jedes Wort zu viel' (1). Ja, wenn Schweigen nicht aus Verlegenheit, sondern aus dieser Einsicht erwächst und gerade zum Ausdruck von Anteilnahme, Verbundenheit und Solidarität im Leiden wird - dann sagt es mehr als alle Worte. Wohl dem, der solche Freunde hat - und anderen solch ein Freund, solch eine Freundin sein kann, wenn sie leiden wie Hiob. Der Regelfall ist das nicht. Verbreitet ist leider etwas anderes - bis heute - ,nämlich das, was die Freunde Hiobs nach diesen sieben Tagen tun: sie reden und reden und reden! Keineswegs dummes Zeug - so wie viele Andere in vergleichbarer Situation bis heute. Und doch macht das, was sie sagen, für Hiob keinen Sinn. Sicher, so wie sie reden, so hat er ja selbst lange Jahre gedacht - hat an eine vernünftige, gerechte Weltordnung geglaubt, nach der Gott das Gute belohnt und das Böse bestraft, so daß Leiden die logische Folge von Schuld, von Unglauben und Fehlverhalten ist. Immer und immer wieder stellen seine Freunde ihm diesen Zusammenhang vor Augen, führen Argumente und Beweise dafür ins Feld und fordern ihn auf, bei sich selbst nach den Ursachen für all das Unglück zu fragen und daran zu arbeiten, damit er dann vielleicht auch wieder Gottes Nähe erfahren kann - in neuem Glück und Wohlergehen. Aber diese Logik, diese Rechnung geht nicht auf - das hat Hiob schmerzlich erfahren. Das ist es doch gerade, was ihn so niedergeschlagen, so fertiggemacht, so an den Boden gebracht hat.

Doch dann bäumt er sich auf und revoltiert - zuerst gegen die Freunde: "So braucht ihr mir nicht kommen. Laßt eure klugen Sprüche stecken - die kenne ich selbst, aber sie stimmen eben nicht! Eure schlag-kräftigen Argumente gehen einfach an der Sache vorbei - sie verfehlen die Wirklichkeit Gottes und die Wirklichkeit dieser Welt - und wo sie treffen, treffen sie nur mich und da tun sie einfach nur weh! Mag ja sein, daß ich trotz allem Bemühen schuldig geworden bin an Gott, an meinen Mitmenschen, an mir selbst - aber werden wir das nicht alle? Ich will ja gar nicht besser sein als Andere, aber was macht das für einen Sinn, daß gerade ich das jetzt alles erleben und erleiden muß? Natürlich gibt es selbstverschuldetes Leiden - aber bitte: womit habe ich, womit haben die anderen das verdient? So groß kann die Schuld und so kleinlich kann Gott gar nicht sein, daß das gerechtfertigt wäre! Hört endlich auf mit Euren klugen Sprüchen und törichten Reden - haltet um Gottes und der Menschen willen endlich den Mund - und laßt mich sagen, was jetzt angesagt ist, nämlich nur ein einziges Wort: 'Warum?' Ihr klugen Theologen und törichten Freunde - behaltet euer 'Darum' für Euch - ich frage Gott selbst: 'Warum?' Ihr sagt: Das darf man nicht - ich soll aufpassen, daß ich mich nicht noch mehr versündige? Ihr habt gut reden - aber: 'wer die Qual hat, hat keine Wahl' (2). Hör zu, Gott: Warum?'

(Orgelimprovisation zu J. Brahms: "Warum ist das Licht gegeben?")

