Foto von aufgeschlagenen Büchern

Passionsandacht über Markus 14,26-52

Stefan Opalka

in der ev. Kgm. Schüren (Dortmund)

Ich werde heute von einer der wichtigsten Lehren abweichen, die man an der Universität über das predigen lernt. In dieser Andacht soll nicht der eben gelesene Text im Vordergrund stehen. Sondern ich möchte mit ihnen einen kleinen Streifzug durch das Markus Evangelium unternehmen.
Die Grundlage soll dabei eine These sein, die ich vor kurzem gehört habe, nämlich: Jesus war ein Selbstmörder.
Hinweise auf einen Selbstmord Jesu finden wir in der Bibel genug.
Allein die Leidensanküdigungen sind schwerwiegende Indizien. Bereits im achten Kapitel des Markus-Evangeliums begegnet dem Leser eine dieser Leidensankündigungen.
Gerade hat Jesus einen Taubstummen und einen Blinden geheilt, gerade hat er viertausend Menschen gespeist und Petrus vollmundig bekannt, dass er Jesus für den Christus halte. Da hebt Jesus an, sie zu lehren: Des Menschen Sohn muss viel leiden und verworfen werden von den Priestern und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
Kurz darauf, gleich im nächsten Kapitel folgt schon die zweite Leidensankündigung. Dort wird deutlicher, dass Jesus sich selbst mit dem Menschen Sohn meint. Denn die Jünger fürchten sich bei dieser Rede. Niemand hat den Mut zu fragen, was Jesus mit dieser Rede meint. Alle fürchten sich vor der Antwort.
Und wieder ein Kapitel später folgt die dritte Ankündigung. Diese drei Ankündigungen legen den Schluss nahe, dass Jesus seinen Kreuzestod gegen Ende seines öffentlichen Wirkens geplant hat.
Seine engsten Freunde verstehen seine Andeutungen genau. Aber wollen sie nicht wahr haben.
Kurz darauf beginnt mit dem Einzug in Jerusalem schon die Passionsgeschichte die wir in diesem Jahr gehört haben.
Dieser Einzug wirkt wie eine einzige große Inszenierung. Jesus sendet seine Jünger aus, um ihm einen Esel zu holen. Er will damit ein Prophetenwort erfüllen und sich selbst als Messias darstellen.
Jesus reitet in Jerusalem wie ein König ein.
Bei dieser Geschichte, die wir vor einigen Wochen hier gehört haben, kann doch schnell das Bild eines religiösen Eiferers von Jesus entstehen. Ein Eiferer, der sich selbst maßlos überschätzt und völlig übergeschnappt ist.
Beim letzten Abendmahl verkündet Jesus offen, dass er weiß, dass ihn jemand verraten wird. Er drängt Judas sogar zum Verrat.
All diese Szenen vor und in der Passionsgeschichte sind doch geradezu erdrückende Indizien für einen Selbstmord Jesu.
Vor dem Hohepriester schließlich findet sich der Höhepunkt der Selbstmordplanung. Denn hier bekennt Jesus ganz offen, dass er sich für den Sohn Gottes hält.
Für uns klingt das vertraut. Wir sind mit diesem Glauben an Jesus aufgewachsen. Aber für die Priester und für viele Menschen war das Gotteslästerung, ein Schlag ins Gesicht.
Noch so ein armer Irrer, wie es sie damals an jeder Ecke gab. Einer, der sich als neuer Prophet, als Bote Gottes ausgab und dieser gab sogar vor, Sohn Gottes zu sein.
Der Gedanke, dass Jesus absichtlich alles unternahm, um ans Kreuz zu kommen - an Selbstmord also - drängt sich hier auf.
Es kann nicht anders ausgehen als am Kreuz. Dort endete schließlich der Eifer, die Euphorie Jesu.
Dort wurde ihm vielleicht bewusst, dass er nicht der Sohn Gottes ist.
So könnte man das „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ auch deuten.
Wenn man die Geschichte von Jesus so liest, wenn man sagt, Jesus habe Selbstmord begangen, dann kann man ihn nicht mehr ernst nehmen.
Denn entweder ist er dann ein armer Irrer, oder er ist total abgebrüht und von uns Menschen entrückt. Wir lehnen ihn ab, weil er bekloppt war oder man kann ihn nur bewundern, weil er so cool war. In beiden Fällen hat er aber keine Bedeutung für unser Leben.
