Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt - 25 Jahre Mauerfall

Pfarrerin Bettina Hoy (ev)

09.11.2014 in der S-Stephanuskirche in Bad Cannstatt

Festgottesdienst

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, Amen.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

erinnern Sie sich, was Sie heute vor 25 Jahren am Abend gemacht haben? Am 9. November 1989 war die Nacht, von der noch heute fast jede und jeder in Deutschland sagen kann, was er oder sie gerade gemacht hat, als die Mauer fiel, als die Bilder von den Grenzübergängen an der innerdeutschen Grenze um die Welt gingen.

 

„Ich selbst war damals Studentin in Deutschland West“, schreibt die Journalistin Britta Baas. „Meine Familie wohnte nicht weit von der innerdeutschen Grenze. Immer wieder waren wir dorthin gefahren; schon als Kind hatte ich dieses ungute Gefühl verinnerlicht: Dahinter ist eine Welt, in der Menschen nicht frei leben können. Später schienen mir die Grenzerfahrungen mit bellenden Wachhunden und unheimlichen nächtlichen Kontrollen durch DDR-Grenzer dieses Gefühl zu bestätigen.

Doch jetzt [im Herbst 1989] sah ich [im Fernsehen] Massen, die auf die Straße gingen. Innerlich freie Menschen, die die äußere Unfreiheit abschütteln wollten. Ich war begeistert, bibberte mit. Würde diese Revolution gut enden? Der 9. November wurde für mich einer der größten Glückstage meines jungen Lebens. Meine Eltern, die noch die Vor-Mauer-Zeiten erlebt hatten, jubelten. Unser kleines Dorf wurde fortan, vor allem am Wochenende, von Trabis und Wartburgs schier überrollt. Manchmal stiegen die Menschen aus ihren Fahrzeugen aus, umarmten uns völlig unvermittelt – während wir gerade dabei waren, irgendeiner Arbeit im Freien nachzugehen –, stiegen wieder ein und fuhren weiter. Diese Bilder sind fest in mein Gedächtnis eingebrannt. Ich werde sie nie vergessen.“ So die Journalistin Britta Baas.

 

Ja, diese Revolution endete gut. Gott sie Dank. Mehr noch: „Es war die erste unblutige Revolution in der deutschen Geschichte“, das können Schüler und Schülerinnen heute in Büchern lesen.

 

25 Jahre „Mauerfall“ können wir heute dankbar feiern. Das Land ist nun schon lange nicht mehr durch eine Grenze zerschnitten, die Menschen können sich schon lange wieder ganz normal besuchen und ganz normal reisen im Land.

Dort wo einst Grenzzäune, Stacheldraht, Selbstschussanlagen und Wachtürme die deutsch-deutsche Teilung manifestierten, schlängelt sich heute ein aus der Vogelperspektive weithin sichtbarer Grünstreifen durch das vereinigte Land. Das sogenannte Grüne Band gilt mit seiner einzigartigen Flora und Fauna als zu bewahrendes Naturschutzgebiet.

 

Doch das Wort „Mauerfall“ ist eigentlich falsch. Es klingt so, als sei die Mauer irgendwie zerbröselt, weil sie so marode war wie viele Häuser in der ehemaligen DDR. Doch so war es nicht.

 

An meiner Pinnwand in meiner Wohnung steckt mein alter Anstecker mit dem Bild von Gorbatschow. Denn ihm haben wir sehr viel zu verdanken.

In Danzig, unweit der Werft, in der die „Solidarnost“ gegründet wurde, steht ein Stück von der Berliner Mauer – zur Erinnerung daran, dass beides zusammenhängt: der Freiheitskampf in Polen, wo übrigens der so genannte „Runde Tisch“ erfunden wurde, und der so genannte Mauerfall in Deutschland. Auch die Grenzöffnung in Ungarn gehört dazu, auch den Ungarn haben wir sehr viel zu verdanken. Auch die „Samtene Revolution“ in der ehemaligen Tschechoslowakei gehört dazu und die „Singende Revolution“ im Baltikum. Diesen allen gemeinsam ist, dass sie nahezu gewaltlos verliefen. Das war vor allem die Leistung der Opposition. Ich erinnere mich noch sehr genau an eine Demo, auf der es nur einem Mann der Kirche gelang, die aufgebrachten und wütenden Massen zu beruhigen.

Die Rolle der evangelischen Kirchen bei der Friedlichen Revolution in der DDR ist nicht zu unterschätzen, obwohl wir eine Minderheit waren. Die Kirchen waren die Orte der Versammlung und des Gebets.

„Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“ – dieser Ausspruch eines führenden Funktionärs der DDR machte die Runde. Diesen Satz brauche ich wohl nicht zu kommentieren …

 

1989 hat gezeigt, dass man Revolution und Gewalt trennen kann. Das gehört auch in die Geschichtsbücher.

 

Der Mauerfall ist ein Teil und ein Ausdruck des Falls des Eisernen Vorhangs in Europa und des Endes des Kalten Krieges. Diese weltgeschichtliche Bedeutung gehört auch in die Geschichtsbücher.

 

Das alles geschah nicht von allein. Auch die Mauer, die Grenze in Deutschland, fiel nicht von allein. Sie wurde „eingedrückt“ – um im Bild zu bleiben – und zwar nicht erst am 9. November. Es war ein friedlicher, aber heißer und sehr risikoreicher Kampf der Ostdeutschen, die flohen oder auf die Straßen gingen. Dies sollte auch festgehalten werden in den Geschichtsbüchern und für die jungen Leute. Die „innerlich freien Menschen“, wie sie Britta Baas nennt, die auf die Straßen gingen … – wir hatten zugleich auch große Angst. Denn man kannte ja das System. „Ein feste Burg ist unser Gott“ – dieses Lied war mir damals wichtig.

