Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt am Heiligen Abend

Pfarrer Thomas-Erik Junge

24.12.2005 in der Wiesbadener Marktkirche

Christmette

Christmette

Liebe Gemeinde,

Ein guter Bekannter von mir ist ein Liebhaber von Flohmärkten - wie viele Menschen, die gerne einmal über Flohmärkte gehen, um etwas auszugraben, etwas zu finden, aufzustöbern, was einen besonderen Wert hat. Wahre Schätze hat dieser Bekannte dort schon entdeckt, und das erzählt er auch jedem mit Stolz. Dabei weiß er die professionellen Händler sehr genau von jenen Verkäufern zu unterscheiden, die ihren Keller oder Dachboden ausräumen und dann wirklich manchmal wahre Raritäten zum Kauf anbieten.

Eines Tages kam dieser Bekannte zu mir und zeigte mir einen Kerzenleuchter: Einen schönen, großen Kerzenleuchter. Von der Form her gefiel er mir ausgesprochen gut, aber: - die Oberfläche war geradezu schäbig. Sie war mit einer billigen Silberfarbe überzogen, mehrfach offensichtlich, und diese Farbe war schmutzig geworden, war an einigen Stellen abgeplatzt, abgegangen, so dass ein hässlicher Untergrund mit dunklen Flecken zum Vorschein kam.

„Was meist Du dazu?“, sagte mein Bekannter, und zeigte mir den Leuchter. Ich wollte ihn nicht kränken - ich war etwas entsetzt, dass er dieses hässliche Ding - zumindest in seiner Oberfläche hässlich - da ausgegraben hatte, und ich sagte: „Naja, aber ich denke, er ist von der Form ganz schön, aber Du musst ihn mit neuer Farbe versehen, damit er wenigstens einigermaßen gut und gleichmäßig aussieht.“ „Irrtum“, sagte mein Bekannter. „Man muss ihn nicht mit einer neuen Farbschicht überziehen, man muss die alten Schichten, die Bemalungen, runterkriegen! Dann kommt glänzendes Messing zum Vorschein.“

Ehrlich gesagt, ich war nicht überzeugt davon, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass irgendjemand irgendwann einen glänzenden Messingleuchter mit billiger Silberfarbe übermalt hätte, und danach wieder irgendwer irgendwann diese Silberfarbe noch mal übermalt hätte .. und so weiter.

Ich habe das meinem Bekannten gesagt, und er entgegnete mir: „Wieso meinst Du das? Du hast doch selbst eben vorgeschlagen, eine neue Farbschicht aufzutragen!“ Denn tatsächlich hatte es ja in der Geschichte dieses Leuchters Leute gegeben, die ihn erst einmal haben unansehnlich werden lassen, und die ihn dann mit billiger Farbe übermalt haben, seine eigentlich strahlende Gestalt mit billiger Farbe übermalt haben.

Mein Bekannter hatte recht, wie immer in diesen Fragen. Einige Zeit später zeigte er mir den Leuchter: Ich habe ihn nicht wiedererkannt! Der Leuchter erstrahlte im Goldglanz polierten Messings.

Wahrscheinlich können Sie sich vorstellen, liebe Gemeinde, warum ich Ihnen das erzähle, warum mir diese Geschichte zum Thema ‚Weihnachten‘ in den Sinn kommt. Ist es mit Weihnachten nicht ganz ähnlich? Dass der leuchtende Ursprung irgendwann vernachlässigt wurde, um dann immer und immer wieder mit billigem Glanz überzogen zu werden - bis hinein in die heutige Zeit, wo Weihnachten oft mit Weihnachtsgeschäft und Weihnachtsrummel gleichgesetzt wird?

Diejenigen, die mich ein wenig kennen, wissen ja - und ich habe es eingangs erwähnt - , dass ich in Kassel als Bürgermeister arbeite und in diesem Jahr große Schwierigkeiten hatte, mit durchzusetzen, dass der 1. Advent nicht verkaufsoffener Sonntag wurde. Es gab einen ganz, ganz großen Druck auch in der Stadt. In Wiesbaden, habe ich mir sagen lassen (ich habe dann ja recherchiert!), war der 1. Advent auch kein Geschäftssonntag. Muss das immer sein, dass man die Sonntage sozusagen zum Rummel, zum Jahrmarkt macht?

