Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Pfingstpredigt

Superior Peter Berg

03.06.2001 in der Klosterkirche Trier

Schwestern und Brüder, hier in der Kapelle und auf den Krankenzimmern, zum feierlichen Hochamt heute, am Pfingstsonntag darf ich Sie alle herzlich begrüßen.
Nach der Feier von Tod und Auferstehung Jesu in der Osterzeit schließt dieser Festkreis sich nun mit der Feier des Pfingstfestes. Immer wieder haben wir in den vergangenen Wochen von der Auferstehungsbotschaft gehört und der Zusage Christi, nach seiner Himmelfahrt den Beistand, den Heiligen Geist zu senden, der Gottes Gegenwart unter uns Menschen sein will.

Diese Zusage Gottes ist kein Versprechen vergangener Zeiten, kein billiger Trost Christi an seine Jünger, oder eine fromme Erzählung der Urgemeinde, sondern DAS Angebot an uns Menschen auf unserem Lebensweg.
Betrachten wir die christliche Geschichte der letzten 2000 Jahre, bis in unsere Zeit hinein unter dem Focus des Wirkens Gottes im Heiligen Geist, so machen Ereignisse und Menschen in allen Zeiten das Wirken Gottes sichtbar und erfahrbar.
Gottes Wirken an und mit uns Menschen ist nicht beschränkt auf einige Auserwählte, lebende Heilige oder nur auf Priester und Ordensleute. Für jeden Menschen bietet Gott sich im Heiligen Geist an als Wegbegleiter, Helfer und Schutz.
So auch bei uns, die wir heute hier miteinander diese Eucharistie, die große Danksagung an Gott, feiern.

Oftmals unerkannt, uns unsere Freiheit lassend ist Gottes Geist doch da und am Beginn unserer Feier wollen wir uns einstimmen auf Gottes Gegenwart.
Wir halten inne im Kyrie des Chores, Gottes Barmherzigkeit zu preisen im Hinblick auf unser eigenes Leben mit all seinen Unvollkommenheiten und Schwächen.
Gottes Geist ist da, so wie Christus uns verheilen hat. Beten und Bitten wir in dieser Stunde um Erkenntnis und Einsicht in unserem Leben, um die Aufmerksamkeit diesem Geist Gottes in unserem Hier und Jetzt auf die Spur zu kommen.

Lesung: 1 Kor. 12, 3b-7, 12-13 (Lj A)
Evangelium: Joh. 20,19-23 (Lj A)

Liebe Mitchristen,
"Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Dir!", diese Aussage des Heiligen Augustinus beschreibt für mich die unstete Auseinandersetzung mit Gott, mit Gottes Wirken im Leben von uns Menschen.
Irgendwie treibt es jeden von uns mehr oder weniger mit der Sinnfrage des Lebens um.
Sicherlich unterschiedlich in verschiedenen Lebensphasen stellt sich doch die Frage nach Sinn und Zweck im Leben und damit nicht selten die Frage nach Gott und Seinem Wirken in unserer je eigenen Lebenssituation.

Das Erleben und Aushalten von Tod und Trauer, Leid und Einsamkeit, von Krankheit und den vielen kleinen und großen Ungerechtigkeiten in unserem persönlichen Umfeld oder der weiten Welt tragen nicht gerade dazu bei, die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, seine Anwesenheit im Heiligen Geist aus Herzensgrunde zu besingen und zu bejubeln.

Und doch feiern wir heute wieder Pfingsten als das große Fest der immerwährenden Gegenwart Gottes unter uns Menschen. Da tritt Christus durch verschlossenen Türen, begegnet verängstigten Freunden, verkündet Frieden in ungläubige Gesichter hinein und spricht von seiner weiteren Gegenwart im Heiligen Geist.

Wenn es stimmt, das dieser Gott, der in Christus einer von uns Menschen geworden ist, der Kranke geheilt, Verzweifelte aufgerichtet, ja sogar Tote lebendig gemacht hat, wenn es stimmt, das Er im Geist lebt und wirkt auch in unserer Zeit, dann ist sie berechtigt, diese Unruhe in uns, von der der Heilige Augustinus spricht und die erst zur Ruhe kommt, wenn unser Herz Ruhe findet bei Gott. Die oftmals kritische Auseinandersetzung mit Gottes Gegenwart in unserem Leben macht für mich etwas von dieser suchenden Unruhe deutlich.

