Foto von aufgeschlagenen Büchern

Passionsandacht über Hiob 19,11-27

Pfarrer Dr. Armin Wenz (ev.-luth.)

25.03.2009 in St. Johannes Oberursel (SELK)

Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich. Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert. Er hat meine Brüder von mir entfernt, und meine Verwandten sind mir fremd geworden. Meine Nächsten haben sich zurückgezogen, und meine Freunde haben mich vergessen. Meinen Hausgenossen und meinen Mägden gelte ich als Fremder; ich bin ein Unbekannter in ihren Augen. Ich rief meinen Knecht, und er antwortete mir nicht; ich musste ihn anflehen mit eigenem Munde. Mein Odem ist zuwider meiner Frau, und den Söhnen meiner Mutter ekelt's vor mir. Selbst die Kinder geben nichts auf mich; stelle ich mich gegen sie, so geben sie mir böse Worte. Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Hiob 19,11-27)

Liebe Gemeinde!
Im Menschen steckt eine unstillbare Sehnsucht danach, erinnert zu werden, nicht vergessen zu werden. Diese Sehnsucht ist Ausdruck der Angst um die eigene Existenz, um das eigene Fortleben. Diese Sehnsucht spricht aus Todesanzeigen, wenn es immer wieder heißt, der Verstorbene lebe in der Erinnerung der Hinterbliebenen fort.
Doch was ist, so mag man fragen, wenn die Hinterbliebenen auch sterben? Wer von uns hat Erinnerungen an den eigenen Ururgroßvater? Und was ist mit den Menschen, an die sich keiner erinnert, weil sie anonym in den großen Katastrophen dieser Welt umgekommen sind?
Es ist begrüßenswert und bewundernswert, wenn Schriftsteller wie der kürzlich verstorbene Walter Kempowski mit seinem Echolot oder der italienische Philosoph Giorgio Agamben mit seinen Überlegungen über das „Archiv und die Zeugen“ sich darum bemühen, vergangene, verachtete, vergessene Lebensschicksale ans Licht zu holen.
Liest man die Bücher dieser Autoren, so entdeckt man in den Berichten aus den Konzentrationslagern und den Kriegsereignissen lauter Hiobsgestalten. Menschen werden beschrieben, die lebendig tot sind, die von niemandem mehr beachtet werden, die nur noch als Müll behandelt werden; Menschen, die abgestumpft sind, die nur noch vor sich hin vegetieren, die sich nicht mehr wehren. Wie von Hiob gilt auch von ihnen: sie haben nur noch das nackte Leben. Und doch sind sie Menschen und tragen Gottes Ebenbild.
Bei einigen der Autoren, die sich mit diesen Fragen der Erinnerung beschäftigen, findet sich auch der Hinweis darauf, dass bei der sogenannten Altersdemenz ganz ähnliche Symptome auftreten wie bei apathischen KZ-Häftlingen: Sie vergessen zusehends alles: ihre Vergangenheit, ihre Familie, ihre Freunde, das Essen, die Körperpflege. Für die Außenstehenden entsteht auch hier der Eindruck, der Mensch vegetiere nur noch vor sich hin.
Es mag sein, liebe Gemeinde, dass es dem Hiob, den wir in unserem Bibelabschnitt hören, so schlimm noch gar nicht geht. Immerhin erinnert er sich noch an das schöne Leben, das er hatte, bevor die Katastrophe hereinbrach. Immerhin kann er sich noch wehren gegen Gott und seine Freunde.
Aber dabei macht er die Erfahrung zunehmender Vereinsamung. Ja, er macht die Erfahrung, dass die anderen seine Klagen nicht mehr hören wollen. Seine Freunde wollen ihn nicht mehr kennen. Seine Hausgenossen ignorieren ihn einfach. Seine nächsten Angehörigen ekeln sich vor ihm, wenn sie ihm begegnen.
Sollte, ja, sollte ihn auch Gott vergessen haben? Ja, liebe Gemeinde, wie ist das mit den Pflegeheimbewohnern? Wie ist das mit den Menschen, die früher so aktiv waren und plötzlich Pflegefälle werden, so sehr, dass man es sogar riechen kann?
Gibt es Hoffnung für Hiob, Hoffnung für die lebendig Toten, Hoffnung gegen das Vergessen und gegen das Vergessenwerden? Die Tatsache, dass das Buch Hiob im Kanon der Bibel steht und damit allen Hoffnungslosen dieser Welt eine Stimme gibt, ist ein Hinweis darauf, dass es Hoffnung gibt. Doch wird diese Hoffnung wirklich tragen – oder wird sie nur ein billiger Trost sein?
Liebe Gemeinde! Die Hoffnung trägt, weil der Erlöser, von dem Hiob in seinem verzweifelten Glauben bekennt, er wisse, dass dieser lebe, weil dieser Erlöser Gott ist, denn nur Gott kann aus solchen Nöten erlösen, wie wir sie beschrieben haben.