'Warum?' - immer und immer wieder kreisen die Gedanken des Hiob-Buches um diese eine Frage - so wie unsere Gedanken in der Begegnung mit Leid, Not und Tod wohl zuerst und vor allem um diese Frage kreisen. Gerade darin kommt dieser Hiob, diese ferne Gestalt aus dem Alten Orient uns heute sehr nahe - gerade darin fühle ich mich ihm sehr nahe - auch wenn ich nicht bestreiten kann, daß ich nur zu oft wohl eher auf der Seite seiner klugen, törichten Freunde stehe und viel zu schnell mit einem allgemeinen 'Darum' bei der Hand bin. Das ist schlimm genug, aber es ist mir wenigstens ein kleiner Trost, daß diese Freunde mit ihrem Reden dem Hiob zumindest dazu verhelfen, sich mit Gott selbst auseinander zusetzen. Und wenn ich es heute Abend überhaupt wage, angesichts solcher abgründigen existenziellen Erfahrungen den Mund aufzumachen, dann geschieht das in der Hoffnung, Ihnen und Euch mit meinem Reden genau dazu Mut zu machen und vielleicht gerade im Widerspruch ein kleines Stück weit dazu zu verhelfen.

Liebe Schwestern und Brüder - wie ich gerade an dieser Stelle ganz ausdrücklich sagen möchte und bitte einmal sagen darf: ja, dieser Hiob kommt uns mit seinem radikalen 'Warum' sehr nahe. Aber - klagen und fragen wir denn wirklich so wie er: so radikal und aufrichtig, aufrecht auch und gerade in der Verzweiflung? 'Warum' ist leicht und schnell gesagt, aber das ist noch lange nicht das 'Warum', das hinter Hiobs Revolte steht. Denn so viel ist doch klar: es gibt nicht nur ein billiges, gedankenloses und plattes 'Darum', sondern auch ein billiges 'Warum?' - ein Warum, das gar nicht mehr mit einer Antwort rechnet oder nur dazu dient, in gespielter Ratlosigkeit die konkreten Ursachen von Leid, Not und Tod in dieser Welt zu kaschieren und die eigene Verantwortung dafür weit von sich zu schieben - am liebsten auf Gott, mit dem sich dann so schön und bequem hadern läßt - über den Hunger in der Welt, den Unfrieden unter uns Menschen, die Zerstörung der Schöpfung und die Schädigungen unserer körperlichen und seelischen Gesundheit, die soziale Ungerechtigkeit hier bei uns und anderswo und ... und ... und - auch wenn die Verhaltensweisen und Verhältnisse, die dazu führen, klar und deutlich gegen Gottes erklärten Willen sind. So ein unaufrichtiges Lamentieren über Mißstände unseres Lebens und Zusammenlebens und solches Kokettieren mit Zweifeln und Verzweiflung hinsichtlich der Gottesfrage hat mit Hiobs 'Warum?' nichts gemein, sondern ist ein billiges Gerede - auch wenn der Preis, den Andere und wir selbst dafür zahlen müssen, sehr hoch ist. Nein, nur wer wie Hiob im Ernst nach Gottes Willen fragt und danach handelt, wird im Ernst mit ihm nach dem 'Warum?' fragen und wie er revoltieren können, wenn eigenes oder fremdes Leiden, innere oder äußere Erfahrungen an der Wirklichkeit Gottes irre werden lassen.

Und daß diese Möglichkeit besteht, daß die Erfahrungen von Leid, Not und Tod sich eben nicht schlüssig und logisch aufrechnen lassen in den Kategorien menschlicher Schuld und Verantwortung - das steht außer Frage. Wer das bestreitet, der läßt der Logik und Theologik der Freunde Hiobs das letzte Wort - und genau das tut Hiob nicht. Oh nein: gerade wer sich an Gott und sein Wort hält, gerade der - oder besser: nur der kann ja wahrlich daran verzweifeln, wenn er den Eindruck gewinnt, daß das nichts, aber auch gar nichts nützt - daß es ihm kein Stück besser geht als anderen, sondern im Gegenteil: gerade die, die sich einen Dreck um Gott und seinen Willen kümmern, prima dastehen, groß 'rauskommen' oder jedenfalls augenscheinlich ein viel unbeschwerteres Leben führen. Auch der und gerade der, dem nicht egal ist, was in dieser Welt und unter uns Menschen geschieht, kann doch geradezu wahnsinnig werden an der unbestreitbaren Einsicht, daß immer und immer wieder ausgerechnet die Schwächsten, die Ärmsten und Kleinsten den Preis für die herrschenden Verhältnisse und den Lebensstil der Anderen bezahlen müssen. Auch der und gerade der, dem Erfolg, Wohlstand und Konsum nicht alles bedeuten, sondern der auf andere Werte setzt, vielleicht sogar auf die Macht der Liebe - kann wahrhaftig irre werden, wenn er ihre Ohnmacht erleidet. Wie kann, wie soll man da noch an einen allmächtigen Gott glauben, dessen Wesen die Liebe ist?

