Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt anlässlich der Taufen der Konfirmanden Julian, Rasmus, Ken und Jannis

Pastor Christian Butt

18.12.2005 in Hamburg Volksdorf - St. Gabriel

Predigt zur Konfirmandentaufe

Liebe Täuflinge,
liebe Gemeinde,

vor einigen Tagen hätte ich fast einen Auffahrunfall verursacht. So abgelenkt war ich. So fasziniert.
Denn beim Fahren sah ich ein riesengroßes Plakat auf dem in großen Buchstaben stand: „Du bist Deutschland!“ - Keine Frage, mit „Du“ war ich gemeint. Und voller Erstaunen und Erschrecken fragte ich mich, was dieses Plakat mir eigentlich sagen wollte? Schnell aber habe ich mich wieder auf die Straße konzentriert.
Seitdem habe ich das Plakat, bzw. die Anzeigen, viel öfter gesehen, in allen Variationen. „Du bist Deutschland! Du bist Albert Einstein“ usw. usf. Immer neu. Immer anders. So wird für Deutschland geworben. Und gleichzeitig unterstützen die politisch Engagierten diese Richtung. „Wir können stolz auf unser Land sein“ so sagte es vor wenigen Tagen Innenminister Schäuble.
„Du bist Deutschland!“  

II 

Nun, als ich an Euch Täuflinge heute dachte, da überlegte ich mir, wie kommen solche Sätze an? Bei Euch jungen Deutschen? Was könnt Ihr damit anfangen? Könnt Ihr damit etwas anfangen?
Ich habe Euch nicht gefragt.
Sicher bei Sätzen wie: „Du bist Albert Einstein“ Da zuckt Ihr angesichts Eurer Mathe- oder Physiknoten zusammen. Und auch bei einem Satz wie: „Du bist Greta Garbo“, da fällt die Identifikation Euch wohl eher schwer.
Was diese Kampagne aber will ist, deutlich zu machen, welche bedeutenden Menschen und Persönlichkeiten Deutschland hervorgebracht hat. Darüber ins Nachdenken geraten, habe ich mich gefragt, wen Ihr wohl als Vorbilder oder Orientierungspunkte habt. Eins ist klar. Es ist wohl keiner der Damen und Herren auf den Plakaten. Sind es aber Musiker? Sportler? Familienmitglieder oder ältere Mitschüler? Oder ein Mix aus Eigenschaften verschiedenster Menschen? So eher angestrengt die Kampagne bemüht ist, uns unterschiedlichste Persönlichkeiten als große Deutsche aufzubauen, so ist unsere Zeit genauso krampfhaft darum bemüht, uns bestimmte Menschen als „Mega-Idole“ zu verkaufen. Wie gesagt: „Zu verkaufen“ - es geht allein um Kommerz. Ob Robbie Williams, David Beckham oder Heidi Klum. Es geht um das Verkaufen, Hauptsache die Kohle stimmt.
Und da bleibt die Frage nach dem Vorbild, der Persönlichkeit, der Orientierung. In unserer Zeit scheint es sehr schwer, Persönlichkeiten mit Charakter und Ausstrahlung zu finden, die Orientierung bieten. Es ist so schwierig, dass eben Kampagnen bemüht werden, Orientierung und Nationalgefühl zu vermitteln. Und Ihr? Woran orientiert Ihre Euch?  

III 

Natürlich liegt die Frage bei Eurer Taufe nahe: Ist Jesus Christus eigentlich heute für Euch eine Orientierung? Er, der ohne Kampagnen auskam. Der ohne Medienberater, PR-Truppe, Pressesprecher und weltweit kooperierender Logistik doch so tiefgreifend unsere Welt veränderte, dass wir ihn heute noch immer in unser Leben hinein nehmen, einziehen lassen - seine Ankunft erwarten, wie es im Advent jetzt heißt. Ist also dieser Jesus Orientierung? Mit Eurer Taufe bejaht Ihr dies. „Ja, ich will getauft werden“ - so habt Ihr gesagt. Ja, ich bin Christ, ich will auf meinem Weg Jesus folgen, so lautet Eure Antwort. Doch was heißt das? Wie macht man das? Ich will mich mit Euren Taufsprüchen auf eine Antwortsuche begeben.

Julian, Dein Taufspruch lautet: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ (Ps. 119,105) Mit dem von Dir ausgesuchten Taufspruch sagst Du: Die Sache von Jesus ist keine alte Sache, die sich vor 2000 Jahren in einem für uns seltsam entlegenen Winkel der Erde abgespielt hat. Sondern Gott ist hier und heute. Er ist in, mit und durch sein Wort bei uns. Dabei ist Gottes Wort vielfältig und komplex. Natürlich ist es die Bibel, die Gebete und die Worte der Tradition. Aber Gottes Wort ist auch da, wo jemand von Jesus Zeugnis gibt. In Jesu Namen aufsteht und gegen Unrecht eintritt oder in seinem Namen handelt, auf tausend verschiedenen Arten und Weisen. Ich denke durch den Film über Dietrich Bonhoeffer, den wir im Konfirmandenunterricht vorletzte Woche gesehen haben, ist deutlich geworden, dass Bonhoeffer einer war, der klar und eindeutig Gottes Wort gelebt hat. Er kannte seinen Weg und hatte wirklich Licht für seinen Weg gefunden, den er zu gehen hatte. Sicher. Ein besonderer Mann, der in dunkelster Zeit wusste, dass der Weg, den die Masse ging, ein Weg des Verderbens war.
Gottes Wort heute zu suchen und zu verstehen bedeutet, sich immer neu darauf einzulassen und zu fragen: Was hätte Jesus getan? Was ist Gottes Wille? Dein Taufspruch, Julian, sagt Dir zu: Gott gibt Antwort und Licht.  

