Foto von aufgeschlagenen Büchern

Passionsandacht

Dr. Thorsten Paprotny

in St. Joseph, Hannover - 2002

Menschen wie Veronika

Jerusalem, wir schreiben das Jahr 33 n. Chr. Drei Männer tragen ihr Kreuz zum Kalvarienberg. Ein qualvoller Tod erwartet sie. Einer von ihnen ist mit Dornen gekrönt. Schaulustige säumen den Straßenrand. Sie wollen das Spektakel aus nächster Nähe erleben. Einige geben zynische Kommentare. Andere schweigen, stumm vor Entsetzen.

Der Verurteilte mit der Dornenkrone ist Jesus aus Nazaret. Man spricht über ihn. Ist er nicht ein Wanderprediger? Von Wundern wird berichtet. Den Schriftgelehrten gilt er als aufrührerischer Gotteslästerer. Etliche Menschen folgten Jesus, auch zwielichtige Gestalten, darunter, so munkelt man, ein Zöllner und eine Ehebrecherin. Wo sind eigentlich die Jünger Jesu? Ihr Anführer wird gekreuzigt - und sie verstecken sich…

Die Verurteilten ziehen vorüber. Plötzlich tritt eine junge Frau aus der Menge hervor. Ihr Name ist Veronika. Voll Mitleid sieht sie, wie Jesus unsagbar leidet. Blut rinnt ihm über die Stirn. Sie kann Jesus nicht helfen, das Kreuz zu tragen. Aber Veronika spürt, dass sie etwas tun muss. Also bahnt sie sich ihren Weg durch die Schaulustigen und die römischen Soldaten. Wird man sie zurückdrängen? Werden die anderen sie auslachen oder beschimpfen? Na wenn schon, denkt sich Veronika vielleicht. Das Gerede kümmert sie nicht.

Veronika fasst Mut und handelt, nach ihren Möglichkeiten. Sie reicht Jesus ein Schweißtuch. Auf dem Weg zur Schädelstätte hält er für einen Augenblick inne und trocknet sein Gesicht ab.

Menschen wie Veronika haben das Herz auf dem rechten Fleck. Sie ergreifen die Initiative, wo andere ängstlich zurückbleiben. Menschen wie Veronika handeln, während die übrigen bloß vernehmlich jammern. Menschen wie Veronika tun, was in ihren Kräften steht. Menschen wie Veronika zeigen Engagement, wo viele nur mäkeln oder resignieren. Menschen wie Veronika wissen einfach: Christ sein heißt da sein für den Nächsten.

Veronikas Geste kann auch uns heute zu denken geben. Menschliches Leid hat viele Gesichter. Wir sind etwa konfrontiert mit dem Hunger in der Welt, mit sozialer Not hier zu Lande, mit kranken und hilfsbedürftigen Menschen in unserer Nähe.

Glauben nicht auch wir… Dass der Euro für die "Dritte Welt" nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist? Dass unsere begrenzte Kraft niemals ausreicht, um wirksam Hilfe zu leisten? Fühlen wir uns nicht hilflos, wenn wir einen Verwandten, Freund oder Nachbarn im Krankenhaus besuchen? Ein paar nette Worte, was bringt das schon? Ein Blumenstrauß, ist der nicht rasch wieder verwelkt?

Es ist wahr, unser Euro im Kollektenkorb kann die bittere Armut in der Welt höchstens ein ganz klein wenig lindern. Unser Besuch kann den Kranken nicht gesund machen und den Sterbenden nicht retten. Helfen denn eigentlich die vielen kleinen Gesten der "Caritas", der Nächstenliebe überhaupt irgend jemandem?

Ganz gewiss: Wir bekunden unsere Verbundenheit durch die Kraft des Mitgefühls, durch jede noch so kleine Gabe, durch jedes Gebet. Für den Leidenden, der spürt, dass seiner gedacht wird, ist das nur scheinbar Wenige unendlich wertvoll. Denn er weiß, dass er nicht allein ist. Erinnern wir uns auch an die Worte Jesu: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Übrigens: Wir begegnen Menschen wie Veronika nicht nur, wenn wir in der Fastenzeit den Kreuzweg beten, sondern das ganze Jahr hindurch - überall auf dieser Welt, in allen Bistümern und Pfarrgemeinden, auch bei uns.

Amen.