Und wenn man - wie Hiob - beinahe alles verliert, was einem auf dieser Welt lieb und wert war, dann macht es keinen Unterschied mehr, ob es dafür auch ganz konkrete Ursachen in menschlicher Verantwortung und Schuld gibt, sondern dann ist Leid eben Leid und macht keinen Sinn. Dann ist es mir zum Beispiel völlig egal, ob der Autofahrer, der mein Kind totgefahren hat, betrunken war und zu schnell gefahren ist. Wie viele Leute fahren Tag für Tag betrunken und zu schnell durch die Gegend, und nichts passiert - und dann das: mein Kind, das nun wahrlich gar nichts dafür konnte - ausgerechnet mein Kind vor diesem Auto. Warum?
Und umgekehrt: wenn ich selbst der Autofahrer war? Ist Schuld etwa kein Problem? Stellt sich da die Frage nach dem 'Warum?' nicht genau so verzehrend: warum ich - warum muß ausgerechnet mir das passieren? Wie soll, wie kann ich denn jetzt noch weiterleben? Kann Schuld nicht auch Leid, vielleicht 'Strafe' sein? Ist Schuld nicht bisweilen noch unerträglicher als widerfahrenes Leid?
Wie dem auch sei: 'wer die Qual hat, hat keine Wahl' - dem vergeht die Lust am Diskutieren und Spekulieren und der kann auf die klugen-törichten Allerweltsweisheiten wahrlich verzichten, nach denen sich 'gut und böse' so schiedlich-friedlich aufrechnen und aufteilen lassen - dem helfen fromme Sprüche und unfromm Ratschläge nicht mehr weiter. Aber vielleicht Hiob und seine Revolte!?

Orgelimprovisation

'Hiobs Revolte' - das ist die Revolte eines Menschen, der im Rahmen seiner eigenen und anderer Leute Möglichkeiten nicht mehr fertig wird mit der Erfahrung von Leid die Revolte eines Menschen, der sich nicht mehr wiederfindet in dem, was religiöses und weltanschauliches Gemeingut ist - die Revolte eines Menschen, der Gott selbst herausfordert, der mit ihm ringt, kämpft und streitet - nicht obwohl, sondern gerade weil er mit ihm noch nicht "fertig" ist! 'Hiobs Revolte' - das ist die Revolte eines Menschen, der beim Verlust von fast allem, was ihm lieb und wert war, zuerst noch sagen konnte: 'Der Herr hats gegeben - der Herr hats genommen - der Name des Herrn sei gelobt'. Die Revolte eines Menschen, der auf die Aussage der einzigen Angehörigen, die ihm geblieben war: Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!' - der darauf entgegnet: 'Haben wir Gutes von Gott empfangen und sollten das Böse nicht auch annehmen?'

