Foto von aufgeschlagenen Büchern

Passionspredigt über Genesis 19,26 zu „Lots Weib“

Pfarrer Detlef Kowalski (ev)

12.03.2000 in der Trinitatiskirche Bonn

„Lots Frau aber schaute zurück; da erstarrte sie zu einer Salzsäule.“ (Gen. 19, 26)

Dieser eine Vers aus der Geschichte der Vernichtung von Sodom und Gomorrha ist die kürzeste Geschichte missglückten Entrinnens.

Abraham hatte gehandelt, geradezu gefeilscht um die Rettung der todverfallenen Städte. Zuletzt trotzte er Gott ab, auf die Vernichtung zu verzichten, wenn es nur zehn Gerechte in Sodom gäbe – doch er findet keine zehn. So werden Sodom und Gomorrha vernichtet, vom Feuerregen. Lot und seine Familie sollen eilig die dem Inferno geweihten Städte verlassen, sie sollen gerettet werden. An Lot und die Seinen ergeht der Befehl: „Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich, bleib auch nicht stehen in dieser ganzen Gegend. Auf das Gebirge rette dich, damit du nicht umkommst.“

Das Städte in Rauch und Asche aufgehen, ist manchen Älteren aus eigener Anschauung bekannt.

Manche von Ihnen hier haben ähnliches erlebt, kennen das auch: Erfahrungen von Flucht und Rettung in letzter Minute, vor der näherrückenden russischen Front, deren Geschützdonner man schon hören konnte und deren Blitze die Nacht durchzuckten. Oder den beklemmenden Eindruck des rotglühenden Himmels über den im Bombenhagel zerstörten Städten. Der Katastrophe entging wer floh und nicht hinter sich blickte.

Über und hinter ihnen das schwarze Dunkel, undurchdringlich. Rabenschwarze Nacht mitten am Tag. Die Sonne verfinstert ihren Schein. Blitz und Donner, Geheul der Sirenen und Jammern von Kindern.

Lot, seine beiden Töchter aus Sodom und Gomorrha, die Frauen und Greise aus Dresden, Hamburg, Köln, Schneidemühl, die Männer aus Warschau, London, Leningrad, die Mädchen und Jungen aus Hiroshima, werfen sich auf den Boden, in die Bombenkrater, da wo sie gerade sind, in Kellern, auf der Straße.

Angstschweiß auf den Gesichtern. Das Herz schlägt bis zum Hals. Die Lungen scheinen zu bersten.

Und überall der Geruch von Rauch, Tod und Verwesung.

Als Lot und seine Töchter es wieder wagten sich umzusehen, sahen sie Dresden, Hamburg, Köln, Sodom, Gomorrha, durch das Dunkel, schemenhaft. Ein zuckendes Flammenbündel. Wie ein Totenhaus!

Dass es Tag wird nach solchen Nächten, dachten die drei, die vielen.

Sie sagten nur: „Alles ist weg. Unser Haus – und die Mutter. – Wo ist die Mutter?“

Sie blieb zurück, wurde ganz starr.

Die drei schwiegen.

Dann: „Wir sind noch einmal davon gekommen“, sagte der Vater.

Der Katastrophe entging, wer floh und nicht hinter sich blickte; Frau Lot aber blickte zurück und erstarrte vor Entsetzen.

Dieser Satz bringt eine Erfahrung zur Sprache. Der Anblick der Katastrophe vermag zu versteinern. Wer ins Inferno blickt, wird unfähig zur Bewegung, zum Sprechen, zum Handeln. Es ist die Erstarrung dessen, der sich vom Unglück, das ihn traf, nicht lösen kann.

Ich lese da keine Strafe für einen verbotenen Blick, sondern die Folge des getanen Blicks, Ausdruck einer Erfahrung, Folge der Rückschau: Der Blick auf die Katastrophe kann versteinern. Wer auf den Schrecken fixiert ist, muss erstarren.

Frau Lot sieht das Inferno der Stadt, in der sie bis eben gewohnt hatte, in der sie viele Bekannte und einen Teil des eigenen Lebens zurückgelassen hatte.

Es gibt die Schwierigkeit weiterzuleben, nach der Katastrophe.

Es ist leicht zu sagen: Frau Lot kann sich nicht lösen, erstarrt im Rückblick auf die Vergangenheit, kommt nicht darüber hinweg ... und heimlich schwingt ein Vorwurf mit.

Aber vielleicht sind Sie auch schon Menschen begegnet, die tatsächlich nicht mehr loskommen vom vergangenen Grauen; Menschen, für die die Zeit damals stehen geblieben ist, und die immer weiter wie gebannt dahin zurückstarren und nicht mehr in der Gegenwart leben können?

Eltern, die ihr Kind, Menschen, die einen Partner, die ihre Heimat verloren haben?

Die Schwierigkeit, weiterzuleben.

Da war keine Zeit zum Verabschieden – Kochtöpfe hingeschmissen, das Nötigste eingepackt.