Viele Händler haben mir gesagt, sie würden ein furchtbares Ergebnis zeitigen! Und ich bin dann rumgegangen zu vielen, vielen anderen Händlern in der Innenstadt - 20 Leute habe ich besucht - und die haben mir dann etwas ganz anderes erzählt! Die haben mir gesagt: Wir müssen nur, weil die anderen .. ! Und eigentlich würden wir auch mal gerne mit unserer Familie zusammensein, nicht alles zum Geschäft machen! Keine Weihnachtsmärkte vor Totensonntag öffnen, und keine Adventssonntage zu Geschäftssonntagen machen.

Und es gibt auch andere Beispiele der Übermalungen! Wo Weihnachten so mit Flitterglanz kitschig bestreut wurde, dass man manchmal meinen könnte, das echte Weihnachten, das erste Weihnachten habe in einer verschneiten Tiroler Berglandschaft stattgefunden - und dann womöglich noch mit barockem Outfit.

Dabei möchte ich gar nichts dagegen sagen, dass Menschen überall auf der Welt Weihnachten und die Weihnachtsbotschaft sich so zu eigen gemacht haben, dass sie es in ihre Tradition, in ihre Landschaft, in ihre Zeit hineingewoben haben. Dass sie das Fest und ihr Leben zusammengebracht haben. Aber wenn ein solches Versetzen eines Tages den Ursprung nicht mehr erkennen lässt, dann wird es bedenklich. Denn Weihnachten lebt selbstverständlich nicht von den Übermalungen - Weihnachten lebt von seinem leuchtenden Ursprung, lebt von der Geburt Jesu Christi.

Wir müssen keinen neuen Glanz erfinden! Wir müssen uns nicht mit billigen Übermalungen begnügen, sondern wir müssen nur zurück zum Kern, zum Ursprung, zu einer biblischen Geschichte, die von der Geburt eines Menschen erzählt: etwas ganz Existenzielles: Der Geburt eines Kindes, Jesus, der später ein so lebensfreundlicher, Gott und Mensch auf eine so heilsame Weise zusammenbringender Mann wurde, dass seine Anhänger irgendwie gespürt haben: in ihm ist die Gegenwart Gottes zu erfahren.

Es ist ja nicht ein dogmatisches Geschehen gewesen, dass die Menschen dann fest-gelegt haben in kirchlichen Regeln, Riten und Dogmen: Dies ist Gottes Sohn!, - sondern er ist ja Menschen begegnet, die diese Erfahrung gemacht haben! Manche haben gezweifelt, bis zum letzten , - aber irgendwo hat jeder gespürt: In diesem Menschen begegnet uns etwas ganz Besonderes, etwas, das uns von innen her plötzlich frei macht!

Sie kennen ja die Geschichte: dass zu Jesus mal ein Kranker gebracht wurde, und bevor er ihn heilte, was all die anderen erwartet haben, hat er ihm seine Sünden vergeben. Das heißt, er hat ihn sozusagen seelisch, psychisch frei gemacht. Und das hat die Leute geärgert: ‚Was ist das für einer, der meint, anderen die Sünden vergeben zu können?‘ Und damit sie nicht weiter fragten, kam der zweite Schritt: Auf diese Heilung der Seele die Heilung des Leibes. Man kann das ganz modern verstehen: sich ganz und gar dem Menschen zu nähern, seine Probleme zu erkennen, zu erkennen, was ihn belastet, - und dann auf ihn zuzugehen, - ihn frei zu machen davon - und ihn damit auch körperlich genesen zu lassen, denn wir wissen ja, dass Seele und Geist oft das Körperliche beeinflussen und auch umgekehrt.

Gott, sagt uns die Weihnachtsgeschichte, Gott ist nicht irgendein gigantisches theologisches Programm, sondern Gott lässt sich immer erkennen und erfahren. Ich habe das früher bei Taufen sehr oft deutlich gemacht, wo es ja auch um das Kind geht.