Gott schert uns Menschen nicht über einen Kamm, so dass die Erfahrungen und Erlebnisse eines Menschen immer auch die gleiche Gültigkeit und Wirkung im Leben eines anderen Menschen haben. Diese Individualität Gottes im Umgang mit uns zeichnet Ihn aus, macht es aber auf der anderen Seite auch schwer, denn es bedeutet, dass wir alle persönlich auf die Suche nach Gott in unserem Leben gehen müssen.

Christus hat es deutlich gemacht in Seinem Wirken auf Erden, in dem er Wunder und Zeichen immer auf die betreffenden Menschen und Situationen gewirkt hat.

In der Lesung des Apostels Paulus an die Korinther haben wir es eben gehört.
Es gibt sie, die verschiedenen Gnadengaben, die verschiedenen Dienste und Kräfte, die wirken, doch es gibt nur den einen Geist, so wie es für uns Christen eben nur den einen dreifaltigen Gott gibt. So unterschiedlich wir auch sind und sein sollen, wirkt doch der eine Geist in all diese Unterschiedlichkeiten hinein.

Hieraus erwächst sie dann, die so oft zitierte Einheit in der Vielfalt, die Einheit, die Paulus im einen Leib mit den vielen verschiedenen Gliedern beschreibt.

Ich finde es spannend hier immer wieder auf die Suche zu gehen, auch wenn die Unruhe hier und da fast nicht mehr auszuhalten ist, wenn Fragen und Zweifel den Weg zu verstellen drohen.

So tut es weh, wenn wir erleben, wenn gerade auch unter uns Christen Ungerechtigkeiten und Vorurteile unser Handeln und Denken bestimmen, wenn wir in unserer Kirche alles bis ins letzte regeln und verfassen wollen, wenn wir versuchen aus der Einheit in der Vielfalt eine Einheit in der Gleichheit herbeiführen zu wollen.

Ich glaube, es liegt zutiefst in uns Menschen, dass wir dazu neigen, der Unruhe auf der Suche ein Ende bereiten zu wollen, auf alle Fragen eine Antwort parat haben wollen und Gottes Wirken berechnen und einschätzen wollen.
Doch gerade Ostern und seine Botschaft, gerade das Pfingstereignis zeigen uns eigentlich einen anderen Weg.

In Taufe und Firmung wird es deutlich ausgedrückt, dass wir alle Gottes Geist empfangen haben und daraus leben sollen, in unserem Leben versuchen sollen, Ihm auf die Spur zu kommen. Es ist durchaus christlich, unruhig zu werden in der Frage und Suche nach Gott, dran zu bleiben, da eine einmal gefundene Spur noch nicht das Ziel bedeutet.

Schauen wir in die Geschichte, dann war es meist gerade diese Unruhe, die Menschen dazu befähigte im Glauben großes zu bewegen.
Ein Augustinus, den diese Unruhe nie verlassen hat und dessen Leben zunächst alles andere als christlich verlief.
Ein Franziskus, der ein suchender blieb und dadurch immer wieder neue Entdeckungen in seinem Leben machte. Ein Peter Friedhofen, der getrieben von Gottes Geist unermüdlich wirken konnte, trotz angeschlagener Gesundheit.
Eine Mutter Teresa, die, so schmächtig sie auch wirkte, im Geiste Gottes erstaunliches vollbrachte.

Die Unruhe auf der Suche nach Gott, die wir vielleicht auch in einem gewissen Unbehagen spüren, wenn wir uns mit der Frage nach Gott in unserem Leben beschäftigen, diese Unruhe ist es, die wie eine Energie wirkt und ich glaube, in ihr wird Gottes Geist lebendig erfahrbar.

Als Menschen auf dem Weg gestalten wir unsere Gesellschaft und Kirche.
Gottes liebende Entscheidung für uns Menschen lässt uns die Freiheit der Gestaltung.
Schauen wir uns um, werden wir Vieles entdecken, was noch nicht gut ist, auch in unserer Kirche.
Entwicklungen und Veränderungen scheinen viel zu langsam vorwärts zu kommen.
Auf entscheidende Fragen unserer Zeit fehlen scheinbar die Antworten. Der Mut neues zu wagen, auf Gottes Geist zu vertrauen scheint hier und da nicht allzu groß zu sein.