Die Trauer dreht sich um, sie kann nicht so einfach abhauen. Sie schaut hin, auf das, was geschieht.

Eine Ahnung von dem, was mit Frau Lot passierte, vermittelt uns manchmal die eigene Erfahrung.

Uns allen ist ja so manches aus beinahe täglichen Fernseh-Bildern vor Augen. Oder es genügen einige geographische Namen und wir können uns Bilder wieder vor unser inneres Auge rufen: Im Altenheim erzählte am Freitag ein Mann, wie er 1945 von Guntersblum aus das brennende Mainz gesehen hat.

Und da, wo wir einmal nicht dichtmachen gegen den unbegreiflichen Schrecken eines Ereignisses, da, wo wir uns einer Katastrophe wirklich stellen – oder wo wir kalt von ihr erwischt werden – da sind auch wir in Gefahr, von Entsetzen gelähmt zu werden, nichts mehr sagen oder tun zu können – keine sinnvolle Zukunft mehr zu erkennen.

- - Einer dreht sich um / und sieht die Wüste –

Wir frieren / und kämpfen mit dem nächsten Schritt / in Zukünftiges - -

Vielleicht kommt es für uns darauf an, nicht wegzuschauen, entweder gelangweilt oder weil es so weh tut.

Es kommt darauf an, die Wirklichkeit zu erkennen. Die Erfahrungen sind da, können nicht weggeredet oder schöngefärbt werden. Der Blick darf nicht verschlossen werden vor der Realität des Unheils in der Welt.

Aber es kommt doch mehr darauf an, das nicht für die ganze Wirklichkeit zu halten. Es kommt darauf an, dass wir uns nicht lähmen lassen von dem Furchtbaren, dessen Zeuge wir wurden und werden.

Das was ist, das was wir selber erlebt haben und das was wir sehen, das ist nicht alles. Deshalb kann es sich ändern.

Die Katastrophen in der Welt sind wirklich. Wir dürfen vor ihnen nicht die Augen verschließen. Aber sie sind nicht die ganze Wirklichkeit. Wer nur das Unheil sieht verhärtet sich, wird unfähig, sich und andere zu retten.

Es wird die Flucht weniger Menschen aus dem Inferno erzählt: Lot und seine Töchter entrinnen; ihre Flucht ist geglückt – Lots Frau aber bleibt auf das Unheil fixiert; ihre Flucht misslingt.

Die Katastrophe kommt aus der Sicht der Entrinnenden in den Blick, aus der Rückschau, - später.

Hier dominiert das Wunder: Lot und seine Töchter werden gerettet, ohne Verdienst und Würdigkeit, umsonst und allein aus der Gnade Gottes. Es ist eine Rettungsgeschichte.

In der Geschichte der Rettung bekommt aber die Geschichte der Nicht-Geretteten noch einmal besonderes Gewicht.

Und die Rückfrage, warum die anderen denn umkamen, bleibt ohne plausible Antwort.

Was bedeutet es für uns heutige Hörerinnen und Hörer?

Wir katastrophengewohnten Zuschauerinnen und Zuschauer haben gelernt, uns umzusehen, ohne im Schrecken zu erstarren. Ist das besser als der Blick von Frau Lot?

Die Geschichte handelt vom Sehen und vom Gehen.

Hinschauen und doch gehen können, darum geht es.

Es gibt die Sünde des „Wegschauens“. Es gibt aber auch die Gefahr des gebannten Blicks auf die Katastrophe, auf das eigene Leid, der starr macht und unfähig zum Weitergehen.

Nur wer zuversichtlich weiß, dass die Realität des Unheils nicht die ganze Wirklichkeit ist, dass die Katastrophen nicht das letzte Wort haben werden (auch das lehrt uns die Passionszeit), kann hinschauen und dennoch gehen, kann Zukunft haben, ohne die Augen vor der Vergangenheit, auch der eigenen Vergangenheit verschließen zu müssen.

Keine Salzsäule – aber:

„Ihr seid das Salz der Erde!“ – sagt Jesus in der Bergpredigt.

Salz würzt und es schärft den Blick – mit Furcht und Mitleid.

Salz lässt die Wundern spüren und hilft sie heilen.

Salz konserviert. Das gemeinsame Essen von Brot und Salz verbindet, begründet die Gemeinschaft.

Salz bringt unser Packeis zum Schmelzen, das uns Menschen so kalt macht gegeneinander.

„Lebt bei Gott!

Lebt durch Schwestern und Brüder, nehmt eure Betten und wandelt!

Ja, lauft! Ja, fliegt!, Ja, schaut hinunter und zurück!

Ihr werdet euch nicht in Salzsäulen verwandeln.

Ihr werdet die Welt sehen und die Menschen erkennen.

Ihr werdet euch an euch selbst erkennen.

Ihr werdet euch an euch selbst erinnern.

Und ihr werdet zornig sein.

Und ihr werdet zärtlich sein.

Und ihr werdet berühren und es wird euch wohl ergehen.

Ihr werdet Salz der Erde sein.“

Amen.