So können wir sowieso nicht handeln, so wollen wir nicht handeln. So wollen wir Jesus vielleicht bewundern, weil er sich töten ließ, damit Gott ihn auferstehen lassen kann. Aber mehr als bewundern oder vor Ehrfurcht verharren wollen wir dann nicht.
Die These vom Selbstmord ist eine moderne Art, Jesus aus seinem eigenen Leben zu schieben. Er muss dann in unserem Leben keine Rolle mehr spielen.
Andererseits erzählen die Texte, die ich gerade aufgezählt habe, auch eine andere Geschichte.
Nämlich die Geschichte, dass Jesus nicht in Selbstmordgedanken gehandelt und gelebt hat, sondern in radikaler Liebe.
Liebe kann sehr gefährlich sein. Liebe stellt nämlich alle Menschen auf dieselbe Stufe. Niemand ist weniger wert als der Andere. Niemand darf von der Gesellschaft und aus der Geschafft verstoßen werden. Damit hinterfragt sie Gewohnheiten und Machtstrukturen.
Es ist interessant, dass die erste und zweite Leidensankündigung im Markus-Evangelium fast direkt hinter Heilungen stehen.
Jesus kündigt sein Sterben an, nachdem er verstoßene Menschen wieder in die Gesellschaft holt, nachdem er sagt: Du bist etwas wert. Du bist nicht ein Krüppel, für den die Gesellschaft keine Verwendung mehr hat.
Die dritte Leidensankündigung folgt, nachdem Jesus sagt, dass alle so handeln sollen. Jesus will nicht jemand bleiben, den die Menschen ehrfürchtig bewundern. Sondern er will Nachfolger haben, im wahrsten Sinne des Wortes. Alle Menschen sollen sich annehmen, sollen den Unterdrückten und Schwachen helfen. Alle sollen die Liebe Gottes durch Worte und Taten verbreiten.
Solche Reden sind gefährlich. Das wusste Jesus. Er spricht die Leidensankündigungen nicht in Selbstmordgedanken, sondern weil er weiß, dass der Weg der Liebe gefährlich ist. In einem militärisch besetzten Land sogar totgefährlich.
Nicht er macht sich beim Einzug zum König, sondern die Menschen, die am Straßenrand stehen und im zujubeln. Diese Menschen, die jubeln, weil sie sich endlich angenommen und ernst genommen fühlen.
Jesus wusste, dass er getötet wird, wenn er so weitermacht wie bisher. Aber er wusste auch, dass es keine Alternative zum Weg der Liebe gibt.
Gott zeigte in Jesus, dass er die Menschen liebt. Jeden einzelnen, ob Zöllner, Soldat, Verräter oder Hure, ob uns das passt oder nicht. Er liebt jeden Menschen ohne Alternative. Und er möchte, dass jeder Menschen ihm in dieser Liebe nachfolgt.
Das macht vielen Menschen Angst. Ein Penner, ein Dieb oder jemand, der in der Gemeinde schlecht über mich redet, kann doch nicht so geliebt werden, wie ein rechtschaffender, ehrlicher Mensch.
Eben diese Forderung wollten die Menschen damals nicht wahrhaben. Zumindest die Menschen nicht, die sich für was Besseres hielten oder die Macht hüteten.
Diese Forderung und ihre Konsequenzen wollten sie verdrängen. Sie schlugen Jesus ans Kreuz.
Jesus wollte nicht sterben. Er hatte keine Selbstmordgedanken. Im Garten betete er noch voller Angst um einen Ausweg.
Gott wollte Jesus nicht am Kreuz sehen. Er brauchte kein Opfer, um besänftigt zu werden.
Und doch gab es keine andere Möglichkeit als das Kreuz. Es waren Menschen, die die Liebe verdrängen wollten. Und zum Weg der Liebe gibt es keine Alternative.
Selbst die Mörder stehen in dieser Liebe Gottes. Selbst ihnen hält er die Hand hin.
Dieser Jesus macht uns mehr Angst als ein Irrer oder entrückter Heiliger. Denn er rüttelt an unserem Leben und an unseren Gewohnheiten.
Aber dieser Jesus ist, der uns auffordert, ihm nachzufolgen.
Dieser Jesus ist es, der für uns in gestorben ist, damit wir keine Angst mehr haben müssen, sondern uns sagen lassen können: Gott liebt dich.

Amen