Gott ist auf dreierlei Weise zu erfahren: einmal in der Schöpfung: Das es nicht nur ein Ding ist, das es nicht nur ein Knall ist, sondern das in der Schöpfung von ihren Urzeiten her, in der Evolution, durch die ganze Entwicklung so etwas wie eine göttliche Intelligenz, ein göttlicher Plan zu erkennen ist. Und, liebe Gemeinde, auch dazu habe ich mich immer bekannt - dass die Schönheit der Schöpfung nicht nur irgendwelche Signalwirkung oder ähnliches haben soll, sondern dass ich fest daran glaube, so wie wir das ja auch erfahren und empfinden, dass es so etwas wie Schönheit und Ästhetik gibt, weil es einen göttlichen Geist gibt, der uns auch auffordert, über das Funktionale hinaus das Schöne, das Erfreuliche, das Lustmachende zu sehen, - wahrzunehmen.

Gott, sagt uns die Weihnachtsgeschichte, ist da zu erkennen, wo ein einziges Kind, - das Leben! - auf die Welt kommt. Ein Leben, das außer seinen Eltern und seiner nackten Existenz nicht anderes hat - das sagt die Weihnachtsgeschichte! - , und nichts von dem hat, was sonst normalerweise in dieser Welt für unerhört wichtig erachtet wird. Und man muss sich das immer wieder in Erinnerung rufen, wir wissen das ja, manchmal mit dieser Rührseligkeit: das arme Kind, und nackt und bloß und arme Eltern - und das ganze wird dann zu einer sozialen Attitüde herunterpoliert.

Nein: es geht natürlich um etwas ganz Existenzielles! Es geht wirklich um die Unterscheidung zwischen dem, was man aus seinem Leben macht und was andere daraus machen wollen und meinen, machen zu müssen, und das, was das Leben von sich aus ist: Schöpfung, von Gott her.

Und Gott ist auf eine zweite Weise zu erfahren - eben in dem Menschen. Die soziale, die begegnende Dimension: Gott redet - Gott begegnet uns in Jesus Christus, im Gebot der Nächstenliebe: Gott zu lieben - also nicht nur philosophisch zu betrachten oder ihn sklavisch und hündisch anzubeten, sondern ihn zu lieben, ihm ganz nahe zu sein, das Göttliche in sich selbst nahe zu wissen: Das sagt uns Jesus Christus, und er führt uns sozusagen auf diese ‚Begegnungsdimension’.

Und die dritte Dimension: das ist der Heilige Geist. Das heißt natürlich Gott auch intellektuell und auch emotional und spirituell erfahren zu können. Das meint die Dreieinigkeit.

Es geht gar nicht so sehr um ein Dogma, es geht um diese drei verschiedenen Zugänge: Gott in der Schöpfung erkennen, in sich selbst, ihn elterlich zu erleben, wie es im Glaubensbekenntnis oder im Vaterunser heißt: Vater! Ihn von Angesicht zu Angesicht, von Mensch zu Mensch zu erleben, in der sozialen, der gesellschaftlichen Dimension, und ihn natürlich auch als Geistwesen spirituell, meditativ genauso wie intellektuell erfahren und erleben zu können.

Gott, sagt die Weihnachtsgeschichte, gibt sich uns als Mensch zu erkennen. Es ist ein Gleichnis, das auch die Weihnachtsgeschichte von den Hirten spricht. Wiederum nicht so mit einer spielerischen oder romantischen Attitüde, sondern das es jetzt Hirten sind, die das Göttliche erkennen und erfahren. Ihnen begegnen die Engel, das heißt: Sie sind Menschen, die von ihrer Ursprünglichkeit her offensichtlich nicht so verfälscht sind, nicht so verdorben sind, nicht so verrannt sind, dass sie nicht plötzlich in einer ganz besonderen Stunde ihres Lebens - wie viele Menschen das ja auch können - in einer ganz besonderen Stunde ihres Lebens die himmlische Dimension als geöffnet erleben. Sie sind nicht auf die Engel gestoßen, weil sie die Engel wie verrannt gesucht hätten, sondern weil sie in der Lage waren, immer wieder zu warten und zu erwarten, dass einmal so etwas geschieht - wie die Begegnung mit dem Göttlichen, dem Hinweis.