Liebe Gemeinde - 'Hiobs Revolte', das ist die Revolte eines Menschen, der so reden konnte und zumindest fragen wollte. Und auch das scheint mir wichtig, ja entscheidend zu sein, wenn wir heute uns in ihm wiederfinden wollen und dürfen. 'Hiobs Revolte' - das ist etwas völlig anderes als das diffuse Gejammer und das "Baden in Weltschmerz und Selbstmitleid", das unter uns so verbreitet ist. 'Hiobs Revolte' - das ist alles andere als jene kleingeistige Kraftmeierei, in der wir uns mit vollmundigem Gerede und lästerlichen Sprüchen vor Gott groß zu machen und über Gott zu erheben versuchen. 'Hiobs Revolte' - die gilt nicht jener Karikatur eines 'lieben Gottes', von dem man sich abwendet, wenn er mal nicht "lieb" ist, also nicht so verhält, wie wir uns das vorstellen und wünschen, sondern Hiob nimmt die Wirklichkeit Gottes ernst, gesteht ihm die höchste und letzte Autorität in dieser Welt und über unserem Leben zu und fragt deshalb ganz im Ernst: 'Haben wir Gutes von Gott empfangen und sollten das Böse nicht auch annehmen?' Aber gerade weil das kein bloßer Spruch ist, kein Zeugnis blinder Schicksalsergebenheit oder dumpfer Apathie, sondern der Ausdruck eines mit ganzem Ernst 'gelebten Glaubens und geglaubten Lebens' (3) - gerade deshalb bäumt Hiob sich dann in tiefster Verzweiflung auf, als ihm dieses Annehmen nicht mehr möglich ist und das Böse ihn erdrückt.

Und in dieser Situation klagt er und fragt er: 'Warum? Warum tust du das, Gott - und wenn du es nicht selbst bewirkst - warum läßt du es dann zu? Siehst du eigentlich nicht, was hier los ist - oder ist es dir egal? Hast du vielleicht Freude an meinem Leid und dem Leiden der Anderen? Findest du das gut, wenn gerade die Gläubigen so'was mitmachen müssen, während die Gottes- und Menschenverächter oft so gut dastehen? Das kann doch wohl nicht wahr sein - warum sieht dann oft alles danach aus?' Genau in dieser Situation wird Hiobs Name zum Programm: 'Hiob' - das bedeutet: 'Wo ist mein Vater?' 'Ja, wo bist du, himmlischer Vater! Rede Gott - ich weiß nicht mehr weiter! Zeige dich mir - ich sehe nichts mehr von dir! Ich erhebe meine Hand gegen dich und zu dir - halte mich, wenn du kannst!'

Liebe Gemeinde - wenn man im Buch Hiob nachliest, in welchen Worten, mit welchen Klagen und Anklagen sich seine Revolte ausdrückt, dann verschlägt es einem manchmal den Atem. Kann, darf, soll man so von und mit Gott reden? Die Bibel sagt 'Ja'. Ja, wem die Qual keine andere Wahl läßt, wem es ernst ist mit seiner Revolte, wer darin Gott, diese Welt und sich selbst wirklich ernstnimmt - der kann, der darf und der soll so reden - sich auch und gerade in seiner Auflehnung gegen unbegreifliches Leid zum Himmel aufrichten und neu nach Gott fragen. Genau das tut Hiob und genau darin wird er am Ende auch gegenüber seinen Freunden, die so kluge-törichte Anwälte Gottes waren, ins Recht gesetzt - von Gott selbst, der sich zu seinem Anwalt macht und ihn nicht fallenläßt. Darin erreicht Hiobs Revolte ihr Ziel denn noch in seinen heftigsten Angriffen greift er nach Gott, greift er nach einem Halt, der seiner abgründigen Erfahrung der Verborgenheit Gottes standhält, wendet er sich eben nicht einfach von Gott ab, sondern wendet sich - wie Martin Luther das ausgedrückt hat - 'von Gott weg zu Gott hin', gibt fragwürdig gewordenen Glaubensinhalten und zerstörten Gottesbildern den Abschied, um Gott selbst neu zu begegnen und in ihm einen Vater zu finden -ja, mehr noch: seinen Heiland, seinen Erlöser!