Dieser Erlöser, der Goel, wie es Hebräisch heißt, und das meint: derjenige, der den Gefangenen freikauft, der als Anwalt des zum Tod Verurteilten auftritt, er ist bereits da. Dessen ist Hiob gewiss, auch wenn er das rettende Eingreifen dieses Erlösers noch nicht erfahren hat, wenn er noch mit Sehnsucht darauf wartet.
Aber der Erlöser war damals schon bei Hiob und hat ihn dann später tatsächlich auch von seiner irdischen Einsamkeit befreit. Doch dieser Erlöser ist ein Erlöser auch für die Menschen, die anders als Hiob endgültig im Vergessen zu versinken drohen.
Denn dieser Erlöser ist selber ein solcher Mensch geworden, eine Hiobsgestalt, einer, der lebendig tot war, einer, von dem die Mächtigen beschlossen hatten, sein Gedächtnis müsse ausgetilgt werden von der Erde, einer, von dem selbst die Frommen ihr Antlitz voller Ekel und Abscheu abwandten als er am Kreuz hing und verblutete.
Die Demenz, die Angstdemenz, hatte doch auch die Jünger Jesu schon ergriffen, als sie das schreckliche Geschehen der Passion miterleben mussten, als all die Verheißungen Jesu aus ihrem Gedächtnis wie ausradiert waren.
Liebe Gemeinde! Die Erinnerung an Hiob und die Erinnerung an Jesus wäre längst erloschen, wenn es auf uns Menschen ankäme. Es gibt nur einen Grund, warum es für Hiob und alle Hiobsgestalten, für alle von Vergessenheit bedrohten Menschen, Hoffnung gibt.
Dieser Grund ist die Auferweckung Jesu Christi von den Toten. Denn in dieser Auferweckung hat der himmlische Vater dessen gedacht, den die Menschen vergessen wollten. Und er hat in der Auferstehung Jesu zugleich all derer gedacht, für die Christus der Erlöser sein sollte, er hat unser gedacht und unsere Namen für alle Ewigkeit aus der Vergessenheit hervorgeholt.
Nur der auferstandene Christus selber hatte dann die heilende Kraft, die wachsende Demenz seiner Jünger zu heilen, sie an alles zu erinnern, was geschehen war, und ihnen das Alte Testament als das große Buch der Erinnerung zu öffnen. So machte Christus selber seine vergesslichen Jüngern zu seinen Zeugen und Boten, so schrieben sie die Geschichte des von den Menschen verachteten Gekreuzigten auf, damit wir in ihm unseren Erlöser vor Augen haben.
Und so lässt er durch das Wort dieser Zeugen verkündigen, was die Mächtigen damals nicht hören wollten, was eigentlich der Vergessenheit anheimgestellt werden sollte. Christus lässt verkünden, was er selber angekündigt hatte und wie es dann eingetreten war.
Zu dieser Verkündigung gehört das klare Zeugnis Jesu Christi selber, der immer wieder seine Jünger darauf hinwies, die Schriften des Alten Bundes und damit auch das Buch Hiob seien in ihm erfüllt. Um seinetwillen, um Christi willen steht Hiob im Kanon, um Christi willen geht Hiobs Wunsch in Erfüllung, seine Reden mögen doch zu einem ewigen Gedächtnis aufgeschrieben werden.
Und so wird der Hiob, der von sich meinte, alle Menschen und selbst Gott hätten ihn vergessen, zu einem Tröster der Menschheit, zu einem Verkünder der Auferstehung von den Toten. Denn er weiß in seinem verzweifelten Glauben nicht nur, dass sein Erlöser lebt, er weiß auch, dass er selbst mit seinem jetzt stinkenden und sterbenden, dann aber verherrlichten Fleisch eines Tages diesen Erlöser mit eigenen Augen sehen wird.
Liebe Gemeinde! Sonst gibt es nichts, was angesichts der unentrinnbaren Sterblichkeit und Vergesslichkeit, die auf uns Menschen lastet, wirklich trösten kann. Die Gewissheit der Auferstehung, die wir um Christi willen mit Hiob haben, die allein tröstet. Sie tröstet auch angesichts von Altersdemenz und anderen Dingen, die uns Menschen Angst machen.
Unsere Errettung aus Vergessenheit und Tod hängt also nicht an unserer Erinnerungskraft. Sie hängt allein daran, dass Gott in Christus und kraft unserer Taufe dir und mir verheißen hat, dass er unser nicht vergessen wird. In Jesaja 49 hören wir Gott: Kann auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen. Siehe, in die Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern sind immerdar vor mir.
So wie Hiob im Kanon der Bibel, so steht unser Name und so ist unsere Lebensgeschichte aufbewahrt im Buch des Lebens wie in einem himmlischen Archiv. Gottes Archiv stürzt dabei niemals ein wie es mit irdischen Archiven zuweilen passiert, sondern es steht fest in Ewigkeit. Auch das ist eine unfehlbare Frucht des Leidens und Sterbens unseres Heilandes Jesus Christus. Amen.