Und doch existiert die christliche Kirche trotz zahlreicher Fehler in ihrer Geschichte immer noch und trotzdem hat die christliche Botschaft bis heute nichts an ihrer Aktualität verloren. Schon das macht deutlich, dass Gottes Geist doch immer wieder wirkt, denn wir Menschen hätten dies alleine nicht vollbringen können.

So, wie wir alle unterschiedlich sind und doch eine Gemeinschaft der Glaubenden bilden, so wie wir ale von Gottes Geist beseelt sind und dies sich doch unterschiedlich auswirkt und entwickelt, so sind wir auch alle ge- und berufen, die Ruhe in Gott zu suchen auf unserem je eigenen Lebensweg.

Wir alle sind ge- und berufen, Gottes Reich in unserer Welt und Zeit sichtbar und erfahrbar zu machen, so wie Augustinus, Franziskus, Peter Friedhofen oder Mutter Teresa.

Wir alle sind als Christen ge- und berufen unsere Kirche mitzugestalten, mit zu helfen ihre Unzulänglichkeiten zu verändern, wo wir die Möglichkeiten dazu haben und dies beginnt schon im wohlwollenden Gebet.

Diese, unsere Kirche, die Zeugnis geben will von Gottes Wirken braucht Menschen, die unruhig und suchend sind, die Visionen haben und bereit sind mit Hand anzulegen, diese Visionen Wirklichkeit werden zu lassen.
Kardinal Franz König hat dies für mich ausgezeichnet formuliert in den folgenden Aussagen, die ich abschließend vorlesen möchte. Ich wünsche uns, das wir Suchende bleiben, die Kraft und Energie Finden in dieser Unruhe und die bereit sind, trotz menschlichen Enttäuschungen und Fehlschlägen, weiter zu bauen an einer christlichen Welt und Zeit, damit Gottes Geist in und durch uns wirkt.

In diesem Sinne soll nun Kardial König zu Wort kommen:

"Die Kirche Christi sei:
Eine einladende Kirche.
Eine Kirche der offenen Türen.
Eine wärmende, mütterliche Kirche.
Eine Kirche der Generationen.
Eine Kirche der Toten, der Lebenden und der Ungeborenen.
Eine Kirche derer, die vor uns waren, die mit uns sind und die nach uns kommen werden.

Eine Kirche des Verstehens und Mitfühlens, des Mitdenkens, des Mitfreuens und Mitleidens. Eine Kirche, die mit den Menschen lacht und mit den Menschen weint.
Eine Kirche, der nichts fremd ist und die nicht fremd tut.
Eine menschliche Kirche, eine Kirche für uns.

Eine Kirche, die wie eine Mutter auf ihre Kinder warten kann.
Eine Kirche, die ihre Kinder sucht und ihnen nachgeht.
Eine Kirche, die die Menschen dort aufsucht, wo sie sind: bei der Arbeit. und beim Vergnügen beim Fabriktor und auf dem Fußballplatz, in den vier Wänden des Hauses.
Eine Kirche der festlichen Tage und eine Kirche des täglichen Kleinkrams.
Eine Kirche, die nicht verhandelt und feilscht, die nicht Bedingungen stellt oder Vorleistungen verlangt.
Eine Kirche, die nicht politisiert.
Eine Kirche, die nicht moralisiert.
Eine Kirche, die nicht Wohlverhaltenszeugnisse verlang oder ausstellt.
Eine Kirche der Kleinen, der Armen und Erfolgslosen, Mühseligen und Beladenen, der Scheiternden und Gescheiterten im Leben, im Beruf, in der Ehe.

Eine Kirche derer, die im Schatten stehen, der Weinenden, der Trauernden.
Eine Kirche der Würdigen, aber auch der Unwürdigen, der Heiligen, aber auch der Sünder.
Eine Kirche, - nicht der frommen Sprüche, sondern der stillen, helfenden Tat.
Eine Kirche des Volkes."


 


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