Ein wenig kennen wir das ja auch: dass man, wenn man einmal ganz entspannt, ganz ruhig durch die Natur geht, plötzlich so etwas wie eine Botschaft spürt: Dass man plötzlich so etwas erfährt wie die Schöpfermacht, die Schöpferkraft. Oder in einer Nacht nach draußen geht und in das Universum schaut - und sich auf der einen Seite der Bedeutungslosigkeit, der Winzigkeit der eigenen Existenz bewusst wird, und auf der anderen Seite darüber erstaunt ist, dass man das alles denken, fassen und fühlen kann. Das meine Augen, mein Gehirn das Universum erahnen können! Und plötzlich ist diese Botschaft da: Du Mensch hast etwas in Dir, das die Engel erfahren und sehen kann. Und das natürlich nicht nur im Blick auf den Himmel oder die Natur, die Schöpfung, sondern auch im Blick auf andere Menschen! Jemand sagte einmal zu mir: ‚Ich habe immer wider den Wunsch gehabt, wenn mir doch einmal etwas Wunderbares, Schönes begegnen würde! Wenn mir doch mal dieser Engel begegnete! - und vor lauter Suchen und Wollen habe ich beinahe übersehen, dass er mir dann und wann begegnet ist - in anderen Menschen, in Worten, in Gesten, in Berührungen!’

Ob nun die Engel in der Weihnachtsgeschichte des Lukas oder die Könige, die Weisen aus dem Morgenland in der Geschichte des Matthäus: Sie sind nicht glänzendes, barockes Engagement um die armselige Krippe, um die aufzupolieren, sondern sie stehen im Gegensatz dazu. Das Glanzvolle soll nicht Politur sein, sondern das Glanzvolle verneigt sich vor dem Einfachen, dem Existenziellen, dem wirklich Bedeutenden. Die Könige, die Weisen aus dem Morgenland, treten weit zurück hinter dem eigentlichen Geschehen: der Geburt des Kindes, das - ich wiederhole es - außer seinen Eltern und seinem buchstäblich nackten Leben nichts auf der Welt sein eigen nennen kann.

Für viele Menschen ist die Geburt eines göttlichen Kindes oder Gottes als Mensch und dann noch im Stall so unverständlich oder sogar ärgerlich wie der Tod dieses Menschen am Kreuz. ‚Es kann nicht sein, dass das Göttliche in einem stinkenden Tier-Fressnapf liegt und es kann nicht sein, dass das Göttliche an ein Kreuz geschlagen wird!’, sagen sie. Und sie sind ärgerlich, weil das Göttliche, wenn sie überhaupt an so etwas glauben, allenfalls so etwas wie eine Überhöhung ihrer eigenen Wunschvorstellung ist. Macht, Reichtum irdischer Glanz, wie das ja übrigens auch in den Übermalungen der Dogmen, in den Übermalungen der Kunst des Christentums und der Kirche immer wieder zum Ausdruck kommt. Dieser Christus wie ein römischer Kaiser, das ganze kirchliche Ritual wie ein römisches Hofzeremoniell. Das heißt, die Menschen haben auch damals das Großartige des Göttlichen mit den Bildern und den Symbolen der damaligen Macht verglichen, weil das für sie das Höchste und Schönste ist, ohne dabei zu bedenken, dass man meinen könnte, Gott sei ein König - oder Gott sei ein Feldherr - oder Gott sei ein Kaiser - und Christus sei ein Pantokrater, der über der Erde thront und die Erde als Fußschemel benutzt.