IV 

Rasmus, Dein von Dir ausgesuchtes Wort lautet: „Der Herr wird dich behüten vor allem Unheil, er wird deine Seele behüten.“ (Ps. 121,7) Und in die gleiche Richtung, aber noch poetischer ausgedrückt sagt Dein Taufspruch, Ken: „Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel: „ (Ps. 17,8)
Das heißt doch wohl: Unter Gottes Flügel, unter seinem Wort, finden wir Schutz und Geborgenheit, Ruhe für unsere Seele. Denn Gott sagt nicht zu uns: „Du bist Deutschland“. Er sagt auch zum Glück nicht, Du bist Greta Garbo, Konrad Adenauer oder Franz Beckenbauer. Nein, Gott sagt:
Du bist Rasmus, Ken, Julian und Jannis.
Er behütet Euch wie einen Augapfel im Auge, d.h. Ihr seid Gott unendlich viel wert. Ihr seid einzigartig. Einzigartig auf dieser Welt. Von Gott gewollt. Kein Spielball der Natur. Und auch keine Laune des Moments. Ihr seid zutiefst gewollt, bejaht. Das sagt die Taufe Euch heute. Sie ist vollkommener Ausdruck dessen.
Gott hat Euch Talente und Gaben, Fähigkeiten geschenkt, die Ihr schon entdeckt habt und die Ihr weiterentwickeln könnt. Er sagt Euch zu, immer neu auf diesem Weg des Entdeckens und Ausprobierens, Suchens und Wählens bei Euch zu sein.
Das ist ein spannender und aufregender Weg. Gott - und das muss deutlich sein - sagt nicht zu, dass sich keine Stolpersteine mehr auf Eurem Weg befinden. Er sagt auch nicht, dass sich alles glatt in Eurem Leben entwickelt. Dass sich neben dem Abitur, bereits der Hochschulabschluss und die Karriere schon in Eurer Tasche befinden, nebst reizender Gattin, Auto und Traumhaus. Das kommt nur bei Rosamunde Pilcher oder in der Jakobs Kaffee Reklame vor. Nein. Das ist nicht alles bereits in der Tasche. Ihr habt Gaben, Talente und Fähigkeiten. Und Gott hat Euch dazu noch allen ein ziemlich helles Köpfchen gegeben. Dies gilt es alles auszuprobieren.
Und Gott sagt „Ja“ dazu. „Ja“ zu Euch und Eurem Weg. Er wird Euch dabei begleiten.  

So sagt Jannis Taufspruch nun „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ (1. Petr. 5,7) Dieser Spruch ist wie ein gutes Schlusswort. Und wie eine abschließende Antwort auf die Frage: Kann Jesus Orientierung sein? Auch heute? Ja, das kann er. Aber nicht umsonst ist in der Bibel häufig von einem Weg die Rede. Nun, nach jeder großen Katastrophe, sowohl im Privatleben, als auch weltweit wird gefragt: Wo war Gott? Wie konnte Gott das zulassen? Und möglichst soll man dann in 25 sec Tagesschau gerechten Häppchen eine Antwort geben. Und auf jede andere Frage auch. Das ist unmöglich. So unmöglich, wie man eben die großen Fragen des Lebens nicht in einem Satz beantworten kann und immer neu nach Antworten suchen und fragen muss.
So ist es eben auch mit Gott. Es nützt wenig. Erstaunlich wenig. Wenn man nur dann Gott aus seiner Tasche zieht, wenn es mal wieder im Gebälk des Lebens kracht, wenn man wieder mal nicht klar kommt oder auch einen Schuldigen für die Miseren seines Lebens braucht. Nein. Dann wird man wohl Gott verfehlen. Nur in den dunklen Tälern des Lebens Gott als Taschenlampe zu gebrauchen greift zu kurz.
Aber Jannis, Dein Wort sagt: Alle unseren Sorgen und Lasten dürfen wir auf Gott werfen und er trägt uns - und wie. Aber wohl nur dann, wenn wir uns immer neu und immer wieder auf ihn einlassen. Auch in den guten Tagen des Lebens, wenn wir Erfolg haben und uns auf der Sonnenseite des Lebens fühlen. Dann, wenn wir verstehen, dass unsere Gesundheit und Vitalität eben ein Geschenk ist, eine Gnade. Unsere Ehe, Freundschaft, Familie , Liebe, unser freundliches Gemüt und die innere Helligkeit..... Ja wenn wir immer wieder merken, wie gut es Gott mit uns meint. Dann merken wir auch, dass wir auch das Dunkle und Schwere bei ihm abladen dürfen. 

VI 

„Du bist Deutschland! - Mag sein.
Aber vielmehr ist jeder von Euch:
Einer, auf dessen Weg Gott leuchtet.
Einer, dessen Seele Gott behütet
und auch ein Augapfel Gottes
für den er sorgt.

Amen.