 

Und der Herbst 1989 war schließlich auch … ein Wunder – anders kann ich es auch heute nicht sagen. Ein Wunder nenne ich es, obwohl ich sehr genau die Faktoren erklären kann, deren Zusammenspiel schließlich dazu führte, dass die Diktatur im Osten Deutschlands zusammenbrach. Ein Wunder der Gewaltlosigkeit und der Befreiung, das vor diesem Herbst 1989 niemand ernsthaft für möglich gehalten hatte.

 

Gestatten Sie mir, die ich auf der unfreien Seite des Eisernen Vorhangs aufgewachsen bin, ein sehr persönliches Wort: Ich teile etwas mit Bundespräsident Gauck, der kürzlich sagte: „Beglückender als Freiheit ist Befreiung.“ Glauben Sie mir, das stimmt. Wer wie ich dieses Glück im Herbst 1989 erlebt hat, wird es im ganzen Leben nie vergessen.

 

Deshalb ist mir die biblische Geschichte von der Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten ganz besonders wichtig und ans Herz gewachsen. Die Geschichte vom Exodus – in der Bibel im Buch Exodus zu finden, das auch 2. Buch Mose genannt wird.

 

Auch große Theologen sagen, dass diese Geschichte zu den wichtigsten Überlieferungen der Bibel gehört.

In ihr zeigt sich Gott als ein Gott, der aus Unterdrückung befreit. Ein Gott der Befreiung. Ein Gott, der die Freiheit seiner Menschen will und sie in die Freiheit führt. Deshalb brachte und bringe ich das Wunder des Herbstes 1989 auch mit Gott in Verbindung.

 

Die biblische Geschichte des Exodus zeigt aber auch, dass der Weg aus der Versklavung in die Freiheit gefährlich und unbequem ist. Das gelobte Land wird einem nicht in den Schoß gelegt. Zuerst kommt man in die Wüste. Sie zu durchwandern, ist auch nicht ungefährlich. Aber es kann reinigen.

 

Und heute – haben wir das gelobte Land erreicht, in dem Milch und Honig fließen, in dem Gerechtigkeit und Frieden wohnen?

 

Wir alle können froh und dankbar sein für die Vereinigung eines demokratischen Europas und für den Frieden im westlichen Teil unseres Kontinents. Wir können froh und dankbar sein, dass es im Herbst 1989 zu keinem Blutvergießen kam – das haben wir allen Akteuren national und international in Ost und West, in eingeschränktem Maße sogar auch den damals in der DDR Regierenden, zu verdanken.

 

Doch der Frieden in Europa ist – wie die Krise in der Ukraine leider zeigt – auch immer noch gefährdet. Michael Gorbatschow träumte von einem vereinten friedlichen Europa, in dem auch Russland seinen Patz hat. Davon sind wir leider noch weit entfernt. Wir müssen wieder abrüsten, auch die Sprache und die Medien bei uns.

Nur die Bereitschaft, im feindlichen Gegenüber einen Menschen zu entdecken, der auch ein Recht auf Leben und Sicherheit hat, ermöglicht das Öffnen von Türen und den Beginn von Verhandlungen – das war 1989 so und das ist heute so. Übrigens im Großen und im Kleinen.

 

„Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ – diese drei Schlagworte des Konziliaren Prozesses, der gedanklich sehr, sehr wichtig war für die Friedliche Revolution in der DDR, – diese drei Schlagworte „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ haben sich nicht erledigt. Sie stehen immer noch als Aufgabe für die Kirchen, dazu beizutragen – nicht nur für Europa. Sie sind immer noch aktuell, gerade auch in Zeiten des globalisierten Kapitalismus.

 

Die Befreiung aus der Sklaverei beginnt mit dem Aufwachen, mit dem Hinterfragen ungerechter Verhältnisse in Gesellschaft und Wirtschaft, mit dem Zweifel an der Rechtmäßigkeit und dem Zweifel an der Alternativlosigkeit von Druck, Zwang und Ungerechtigkeit. Kein menschliches System ist ewig und alternativlos – das lehrt uns auch die Revolution von 1989.

Mit diesem aufgeweckten Blick sehen wir, dass wir das gelobte Land nicht erreicht haben. Der Drang nach Freiheit, der kritische Blick kann sich nicht mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden geben.

 

Das gelobte Land ist eine Vision. Und ich finde nicht, dass wir mit dieser Vision zum Arzt gehen müssten. Das gelobte Land ist eine Vision, die Gott uns gegeben hat, damit wir uns in der Realität an ihr orientieren können und über die Realität hinausschauen können und die Realität zu verbessern suchen. Ein Traum, den wir brauchen.

Die eigentliche Aufgabe ist die Wanderung durch die Wüste. Und dabei gilt es, sich die Freiheit, den Aufbruch und den Traum vom guten Leben zu bewahren oder sie wieder zu erringen. Es gilt, das Geschenk des Lebens zu sehen und zu empfinden, auch seine Gefährdungen wahrzunehmen – nicht nur bei sich selbst – und auf das wunderbare Mitgehen Gottes zu vertrauen.

Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.