Aber: Gott fängt nicht da an, wo Menschen nur noch mit Phantasien und Übersteigerungen ihrer selbst irgendwo meinen, in die Nähe des Göttlichen kommen zu können. Die Weihnachtsgeschichte widerlegt das! Das ist eben immer wieder ganz anders. Das ist nicht erfunden. Manches ist darum erzählt, in Geschichtenstoff gekleidet. Aber nicht erfunden! Nicht wir Menschen erfinden Gott. Nein, wir finden ihn nicht einmal, sondern: er begegnet uns. Wir erfinden auch nicht das Universum, auch wenn wir manchmal so tun, weil wir mit unseren Raketen ein bisschen höher kommen, wir erfinden auch nicht das Leben, auch wenn wir klonen können. Das heißt, wenn wir den Spuren der Biologie, der Genetik so weit gekommen sind, wir erfinden das nicht! Wir finden das alles nur, wie bauen es nach, und wir bauen es oft in einer grausamen Weise zum Umheil der Menschen nach.

Aber Gott begegnet uns. Wir finden nicht nur die Gene, sondern wir finden auch Gott: Die göttliche Intelligenz, die göttliche Liebe, die göttliche Kraft. Wir selbst gehören dazu, deswegen der Blick auf das neugeborene Kind in einem Stall - oder auch der Blick auf den Sterbenden am Kreuz. So lautet die Botschaft des Neuen Testamentes.

Und wenn wir uns dann die dunklen Flecken der Kirchengeschichte - und die gibt es ja in Hülle und Fülle, und viele Menschen verwechseln die Kirchengeschichte mit dem christlichen Glauben! Und in der Begegnung mit anderen Religionen schlagen sie die Augen nieder und sagen: ‚Mensch, wir Christen, wir haben so viel Unheil über die Welt gebracht in Kreuzzügen, Hexenverbrennungen und so weiter - wir Christen können ja gar nicht mehr auf andere Menschen richtig zugehen!’

Es geht hier nicht um das auf die Anderen-Menschen-Zugehen im Sinne von Stolz und im Sinne von Präsentation des Großen, sondern: mit offenen Armen - aber auch offenen Blicks! Auch mit offenen Worten und offenen Gesprächen! Lassen Sie es nie zu, die Übermalung der Geschichte für das Eigentliche und Wesentliche zu halten.

Jesus Christus ist der Ursprung! Und der hat keine Kriege geführt, der hat keine Waffen in die Hand genommen, der hat von Liebe, sogar von Feindesliebe gepredigt. Er ist kein Religionsstifter, der Völker in den Krieg geführt hat. Menschen haben in seinem Namen Völker in den Krieg geführt und menschliche Schuld auf sich geladen, aber nicht das Kind in der Krippe und nicht der Mann am Kreuz!

Und deswegen, wenn wir auf den Ursprung zurückgehen - und die Heilige Nacht möge uns dazu bringen! - , dann können wir sehr offen und sehr direkt auch auf andere Menschen zugehen. Wenn sie dann meinen, mit menschlichen Gesetzen und Vorstellungen, mit Hass und Fanatismus Gott verteidigen zu müssen! Das ist allenfalls der Teufel, der da verteidigt wird, wenn man Menschen in die Luft sprengt, wenn man Menschen niedermacht!

Lassen wir uns also nicht von den dunklen Flecken irritieren! Schauen wir auf das Wesen, schauen wir auf das Leben, auch auf unser eigenes von der Stunde der Geburt an bis hin zur Stunde des Todes. Und: Gott selbst ist immer bei uns! In der Krippe genauso wie in den bedrückendsten und lebensraubendsten Situationen, die man sich nur vorstellen kann. Das führt uns dazu, dass wir jedes Menschenleben achten sollen. Auch und gerade das des anderen, des Andersdenkenden, auch Feindes-liebe ist ja nicht Selbstverleugnung par excellence, sondern Feindesliebe heißt das Herausspringen aus diesen alten Klischees: Ich schieße und werde erschlagen! Ich schlage - und werde geschlagen. Eine neue Dimension: das Böse mit dem Guten überwinden - darum geht es! Das lehrt uns der Blick auf die Ursprünge, das lehrt uns der Blick auf Weihnachten, das lehrt uns der Blick auf das Kreuz - und das lehrt uns auch der Blick auf Ostern, wo das Kreuz in Gott und durch Gott überwunden wird. Jesus Christus ersteht von den Toten auf, so berichtet es die Bibel.