Ziemlich genau in der Mitte des Hiob-Buches findet sich jener zu Beginn dieser Passionsandacht gelesene Satz: 'Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!' - ein Schlüsselsatz in der Geschichte Hiobs und in der Tat auch ein zentraler Satz für unseren Glauben in der Begegnung mit Leid, Not und Tod. Denn dieser Satz ist eben kein frommer Spruch für Poesie-Alben und traute Stunden - so wenig all die wunderbare Musik, die wir heute Abend hören, ein vordergründiges "Trallala" ist, blutleeres und weltfremdes Kulturprogramm für Sonn- und Feiertage, fauler Trost von Menschen und für Menschen, die nichts wissen von den Abgründen menschlichen Lebens und Zusammenlebens, von der Ohnmacht ihres Glaubens und vom Irrewerden an Gott und der Welt - sondern gerade in solchen Erfahrungen und Situationen ist die Gewißheit entstanden, die aus solchen Worten spricht - gerade im Ringen mit Gott kann und will auch heute und in uns diese Gewißheit entstehen: 'Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!' Mit einer glatten Lösung aller Fragen und Probleme hat das nichts zu tun. Die Frage nach dem 'Warum?' läßt sich nicht mit einem allgemeingültigen 'Darum' beantworten und oft genug bleibt sie für uns persönlich ohne Lösung - aber sie bleibt von Gottes Seite her nicht ohne Antwort und wird hineingenommen in die Erlösung, die er schenken will und kann. Für uns als Christinnen und Christen ist diese Antwort und diese Erlösung zuerst und vor allem mit dem Leben und Sterben Jesu Christi verbunden - mit ihm, in dem Gott mit letzter Konsequenz an unsere Seite getreten ist und sich inmitten von Leid, Not und Tod zu unserem Anwalt und zum Anwalt des Lebens gemacht hat. An diesen Jesus Christus können und dürfen wir uns halten - auch wenn unsere Geschichte kein so schönes und gutes Ende findet wie die Geschichte Hiobs, dessen Lebensglück auf wunderbare Weise wiederhergestellt wird und der am Ende 'alt und lebenssatt' sterben kann. Auch dann und gerade dann dürfen wir uns an ihn halten, dessen Geschichte ganz anders ausging, der den Weg durch Leid und Not einschließlich des abgründigen Gefühls der Gottverlassenheit bis in den Tod in seiner ganzen zerstörerischen, qualvollen, brutalen Gestalt vor uns und für uns gegangen ist, um uns der bleibenden Nähe Gottes gewiß zu machen - jenes Gottes, der uns in seiner Allmacht noch aus dem Tod heraus neues Leben schenken kann und will, weil sein Wesen die Liebe und seine Sache das Leben ist.

Dass wir IHM in dieser Passionszeit neu begegnen und über diese Zeit hinaus auch und gerade in unseren Revolten angesichts der Erfahrung von Leid, Not und Tod zu ihm vorstoßen und seine gute, erlösende, neues Leben ermöglichende Wirklichkeit erfahren - das wünsche ich uns, das schenke uns Gott, der Vater Jesu Christi, der Vater Hiobs und unser aller Vater.

Anmerkung:
Neben dem Bezug auf Luther finden sich im Text an drei Stellen Formulierungen, die ich von zeitgenössischen Autor(inn)en übernommen und durch Ziffern gekennzeichnet habe; sie sollen an dieser Stelle nachgewiesen werden: Die Wendung 1) ist dem Buch 'Homo patiens. Versuch einer Pathodizee' von Viktor E. Frankl (Wien 1950, S. 115) entnommen - Wendung 2) dem Lied 'Liebenszeichen! von Pe Werner (CD 'Los!'/lntercord 1993); Wendung 3) findet sich bei Gerhard Ebeling in verschiedenen Texten - vgl. vor allem seine "Dogmatik des christlichen Glaubens", Bd. 1 (Tübingen 1979, S. 109 + Kontext).