Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt anlässlich des 100jährigen Geburtstags des Hamburger Flughafens

Pastor Björn Kranefuß (ev.-luth.)

25.09.2011

Liebe Gemeinde,

unbestätigten Meldungen zufolge soll sich im Himmel gestern folgendes zugetragen haben: Jesus, sitzend zur Rechten Gottes, sagte zu seinem Vater: „Vater, der Hamburger Flughafen feiert Geburtstag. Und du weißt ja, Flughäfen haben mich schon immer interessiert. Himmelfahrt ist ja auch mein Thema. Ich möchte mir das mal näher ansehen. Kann ich einen Tag frei machen? Ich weiß, es gibt gerade wahnsinnig viel zu tun, aber ich würde zu gerne...“

„Geh nur“, sagte der gütige Vater im Himmel, „einen Tag frei hast Du Dir wirklich verdient.“

Lektor:

Mit Betreten der riesigen Abflughalle bot sich die für Ver­kehrsknotenpunkte der modernen Welt so charakteristische Gelegenheit, andere Passanten diskret beobachten zu kön­nen, sich in einem Meer der Andersartigkeit zu verlieren und der Phantasie angesichts dieses grenzenlosen Reservoirs frag­mentarischer, Aug und Ohr erfreuender Geschichten freien Lauf zu lassen. Die mächtige Stahlkonstruktion, auf der das Dach des Flughafengebäudes ruhte, erinnerte an die Streben der großen Bahnhöfe des neunzehnten Jahrhunderts — wie etwa auf Monets Bild Gare Saint-Lazare zu sehen —, und weckte jenes Gefühl des Staunens, das schon die ersten Men­schenmengen erlebt haben mussten, die diese lichtdurchflu­teten, eisenträgerfiligranen, von Fremden wimmelnden Hal­len betraten, Gebäude, die dem Betrachter intuitiv und nicht bloß intellektuell eine Ahnung von Größe und Vielfalt des Menschenmöglichen vermittelten.

Jesus begibt sich, natürlich unerkannt, ins Terminal 1 des Hamburger Flughafens, blickt in die große Halle und ist doch überrascht: “Das könnte auch ein Tempel sein, dieses Gebäude.“ Tatsächlich erinnert ihn das Terminal in seiner Größe und seinem Aufbau an den Tempel in Jerusalem, in dem er in der Zeit seines irdischen Wirkens immer wieder gewesen war. Obwohl natürlich allwissend, fragt er sich hier im Terminal unwillkürlich: „Zu wessen Ehre ist denn dieses Gebäude? Zu wem wird denn hier gebetet?“

Jesus stellt sich an das Ende einer langen Reihe von Menschen vor einem der Check-In Schalter in Reihe 4. Vor ihm in der Schlange steht David mit seiner Familie. David, 38 Jahre alt, ist ein Transportmakler und will mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, Ben und Millie, drei und fünf Jahre alt, Urlaub in der Nähe von Athen machen. Da der Schalter noch nicht geöffnet hat, kommt man ins Gespräch. Während seine beiden Kinder im Terminal herumlaufen und seine Frau noch letzte Urlaubslektüre kauft, fängt David an zu erzählen. Er freut sich sehr auf den Urlaub, hatte sich immer wieder in den letzten Wochen die schöne Ferienanlage ausgemalt, hat sich vorgestellt, wie es sein würde, mit den Kindern unter den Palmen im Garten zu spielen und mit seiner Frau auf der Terrasse gegrillten Fisch zu essen.

Allerdings war die Stimmung in der Familie zu dem Zeitpunkt, da Jesus sich hinter David in die Schlange einreihte, gerade ziemlich angespannt. Gestern Abend noch hatte es einen Streit gegeben. Im Kern ging es um Davids Arbeit und die damit verbundene Reisetätigkeit: Seine Frau hatte ihm vorgeworfen, er kümmere sich zu wenig um die Kinder. David hatte seine Frau undankbar genannt, da sie offenbar nicht begreife, dass es zwischen seiner beruflichen Abwesenheit und ihrem Wohlstand einen gewissen Zusammenhang gebe.

Lektor:

Die angespannte Atmosphäre, die sich jetzt in Davids Familie bemerkbar machte, rief mahnend jene rigide, gnadenlose Logik in Erinnerung, der menschliche Stimmungen nun einmal unterliegen und die wir auf eigene Gefahr ignorieren, wenn wir ein Bild von einem schönen Haus in einem fremden Land sehen und glauben, mit solchem Komfort müsse unweigerlich auch ein wenig Glück einhergehen. Unsere Fähigkeit, ästhetischem oder materiellem Luxus ein wenig Annehmlichkeit abgewinnen zu können, beruht offenbar in kritischer Weise darauf, dass wir in der Lage sind, erst einmal wichtigere emotionale wie psychologische Bedürfnisse zu befriedigen, zu denen Verständnis, Mitgefühl und Respekt gehören. Wir können uns einfach nicht über Palmen und azurblaue Schwimmbecken freuen, wenn sich überraschend herausstellt, dass in einer uns wichtigen Beziehung Verständnislosigkeit und Abneigung dominieren.

Wie rasch werden durch einen häuslichen Streit doch all die Errungenschaften der technologischen Zivilisationen bedeutungslos. Wer hätte, als wir zu Beginn der Menschheitsgeschichte uns damit abplagten, ein Feuer anzuzünden oder aus umgestürzten Bäumen ein Kanu zu bauen, vorherzusagen gewagt, dass wir irgendwann zwar Menschen auf den Mond und Flugmaschinen nach Australien schicken können, aber immer noch Mühe haben werden, uns selbst zu erdulden, unseren Lieben zu vergeben und uns für unsere gelegentliche Übellaunigkeit zu entschuldigen?