Und das gilt natürlich auch und gerade in der Wahrnehmung unseres eigenen Lebens, das auch wir uns nicht selbst übermalen und übermalen lassen, und plötzlich ganz weit weg sind von dem, was wir im Inneren wirklich sind. Und wissen Sie, das Schöne daran ist: wenn man sagt: wir können, wir dürfen, wir sollen - dann sollen wir uns auf diesen Weg begeben, auf den Gott uns bringt - führt: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln! Und selbst, wenn ich mich versteige, Gott geht mit mir: Das ist das Gleichnis vom guten Hirten, der die Schafe, seine Herde, nie und nimmer im Stich lässt und kein einziges Schaf im Stich lässt, auch wenn es sich verirrt.

Denn das ist das Wundschöne: wir müssen auch nicht perfekt sein. Wenn die Bibel von Erlösung spricht, so nicht deswegen, weil wir uns ewig schuldig und klein und krank fühlen müssen, sondern weil wir auch in unserer unperfekten Art geliebt werden! Und Erlösung heißt, dass Gott das Glas da voll schenkt, wo wir es nur halbvoll kriegen - und nicht halbleer. Er schüttet nicht das halbleere Glas aus und macht damit unsere Existenz gänzlich zunichte, sondern das, was wir in unserem Leben nur halb schaffen, füllt er ganz auf. Und deswegen sollen wir auch unsere Nächsten keineswegs an den Maßstäben der Perfektion messen: Du musst perfekt sein, Du musst immer korrekt sein, Du musst alle Gesetze halten ! Nein, so wie wir selber uns auch erlösen lassen können, einschenken lassen können: ‚Du schenktest uns voll ein, Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!’, heißt es im 23. Psalm. Du schenkest mir voll ein! Gott schenkt uns voll ein, und deswegen sollen auch wir nicht Menschen, die uns begegnen und als Menschen mit einem halbvollen Glas begegnen, denen das Glas noch ausschütten, sie zunichte machen. Sondern ihnen genauso begegnen, wie wir uns selbst begegnen: Gott füllt das auf. Gott verlangt keine Perfektion von uns, er ergänzt uns, er führt uns heraus: ‚Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich!’

Gott treibt uns nicht in die Überforderung und nicht in den Fanatismus. Er ist liebevoll und lebensfreundlich, er macht uns groß und nicht klein, er verheißt uns, auch wenn es eine schwer nachzuvollziehende - für viele schwer nachzuvollziehende Verheißung ist, Leben über den Tod hinaus. Seine Göttlichkeit ist ewig, ist ein Zuhause, eine Heimat. Darum weinen wir an Gräbern, aber wir müssen nicht verzweifeln. Nicht einmal über den Gräbern der sonst so sinnlos dahingemordeten und gestorbenen Menschen aus Kriegen und Verfolgungen. Kein Trost, aber doch eine Gewissheit: Keiner ist verloren bei Gott und in Gott.

So beginnt das christliche Sein im Stall von Bethlehem - und es mündet in Gott sogar über einen Tod hinaus. Denken wir also ruhig einmal in dieser heiligen Nacht auch und gerade in einer Zeit, in der religiös begründeter Wahn und Hass die Menschen verwirren, erschrecken und bedrohen und ihnen das Leben manchmal rauben, an das lebensfreundliche Wesen des Christentums von seinem Kern her, - nicht vom Kitsch her. Von Jesus Christus her, nicht von den Übermalungen von Dogmen und Kirchengeschichte her, die oft so dunkel waren. Sondern treten wir im inneren und im äußeren Leben, das heißt seelisch wie sozial und gesellschaftlich, auf den Weg des Glaubens, den das Neue Testament uns zeigt.
Mein Bekannter hatte in dem alten, übermalten Leuchter den strahlenden inneren Kern erkannt. Ein solcher Blick räumt uns die Chancen ein, die Botschaft der Weihnacht ohne jede Übermalung zu erkennen und uns von seinem Leuchten führen zu lassen.

Amen.