Die Schlange vor der Sicherheitskontrolle war so beeindru­ckend wie immer. Mehrere hundert Leute hatten sich, wenn auch in unterschiedlichem Maße, mit dem Gedanken ab­gefunden, in den nächsten zwanzig Minuten ihres Lebens nichts anderes zu tun zu haben als zu warten. Auch Jesus wartete. Verwundert sah er, wie vor ihm Menschen anfingen, Gürtel zu öffnen und Schuhe auszuziehen und von Männern und Frauen in Uniform abgetastet wurden. Diese Vorstellung war ihm sehr unangenehm. Eigentlich wollte er schon wieder umkehren, aber dann siegte doch seine Neugier. Zumal er sah, dass die Menschen hinter der Bordkartenkontrolle alle so erleichtert wirkten. Vor allem die, die es ohne Piepen und Abtasten durch das Tor geschafft hatten. Sie wirkten so, als wären sie gerade nach der Beichte aus der Kirche gekommen – für den Augenblick erlöst und frei von der Last der Sünden. „Ein seltsames Tor-zum-Himmel-Ritual ist das“, dachte er. Und wieder musste er an den Jerusalemer Tempel denken, wo die Menschen sich auch reinigen mussten, bevor sie in den heiligen Bereich des Tempels gelassen wurden. Er dachte bei sich: „Lieber ein Gebet mit Sündenvergebung als das hier.“

Leider verlieren wir Jesus kurz hinter der Bordkartenkontrolle aus den Augen. Er ist plötzlich im Menschengewimmel verschwunden. Wohl kaum im Duty-Free Shop, aber ich könnte mir vorstellen, dass er sich den A380 näher ansehen wollte. Aber sicher bin ich mir nicht, denn ich bin überzeugt, dass Jesus auch sehr umweltbewusst ist und immer auch die schädlichen Auswirkungen des Flugverkehrs mitbedenkt.

Abends war er jedenfalls zurück im Himmel.

„Und, wie war’s?“, fragte der gütige Vater.

„Sehr interessant“, sagte Jesus und setzte sich – ein wenig erschöpft - zur Rechten Gottes. „Ist schon grandios, was die Menschen so zustande kriegen. Der A380 ist ein dolles Gefährt. Da kann man schon staunen. Naja, die Menschen sind ja auch schließlich Dein Ebenbild, so hast Du, gütiger Vater, es ja gewollt.“

„Aber“, seufzte Jesus, „eins hat sich nicht geändert.“

„Was meinst du, mein Sohn“.

„Vater, die Menschen fliegen zum Himmel, erzielen einen technischen Fortschritt nach dem anderen, aber haben immer noch die gleiche Mühe wie vor 2000 Jahren, anderen zu vergeben und sich zu entschuldigen.“

Gottvater hatte sein Lieblingsbuch aufgeschlagen, sie werden lachen, die Bibel.

Da fiel Jesus noch etwas ein:

„Am besten hat mir, glaube ich, die Ankunft im Flughafen gefallen. Welch überschwängliche Freude dort herrscht. In der Ankunftshalle gab es Empfänge, die hätten Fürsten neidisch gemacht. Menschen ohne irgendwelche augenscheinlichen VIP Merkmale werden mit Wimpeln, Spruchbändern und Schokoladenkuchen und größtem Jubel empfangen.“

Lektor:

Und doch war die Gepäckausgabe nur ein Vorspiel auf dem Weg zum Ort der emotionalen Höhepunkte. Wie einsam oder einsiedlerisch man auch leben, wie pessimistisch man die menschliche Rasse auch sehen, wie sehr man auch nichts als Lohn und Verdienst im Sinn haben mochte, gab es am Ende wohl niemanden, der nicht darauf hoffte, in der Ankunftshalle begrüßt zu werden.

Selbst wenn unsere Lieben uns versicherten, dass sie bei der Arbeit sind, selbst wenn sie sagen, dass sie es uns nach­tragen, überhaupt verreist zu sein, selbst wenn sie uns letz­ten Juni verlassen haben oder vor zwölfeinhalb Jahren gestor­ben sind, ist es unwahrscheinlich, dass uns kein Schauder der Erwartung überläuft und wir nicht trotzdem damit rechnen, sie zu sehen, einfach, weil sie uns überraschen oder uns das Gefühl geben wollen, etwas Besonderes zu sein (ein Gefühl, wie man es uns entgegenbrachte, als wir noch klein waren, zumindest hin und wieder, denn sonst hätten wir nie die Kraft gehabt, es bis hierhin zu schaffen.)

„Na, da hast Du ja wirklich einen interessanten Tag verbracht“, sagte Gott-Vater. „Ich bin selbst ein wenig überrascht. Das der Flughafen tatsächlich so ein Spiegel ist, in dem die Menschen erkennen können, wie es um sie bestellt ist, hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Aber scheinbar könnten sie am Flughafen zweierlei über sich selbst erkennen: Zum einen, dass sie mein Ebenbild sind: Sie können so tolle Dinge bauen kann wie den A380 und werden bei der Ankunft begrüßt wie ein König. Und andererseits sind die Menschen verdächtig wie ein Verbrecher und Sünder, so dass sie aufs Schärfste durchleuchtet und kontrolliert werden müssen.

Jesus nickte und sagte:

“Wir werden definitiv noch gebraucht, Vater. Wie soll ein Mensch mit dieser Spannung leben, wenn er sich nicht immer wieder vergewissert, dass er vor allem eins ist: Dein geliebtes Kind.“

Amen.

(Die in der Predigt zitierten Texte stammen aus dem Buch „Airport“ von Alan de Botton).